06. Mai 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Katharina Jung

Die Idee: Mein erster Familienausflug. Endlich konnte ich mit Mama und Papa die Gegend erkunden, in der sie mich die letzten Wochen behutsam beschützt hatten. Noch holprig tapse ich ihnen hinterher und versuche, Schritt zu halten. Papa geht ein paar Meter voraus.

Er will sicher gehen, dass wir nichts zu befürchten haben. Wir wollen uns am Bach treffen. Ein lauter Knall. Ein lauter Schrei und sein Echo lassen die Vögel aufschrecken und davonfliegen. Papa. Papa liegt am Boden. Er ist stark am Kopf verletzt. Mama hält mich zurück, als ich zu ihm laufen will. Der Schreck lässt sie kurz einfrieren. Wir müssen fort. Ohne ihn.

Mir ist es wichtig, mit der Fotografie auszudrücken, was ich fühle und was mich persönlich bewegt. Die ständigen Qualen, die schutzlose Tiere erleiden müssen, nur um den Egoismus der Menschen zu stillen, beschäftigt mich nicht nur, es bewegt mich. Ich will mich in Zukunft auch fotografisch mehr mit diesem Thema beschäftigen und das Bild war sozusagen der erste Schritt.

Ich stellte mir eine dramatische Szene vor, in der Mensch und Tier gemeinsam leiden und trauern. Für mein erstes Bild dieser Art „Serie“ habe ich mir „Jagd“ ausgesucht. Mit diesem Bild vertrete ich eine starke Meinung und es war mir bewusst, dass ich nicht nur positives Feedback bekommen werde, sondern damit auch vielen auf die Füße trete.

Ich spreche mich ganz klar und deutlich gegen die Jagd aus. Sie ist für mich eine veraltete Tradition und Egoismus-­Befriedigung. Als ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe, bestärkte dies mich in meiner Meinung.

Wir sind alle mit dem Grundwissen aufgewachsen, dass es die Jagd braucht, um die Tierbestände zu regulieren. Die Wildtierbestände regulieren sich selbstständig. Vielleicht ist das Foto nicht technisch perfekt, aber es bedeutet mir sehr viel und ich vertrete zu 100% die Botschaft, die dahinter steckt.

Als meine Idee feststand, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich es umsetzen kann. Ich überlegte, wie ich mich fotografieren kann, dass ich mich später an den erschossenen Hirsch anschmiegen kann. Und da kam mein Hund mit ins Spiel. Letztes Jahr habe ich ein freies Stockimage von einem weißen Hirsch gefunden, an das ich mich bei der Vorbereitung erinnerte und das gut in das Bild passte. Es fehlte nur noch ein langes weißes Kleid und ein schönes Plätzchen im Wald.

Making-Of © Katharina Jung

Bepackt mit Kamera, Stativ, Gummistiefeln und weißer Badematte ging ich mit Bonny, meinem Hund, in den Wald. Nicht einmal zehn Minuten später fand ich die perfekte Stelle. Bonny hat schwarzes Fell und da ich mir in der Nachbearbeitung die Arbeit etwas erleichtern wollte, habe ich eine dünne, weiße Badematte über sie gelegt. Mit ein paar Leckerlis hat das auch ganz gut geklappt.

Wenn ich Selbstportraits mache, arbeite ich mit einem Funkfernauslöser. Dadurch erspart man sich so manches Hin-­ und Herlaufen. Nachdem das Grundfoto im Kasten war, habe ich nochmals den Wald fotografiert, um diesen später als Hintergrund zu benutzen.

In der Nachbearbeitung lag der eigentliche Teil des Prozesses. Zunächst habe ich die Bilder ausgewählt, in denen ich am authentischsten gewirkt habe und mir dann das beste ausgesucht. Mithilfe des Zeichenwerktools und den Alphakanälen habe ich die einzelnen Elemente freigestellt und nach und nach in das Bild eingefügt. Bei den Rehen im Hintergrund habe ich die Sättigung runtergedreht und sie mit dem Gaußschen Weichzeichner unscharf maskiert.

Dann habe ich den Mittelpunkt des Bildes ausgewählt und ihn mithilfe des Weichzeichners hervorgehoben. Mit dem Verlaufswerkzeug und einer starken Transparenz habe ich einen Schein eingefügt, der von oben links bis zur Bildmitte verlaufen sollte. Zum Schluss wurden die Farben mit der selektiven Farbkorrektur und Gradationskurven angepasst.

Mourning © Katharina Jung

Die Bilder in meinem Kopf sehen meistens anders aus als das fertige Bild, weil sich während des Fotografierens und der Bearbeitung immer noch ein paar Spontanideen einschleichen. Bei diesem Foto hat sich ausnahmsweise nicht viel geändert. Im Nachhinein hätte ich aus den Rehen im Hintergrund vielleicht noch etwas mehr die Sättigung rausholen und vielleicht noch ein Eichhörnchen oder eine Eule eingefügen können, die die Szene beobachten.

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15 Kommentare

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  1. Ich finde die Idee sowie die Umsetzung auch sehr gelungen. Aber ich finde wir neigen in der heutigen Zeit dazu uns selbst nicht mehr zur Natur zu zählen. Immer mehr wird der Mensch als Fremdkörper in der Natur gesehen. Wir vergessen nur all zu oft, dass wir Teil der Natur sind, auch mit unserem Raubverhalten.
    Ich persönlich finde es sehr viel bedenklicher in einer Supermarktkette eine Packung Wurst für 1 Euro zu kaufen als ein Stück Wild vom örtlichen Jäger.

  2. Ich finde die Idee hinter dem Bild super und die Fotografin spricht mir ganz aus der Seele.
    Wer wie ich Jahre auf dem Lande gelebt hat und bei den täglichen langen Spaziergängen mit meinem Hund die Jagdpraxis von gut bewaffneten Jägern kennenlernen durfte, die allesamt zu faul zum Laufen sind und bequem per Jeep zum Jagdsitz fahren, obendrein sind sie kurzsichtig und können in der Dämmerung Menschen nicht von Wildschweinen unterscheiden … wer das alles kennt, weiß, wovon die Rede ist.
    Die Umsetzung trifft allerdings nicht meinen Geschmack. Mir ist das ein wenig zu schön, zu romantisch, zu realitätsfremd und hätte mir ohne Mensch wohl besser gefallen. Aber: das ist natürlich Geschmacksache. Technisch ist es sehr gut.

  3. Hallo Katharina,

    beeindruckendes Bild. Auch wenn ich oft nicht viel mit photoshoplastigen Bildern anfangen kann, spricht mich dieses hier sehr an. Ich finde es mutig und wichtig sich einem solchen Thema kritisch zu widmen, auch wenn es hier, wie Silvia schon sagt, auch für meinen Geschmack etwas zu romantisch dargestellt ist. Die Geschichte dahinter ist schöner als die bittere Realität, und es ist gut sich damit fotografisch, künstlerisch oder auf sonst eine Weise auseinanderzusetzen. Noch wichtiger finde ich es allerdings, sich diesen Produkten zu verweigern, Sei es Fleisch vom Jäger oder Wurst und Milch aus dem Supermarkt. Das alles sind unnatürliche Produkte, für deren Produktion Tiere gequält werden, und Preis, mindere Qualität und dauerhafte Verfügbarkeit sollten den blinden Verbrauchern mal die Augen offnen. In diesem Sinne, ein schöner Denkanstoß, es wäre schön mehr kritische Bilder in dieser Richtung zu sehen.

  4. Die qualitative Umsetzung finde ich wirklich gelungen!
    Von der Idee und der Jagdabneigung halte ich nicht viel, aber ich wurde da auch erst in meinem Studium bekehrt. ;)
    Wenige Jäger prägen mit ihren unverantwortlichen Taten oft das Bilder der Jagd in der Öffentlichkeit. Nun ja, das ist ein anderes Thema, da kann man ewig diskutieren..

    Was mich bloß als Naturmensch und Jagdscheininhaberin (nicht aktive Jägerin) mehr als die Einstellung zur Jagd stört, ist dieser – ich nenne es mal – „Bambi-Fehler“:
    Ein weiblicher Hirsch ist kein Reh, wie hier im Bild zu sehen! Das wären Hirschkühe. Die sehen leider nicht so süß wie Rehe aus und die Männer nicht so majestetisch wie Hirsche.
    Das macht mir die Illusion zur Geschichte leider kaputt. :/

  5. schönes bild. Und ich bin auch gegen Massentierhaltung, pro bewusste Ernährung und Einklang mit der Natur.
    Da ich eine Försterstochter bin, weiß ich auch, dass die Tierbestände sich NICHT selbst regulieren, weil der Mensch die natürlichen Feinde z.b. von Rehen (Wolf, Bär, etc.) ausgerottet hat, die sich erst langsam wieder ansiedeln, und wenn man keine Jagden machen würde, würden die Rehe die jungen Triebe der Bäume (genannt Baumschule) tot knabbern und es könnten keine neuen Bäume mehr wachsen, womit der Wald nicht mehr bestehen könnte.
    Genauso würden die Wildschweine durch die Maisfelder eskalieren und die Ernte beträchtlich beschädigen.
    Ich verstehe, was du mit dem Bild ausdrücken willst, aber einmal mehr informiert erspart dir eine Menge.

  6. Ich schließe mich Isas Kommentar zum Bambiproblem an und deine Botschaft gefällt mir. Bin wie Isa Jagdscheininhaberin, allerdings durchaus Jagdkritikerin.
    Jedoch muss ich anmerken, dass weder Reh noch Hirsch üblicherweise als Mama-Papa-Kind-Familie durch den Wald streifen.
    Was ich mich außerdem Frage: Wie schafft es der tote Hirsch, deinen Kopf mit dem riesigen Geweih aufrecht zu halten? Flach auf dem Boden liegend hätte ich als authentischer empfunden.
    Und der Bezug zur Jagd wäre mit einem Blattschuss (Schulter) deutlicher geworden.
    Fazit: Weiter so! Zwar haben wir einiges zu bemängeln, aber wir sind auch Wissende auf diesem Gebiet. Und wenn du einige der Tipps beherzigst, kommen deine Arbeiten in Zukunft vielelicht noch professioneller rüber, was mich freuen würde.

  7. Tolle Anleitung!

    Ich finde das echt süß wie du deinen Hund in einen Hirsch verwandest.
    Viele Bilder auf deiner Homepage finde ich auc sehr geniale!
    Großes kompliment Für Foto,Bearbeitung, Artikel und das Video !!!

    @kwerfeldein Team -> Bitte Bitte mehr davon!

  8. Blogartikel dazu: Unterwasser- und Wasserbilder von Katharina Jung › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity

  9. Blogartikel dazu: browserFruits November, Ausgabe 5 › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity