Das Buch von Jeff Mermelstein - Twirl/Run. Von.
05. Mai 2014 Lesezeit: ~7 Minuten

Jeff Mermelstein: TWIRL/RUN

Ich sehe das so: Die beste Beschäftigung mit einem Buch ist es, eine Rezension drüber zu schreiben. Denn dann gebe ich mir selbst die Aufgabe, die Lektüre bis in den letzten Winkel auszuleuchten, zu analysieren und im Idealfall einen agitierenden Artikel zu verfassen.

Heute schreibe ich über „Twirl/Run“ von Jeff Mermelstein. Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal, als ich mir vor längerer Zeit den Film „Everybody Street“ ansah.

So durchsuchte ich erst einmal Amazon nach Fotobänden von ihm – eine Angewohnheit, die mir irgendwann noch teuer zu stehen kommen wird.

Einer der Bände, den ich mir in den folgenden Monaten kaufte, war besagtes „Twirl/Run“ . Dieser liegt nun vor mir und ich untertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies der beste Konzeptband ist, der mir bisher untergekommen ist.

Info am Rande: Derzeit umfasst meine Buch-Sammlung 230 Bildbände, von denen gefühlte 80% der Straßenfotografie zuzuordnen sind.

Konzeptband? Was für ein Konzept? Nun, der Titel sagt eigentlich, worum es geht. Um Twirl und Run. Twirl, vom Englischen ins Deutsche übersetzt, bedeutet zwirbeln, wirbeln oder an etwas drehen. Run kommt ganz klar von rennen.

Beide Thematiken sind im Buch Programm. Und zwar so: Von Seite 001 bis 035 sind ausschließlich Menschen zu sehen, die an ihren Haaren zwirbeln. Dann folgt ein kurzer Essay und die Zahlen beginnen wieder bei 001. Bis Seite 041 sind dann nur Menschen abgebildet, die rennen.

Diese Zweiteilung hebt das Konzept deutlich hervor – und das ist selten, da Straßenfotografen sich fast nie auf eine einzige Tätigkeit beschränken, sondern ihre Bereiche wesentlich weiter fassen.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Fotografie

Dieses Buch hat es mir wirklich angetan. So sehr, dass ich es nur ungern aus der Hand lege. Warum?

Weil es eigentlich nicht zu fassen ist, was sich darin befindet. Denn mit jeder weiteren Seite, die ich öffne, frage ich mich, wie es denn in aller Welt möglich ist, diese beiden Themen so penibel zu verfolgen.

Denn das muss man ja erst einmal sehen, dieses Zwirbeln, nicht wahr?

Das Rennen, klar, das kennt man ja von diversen Straßenaufnahmen – wobei Mermelstein es schafft, höchst skurrile Rennsituationen aufzugreifen. Aber das Zwirbeln?

Klar. Leute zwirbeln. Aber so viele? Auf der letzten Seite des Buch wird dann klar, wie lange Mermelstein an diesem Projekt gearbeitet hat: Von 1995 bis 2008. Dreizehn Jahre.

Wer verbringt geschlagene fucking dreizehn Jahre auf der Straße, um Leute zu fotografieren, die sich die Haare zwirbeln oder zur Bahn rennen? Selbst, wenn man das Projekt nebenher und nicht als einziges macht, muss man dennoch immer die Augen dafür offen halten.

Es muss sich um eine strapazierfähige Leidenschaft handeln, das durchzuziehen. Auf den Kopf trifft den Nagel der amerikanische Kunsthistoriker Kozloff mit dieser präzisen Beurteilung des Mermestein’schen Schaffens:

Jeff Mermelstein, würde ich sagen, ist ein Absurdist mit Sinn für Humor.

Die Aufnahmen selbst sind methodisch einheitlich: Sie zeigen das Thema in schlichter, nüchterner Bildsprache. Keine extravaganten Kompositionen oder ungewohnte Blitzbeleuchtung. Nein, es wird so gezeigt, wie der Moment es zulässt.

Die Fotos sind gut gesättigt, aber nicht zu viel. Kontrastreich, aber das Schwarz säuft nicht ab und die Lichter reißen nicht aus. Solide Druckarbeit also.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Eine aufgeschlagene Doppelseite des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Buchgestaltung

Nun möchte ich ein wenig auf das Gesamtdesign eingehen, das von Greger Ulf Nilson großartig formvollendet wurde. Das Buch ist mit einem Hardcover bestückt, das mit einem Stoffeinband angenehm griffig in der Hand liegt und somit schon als haptisches Erlebnis erfahrbar ist.

Die Folienprägung des Titels beeindruckt, verknüpft mit der thematisch aufbereitetenden Typo (Twirl ist in sich verdreht, Run steht kursiv, unterstrichen und mit einem Punkt versehen) nicht nur auf den ersten, sondern insbesondere auf den zweiten Blick.

Diese Form der Buchveredelung entspricht dem Buch insofern, als dass es nicht einfach „irgendein Fotobuch ist“, sondern die Thematik bis in die letzten Ritzen des Buch fließt und ob der Qualität keinen Zweifel offen lässt.

Die Fadenbindung sorgt als i-Tüpfelchen dafür, dass der Band lange hält und nicht nach zwei Jahren auseinanderfällt.

Wie oben bebildert, sind die Fotos in Dreiergruppen pro Seite eng zusammengefasst und direkt untereinander gesetzt. Beim vertieften Schmökern schwingt ein deutliches Gefühl des Ganzen mit, denn: Es geht hier nicht um das einzelne, das perfekte Bild.

Es geht um alles.

Die Seitenzahlen sitzen außerdem nicht wie gewohnt außen, sondern innen – auch das ist eine Besonderheit, die nicht ungenannt bleiben soll.

Fokus auf die innenliegenden Seitenzahlen des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Die Mitte

In der Buchmitte befindet sich ein Essay. Laaaaangweilig?

Texte haben es in Bildbänden bekanntlich schwer und werden von Betrachtern meist stiefmütterlich behandelt. Denn, wer einen Bildband kauft, will ja Bilder und keine Geschichten.

Eigentlich wollte ich den Essay auch nicht lesen, doch durch einen versteckten Hinweis von Mermelstein wurde ich neugierig. In der abschließenden Danksagung am Ende des Buches schreibt er:

Robin Hemley, der einen wunderbar literarischen Essay abgeliefert hat, der nicht in der Geschichte der Fotografie verwurzelt ist – danke.

Es folgte also weder Pathos, noch eine kunstwissenschaftliche Bildbewertung oder brachiale Dekonstruktion der schummrigen Fotografenpsyche.

Nein, ich fand einen urkomischen Text über das Zwirbeln der Haare und das Rennen zur Bahn, sodass ich beim Lesen mehrmals laut auflachen, mich bei Hemley bedanken und Amazon nach Büchern von ihm durchforsten musste (oh shit, ich bin echt zu oft auf Amazon).

Der Essay des Buches Twirl/Run von Jeff Mermelstein.

Resümee

Jeff Mermelstein hat 2009 ein grandioses Buch vorgelegt. Aufgrund der extravagenten Länge seines Projektes gelingt es ihm, eine fotografisch gesehen komplexe Aufgabe mit Bravour zu erfüllen. Dies hebt seine Arbeit deutlich von „gängiger Straßenfotografie“ ab und weist alternative Herangehensweisen auf.

Eine plausible Schlussfolgerung ist für mich, dass es möglich ist, die allzu oft gestellte Frage nach dem „Stil des Fotografen“ und die meist verkrampfte Suche nach Individualität auch über Bord zu werfen, ohne dabei Seele zu verlieren.

Sich dann schlicht auf eine Sache zu konzentrieren, die dem Fotografen selbst im Alltag auffällt. Dabei darf es sich um eine noch so triviale Angelegenheit handeln. Zusammengefasst in einem Buch, tausendfach dargelegt kann daraus ein brillianter Konzeptband entstehen.

TWIRL/RUN ist meines Erachtens ein Werk, an dem sich andere sowohl inhaltlich als auch an der gestalterischen Form messen lassen müssen. Jedoch hat Mermelstein die Latte derart hoch angelegt, dass es Gleichgesinnten allein schon beim Versuch, nach der Latte zu greifen, schwindelig werden dürfte.

Das Buch Twirl/Run von Jeff Mermelstein von vorn.

Informationen zum Buch

Titel: „Twirl/Run“
Gebundene Ausgabe: 88 Seiten
Fotograf: Jeff Mermelstein
Verlag: powerHouse Books
Auflage: 1. (3. November 2009)
Design, Art Director: Greger Ulf Nilson
Essay: Robin Hemley
Sprache: Englisch
Größe: 31 x 21,3 x 1,5 cm
Preis: 25,89 € Stand April 2014)

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9 Kommentare

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  1. Danke Martin, wiedermal geschafft mich in eine emotionalen Zwickmühle zubringen.

    Vor einiger Zeit stand ich vor der Frage Twirl/Run oder Sidewalk ? Hab mich für Sidewalk entschieden weil
    a) sein bekanntest Buch quasi das Standartwerk
    b) großformatige Bilder

    Jetzt Deine Buchvorstellung, diesen Monat wollte ich mir eigentlich von Mark Cohen:Dark Knees kaufen bevor wieder vergriffen und zu teuer siehe Grim Street (hätte ich nur bei 12 € zugegriffen).

    Wie geschrieben eine Zwickmühle .. trotzdem danke ;)

    • Hallo Christian. Ich habe beide. ;) Die unterscheiden sich auch gewaltig, weil Sidewalk anders aufgebaut ist.

      Und ja, Dark Knees ist auch auf meiner Liste. Wobei ich nicht weiß, wie viel sich die Aufnahmen von Grim Street mit denen decken. Weißt Du da mehr?

      • Abend Martin,

        tja, was mich bei Twirl/Run richtig anmacht ist die Verarbeitung bzw. Buchgestaltung, dank Deiner Buchbesprechung. Sidewalk ist Street in Farbe, und groß wuchtig es macht BAM! Bei Twirl/Run ist das Konzept ein anderes, aber nicht weniger interessant.. je mehr ich schreib, muss wohl kaufen ;)

        Zu deiner Frage bzgl. Mark Cohen, genaues kann ich Dir auch nicht sagen. Aber was ich mir so zusammengereimt habe gibt es Überschneidungen zwischen Dark Knees und Grim Street bei den s/w Aufnahmen sicher. Dark Knees = Ausstellungskatalog für Exhibition Dark Knees 1969-2012 umfasst also Grim Street und True Color von powerHouse Books 2007. Und da ich weder Grim Street noch True Color (Geschenke immer willkommen) besitze wollte ich zuschlagen, da die Preise schon steigen.

      • Ja, das geht echt verdammt schnell mit den Preisen. Auch ich habe True Color nicht, und 224€ ist einfach zu viel. Danke für Dein „Zusammenreimen“, da ist viel Wahres dran. Ich denke jedoch, dass ich erstmal mit Grim Street glücklich bin, wenn auch ich echt seeeeeeehr scharf auf die Farbaufnahmen von Cohen bin. :)

  2. Auf was für Ideen manche Fotografen kommen … :-)

    Auch wenn ich Idee und Umsetzung toll finde mal eine Frage: Wenn die abgebildeten Personen nicht um Erlaubnis des Abdrucks gefragt wurden (was hier mE recht unwahrscheinlich ist), handelt es sich doch hier um eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts, oder? Hintergrund meiner Frage: Ich würde gerne ein ähnliches Projekt mit Smartphone-Benutzern machen. Streng genommen müsste ich doch jeden Fotografierten fragen, ob er mit einer Veröffentlichung einverstanden ist?

  3. hihi, ein buch übers zur bahn rennen und haare zwirbeln…. find ich klasse, weil es mal etwas alltägliches zur kunst stilisiert… Duchamp lässt grüßen (Duchamp war derjenige, der in seinen“ready mades“ Alltagsgegenstände zur Kunst erhoben hat. er stellte ein urinal ins museum und schwub wars keine kloschüssel mehr sondern kunst. das gab 1917 ganz schön Diskussionen)