07. März 2015 Lesezeit: ~3 Minuten

Nur ein Portrait

Vor sechs Jahren war es ziemlich undenkbar, dass ich einmal Menschen fotografieren würde. Ich fand Gespräche mit Menschen eher anstrengend, klammerte mich an meine Kamera und klebte mit jener am Asphalt, um nach Dingen Ausschau zu halten, die sonst keiner sah.

Ich fühlte mich damit auch ziemlich toll. Ja, geradezu einzigartig und seltsam. Genau die Prädikate, mit denen ich mich immer selbst gern umschrieb. Ich zeigte meine Bilder damals oft meinem Vater, der mit seiner Meinung aber nie lange hinterm Berg hielt. „Langweilig“, „kontrastlos“ und „nett“ waren die Worte, mit denen er meine Bilder beschrieb. Er tat das mit einem Lächeln, wie Väter eben so sind.

Aber genau das war es. Mein Leben war kontrastlos, langweilig und nett, jedenfalls das, was ich davon festhielt. Aber ich wollte begeistern, jemanden mitreißen und zu mehr als nur einem mitleidigen Lächeln bringen. Ich wollte korrespondieren, Kontakt mit der Welt aufnehmen. Nicht nur zuschauen und etwas dokumentieren, ich wollte ein Teil davon sein.

Ich bewunderte die Portraits der alten Meister. Ich muss die Namen hier nicht aufzählen, sucht Euch einfach einen aus, es wird schon der oder die Richtige sein. Aber wie schafft man ein Portrait, das etwas in Dir auslöst, was Du auch an den Betrachter überträgst?

Die Antwort hielt ich bald in den Händen. – Ich wollte eine Freundin fotografieren. Jemanden, der vorher noch nie vor der Kamera stand. Jemanden, der so unbefleckt war wie ich selbst.

Ein Mensch schaut nach rechts und das Licht ist wunderschön.

Wir waren beide aufgeregt. Da standen wir nun in meiner Einraum-Wohnung in Neukölln. Damals, als meine Freunde noch Angst hatten, mich zu besuchen, weil die Gangs vor der Haustür rumlungerten, als meine Straße noch nach Hundeköttel roch und nicht nach veganem Fastfood und als die einzigen Bärte an Männern die der Imame waren.

Meine Güte, das ist wirklich fünf Jahre her. Auf der Pergamin-Hülle mit den Negativstreifen steht: 16.1.2010 – Linda.

Ich verschoss zwei Schwarzweißfilme HP5 von Ilford, weil ich den damals so liebte. Wir brauchten zwei Stunden, in denen wir rumalberten, redeten oder dem Licht beim fahl werden zuschauten. Die Zeit verdichtete sich, Linda wurde greifbarer.

Obwohl ich sie kannte, erkannte ich etwas. Ich sah sie. Jedenfalls kann ich mich an diesen seltsamen Moment erinnern. Linda, die Schlaue, der Bücherwurm wurde gläsern. Irgendetwas fiel von ihr ab oder vielleicht war es eher ein Bild, das ich von ihr hatte. Es verschwand.

Heute halte ich dieses Bild in den Händen. Es ist unscharf, aber kontrastreich – es erfüllt mich immer wieder mit Wärme, wenn ich es betrachte. Damals ist etwas in mir zerbrochen, aber es ist nichts dabei kaputt gegangen, im Gegenteil. Ich fing an, auf die Menschen zuzugehen; ich hatte das Bedürfnis, sie zu sehen.

Heuet bin ich viel offener. Ich habe so viele Menschen über die Fotografie kennengelernt und so viele sind geblieben. Freundschaften haben sich gebildet, Kontakte sich ergeben und damit viel mehr Möglichkeiten als damals, als ich mit der Kamera den Asphalt untersuchte und mich nicht traute, aufzuschauen.

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14 Kommentare

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  1. Ich kann Rafael da nur zustimmen. Mich hat das Virus vor ziemlich genau drei Jahren gepackt, als mich ein Bekannter, den ich erst kurz zuvor kennen gelernt hatte (und der zufällig People-Fotograf war und ist), mit zu einem Shooting nahm. Und mich damit aus meinem Domizil der Landschafts- und Naturfotografie vertrieb.
    Ich kann die Worte in diesem Artikel sehr gut nachvollziehen. Es erfordert durchaus Mut, den ersten Schritt zu gehen. Aber es lohnt sich!

  2. Hallo Marit.
    Nachdem ich gerade deinen Beitrag gelesen habe, kann ich nur „Chapeau!“ sagen. Da habe ich mich in vielem wiedererkannt. Diese anfängliche Fixierung auf Dinge und Objekte. Menschen fand ich ja soooo langweilig; tatsächlich war da eine Hemmschwelle, auf einen anderen zuzugehen und ihn gleichzeitig ja auch an sich heran zu lassen. Ich habe sehr viel länger als du gebraucht, diese Hürde zu nehmen. Heute sind Portraits für mich die anspruchsvollste und befriedigendste Disziplin der Fotografie. Ich sehe in vielen Portraits viel mehr als die meisten Betrachter, die bei der Entstehung nicht dabei waren und die Interaktion zwischen Fotograf und Portraitiertem nicht erlebt haben. Du hast das Thema klasse auf den Punkt gebracht.

    • Hallo Frank,

      vielen Dank für deine Worte. Es tut gut zu wissen das es Anderen ganz genauso geht oder gegangen ist. Und du hast Recht, es hat auch etwas mit „jemanden an sich heranlassen“ zu tun.

  3. So hat das also angefangen. Sehr gut! Der Seitenhieb auf Berlin, Dein Viertel und das Hipstertum passt zwar nicht ganz dazu, der Artikel wäre auch ohne das ausgekommen. Dafür ist die Schilderung des Sich-Verlierens während man Menschen fotografiert und gleichzeitig mit Ihnen auch von der Fotografie unabhängig interagiert sehr treffend. Dem Jefühl kennick. Den Ilford habe ich auch heute noch gern und irgendwie kann ich nicht anders, als an die Mona-Lisa denken, wenn ich Linda auf diesem Bild sehe. Vielen Dank und liebe Grüße!

    • Hey Aaron,

      da hast du natürlich Recht. Der Seitenhieb war auch gar nicht böse gemeint. Aber er war für mich notwendig, um mich an diesen Moment wieder zu erinnern. Und dieses Neukölln damals, war eben „mein“ Neukölln. Dinge verändern sich und ich stell mich auch nicht dagegen.

      An Mona Lisa musst nicht nur du denken, ich sehe es auch immer wieder.

      Grüße zurück!

  4. Liest sich wirklich schön, danke. Und die 3 genannten Adjektive zur Selsbtbeschreibung sind sicherlich nicht die schlechtesten, auch wenn du das so im Nachhineinen wohl eher negativ siehst ;)

    Achja: Das Bild ist wirklich toll. Als ich nur das kleine Thumbnail, auf dem fast nur der Mund dargestellt ist, gesehen habe, dachte ich erst an eine fotografische Umsetzung der Mona Lisa.