Berliner Köpfe © Jacques Sehy
09. März 2015 Lesezeit: ~3 Minuten

Die Lichtzeichungen von Jacques H. Sehy

Die Kunstlandschaften befinden sich im stetigen Umbruch. Der in Hamburg lebende Fotograf Jacques Sehy hat innegehalten und in einer Portraitserie Menschen gewürdigt, die die Kunst- und Kulturlandschaften über die Berliner Grenzen hinaus entscheidend geprägt haben.

Der Fotograf Jacques H. Sehy , geboren 1945 und selbst von 1965 bis 1975 in Berlin lebend, portraitierte im Zeitraum der drei Jahren 2012 bis 2014 bedeutsame Protoganisten der Berliner Kulturszene. Es sind jedoch nicht die Künstler, denen er seine Arbeit widmet, denn Sehy setzt den Strippenziehern, den Organisatoren, den Vordenkern und Visionären im Hintergrund ein Denkmal. Damit betont er, dass ein kulturelles Leben ohne Menschen, die planen, organisieren und ausführen, nicht stattfindet.

Monika Grütters (Bundeskulturstaatsministerin), Dieter Kosslick (Berlinale-Organisator), Anette Humpe (Sängerin, Komponistin, Produzentin), Jim Rakete (Fotograf und Fotojournalist), David Chipperfield (Architekt), Stephan Erfurt (C/O Berlin), Ulrich Khuon (Dramaturg und Intendant), Thomas Ostermeier (Regie, Künstlerischer Leiter der Schaubühne Berlin), Hanns Zischler (Schauspieler, Autor, Fotograf und Verleger) und Horst Bredekamp (Kunsthirstoriker) sind unter den ausgewählten 100 Köpfen zu finden.

Portrait von Christina Weiss © Jacques Sehy

Portrait von Christina Weiss © Jacques Sehy

Portrait von Ulrich Khuon © Jacques Sehy

Portrait von Ulrich Khuon © Jacques Sehy

Die „100 Berliner Köpfe“ haben nicht nur die Berliner Kulturlandschaft, sondern auch das kulturelle Leben über die Grenzen der Großstadt hinaus entscheidend geprägt. Die Portraitierten haben neue Kulturräume erschlossen, Bücher und Editionen herausgegeben und Kommunikationskanäle geöffnet, die heute noch nachwirken.

Bei der Würdigung dieser Menschen ist Jacques Sehy traditionellen Techniken der Fotografie treu geblieben. Er nutzte für seine Portraitserie keine digitale Technik und arbeitete ausschließlich mit einer analogen Kamera, einer Stablampe und Langzeitbelichtung. Alle Portraits sind Handabzüge.

Portrait von Thomas Ostermeier © Jacques Sehy

Portrait von Thomas Ostermeier © Jacques Sehy

Portrait von Catherine von Fürstenberg-Dussmann © Jacques Sehy

Portrait von Catherine von Fürstenberg-Dussmann © Jacques Sehy

Jacques Sehy fotografierte seine Protagonisten nicht in einem repräsentativen räumlichen und farbigen Ambiente, sondern reduziert seine Bilder unter Verwendung starker Schwarzweiß-Kontraste und die Wahl kleiner Ausschnitte auf das Wesentliche.

Durch die Technik der Langzeitbelichtung ist eine bewusste Eindruckssteuerung nicht möglich, alle Portraitierten tragen neutrale Gesichtszüge, die echter wirken als eine aufgesetzte Mimik. Innerhalb der Intimität des schwarzen Raumes fallen manchmal auch schützende Masken.

Die meisten der Personen hat Sehy erst im Laufe des Projekts kennengelernt, dies war ein Teil des künstlerischen Prozesses. Seine jahrelange Erfahrung half ihm, eine Lichtzeichnung zu kreieren, die zur Persönlichkeit der abgebildeten Person passt. Er zeichnete geschwungene Linien, harte Striche oder bruchteilhafte Kanten in die Gesichter, die wie ein Zeichenalphabet wirken.

Portrait von Jim Rakete © Jacques Sehy

Portrait von Jim Rakete © Jacques Sehy

Portrait von Hanns Zischler © Jacques Sehy

Portrait von Hanns Zischler © Jacques Sehy

In seiner aktuellen Ausstellung in Berlin verdichtet Jacques Sehy diese Portraits, indem er sie zu großen Tafeln gruppiert. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile: Es scheint auf den ersten Blick, dass die einzelnen Köpfe in der Masse verschwimmen. Auf den zweiten Blick ergibt dieses Meer an großen Denkern ein eigenes Zeichensystem.

Entstanden ist ein topografischer, nicht unbedingt ausschließlich auf Berlin beschränkter, Atlas von Personen, die wichtige Weichen für Innovationen gestellt haben. Das Projekt ist, wie geplant, mit der Aufnahme des einhundertsten Portraits abgeschlossen.

Berliner Köpfe © Jacques Sehy

Berliner Köpfe © Jacques Sehy

Wer größeres Interesse an Lichtmalereien auf Körpern hat, kann eine zweite Serie noch bis zum 14. März in der Galerie Tammen & Partner in Berlin besichtigen.

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10 Kommentare

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  1. Die Idee finde ich interessant.
    Die Umsetzung, naja das soll jetzt nicht negativ wirken, aber sind das noch „Portraits“?
    Die Fotos wirken auf mich, das die Personen nur als Leinwand für die „Lichtzeichnungen“ wirken.
    Eine bessere Leinwand ist es natürlich wenn man „Promis“ der Kunstlandschaft vor sich hat.
    Ein Herr Chipperfield wirkt als Leinwand besser als ein unbekannter.

    • Hallo 黒,

      danke für den Kommentar. Die Frage ist tatsächlich, wie man definiert, was ein Portrait ist oder was ein gutes Portrait (aus)macht. Der Fotograf Sehy geht da unkonventionell vor, und gerade das macht die Serie für mich sehr interessant.

      Ich persönlich denke, dass die Art der Lichtzeichnung den Hintergrund zur Serie ganz wunderbar unterstreicht: Es geht ja darum, die „Strippenzieher“ der Kunstszene sichtbar zu machen (die ja sonst eher im Schatten agieren). Es stimmt, dass ein Prominenter zunächst größeres Interesse schürt, aber ich denke, dass die Art der Umsetzung auch mit unbekannten Personen wirkt. Vielleicht interessieren Dich auch die anderen Arbeiten vom Fotografen, in denen er Körper (meines Wissens unbekannter Personen) „beleuchtet“ hat.

      Viele Grüße,
      Kat

  2. die Bilder wirken wie Kalligraphien auf Gesichtern; der/die Protraitierte versinkt darin und wird gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes herausgezeichnet. Es ist und bleibt eine sehr konstruierte, aber effektvolle Art der Fotografie. Mir gefällts.

    • Hallo Dieter,

      das stimmt, die Portraits wirken wie Kalligraphien! Das gefiel mir an der Serie auch besonders gut, also dass ein neues „erfundenes“ Alphabet entsteht. Und ich fand es besonders beeindruckend, dass die Portraits analog erstellt wurden. Da braucht man wirklich Geduld und Erfahrung.

      Viele Grüße,
      Kat

  3. Es ist wie im zeitgenössischen Theater: Hauptsache Versuche. Ob man die nun für sonderlich gelungen hält oder nicht, ist dabei völlig zweitrangig, das Wichtigste ist und bleibt ein neuer Versuch einer Gebietsabsteckung, und davon sehen wir im Allgemeinen viel zu wenig, weshalb derartige Arbeiten, auch wenn mir die aktuelle recht wenig emotionale Resonanzfläche bietet, sehr zu begrüßen sind.

    • Hallo EC,

      mir war es auch deshalb wichtig, die Serie vorzustellen, weil Jacques Sehy aus einer ganz anderen Fotografengeneration entstammt. Auf vielen Fotoportalen werden insbesondere jüngere FotografInnen vorgestellt, und ich habe ab und zu den Eindruck, dass „gestandene“ FotografInnen (wenn sie nicht gerade Annie Leibovitz oder Gregory Crewdson heißen) zu wenig berücksichtigt werden.

      Aber ich gebe Dir recht, dass das Konzept der Arbeit bei Sehy stärker im Vordergrund steht, als die „emotionale Resonanzfläche“, wie Du so schön formuliert hat. Mir persönlich ist das Konzept hinter fotografischen Arbeiten immer wichtiger als die „Ästhetik“. Von daher sprechen mich solche Fotografien auch sehr an. Mit schönen Portraits kann ich wenig anfangen. Aber das ist mein persönlicher Geschmack und darüber lässt sich gut diskutieren. :-)

      Viele Grüße,
      Kat

      • Nein nein, so wollte ich das gar nicht verstanden wissen. Jedwede Aussage darüber, was bei einem Werk im Vordergrund steht, ist ja letzten Endes Unfug – alles, was ich auf rezeptiv-emotionaler Ebene über das Werk aussage, sage ich letzten Endes nicht über das Werk, sondern über mich selbst aus. Dass mich dieses weniger anspricht, sagt Nichts über seine Leuchtkraft, sondern meine Empfänglichkeit. Und trotzdem sollte man in der Lage sein, auch ohne tiefe Affizierung den konzeptionellen Anspruch einer Arbeit wertzuschätzen – soviel meine Aussage.

  4. Die Frage, was ein Portrait ausmacht und wie es letztlich definiert wird, finde ich nur vordergründig trivial. Im Mittelpunkt steht doch üblicherweise ein Mensch und dessen unverwechselbare Persönlichkeit, die sich im besten Fall dem Betrachter schnell erschließt. Sehy inszeniert für mich hier eher ein lichtmalerisches Symbolsystem, das dem Betrachter einiges an genauem Hinsehen und Rätseln, Interpretieren abverlangt. Ohne die hinzugefügten Namen der Portraitierten bleibt einiges spekulativ. Er legt die Latte ganz schön hoch auf und überlässt es dem Betrachter, wie dieser sein Werk visuell liest: im Detail oder als Ganzes. Ich finde sehr clever.