street, marius vieth
21. Januar 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Auf einmal war alles anders

Was war das denn bitteschön? Da fotografiert man 285 Tage lang die Straßen von Düsseldorf, packt voller Stolz seinen mühevoll entwickelten eigenen Street-Photography-Stil ein, fliegt hocherkältet 9000 Kilometer nach Süd-Korea, nur um voller Euphorie festzustellen: Der funktioniert hier gar nicht.

Ich habe den Großteil meines 365-Tage-Projektes in Düsseldorf verbracht. Es ist zwar eine Großstadt, aber trotz der üblichen Lamborghini-Burnouts und Champagnerduschen geht es hier sehr gemächlich zu.

Übersichtliche Szenerien, wenige Menschen und Lichter bilden die typischen Bühnen für meine Helden des Alltags. Daraus ist ein sehr sanfter, aufgeräumter und intensiver Stil entstanden.

© Marius Vieth

Vor Seoul war ich bereits in Städten wie New York, Bangkok und Shanghai, allerdings nie mit der Absicht, ernsthaft zu fotografieren. Als ich in den ersten Tagen die Straßen von Seoul fotografieren wollte, fiel es mir schwerer denn je zuvor. Alles war so unaufgeräumt, pulsierend und unruhig.

Ich war völlig in Trance. Das liegt bestimmt an meiner Erkältung, dachte ich mir. Lag es aber nicht, das war wirklich so. Ich versuchte anfangs, Seoul erst einmal auf mich wirken zu lassen. Ganz ohne Hintergedanken. Also ab in die nächste Seitengasse, einen Sochu trinken und etwas auf der Straße essen.

© Marius Vieth

Selbst um 5 Uhr morgens an einem Montag war in der 27-Millionen-Metropole noch so viel los, dass man kaum einer einzelnen Person eine große Bühne wie in Düsseldorf geben konnte. Also versuchte ich nach zahlreichen Versuchen, meinem Stil ein Update zu verpassen: Bühnen kleiner machen, all die störenden Elemente als Ganzes reduzieren und trotzdem einem Menschen unwissend sein Rampenlicht geben.

© Marius Vieth

Irgendwo schwirrte in meinem Kopf immer der Gedanke herum, im Sinne einer Reisedokumentation typische Szenen aus Seoul fotografieren zu müssen. Ich hab’s versucht mit den Sehenswürdigkeiten und Postkartenmotiven, aber es ging und wollte einfach nicht.

Dafür liebe ich diese unscheinbaren, intimen Momente in all der Großstadthektik einfach zu sehr. Im Laufe der Reise begriff ich, dass meine Fotos nicht Seoul sind, sondern ich in Seoul. Und das ist okay so.

© Marius Vieth

Auch, wenn ich die meiste Zeit nachts fotografiert habe, weil die Seele Seouls für mich erst nachts so richtig zum Vorschein kommt, wollte ich trotzdem versuchen, auch tagsüber etwas zu entwickeln. Bei meinem Rundgang durch das entzückende „Bugchon Hanok“-Dorf entdeckte ich eine tolle Bühne mit natürlichem Rampenlicht.

Während der nächsten 40 Minuten wartete ich nervös auf meinen persönlichen Star des Moments und musste permanent an diesen einen Satz denken, den man immer von Regisseuren hört: „Leute, wir verlieren Licht!“ Kurz bevor der Vorhang sich zuzog, erschien dann doch noch meine Traumbesetzung. Puh!

© Marius Vieth

Nachdem ich bereits Thailand und China gesehen hatte, war Korea nun mein drittes asiatisches Land. Eine komplett neue Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann. Unglaublich leckeres gegrilltes Essen, abgedrehtes Karaoke, wunderschöne Parkanlagen, bezaubernde Natur und wirklich liebenswerte, höfliche Menschen haben diese Reise zu einer der schönsten meines Lebens gemacht.

Na gut, wenn ich schon Werbung für dieses tolle kleine Land hier mache, dann aber auch richtig – mit Postkartenmotiv. Aber pssst.

© Marius Vieth

Rennen, Blau, Weitwinkel, Dunkel, Nacht, Marius Vieth

Seoul war für mich eine riesige Herausforderung. Selten hatte ich das Gefühl gehabt, so viel geschafft zu haben und doch erst ganz am Anfang zu stehen. Ich habe gelernt, dass es kein Ziel gibt. Es gibt nur einen Weg, der mal steinig, mal traumhaft schön ist und in der Regel keine Wegbeschreibung hat. Obwohl das manchmal etwas beängstigend ist, weiß ich eines ganz sicher:

Diesen Weg will ich jeden Tag mit einem Lächeln bestreiten, wo auch immer er mich hinführen wird.

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27 Kommentare

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  1. Hallo!

    Ich muss mal sagen! Deine Fotos zusammen mit Deiner Erklärung sind wunderbar! Habe mir tatsählich vorher noch nie so Bilder angesehen!
    Ich surfe gerade beruflich über die Seiten um mein Gewinnspiel an den Mann/die Frau zu bringen, aber Deine Seite hat mich echt gefesselt! „Helden des Alltags“ -> gefällt mir!

    Danke für den Blog!
    Simone

  2. Besonders das Schuhladenbild und die Küche haben es in sich, vermitteln mir als Nichtkenner Südkoreas zugegebenermaßen auch ein bisschen Klischee. Dadurch „flashen“ die Bilder auch sofort.
    Die Reduzierung kann ich mir gut vorstellen, ist dir aber sehr gut gelungen.
    Eine Ameise in einem Ameisenhaufen zu fotografieren, ist sicher nicht einfach.

  3. Ich bin ja echt ein großer Fan deiner Streetfotografie. Ich finde deinen Bearbeitungsstil großartig. Freue mich immer wieder, wenn ich deine Werke betrachte. Danke für deine Eindrücke aus Asien :-)

  4. Hallo Marius,

    deine Bilder, sowohl die Aufnahmen aus Korea als auch die Fotos aus meiner Heimatstadt, gefallen mir sehr gut. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Fotografen es bei der Street-Photography schaffen diese kleinen interessanten Momente einzufangen, die ich im Alltag so oft übersehe.
    Auch kann ich mir gut vorstellen, wie schwierig es ist, in einer neuen Stadt zu fotografieren, in der sich die Menschen anders verhalten. Das ist dir sehr gut gelungen, wie ich finde :).

    Viele Grüße,
    Anni

    • Hey Anni,

      vielen lieben Dank für die netten Worte. Ich glaub da muss man einfach diese kleinen Dinge lieben und sehen wollen. Wobei man auch wirklich mal 3 Stunden rumläuft und nichts passiert hahha

      Vielen Dank!

      Beste Grüße,

      Marius

  5. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #71 » ÜberSee-Mädchen

  6. Weiß denn jemand, was aus Marius Vieth geworden ist? Habe gerade die Streetcast.fm Folge gehört, in der er zu Gast war. Unglaublich motivierend! Es scheint aber so zu sein, das all sein Content gelöscht, und er von der Bildoberfläche verschwunden ist. Schade!