19. April 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Rezension: Falllicht

Vor ein paar Wochen habe ich Euch in unseren Ausstellungstipps Fenster, Ausgabe 1 die Arbeit „Light Fall“ von Guido Baselgia empfohlen, die noch bis zum 3. Mai in Zürich zu sehen ist. Der Weg ist mir leider zu weit, aber heute möchte ich Euch hier das Buch zu dieser epochalen Werkreihe vorstellen.

Der Fotograf Guido Baselgia war von 2006 bis 2014 mit seiner Fachkamera in verschiedenen Ecken der Welt unterwegs, um sich seinem zugegebenermaßen sehr weit gesteckten Thema anzunähern. Es geht um das Zusammenspiel der Erde mit anderen Gestirnen, das wir hier vor allem in Form von Lichtphänomenen wahrnehmen können. – Licht, das auf die Erde fällt.

Der nun vorliegende Zyklus „Light Fall“* bzw. „Falllicht“ fächert diese Phänomene sehr weit auf. So weit, dass ich auf den ersten Blick irritiert war und das Gefühl hatte, dass zu viele verschiedene Dinge hier unter einem Titel vereint werden. Aber bei erneutem Betrachten wachsen die unterschiedlichen Bildtypen immer weiter zusammen.

Falllicht © Guido Baselgia

Um Euch eine Vorstellung davon zu geben: Zu sehen sind Dämmerungen. Zwielicht auf Berg- und Schneelandschaften. Nebel. Gestochen scharfe, vom Vordergrund bis in den Hintergrund detaillierte Buschlandschaften in der Mittagssonne. Dann fast vollkommene Dunkelheit, in der nur noch schemenhaft Landschaften oder Wolkenformationen zu erahnen sind.

Kurze und lange Verläufe von Sonne, Mond und Sternenhimmel über wilder Natur ebenso wie über Städten (deren Lichter in der Nacht leuchten) oder abstrakten Wolkenformationen. Ich bin erstaunt, wie viele Variationen der Lichtverläufe es gibt. Gerade, gebogen, von Wolkenschichten unterbrochene Linien.

Senkrecht zu einem besonders üppig mit Sternenspuren gefüllten Himmel zeichnet sich der gerade Verlauf eines Flugzeugs ab. Über der Linie sogar mit den sichtbaren Leuchtsignalen — bip-bip — bip-bip — bip-bip.

Falllicht © Guido Baselgia

Fast abstrakte Langzeitbelichtungen von Wasser- und Wolkenbewegungen, die beinahe zu einer einheitlichen horizontalen Streifenanordnung mit Verlauf verwischt sind. Aber wie viele andere Bilder gerade noch so knapp an der Grenze des Erkennbaren liegen, das man weiß: Dort ist der Himmel, da das Wasser.

Daneben gestochen scharfe Felsformationen, mit Mustern von Schnee oder Eis überzogen. Ein beachtliches Spiel der Natur, das in den unendlich vielen Details, die sich durch herabfallenden, verwehten, gefrorenen und wieder getauten Schnee ergeben, wird auf dunkelgrauem Stein nachvollziehbar.

Aufbrausende Gischt an der Küste in gedämpftem Zwielicht. Die Bewegung einzelner Wellen, verwischt und doch deutlich in ihrer einzelnen Richtung erkennbar, lässt einen grübeln, zu welcher Tageszeit diese Bilder aufgenommen und wie lange sie belichtet wurden.

Falllicht © Guido Baselgia

Surreal anmutende Eislandschaften, die an Aufnahmen eines Rasterelektronenmikroskops erinnern. Knollenartig sind Pflanzen und Steine von dicken Eisschichten überwuchert. Man muss schon genau hinsehen, um irgendwo einige Grasbüschel zu entdecken, die filigran eingefroren sind und so eine Größenzuordnung erlauben.

Direkt neben Bildern, die fast vollkommen dunkelgrau sind, die mit unglaublich schwachem Kontrast und der Tatsache, dass das menschliche Auge trotzdem noch etwas zu erkennen vermag, spielen, steht etwa der Kontrast eines grell erleuchteten Himmels vor einer schwarz im Schatten liegenden Hügelformation.

Der Himmel in seinen Weißabstufungen ist ebenso fein durchgezeichnet wie die Landschaft am Boden. Es sind Wolkenschleier oben und flache Dünen unten erkennbar, immer gerade an der Grenze des Wahrnehmbaren. Besonders das Dunkelgrau in Dunkelgrau fasziniert mich. Ich vergesse meine normalen, starren Erwartungen.

Falllicht © Guido Baselgia

Der Abbildungsteil kommt abgesehen von Seitenzahlen ganz ohne Ablenkungen aus. So herrscht beim Blättern in meinem Kopf automatisch eine meditative, sich langsam ausbreitende Ruhe, die mich ganz erfasst. Im Anschluss an die Abbildungen folgt eine Liste der Aufnahmeorte und -daten aller Bilder.

Die Textbeiträge von Andrea Gnam und Nadine Olonetzky nähern sich der Arbeit relativ philosophisch an und bieten dem Leser und Betrachter so viele neue Ansätze und Inspirationen, wie einzelne Bilder oder das Gesamtwerk interpretiert werden können.

Im Anhang finden sich Auszüge aus den Notizbüchern von Baselgia, in denen er Beobachtungen, Illustrationen und Daten zu Orten und den dortigen Gestirnverläufen notiert hat. Ebensolche Notizen finden sich auch auf Abzügen, dazu Aufzeichnungen zum verwendeten Filmmaterial, Belichtung, Temperatur und andere Angaben.

Informationen zum Buch
Guido Baselgia: Light Fall*
Sprache: Deutsch und Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 144
Abbildungen: 113
Maße: 31 x 30 cm
ISBN 978-3-85881-420-3
Preis: 87 €

Die Galerie Andres Thalmann, Talstrasse 66, Zürich zeigt noch bis zum 3. Mai 2014 die Arbeiten. Geöffnet dienstags bis freitags und samstags von 11 bis 18.30 Uhr bzw. von 11 bis 16 Uhr.

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