12. Dezember 2013 Lesezeit: ~5 Minuten

Gläserne Schönheit

Was ist modern? Was ist alt? Wie entsteht Fotografie, die zeitlos wird? Zu den Arbeiten des französischen Fotografen Eric Antoine lassen sich Fragen nach dem Wesen der Fotografie, der Malerei und der Kunst überhaupt stellen. Es sind Bilder, an denen man nicht einfach vorbeigehen kann, ohne von ihnen berührt zu werden.

In der Vergangenheit hat der 39-jährige Franzose schon mit verschiedensten Formaten und Prozessen gearbeitet: „Ich habe viel mit Entwicklungs- und Druckverfahren sowie alternativen und alten Prozessen experimentiert. Ich habe viele verschiedene Formate benutzt und hatte immer eine Vorliebe für meine einfache Nikon FM2 und meine Hasselblad 500c/m.“

Untitled © Eric Antoine

Die Entscheidung für die Kollodium-Nassplatten-Fotografie als künstlerisches Verfahren in seiner aktuellen Serie „Ensemble seul“ hat dabei verschiedene Gründe:

Das Kollodium-Nassplatten-Verfahren ermöglicht mir sehr präzise und vollkommende Fotos. Ich mag die Dinge, die meine Fotos werden: Ich mag das Glas (ich mache sie prinzipiell auf Glas), ich mag es, auf niemanden angewiesen zu sein und alle Schritte meiner Fotografie selbst ausführen zu können, ich mag ihre Bildmaße, die Präsenz des Silbers und seine Brillianz, ich mag diese Verbindung zwischen Malerei und Fotografie, die sonst nirgendwo so eng ist.

Die Existenz in diesem Zwischenraum zwischen Fotografie und Malerei erkennt man in seinen Bildern und seinen Motiven. Es sind klassische, zeitlose Bilder, die Eric mit dieser Technik macht. Er benutzt sie nicht, um Motive aufzuwerten, sondern weil er davon überzeugt ist, dass die Bilder das Verfahren für ihren ureigenen Charakter brauchen.

Untitled © Eric Antoine

Dieser Charakter ist für Eric, der in einem Haus mitten in der Natur lebt, auch ein bisschen ein Statement, ein Widerstand gegen die digitale Welt, in der wir mit Smartphoneknipsbildern überschwemmt werden:

Ich fotografie das Einfache mit einem komplexen Prozess. Ich mache sehr wenige Bilder in einer Zeit, in der wir mit Bildern geradezu bulimisch umgehen – mich amüsieren diese Kontraste und davon gibt es sehr viele.

Diese Vorgehensweise ist allerdings nicht regressiv für Eric, ganz im Gegenteil sieht er sich selbst trotz der alten Technik als zeitgenössischen Fotografen:

Die Falle, in die man bei dieser antiken Technik tappen kann, besteht darin, in eine – meist unbeholfene – Reproduktion abzudriften, so dass man mit dem natürlichen Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten arbeitet, das dadurch entsteht, dass man ein modernes Objekt mit einer antiken Technik bearbeitet wird

Auch die Rückkehr zu einer langsamen Form der Fotografie als Gegenentwurf zur schnellen Digitalfotografie muss man modern nennen, bezieht sie sich doch direkt auf Ereignisse der Gegenwart. Er legt auf diesen Punkt wert – als Retro-Fotograf und Verwender der Technik um ihrer selbst Willen möchte er sich auf keinen Fall eingeordnet wissen. Er benutzt durchaus auch digitale Technik, sobald sie ihm als das richtige Medium für eine Serie erscheint.

Untitled © Eric Antoine

Betrachtet man Eric Antoines Bilder der Serie „Ensemble seul“, so versteht man nach und nach, aus welcher Richtung er kommt. Es ist keine Sehnsucht nach der Vergangenheit, die seine Arbeit antreibt, es handelt sich viel mehr um die klassische Sehnsucht des Künstlers nach dem Unvergänglichen, nach der Ewigkeit. Eric Antoines Bilder sind auf eine sehr erschreckend-berührende Weise zeitlos.

Der Charakter seiner Fotografien hat auch damit zu tun, sehr sorgfältig zu arbeiten, seine Werkzeuge gut zu kennen und ehrlich zu sein. Die disziplinierte Arbeitsethik, die dahinter steht, wirkt dabei in der heutigen Zeit perfektionistisch:

Ich bin für ein extremenes und methodisches Lernen der Technik, die maximale Kontrolle von letzterem (man wird nie alles kontrollieren können) und ihrer konsistenten Anwendung. Ich bin Anhänger einer ehrlichen Fotografie, einfach und nicht aufsehenerregend.

Untitled © Eric Antoine

Vielleicht ist es gerade das Einfache, nicht Aufsehenerregende, kombiniert mit einer präzisen Umsetzung, die Eric Antoines Bilder so außergewöhnlich erscheinen lässt. Zu seinen fotografischen Themen erzählt er mir, dass er einfach die Welt zeigen will und wahrscheinlich ist es das, was echte Kunst oft ausmacht:

Die Poesie liegt bei dieser Herangehensweise nicht darin, dass man politische, moderne, surreale oder außergewöhnliche Themen findet, sondern darin, dass man präzise und mit einem guten Auge für das Detail gewöhnliche Dinge arrangiert. „Die Themen sind die Zerbrechlichkeit des Lebens, die Abwesenheit, die Reue und schlussendlich die Flüchtigkeit der Zeit“, sagt er.

Wenn auf einem der Bilder von Eric Antoine, die er nach allen Regeln des Verfahrens sorgsam hergestellt hat, ein klassischer Akt auf einem Sofa gezeigt wird, der an Malerei erinnert, dann ist das auf eine Weise schmerzhaft schön, die nicht nur daran erinnert, dass Bilder ihre Zeit brauchen, sondern auch die Schönheit des Lebens an sich abbildet.

Es ist modern und uralt gleichzeitig – eben zeitlos.

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