Ein Mann mit oranger Mütze zwischen orangen Blüten.
02. September 2014 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Gründe für die Straßenfotografie

Ich habe versucht, zu ergründen, warum ich Fotos von Fremden mache, anstatt von meiner Familie oder Freunden. Von Menschen, zu denen ich keinerlei persönliche Beziehung habe, die die Bilder wahrscheinlich nie sehen werden und möglicherweise noch nicht einmal gutheißen würden, wenn sie sie zu Gesicht bekämen.

Ich erinnere mich an das erste Mal, ich war noch ein Teenager, meine Mutter war irritiert und fragte mich: „Warum verschwendest Du Dein Geld für Filmentwicklungen, wenn auf den Bildern niemand zu sehen ist, den Du kennst?“

Darauf hatte ich keine befriedigende Antwort, ich hatte mir darüber nicht mal Gedanken gemacht. Eigentlich ging es nur darum, Bilder von Leuten zu machen, ohne dass sie das merkten, um mehr ging es mir nicht. Am Ende war das aber auch nur eine Phase, die schnell verging, für lange Jahre schlummernd.

Ein Mann steht vor einem Geschäft, die Kabel seiner Kopfhörer laufen aus seinem Mund.

Eine Frau sitzt in einem Fotoautomaten, im nächsten Automat hinter ihr steht ein Mann, der auf sie zu schauen scheint.

Die Mützen zweier Piloten hängen auf den Ausziehgriffen zweier Koffer, hinter denen die zwei Männer sitzen.

2012 fühlte ich mich gelangweilt von den immer gleichen Bildern von Familie und Freunden und den üblichen Urlaubsschnappschüssen und ich erinnerte mich an den Bildband von Henry Cartier-Bresson, den ich von meinen Kollegen zum Abschied geschenkt bekommen hatte, als ich den Job wechselte.

Das Buch weckte diese schlafende Leidenschaft und ich war Feuer und Flamme. Das dringende Bedürfnis, wieder auszugraben, was an künstlerischem Ehrgeiz vielleicht noch in mir verborgen war, brachte mich wieder zu dieser speziellen Obsession, der „heimlichen Fotografie“.

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Eine Frau mit langen rosa Haaren in Rückansicht.

Ein Mann in Rückansicht liegt auf dem Brautkleid einer Frau.

Jetzt, nachdem ich über Jahre hinweg in vier verschiedenen Ländern fotografiert habe, finde ich mich wieder auf einer harten, ziemlich dünnen Matratze in einem kleinen Hochhaus-Appartement in Chengdu und ich frage mich: Hat sich irgendetwas geändert? Warum Bilder von fremden Menschen?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es zur Sucht geworden ist. Oft ist das Befriedigen des Dranges wichtiger, als die Ergebnisse zu sehen, die sehr enttäuschend sein können, speziell, wenn ich mich mit den herausragenden Werken anderer Fotografen in dieser Disziplin vergleiche.

Aber Droge ist Droge, egal wie gut oder schlecht ich mich am Ende fühle. Ich wache mit der Sucht auf, gehe mit ihr zu Bett und ich bin dankbar dafür! Du kommst in diesen Rhythmus: Gehst raus, um das Bild zu machen, kommst heim, ziehst Dir das Ergebnis rein und wenn die Droge wirkt, dann wirkt sie richtig, das Ergebnis macht Dich sehr zufrieden, zumindest für eine Weile, dann lässt die Euphorie langsam nach und dann musst Du wieder raus, versuchst, es besser zu machen, versuchst aus der Vergangenheit zu lernen, etwas Neues zu schaffen, aufregend, andersartig, etwas, das wirklich aus Dir kommt.

Eine Frau hält ein Kleinkind auf dem Arm und spiegelt sich im Lack eines Autos.

Personen greifen um eine Ecke und ein buntes Plakat mit weiteren Menschen ragt ins Bild.

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Warum also Fremde? Die einleuchtendste Antwort ist, dass ich fasziniert bin von Menschen und ihren Lebensumständen. Also, warum sollte man sich nicht auf die konzentrieren, die man nicht kennt, schließlich können sie genauso interessant, lustig, verrückt, schön, vorhersehbar (oder auch nicht) sein, wie all meine Freunde oder meine Familie, wenn nicht sogar mehr!

Mich interessieren auch Verhaltensmuster, speziell über verschiedene Kulturen hinweg, genauso wie die Unterschiede, die man finden kann. Humor, Ironie, das Absurde, Tragödien und alles, was man für skurril halten könnte, berührt mich stark. Ich mag dieses Wort: skurril, das bringt es auf den Punkt.

Ein Mann unter einer Folie.

Ein Mann hängt hinter einer Fensterscheibe ein Poster auf.

Aus einem Führerhäuschen lugt eine Hand mit Zigarette.

Farbe ist wichtig, schwarzweiß habe ich begonnen, aber ich habe die Farbe lieben gelernt, die Möglichkeiten, die sie mir bietet, eine ansprechende Ästhetik in meinem Werk zu entwickeln.

Eine wirklich schlüssige Antwort, warum ich all das mache, kann ich nicht bieten. Der Gedanke, die Kamera nicht zur Hand zu nehmen und zu fotografieren, ist mir unbequem, das würde eine große Leere in mir hinterlassen. Vielleicht ist das der wahre Grund für diese, für meine Obsession.

Dieser Artikel wurde von Tilman Haerdle für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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10 Kommentare

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  1. Sehr interessanter und schöner Blick auf alltägliche Situationen! Ich mag die Bilder, ich selbst wäre aber bei einigen Aufnahmen, in denen die fremden Menschen direkt in die Kamera schaun, zu gehemmt, selbst ein Foto zu machen.

  2. ich bewundere euch straßenfotografen. ich kann das gar nicht, fremde zu fotografieren. es ist, als ob ich ihnen was stehlen würde, als ob ich was illegales mache. ich glaub wenn dann würde ich immer fragen, aber dann wären die fotos so gestellt. ich habs mal in london versucht, ohne fragen, und auch wenn da ein paar schöne bilder dabei raus gekommen sind, so war es doch krampfig. aber ich genieße solche artikel und bilder wie die deinen. also danke für deinen mut zur straßenfotografie!

    • Das mit dem Verkrampftsein kenne ich, Julia. Denn es ging mir in den ersten Monaten auf der Straße ganz genauso. Das legt sich mit der Zeit. Außerdem: Wenn Dir die Straßenfotografie so gut gefällt, probiers doch mal hier in Deutschland. Du kannst zu beginn auch so fotografieren, dass man die Leute nicht erkennt. ;)

  3. ich denke Sreetfotographie ist wirklich eine Sucht- eine Sucht das gewöhnlich ungewöhnliche festzuhalten- Bilder von Situationen zu machen, die uns ständig umgeben, die wir jedoch ohne genauer daraut zu achten gar nicht als ungewöhnlich wahrnehmen würden. Es ist für mich auch die Sucht nach dem ansteigenden Adrenalien, sich rechtzeitig einer Situation zu nähern und festzuhalten , bevor sie in in ihre Bestandteile wieder zerfällt. Meine Ehrfahrung ist, je weniger ich versuche nicht bemerkt zu werden, desto gelasserner werde ich. Meine Erfahrung ist nicht die, wie ‘Allgemeineinen verbreitet’ ,dass ein Fremder verärgert ist, wenn er von einem Fremden fotografiert wird- einige freuen sich sogar darüber, wenn ihnen bewusst wird, das man sich gerade für Sie interessiert.
    //Matz

    • Das kann ich so unterschreiben. Gerade auch Dein Kommentar zum Gelassensein: Je mehr ich versuche, locker zu wirken, desto unlockerer wirke ich. Doch je mehr ich die Sache selbst genieße, desto entspannter wirke ich auch nach außen. Jedoch ist das alles auch eine Frage der Erfahrung. Je länger man auf der Straße mit der Kamera Menschen fotografiert, desto lockerer wird man. Automatisch.

  4. Wow, interessanter Artikel. Ich finde Street-Fotos so schön, habe mich selbst jedoch noch nie daran versucht. Vermutlich ginge es mit ähnlich wie einigen anderen hier, die Hemmungen wären zu groß.
    Aber nach dem Lesen dieses Artikels bekommt man da schon Lust drauf.
    Spannend spannend, mal gucken was ich aus dieser Lust mache :)

  5. Blogartikel dazu: 15. April 2015 › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity