25. Januar 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt

Ich möchte Euch ein Buch über Fotografie vorstellen, das über 250 Seiten hat, in dem aber nur 19 Fotos abgebildet sind. Wer zurecht erst einmal findet, dass das etwas mager klingt, sei beruhigt: Beim Lesen entstehen unendlich viele Fotos im eigenen Kopf.

Was ist das nun für ein Buch? Es handelt sich um „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“*, geschrieben von Deutschlands einzigem professionellen Daumenkinographen Volker Gerling. Im Jahr 2012 habe ich ihn bereits interviewt. Damals endete unser Gespräch damit, dass Volker sagte, er arbeite gerade an einem Buch über seine Wanderschaften.

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Hier ist es nun, wenn man so will. Das vorliegende Buch ist in weiten Teilen das Tagebuch, das Volker Gerling auf seiner ersten Wanderschaft von Berlin nach Basel geführt hat. Versehen mit einigen nachträglichen Anmerkungen und Einzelbildern aus Daumenkinos, die an verschiedenen Stellen erwähnt werden.

Nachdem Volker im Sommer 2002 bereits monatelang den Menschen auf den Straßen und Plätzen Berlins seine Daumenkinos als Wanderausstellung auf seinem Bauchladen gezeigt hatte, beschloss er, im Sommer 2003 auf Wanderschaft zu gehen. Sein Plan für dieses dreimonative Vorhaben: Von Berlin über Leipzig, Regensburg und München nach Basel reisen. Zu Fuß, ohne Geld. Unterwegs neue Daumenkinos machen.

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Anfangs läuft er zwar euphorisch, aber auch etwas ängstlich, was ihn erwarten wird, los. Relativ schnell ist er erschöpft, weil er an das stundenlange Gehen mit dem Gepäck noch nicht gewöhnt ist. Doch schnell macht er die ersten Begegnungen mit gastfreundlichen, interessanten oder auch einfach nur seltsamen Menschen. Sie geben ihm Verpflegung mit auf seine Reise und während sie seine Daumenkinos durchblättern, kann er das Leuchten und die Faszination in ihren Gesichtern beobachten.

In 36 Kapiteln kann man Volkers Reise nachvollziehen und immer mal wieder auf das hintere Vorsatz blättern, auf dem die Route quer durch Deutschland abgebildet ist. In jedem Kapitel hat mich immer wieder aufs Neue erstaunt, was für Begegnungen er hat. Wie viele Menschen neugierig auf diesen fremden Mann sind, ihm ihre Geschichten erzählen oder ihm einfach mit etwas Wasser aushelfen.

Manchmal ist er auch allein, zweifelt an allem und steigt einmal sogar als Tramper für ein paar Kilometer in ein Auto. Diese Spritztour endet aber mit dem Gefühl, dem eigenen Ich zu schnell vorausgeeilt zu sein und nun erst einmal warten zu müssen, bis man vollständig an Ort und Stelle ist. Wenn man monatelang zu Fuß unterwegs ist, bewegt man sich in einem ganz anderen Tempo.

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Warum beschreibe ich das hier alles, obwohl es nur wenige Fotos zu sehen gibt und es auch nicht darum geht, eine Anleitung zum Fotografieren zu lesen? Weil der Blick in Volkers Tagebuch meiner Meinung nach für mein fotografierendes Ich viel wertvoller ist als jede normale Anleitung und jeder Fotoband es sein könnte.

Man erfährt einige der innersten Gedanken von jemandem, der sich für ein paar Monate der Welt relativ schutzlos ausgeliefert hat, um ihr seine Fotos zu zeigen. Seine Fotos, die in den Händen der Betrachter zu kleinen Filmen werden, zu Ausschnitten des Lebens, die sich beliebig wieder und wieder sehen oder auch anhalten oder ganz langsam, Bild für Bild, betrachten lassen.

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Hier erfahre ich aus erster Hand, wie anstrengend, aber auch wunderschön – für sich selbst ebenso wie für die Menschen, die man trifft – es sein kann, sich ganz seinen Bildern zu verschreiben und der Aufgabe, sie anderen zu zeigen.

Volker hat für sich beschlossen, dass es das Beste für ihn und seine Bilder ist, mit ihnen auf Wanderschaft zu gehen. Mich regt die Lektüre seiner Erfahrungen also dazu an, mich zu fragen, was das Beste für mich und meine Bilder ist. Wie sollten sie entstehen? Wie sollte ich sie der Welt zeigen? Und muss ich dafür vielleicht auch einfach mal aus meinem bequem eingerichteten Alltag heraus?

Was aus dieser Überwindung, dem Schritt hinaus, entstehen kann, erfährt man im Epilog zur Wanderschaft. Dem möchte ich hier natürlich nicht vorgreifen, nur soviel: Die Begegnungen und Begebenheiten seiner ersten Wanderschaft wurden zu den Ausgangspunkten neuer Wanderungen und Treffen mit Fremden nach vielen Jahren. Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Volker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag MetrolitVolker Gerling, Bilder lernen laufen..., Verlag Metrolit

Wem kann ich „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“ nun besonders empfehlen? Allen, die sich manchmal fragen, ob Bildermachen allein schon alles ist. Allen, die manchmal das Gefühl beschleicht, dass ihre Bilder nicht allein vom Tutorialslesen besser werden. Allen, die sich für die Geschichten und Gedanken hinter Bildern interessieren.

 

Informationen zum Buch

„Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“*
Autor: Volker Gerling
Verlag: Metrolit
Seiten: 256
Abbildungen: 20, schwarzweiß
Sprache: Deutsch
Maße: 21 x 12,8 x 2 cm
Einband: Hardcover, gebunden
Preis: 18,99 €

 

Die nächsten Termine von „Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt“

Dienstag, 4. Februar, Nürnberg
Im Rahmen der Eröffnung von Panoptikum
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Montag, 10. Februar, Dresden
Im Rahmen der Reihe „Mayer trifft …“
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Samstag, 15. Februar, Konstanz
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Sonntag, 16. Februar, München
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Donnerstag, 27. Februar, Berlin
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10 Kommentare

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  1. Die Frage nach der angemessenen und individuellen Präsentation stellt sich mir zunehmend. Diese „In’sNetzHochladerei“ finde ich mittlerweile banal im Vergleich zu dem, was an greifbaren, realen Möglichkeiten da ist.
    Danke für den Tipp..!!

  2. Danke für das Zeigen !
    Sehr spannende Geschichte, so ein Daumenkino in der Hand zu halten ist natürlich was besonderes. Trotz dem bin gerade am überlegen wie man das Digital umsetzen könnte. Vielleicht mit diesen Startrails Programme und kleine Filmchen daraus machen.

    • Ganz kleines Kino! Wunderbar. Vielen Dank für diesen Artikel – freue mich schon auf die Lektüre…
      Und alles so schön analog. Die Bilder, die Fertigung der Daumenkinos und sogar die Begegnungen mit den Menschen. Was für ein Glück!