Straßenfotografie: Ein Mann liegt auf einer Bank und sonnt sich.
13. Mai 2015 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Meine schöne Obsession

Vor einem Jahr begann ich, zu Fuß mit einer Kamera auf den Straßen von Mailand auf die Suche nach dem Unerwarteten zu gehen und bis jetzt habe ich noch nicht genug davon. Ich denke daran, wenn ich einschlafe und wenn ich aufwache… es ist meine schöne Obsession.

Ich habe mich bisher noch nie in der Situation befunden, in Worte fassen zu müssen, was ich mit meinen Bildern ausdrücken möchte. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich für diesen Artikel schreibe und schließlich beschlossen, mich von einem meiner Lieblingsfotografen inspirieren zu lassen:

Alex Webb, der einmal sagte, dass ein schönes Bild eines ist, das dich dorthin mitnimmt, wo du noch nie warst.

Das ist Fotografie für mich: Die Möglichkeit, etwas Besonderes zu finden, „das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen“, gemeint als Aus-dem-Rahmen-fallend. Darin habe ich meine Form der Kommunikation gefunden, mit der Kamera das Werkzeug.

Straßenfotografie: Ein Mann läuft eine Treppe herunter.

Ich bin seit jeher eine neugierige und beobachtende Person und ich denke, dieser Aspekt von mir spiegelt die Art wider, mit der ich Fotos mache. Bin ich draußen auf der Straße, ziehen mich diese kleinen Momente an, die manchmal, wenn nicht sogar selten, die Besonderheit und Einzigartigkeit des menschlichen Seins, bewusst oder unbewusst, offenbarn.

Dann sind es diese Szenen, in denen ich mich tagträumend fühle, in denen Realität sich nicht als solche anfühlt. Das Unbewusste, das über die Vernunft siegt, ist das Thema meiner Arbeit.

Surreale Kontexte, tragisch-komische Situationen, merkwürdige Gesten, ungewöhnliches Verhalten, bizarre Momente, Lichtspiele, Formen und Farben werden zur Quelle meiner Inspiration und zeigen die Ironie und Absurdität des Alltags.

Straßenfotografie: Ein Bauerarbeiter wird von einer Plane verdeckt.

Oft ist uns nicht bewusst, was um uns herum passiert, welche Verbindungen zwischen uns und unserer Umwelt bestehen, so gefangen sind wir in unseren Gedanken und Dingen. Manchmal, wenn wir einfach anhalten und Rast machen, könnten wir diese kleinen Momente erfassen, die eine Sekunde zuvor noch ungesehen und unbeobachtet waren, obwohl wir doch täglich die gleiche Straße zur Arbeit oder Uni nehmen.

Für mich ist es tatsächlich nicht notwendig, Abstand zu nehmen oder an exotische Plätze zu reisen, um etwas Interessantes zu finden: Oft ist man es selbst, der die Dinge um einen herum faszinierend und ungewöhnlich macht.

Was mich am meisten fasziniert, ist die Herausforderung, das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu finden. Das Unberechenbare und die Anforderung, dies alles in origineller Art und Weise darzustellen. Dabei sowohl Form als auch Inhalt zu berücksichtigen, das sind die Bestandteile, die Straßenfotografie als Genre so anspruchsvoll machen, vielleicht die kompliziertesten, aber eben auch stimulierend.

Straßenfotografie: ein Mann mit Streifengewand läuft eine Treppe herab.

Ausschau halten nach diesen seltenen Situationen, wenn Chaos zur Ordnung wird, wenn auch nur für den Augenblick, gibt meinem Leben etwas Abwechslung. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dies dem einen oder anderen gewöhnlich erscheinen mag, doch ist es wirklich das, was mich dazu drängt, stets eine Kamera mit mir zu tragen und was meine Leidenschaft nährt.

Noch ein wenig mehr über mich: Ich bin ein 26 Jahre alter Ingenieur aus Pescara, Italien und arbeite derzeit für eine Beratungsgesellschaft in Mailand. Fotografie hat mich schon immer fasziniert.

Wahrscheinlich, da Fotografie, anders als in anderen Kunstformen, bei der der Künstler mit einer weißen Leinwand beginnt, der Fotograf mit dem fertigen Produkt anfängt. Trotzdem habe ich erst vor einem Jahr begonnen, mich der Straßenfotografie zu widmen.

Wie viele andere begann ich in Anlehnung an die Größen der Vergangenheit mit der Schwarzweiß-Fotografie. Doch bald schon wurde mir klar, dass mir etwas fehlte: Farbe. Warum? Ganz einfach, weil die Welt bunt ist.

Eine neue Dimension hinzuzufügen, hat sicherlich eine größere Komplexität mit sich gebracht. Aber es lässt mich auch einem anderen Element entgegentreten und damit spielen.

Straßenfotografie: Eine Frau wird der Kopf von einem Gebüsch verdeckt.

Bin ich draußen, um zu fotografieren, ziehe ich es vor, diskret zu bleiben und versuche, unsichtbar zu sein. Ich will, dass meine Fotos aufrichtig sind und möchte nicht, dass die Leute mich bemerken und ihr Verhalten aufgrund meiner Präsenz verändern. Deshalb trete ich mit den Menschen auf der Straße nicht in Kontakt, sondern begrenze mich darauf, zu beobachten.

Straßenfotografie ist für mich ein einzelgängerischer Prozess, ein tatsächlich meditativer Moment. Manchmal gehe ich mit Freunden für eine Fotosession raus, doch für gewöhnlich gebe ich mein Bestes, wenn ich allein bin und mich völlig auf das konzentrieren kann, was um mich herum geschieht.

Ich bevorzuge es, nach etwas suchend umherzulaufen und dann an einer Stelle darauf zu warten, dass etwas passiert.

Eine Stewardesse hält sich ein paar Karten vor das Gesicht.

Letztlich habe ich gelernt, dass die besten Aufnahmen entstehen, wenn man es am wenigsten erwartet und gerade auch nicht bereit ist! Bezüglich der Art, der Komposition und all den Regeln, die wir kennen, mag ich meine Bilder sauber und einfach (in der Form, nicht im Inhalt), minimalistisch, ohne Unordnung und unruhige Hintergründe.

Was ich fotografiert habe, meine Motivation und das, was ich vermitteln will, muss auch beim Betrachter „ankommen“. Für mich muss Straßenfotografie sicherlich nicht perfekt sein, doch ein starker Inhalt in gut organisiertem Rahmen hilft sicher, Perfektion zu erreichen.

Da ich erst vor wenigen Monaten mit der Straßenfotografie begonnen habe, habe ich meinen Stil noch nicht gefunden. Noch ist kein persönliches fotografisches Bewusstsein in mir gereift und ich glaube, den Auslöser noch einige tausend Male drücken zu müssen, bevor ich mich selbst darin erkennen werde und es sich als meins anfühlt.

In letzter Zeit spüre ich die Notwendigkeit, tiefer an meine Bilder herangehen zu müssen, zu vermeiden, mich selbst auf ein einzelnes Foto zu begrenzen und eher zu versuchen, eine Geschichte zu erzählen. Ich betrachte mich selbst bislang nicht als Fotografen und muss noch viel lernen. Wie auch immer: Ich schere mich nicht um Etiketten, denn nach allem zählt doch nur das Motiv, das viel wichtiger ist als der Fotograf.

Straßenfotografie: Ein älterer Herr rasiert sich in der Stadt.

Ich bin einfach ein Kerl, der es liebt, mit seiner Kamera umher zu laufen. In meiner eigenen Stadt und auf denen auf der anderen Seite der Erde. Nicht mehr, nicht weniger. Und wenn mich jemand fragen sollte, weshalb ich fotografiere, dann würde ich einfach antworten, dass das Unerwartete die einzige Hoffnung ist. Ich sehe Euch auf der Straße.

Dieser Artikel wurde von Katja Kemnitz für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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5 Kommentare

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  1. Ich habe denn Text gelesen ;-)
    Der Autor hinterlässt einen sympathischen Eindruck, mir gefällt das er mit Leidenschaft dabei ist. Aber auf der anderen Seite ist er natürlich Stolz ( zu Recht) auf seine Bilder aber er versucht nicht wie andere seine Bilder als super tolle Kunst zu verkaufen…

  2. “Straßenfotografie ist für mich ein einzelgängerischer Prozess, ein tatsächlich meditativer Moment.” schreibt er. ja, Volle Zustimmung, ich kann auch keine guten Fotos machen, wenn ich nicht allein und 100%ig konzentriert bin.
    Das Bild mit dem Mann, der mit einer gestreiften Djellabah durch eine Streifenlandschaft geht, finde ich super.

  3. Eine wirklich intelligente Fotostrecke! Neben dem unvermeidlich komischen Eindruck, den die Serie hinterlässt, zeigt sie auch wie wichtig es sein kann nicht nur auf einen Schuss zu warten, sondern mit offenem Blick Momente zu kreieren.