22. Januar 2014 Lesezeit: ~8 Minuten

Die Farben der Musik

Hi, mein Name ist Chris und ich bin Musiker… Nein. Halt. Nochmal. Hi, mein Name ist Chris und ich bin Fotograf. Ach, eigentlich trifft beides zu, was wohl auch der Grund dafür ist, warum ich mich am wohlsten fühle, wenn ich Musiker vor meiner Kamera habe.

Anders kann ich’s mir jedenfalls nicht erklären, dass mein bisheriger fotografischer Werdegang mich von Natur über Lifestyle bis hin zur People-Fotografie und nun zurück zu meinen kreativen Wurzeln geführt hat: Zur Musik.

© Christopher Wesser

© Christopher Wesser

Aber warum eigentlich genau dieses Feld der Fotografie? Irgendwie hat die Musik schon immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Schon mein Vater ist ein sehr begnadeter Akkordeon-Spieler, was er eigentlich an mich weitergeben wollte. Ich bin dann aber doch bei der Gitarre gelandet und habe mich jahrelang durch unzählige Bands gespielt und entsprechend viele Musiker kennen gelernt.

Habe mir ihre Marotten angeeignet und mich nächtelang in Proberäumen einem gesundheitsgefährdend extremen Gemisch aus Schlagzeug, Gitarre, Rauch und Alkohol ausgesetzt. Ich spielte unter freiem Himmel vor Hunderten von jubelnden Leuten und in winzigen Clubs vor nicht einmal zehn Menschen, die mir gelangweilt zusahen, während ich auf der Bühne an meinen sechs Saiten zupfte.

Mein Instrument fiel in den ungünstigsten Momenten während eines Auftritts aus und einmal habe ich sogar einen Begeisterungskuss geerntet, als ich von der Bühne gekommen bin. Zusammengefasst: Ich konnte in den letzten zwölf Jahren einige sehr extreme Hochs und Tiefs zusammen mit meinen Mitmusikern erleben und sowas schweißt zusammen.

© Christopher Wesser

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Zu einem immer wiederkehrenden Tief gehört definitiv das Thema Bandfotos. Vor einigen Jahren war ich selbst noch der, der mit seinem Instrument in der Hand unbeholfen vor der Kamera stand und nicht so genau wusste, wie man sich als Band eigentlich präsentieren will oder soll. Und irgendwie kommt diese Erinnerung als Flashback doch jedes Mal wieder, wenn ich meine Kamera in Richtung eines Musikers halte.

Vor allem, wenn man die Bands und Künstler fragt, was sie sich eigentlich so für Fotos vorgestellt haben und dann nur ein Schulterzucken bekommt. In günstigen Fällen erhält man noch vage Umschreibungen wie „soll nicht so aufgesetzt wirken“ oder „auf jeden Fall irgendwo draußen“. Da wird man als Fotograf schnell zum Creative Director, was für mich persönlich heißt, dass ich mich weiter mit der Musik der Gruppe auseinandersetzen muss, um Stimmungen und Themenfelder herauszuhören, die man in Fotoshootings umsetzen kann.

© Christopher Wesser

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Das wirklich Positive dabei: Für Musiker gibt es kein „das ist mir jetzt doch irgendwie zu künstlerisch“. Je abgefahrener die Ideen des Fotografen sind, desto besser. Irgendwie muss man sich ja abheben. Immerhin sind die Fotos meistens das Erste, was man von so einer Band sieht. Sogar noch bevor man überhaupt die Musik gehört hat.

Da muss man schon mit einer gewissen Feinfühligkeit an die Sache rangehen, damit sich der Betrachter der Bilder in etwa vorstellen kann, was musikalisch auf ihn zukommt. Man versucht sozusagen, aus Musik und Bildern ein einheitliches audiovisuelles Ganzes zu erschaffen, das bestenfalls in allen Adjektiven übereinstimmt.

Wenn ich mir die Musik der Bands anhöre, dann schreibe ich einfach die Stichworte mit, die mir in dabei in den Sinn kommen: „freundlich, minimalistisch, akustisch, natürlich“ und schon ist mein Moodboard für das Shooting fertig. Meistens reicht der Band dann auch nur ein kleiner Funke oder eine ungefähre Idee. So eine Gruppe aus Musikern entwickelt sehr schnell eine starke Eigendynamik, das ist bei einem Fotoshooting dann durchaus vergleichbar mit einer Bandprobe.

© Christopher Wesser

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Der eine wirft einen Begriff in die Runde, der andere findet einen kaputten Schirm am Straßenrand und schon formiert sich die ganze Band, um darunter zu posieren, so wie sie sich auch im Proberaum musikalisch nur einzelne Bruchstücke zuwerfen, um daraus ein großes Ganzes zu machen. Diese Art des kreativen Flusses ist für People-Fotografen erstrebenswert, aber rar.

Vor allem die Arbeit mit fremden Modellen ist mit einer gewissen Distanz behaftet, die es nur sehr beschränkt zulässt, außergewöhnliche und neue Ideen anzugehen. Arbeitet man mit Musikern, die sich ständig in der Situation des gemeinsamen kreativen Schaffens befinden, kann man sich als Fotograf ab einem gewissen Punkt einfach zurücklehnen und die Show genießen.

© Christopher Wesser

© Christopher Wesser

Der Einblick in diese beiden kreativen Felder hat mir außerdem so einige Überraschungen beschert. Im Endeffekt kann man sagen, dass sich Musiker von Fotografen nur in ganz kleinen Nuancen unterscheiden. Eigentlich ist nur das Werkzeug und das Endprodukt unterschiedlich, aber sämtliche Elemente und Vorgehensweisen dazwischen liegen gespenstisch nah beieinander.

Als ich das erste Mal ernsthaft mit einem Modell zusammen gearbeitet habe, mit der Absicht, eine repräsentative People-Strecke zu produzieren, konnte ich irgendwie wieder diese Nervosität spüren, die ich hatte, als ich das erste Mal mit meiner Gitarre auf einer Bühne stand. Nicht umsonst hört man viele englischsprachige Fotografen auch sagen „I had a gig“, wenn sie von einem Shooting reden.

Faktisch tun beide Künstlergruppen auch das Gleiche: Es werden Stative aufgebaut und dabei beschwert man sich schon über zu wenig Platz oder darüber, dass die Kälte einem die Finger einfriert. Wenn ganz viel Budget dahinter steckt, hat man sogar noch die Möglichkeit, bevor es losgeht einen ordentlich Licht- bzw. Soundcheck zu machen und wenn’s dann ernst wird, wundert man sich, warum plötzlich alles anders ist als beim Testen.

© Christopher Wesser

© Christopher Wesser

Lauter Leute schauen einen gespannt an und hoffen, dass man etwas Außergewöhnliches zeigt. Man hofft auf guten Sound (oder Licht) und dass die Technik nicht streikt. Und wenn dann doch die Technik streikt, gibt man dem unfähigen Assistenten die Schuld, der irgendeine Verkabelung verbockt hat.

Außerdem gibt’s da immer – also wirklich immer – diesen alten, grauhaarigen Mann mit der braunen Anzughose und dem Bierbauch, der eigentlich nur zum Zuschauen gekommen ist, aber das, was man da als Künstler tut, schon ungefähr 128 Jahre länger und vor allem besser macht und der befürchtet, dass man ohne seine Tipps und sein Reinreden so gar nichts Vorzeigbares zustande bringen wird. Wo kommt der eigentlich immer her? Hat der kein Zuhause?

Wenigstens kann man den Veranstaltern bzw. Kunden nicht vorwerfen, sie würde sich nicht um uns kümmern. Ich habe bisher weder als Livemusiker noch als gebuchter Fotograf für mein Essen oder Getränke zahlen müssen.

© Christopher Wesser

© Christopher Wesser

Die Entdeckung dieser Parallelen hat mir in der Fotografie so manche Türen geöffnet und vieles einfacher gemacht. Sowohl als Künstler als auch als Musiker kommt man einfach unausweichlich immer wieder an einen Punkt, an dem man das eigene Schaffen hinterfragt. Sowohl bezüglich Sinn als auch Qualität. Diese Phase kann einen ganz schön aus der Bahn werfen oder sogar zum Aufgeben bringen.

Meine Erfahrung als Musiker hat mir dabei geholfen, diese Hürden in der Fotografie immer wieder zu überwinden. Ich hatte bereits oftmals erfahren, dass kreative Tiefs kein Dauerzustand sind und man sich einfach durchkämpfen muss. Ich wusste immer, dass es, wenn es bergab geht, auch irgendwann wieder bergauf geht. Vielleicht sogar noch viel steiler, als man es erwartet hätte.

Es hat sich bisher sowohl fotografisch als auch musikalisch immer gelohnt, am Ball zu bleiben, zu üben, die Zähne zusammen zu beißen, sich nicht zu viel reinreden zu lassen und vor allem offen zu sein. Offen für alles. Für jede Inspiration, jeden neuen Denkansatz und für jede neue Lektion. Denn auch nach 13 intensiven Jahren habe ich an der Gitarre noch lange nicht ausgelernt und genau so wird auch beim Fotografieren sein.

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26 Kommentare

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  1. Inspirierend.
    Mir gefallen die Fotos – und ich bin jetzt eigentlich ziemlich neugierig wie die Bands dahinter klingen. Hast Du da ein paar Links?
    Interessante Beobachtung und Parallelen, die du zur Musik ziehst. Leuchtet mir ein und macht mir Lust mal wieder eine Band zu fotografieren… und endlich mal wieder eine Band an den Start zu kriegen. ;)

    Das Schlagzeug Foto knallt richtig.
    Danke.

    • Danke Danke :)

      Ja logisch, das mit den Links zu den Bands ist einfach.

      1. Bild ist meine eigene Band, wir covern aber nur alternative und poppige Stücke auf der akustik-Schiene, deswegen gibt’s da nicht wirklich Aufnahmen.

      Danach kommt die Metalband „Symbolic“: (findet man auch auf Spotify)
      https://www.facebook.com/symbolicger

      Dann haben wir zwei mal „Radio Circuit“, die es glaub ich in der Form nicht mehr gibt, die waren aber so eine Blues-lastige Alternative-Band. (Auch das mit dem Teddybären ist diese Band)

      Der Einzelkünstler mit Banjo / Ukulele ist „Impala Ray“, macht sehr erdige acoustic-alternative Musik und steht kurz vor der Veröffentlichung des ersten Albums (Wofür auch die Bilder gemacht wurden):
      https://www.facebook.com/ImpalaRay.music

      Dann kommen zwei Bilder von meinem persönlichen Geheimtip: „Paper & Places“. Die gibt’s auch bei Spotify und haben gerade ihr erstes Album veröffentlicht:
      https://www.facebook.com/paper.and.places

      Ansonsten kommen hauptsächlich klassische Musiker, die man vor allem in Orchestern wieder findet bzw. nochmal eine Coverband (Das Bild mit den Metallstangen).

      Viel Spaß damit :)

  2. Interessante Ausführungen und meist sehr treffende Künstlerbilder.
    Ich empfinde Künstlerfotografie als einen schwierigen Spagat, weil sie gleichzeitig authentisch den Musiker und seinen Stil vermitteln soll, andererseits nichts anderes als Posing für das Publikum zum Ziel hat (Konzertankündigungen, Plattencover etc.). Da ist viel Gefühl gefragt. Sonst können peinliche oder hölzerne Bilder rauskommen.
    Das hast du aber gut vermieden.

  3. Hi, Chris. Interessanter Text. Ich mag deine Sicht und Herangehensweise, die Akteure mal einfach machen zu lassen. Nicht zuletzt deswegen, weil ich selber auch sehr gerne im musischen Umfeld auf den Auslöser drücke. Ich teile die Erfahrung, die Bands einfach mal mit nem Stichwort allein zu lassen – Musiker sind meist sehr kreativ, das funktioniert.

    PS: Mein Vater spiel ebenfalls Akkordeon, nur leidenschaftlich, nicht begnadet – das ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Unterschied ;)

    • Danke Dir! Eigentlich ist es schon Jahre her, dass ich meinen Vater so wirklich spielen hörte. Aber wenn ich so drüber nachdenke, wäre das sicherlich eine interessante Portraitstrecke – Die Wiederentdeckung des Akkordeons nach vielen Jahren ;)

  4. Ein interessanter, sehr gut nachvollziehbarer Einblick in Dein kreatives Schaffen. Mir gefallen besonders gut die Fotos von dem Schlagzeuger und dem Musiker mit dem Banjo. Toll!

  5. Hallo Christopher,

    deine Bilder sind sehr sehr ausdrucksstark und ausgefallen. Am Besten gefällt mir das Bild mit dem Schlagzeug.

    Ich kann deine Begeisterung für die Musik gut nachvollziehen, denn auch ich liebe und lebe für Musik. Deine Bilder drücken diese Liebe und Begeisterung sehr authentisch und stark aus.

    Wirklich sehr schöne Arbeit, die du gemacht hast!
    Liebe Grüße,
    Jana

  6. Wwoooww! Kompliment! Ich kann da voll mitfühlen! Selbst auch als Musiker oder Fotograf finde ich hast du recht mit den parallelen! Schöner frischer Beitrag! Hat mich inspiriert meine Band Freunde abzuknipsen… Schöne Bilder! Echt cool und harmonisch! Besonders gut finde ich das mit dem Boot! Viel Erfolg und Spaß weiterhin!! Lg gianero

  7. Endlich thematisiert jemand das Problem der Musiker-Fotografien. Bildende Künstler sind meistens sehr gekonnt abgebildet, aber bei Musikern ist das wirklich oft ein Debakel – Musik und Foto passen einfach nicht zusammen. Viele deiner Bilder gefallen mir wirklich gut, am besten vielleicht das der Cellistin und das der Band darunter… Da passen Stile der Musiker und Bild-Ausdruck zusammen.