Ein Mensch zieht sich ein T-Shirt übers Gesicht.
06. März 2015 Lesezeit: ~10 Minuten

Jenseits der Sprache

Auch wenn die Fotografie in meinem Leben einen großen Raum einnimmt, finde ich es nicht einfach, darüber zu schreiben. Oberflächlich ist es noch ganz einfach: Welche Ausrüstung nutze ich, wo fotografiere ich, welche Geschichten kann ich zu einem bestimmten Foto erzählen? Aber es wird schwierig, wenn ich versuche zu beschreiben, warum ich fotografiere.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es generell schwierig ist, über ein „Warum“ zu schreiben. Fotografie ist in meinem Alltag derart dominierend, das „Warum“ geht so weit über die reine Mechanik des Bildermachens hinaus, das Fotografieren wird zu einer Lebenseinstellung, auch wenn das abgedroschen klingen mag.

Ich fotografiere nicht jeden Tag, aber ich sehe mir oft Bilder an und ich denke über Bilder nach. Fast beschleicht mich die Furcht, dass eine zu intensive Analyse diese enorme Befriedigung ruinieren könnte, die mir die Fotografie verschafft; gleichzeitig ist es mir wichtig, den Antrieb zu ergründen, der mich fotografieren lässt.

Jahrelang habe ich meine Fotos eigentlich nur einem ausgewählten Kreis von Freunden gezeigt, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es eine Weile gedauert hat, bis mich das Fotografieren wirklich gepackt hat.

Zwei Jungs verschränken die Arme vor dem Fotografen.

Aus heutiger Sicht mag das lustig klingen, aber anfangs war ich ziemlich nervös, wenn ich wieder ein Bild online geteilt habe. Wenn man Bilder nicht nur fotografiert, sondern auch teilt, dann gibt der Fotograf auch eine Menge von sich selbst preis.

Diese Enthüllungen sind nicht notwendigerweise offensichtlich, weil die „Sprache“ der Fotografie codiert, ja kryptisch ist. Die Tatsache, dass der Fotograf nicht direkt im Bild ist, erzeugt den Anschein der Objektivität und lässt das Bild zur einfachen Aufzeichnung einer Szenerie, eines Ereignisses, einer Person werden.

Durch ein einziges Bild erfährt man nicht viel über eine Person, aber eine ganze Sammlung kann zumindest einen groben Anhaltspunkt vermitteln, wer der Fotograf ist und was ihn oder sie bewegt. Es ist kein komplettes Abbild, aber es vermittelt einen Eindruck.

Eine Weile habe ich versucht, meine Fotografie einem Genre zuzuordnen. Weniger für mich selbst, sondern viel mehr, um anderen besser vermitteln zu können, warum ich fotografiere.

Nachtaufnahme einer Straßenszene

„Dokumentarische Fotografie“ ist ein einfacher, wenn auch etwas vager Ausdruck, um einen Großteil dessen zu beschreiben, was ich mache. Aber ich zögere, diesen Begriff zu nutzen, weil ich nicht glaube, dass er richtig passt. Mich jeglicher Kategorisierung zu entziehen, erscheint mir jedoch arrogant und selbstverliebt.

Damit würde ich unterstellen, dass meine Arbeit speziell oder einmalig ist. Es wäre vermessen, das zu behaupten; aber ich versuche zumindest, etwas zu erschaffen, das einzigartig ist, auch wenn das vielleicht Selbstbetrug ist.

Ich bin noch nicht einmal sicher, ob das mit Fotografie überhaupt möglich ist, aber alle Fotografen und Künstler, die ich bewundere, erschaffen etwas, das ich liebe und das zumindest mir einmalig erscheint. Wenn ich mich wirklich intensiv mit einem Gesamtwerk auseinandergesetzt habe, kann ich es nicht mehr einfach in eine Schublade packen.

Fotografie wurde für mich zu einem Mittel, mich mit der Realität auseinanderzusetzen und ihr gleichzeitig zu entfliehen. Auch wenn meine Bilder eng mit der Stadt Baltimore verknüpft sind, stellen sie eine bestimmte Auswahl dar.

Ein Mensch mit einem Amerika-Shirt.

Ich zeichne die Realität auf und erschaffe daraus etwas Neues, sowohl durch meine Motive und als auch durch die Dramaturgie, die in einer Sequenz steckt. Das macht eine Menge dessen aus, was Fotografie für mich bedeutet.

Fotografien können auf den ersten Blick so täuschend einfach sein. Was mich jedoch anzieht, ist die Komplexität, die in einem guten Bild zutage treten kann; wie viele unterschiedliche Bedeutungen, oftmals jenseits der Vorstellungskraft des Fotografen, einem Bild beigemessen werden können.

Gute Fotografie, auch andere visuelle Kunstformen und Musik, erreichen uns auf einer Ebene jenseits der Sprache. Das ist ebenfalls ein Grund, warum Fotografie für mich so interessant ist.

Ich fotografiere eigentlich in jeder Situation und an jedem Ort, Baltimore mit seinen Menschen und Schauplätzen bildet aber einen Schwerpunkt meiner Arbeit. Es fühlt sich jedoch falsch an, meine Fotografie als Dokumentation Baltimores zu charakterisieren.

Zwei Jungs auf dem Motorrad.

Manche Menschen, die meine Bilder kennen und nach Baltimore kommen, fragen mich, halb im Scherz, wo denn die ganzen alten Autos sind.

Ausgehend von meinen Bildern könnte der Eindruck entstehen, dass sie an jeder Ecke zu finden sind, was natürlich nicht stimmt. Immerhin gelingt es mir offenbar, mit meinen Bildern das abzubilden, was mein geistiges Auge an meiner Umgebung bemerkenswert findet.

Die Menschen, Orte und Dinge in Baltimore stehen für sich selbst, werden gleichzeitig aber auch Repräsentanten meines eigenen Paralleluniversums. Die Fotografien zeigen etwas Reales, aber nicht die Realität.

Ich mag mich nicht darauf beschränken, im dokumentarischen Stil zu fotografieren und doch stecke ich mir selbst Grenzen. Speziell, wenn es um Portraits geht, möchte ich Menschen nicht dazu benutzen, imaginäre Geschichten zu erzählen.

Nachtaufnahme einer Straßenszene

Vielleicht kann man diese Zurückhaltung besser als Verantwortungsbewusstsein umschreiben.

In Baltimore zu leben, zu arbeiten und hier kreativ zu sein, beeinflusst mich nachhaltig. Aber aus meinen früheren Erfahrungen als Kind, das in Kleinstädten aufgewachsen ist, mit den Filmen, die ich gesehen habe, den Büchern, die ich gelesen habe, den Orten, die ich bereist habe usw. resultiert auch ein wesentlicher Teil meiner fotografischen Entwicklung.

Wie genau das miteinander verschmilzt, entzieht sich mir, letztlich nehme ich es so hin, wie es passiert. Ich versuche, das auszubalancieren. Einerseits will ich nicht zu sehr ein eigenes Narrativ erschaffen, andererseits mag ich auch nicht vorgeben, objektiv zu sein und damit verhindern, dass meine eigenen Erfahrungen mein Schaffen beeinflussen.

Die Stadt, in der ich lebe, bedeutet mir sehr viel. Sie hat mir über die Jahre hinweg viel gegeben. Ich hoffe, dass sich manches davon in meinen Bildern wiederfindet.

Ein Junge mit Kopfhörern auf der Straße.

Ich glaube schon, dass meine Perspektive, wie die jedes anderen, etwas zu bedeuten hat. Als Weißer bin ich ziemlich privilegiert. Außerdem bin ich hier nicht geboren, daher fällt es mir schwer, meine Bilder unter diesen Umständen als exemplarisch für das Leben in dieser Stadt hinzustellen.

Es gibt einfach zu viele Weiße wie mich, die Bilder machen. Es spielt keine Rolle, für wie aufgeklärt und progressiv ich mich halte, meine Wahrnehmung ist beschränkt. Wissen und Erfahrung mögen ausschlaggebend dafür sein, welche Türen sich für jemand öffnen, aber je mehr Erfahrung und Einsicht man gesammelt hat, desto mehr erkennt man seine Grenzen.

Man kann in der begrenzten Zeit von 37 Jahren nicht jede Gelegenheit ergreifen. Zumindest sind mir als Einzelperson enge Grenzen gesteckt. Oft denke ich, dass meine fotografischen Ambitionen ziemlich selbstsüchtig sind. Sie sind Konstrukte meiner Interessen und Sehnsüchte.

Soweit andere Menschen sich an meinen Bildern erfreuen, verschafft mir das Genugtuung, aber ich denke nicht, dass das ausreicht, um mir das Gefühl zu geben, dass ich zu der Gesellschaft, in der ich lebe, auch etwas beitrage.

Ein Mann steht nachts vor einem Laden.

Wie viele Fotografen habe ich diesen inneren Antrieb, Bilder zu machen und mein Drang reicht aus, um die Fortsetzung an der Art von Arbeit zu rechtfertigen.

Obwohl die Fotografie, wie jede Kunstform, ihre Grenzen durch einen subjektiven Blickwinkel besitzt, hat sie einen besonderen Wert und Ausdruckskraft durch den Umstand, dass es heutzutage für jeden so einfach ist, Bilder nicht nur aufzunehmen, sondern sie auch zu teilen.

Auch wenn es unmöglich ist, jemals alles zu sichten und die große Mehrheit an Bildern auch nur mäßig interessant ist, so ist die Fotografie heute ein ziemlich demokratisches Medium. Eine der größten Herausforderungen in der Fotografie ist es, die richtige Balance zu finden zwischen der Wahrnehmung all der unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Fotografen, ohne sie dabei zu oberflächlich abzuhandeln. Sowohl von der Breite des Angebots insgesamt wie auch der Tiefe einzelner Werke ist man schnell überfordert.

Der Konflikt ist nicht lösbar, aber immerhin können wir zumindest einige lose Fäden aufgreifen, um ein breiteres Spektrum dessen zu erfahren, was es da draußen gibt. Und somit nicht nur dem nächsten aufstrebenden Star hinterherzuhecheln, der auch nur das variiert, was wir sowieso schon kennen.

Straßenszene bei Nacht aus erhöhter Perspektive.

Wir leben in einer wunderbaren Zeit, die uns mit so vielen Beispielen von Kreativität und Inspiration beschenkt, die wir bewundern können und von denen wir lernen können. Ich bin mir nicht so sicher, ob das oben Gesagte nun einen wirklichen Einblick in meine Fotografie gewährt oder ob es sich doch nur um einen selbstverliebten Abzug meiner Gedanken handelt – vielleicht trifft auch beides zu.

Das Gesagte ist mehrheitlich Zeugnis der Schwierigkeit, meinen Drang, Bilder zu machen, in Worte zu fassen. Die Fotografie meint es gut mit mir, weil sie mich herausfordert und befriedigt. Sie ist mir eine Genugtuung, weil es so einfach ist, sich in diesem Prozess des Bildermachens, des Editierens und Anordnens der Bilder zu verlieren. Die Fotografie gibt mir Richtung.

Sie gibt mir etwas zu tun. Dabei habe ich kein wirklich greifbares Ziel für die Zukunft, weil der Prozess für mich kein Ende besitzt, er mich endlos fesselt. Ich bin zuversichtlich, dass mein Drang zu Fotografieren anhält und dass es, wie die Kunst im Allgemeinen, immer Teil meines Lebens bleibt.

Meine Fotografie zu teilen und die Kunst anderer zu genießen, ist das Einzige, was mich davon abhält, in haltlosen Gedanken über echte oder imaginäre Probleme in den Abgrund gerissen zu werden. Die Fotografie ist mein Lebensretter.

Dieser Artikel wurde von Tilman Haerdle für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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6 Kommentare

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  1. Das war lesenswert und mit einiger Weisheit und Selbstkritik geschrieben. Es ist immer schön, wenn jemand Gedanken ausformuliert, die man selbst unterschwellig mit sich trägt. Teilweise als Fragen. Teilweise auch als Antwort.

  2. Ich fand vor allem den Satz interessant: “Aus heutiger Sicht mag das lustig klingen, aber anfangs war ich ziemlich nervös, wenn ich wieder ein Bild online geteilt habe. Wenn man Bilder nicht nur fotografiert, sondern auch teilt, dann gibt der Fotograf auch eine Menge von sich selbst preis.”

    Mir ging es genauso, bzw. ist zum Teil immer noch so. Ich tue mir schwer damit, oft und viele Bilder zu zeigen. Es ist nicht mal die Angst vor Kritik, damit kann ich umgehen, sondern irgendwie…will ich niemanden mit zu vielen Bildern nerven?! (Auf fb und co)? So genau konnte ich es mir nicht erklären, aber das mit dem von sich preisgeben könnte tatsächlich damit zu tun haben.

  3. Fotografie als prozesshafte Lebenseinstellung mit einem geradezu selbst-therapeutischen Ansatz…Erst fand ich diesen Gedankenansatz übertrieben und abgehoben, aber je länger ich darüber nachdenke, um so mehr gefällt er mir.