10. März 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Liège-Guillemins

Die Brüder Lumière zeigten im Dezember 1895 im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris ihren Kurzfilm „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“. Die Uraufführung endete angeblich damit, dass Zuschauer das Café aus Panik fluchtartig verließen, weil sie glaubten, der Zug würde gleich in das Café fahren.

1881 veröffentlichte Eadweard Muybridge seine berühmten Serienaufnahmen „The attitudes of animals in motion“, die unter anderem den Beweis dafür erbrachten, dass sich bei einem galoppierenden Pferd zeitweise alle vier Beine in der Luft befinden.

Muybridge schaffte es also, Dinge, die für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar sind, sichtbar werden zu lassen. Die Pioniere des Bewegtbildes waren die Inspirationsquelle für meine Masterarbeit „Liege-Guillemins“.

Im Laufe meines Designstudiums spezialisierte ich mich immer mehr auf die Architekturfotografie. In einem Urlaub experimentierte ich zum ersten Mal mit Zeitrafferaufnahmen und war von der Idee fasziniert, dieses Stilmittel auf die Architekturfotografie anzuwenden.

Daraufhin begann dann eine Phase des Ausprobierens und Experimentierens. Nachdem ich das Gefühl hatte, diese Technik ausreichend zu beherrschen, begann die Suche nach einem Bauwerk, das interessant genug für meine Abschlussarbeit war. Die Wahl fiel auf den vom spanischen Architekten entworfenen Lütticher Bahnhof „Liège-Guillemins“.

Liège-Guillemins © Yannick Wegner

Der 2009 fertiggestellte Bahnhof erschien als besonders geeignet, da er Bewegung, Kommunikation und Transparenz vermittelt. Auf die klassische Bahnhofsfassade wurde verzichtet. Stattdessen gehen Außen und Innen nahtlos ineinander über.

Es ist der wichtigste Bahnhof in der belgischen Region Wallonien. Rund 500 Züge verkehren hier pro Tag. Dominiert wird das Bahnhofsgebäude von seinem spektakulären Dach.

Liège-Guillemins © Yannick Wegner

39 Stahlbögen, zum Teil 40 Meter hoch, tragen eine auf- und abschwingende Kuppel, eine gewaltige Welle, die sich über knapp 200 Meter erstreckt. Die Reisenden bewegen sich auf drei Etagen. Große Freitreppen führen direkt von Gleis 1 in die Innenstadt.

Die Verkaufspassage im Erdgeschoss wird erhellt vom Tageslicht der Bahnsteige. Gläserne Aufzüge führen von hier aufs Gleis. Der Fußgängerdurchgang hat auch eine städtebauliche Funktion. Er verbindet zwei sehr unterschiedliche Quartiere miteinander.

Liège-Guillemins © Yannick Wegner

In Zeiten von CGI und 3D-Renderings muss die Fotografie einen Weg finden, nicht ins Abseits gedrängt zu werden. Sicherlich haben Renderings ihre Daseinsberechtigung in der Visualisierung geplanter Bauwerke und anderer Bereiche – trotzdem werden sie nie die Realität abbilden können, so wie es die Fotografie vermag.

Ziel meiner Abschlussarbeit war es, einen Weg zu finden, außergewöhnliche Architektur visuell neu erfahrbar zu machen. Simulierte Kamerafahrten, die aus tausenden Einzelaufnahmen entstanden und in der Postproduktion stabilisiert und aneinandereiht wurden, vermitteln ungewohnte Sichtweisen und sollen ein neues „Raum-Zeit-Gefühl“ beim Betrachter auslösen.

Liège-Guillemins © Yannick Wegner

Durch das Raffen der Zeit und das damit einhergehende Sichtbarwerden des wandernden Lichtes wird aus einem leblosen Gebäude ein scheinbar mit seiner Umgebung agierendes Objekt.

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3 Kommentare

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  1. Toller Artikel, schöne Bilder. Ich habe keine Angst, dass die Fotografie in Zeiten von Video und CGI ins abseits gerät. Das ist nicht viel anders als mit Büchern (die einen neuen Aufschwung erleben). Ich freue mich, dass ich dieses Jahr mir ein Wochenende Zeit nehme, um den Bahnhof genauer unter die Lupe zu nehmen.