23. März 2013 Lesezeit: ~8 Minuten

Eine Idee auf Reisen



Nachdem hier auf kwerfeldein vor Kurzem über das Thema „Kopie, Inspiration und Idee“ diskutiert wurde, wollte ich mich ausführlicher damit beschäftigen, was passiert, wenn man vom Bild eines anderen inspiriert wird. Und was daraus entstehen kann.

Ob es das spezielle Format, ein Accessoire, der Bildaufbau, die Thematik oder das Konzept ist – etwas an einem Bild fesselt den Betrachter so sehr, dass es bewusst oder unbewusst gespeichert wird. Entweder man entscheidet sich dann bewusst, einen Aspekt aufzugreifen und ihn zu einem eigenen Bild zu entwickeln oder es geschieht, ohne dass man es merkt. Es ist mir selbst schon passiert, dass ich erst Wochen, nachdem ich ein Foto gemacht habe, einen Teil meiner Idee in einem altbekannten Bild wiedergefunden habe.

Ich habe unzählige Beispiele gefunden von Fotografen, die unter ihrem Bild das Foto eines anderen Fotografen als Quelle der Inspiration angegeben haben. Für mich hat dieser Hinweis die Bilder umso spannender gemacht, da es toll ist, zu sehen, was aus der Idee eines anderen werden kann. 
Acht Bildpaare habe ich ausgewählt und den jeweils inspirierten Fotografen um ein paar Worte zu seinem Werk, der Intention und zur Inspiration an sich gebeten.

Einen tollen Gedanken von Thomas Mann, möchte ich Euch noch auf die Reise durch die folgenden Bilder mitgeben: 
„Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen.“

Growing thoughts – Mister Sullivan
Growing thoughts – Mister Sullivan

Half Kiwi – Chloe Smith
Half Kiwi – Chloe Smith

Chloe: „Als ich Michaels Foto sah, musste ich schmunzeln. Ich sah den Baum als Erweiterung des Kopfes. Es könnten Adern sein oder das Gehirn oder einfach eine krause Haarpracht. Ich mochte die Eigentümlichkeit der Kombination und wie zwei zusammenhangslose Dinge so gut harmonieren können. 
Also nahm ich diesen Aspekt, ein Objekt als Erweiterung eines Fotos zu nutzen, als Inspiration für mein Bild.
 Meine Interpretation ist eine Anspielung auf meine Herkunft. Die Kiwi steht für Neuseeland, woher meine Mutter stammt.
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rorschach. - Robby Cavanaugh
rorschach. – Robby Cavanaugh

This Is Only A Test – Joel Robbinson
This Is Only A Test – Joel Robbinson

Joel: „Die Idee meines Fotos entstand nicht direkt als eine Inspiration aus Robbys Foto, aber nachdem das Konzept in meinem Kopf anfing, Form anzunehmen, erkannte ich, dass es große Teile seiner Idee und Vision widerspiegelte. Ich wollte aber, dass es eine Kombination aus einem von ihm inspirierten Foto und meiner ganz eigenen Geschichte und Symbolik wird. Ich nahm sein Foto also als Leitfaden für die Gestaltung (schwarz und weiß) meines Bildes, aber ich versucht auch sehr stark, meinen eigenen Stil in der Bearbeitung und im Konzept einzubringen.

Mein Konzept basierte auf der Idee, getestet zu werden und war inspiriert von Rorschachtests und was sie über Dich aussagen. Ich hatte noch nicht viele konzeptionelle Bilder gesehen, die dieses Prüfverfahren als Inspiration nutzten, aber Robbys hat mich eindeutig dazu inspiriert, meine eigene Version zu erschaffen.“

pollen covered – Laura Zalenga
pollen covered – Laura Zalenga

reanimation – Ana Santl
reanimation – Ana Santl


Ana: „Ursprünglich hatte ich nicht vor, das Foto von Laura ‚nachzumachen‘, wie man das gern sagt. Es war eher intuitiv: Ich bewunderte die kleinen Minzenblätter und erst dann hatte ich mich entschieden, sie unter die Augen aufzukleben. Währenddessen war das Bild von ihr irgendwo in meinem Hinterkopf, es war aber doch anwesend und beeinflusste mich.“

makes light and, life. - imfreelykeely
makes light and, life. – imfreelykeely

untitled – Gibson Regester
untitled – Gibson Regester

Gibson: „Nun, jeder Künstler muss das, was er oder sie durch die eigenen Augen sieht, übersetzen. Daher musste auch ich, was ich gesehen hatte in mein eigenes Kunstwerk übersetzen. Es erwies sich nicht als schwieriger, sondern sogar einfacher, ein Bild zu produzieren für das ich eine feste Quelle der Inspiration hatte. 
Sofort nachdem ich Keelys Foto gesehen hatte, erschien in meinem Kopf ein Bild, das ich machen wollte. Ich nahm also die Quelle der Inspiration und nutzte sie, um mein eigenes einzigartiges Stück zu schaffen. Denn was bedeutet einzigartig wirklich?

Es ist etwas, das aus dem riesigen Eintopf des Lebens entsteht, den wir, aus den Zutaten unzähliger anderer Menschen, machen. Wir lassen ihn den ganzen Tag lang ziehen und dann haben wir endlich unser eigenes einzigartiges Gericht, das sich in unsere Persönlichkeit, unsere Kunstwerke, unsere Verwendung von Sprache usw. übersetzen lässt. In diesem speziellen Fall waren es die Zweige, die scheinbar aus dem Kopf des Mädchens zu wachsen scheinen, die mich inspirierten. Es sieht einfach so schön und organischen aus und inspirierte mich sehr. Also musste ich meine eigene Wald-Frau aus meiner eigenen rothaarigen Schönheit machen.“

In need of rescue – Sophie Ellis
In need of rescue – Sophie Ellis

untitled – Noukka Signe
untitled – Noukka Signe

Noukka: „Sophies Arbeiten waren schon immer eine Inspiration für mich. Die Art und Weise wie sie die Welt und sich selbst einfängt, ist wunderbar und sehr einzigartig. 

Als Herausforderung für mich habe ich beschlossen, ein Foto, inspiriert von der Weite in ihren Fotos und der Tatsache, dass sie darin sehr klein erscheint, zu versuchen.
 Ihr Stil ist ganz anders als meiner, da ich meistens mit Nahaufnahme arbeite, bei denen der Hintergrund keine solch bedeutende Rolle spielt.

Also bin ich mit einem anderen Objektiv als üblich losgezogen und suchte nach neuen Locations, in die Sophie in meiner Vorstellung hineinpassen könnte. Die Dinge, die ich im Auge behielt, waren ‚kleines Mädchen in einer großen Welt‘ und ‚versuche verschiedene Posen‘, denn das waren die Dinge, die ich so sehr an Sophies Bildern liebte. – Das und natürlich, die Landschaft wunderschön wiederzugeben. Es gestaltete sich als eine echte Herausforderung! Ich hatte schon vorher eine Menge Respekt für Sophie gehabt, aber nach dieser Aufnahme noch viel mehr.
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Fragile Wings – Kyle Thompson
Fragile Wings – Kyle Thompson

Invisible Wings – Moritz Aust
Invisible Wings – Moritz Aust

Moritz: „Ich denke, der größte Punkt, warum ich Kyle als Inspiration genommen hatte war, dass seine Fotos schon immer eine große Inspiration für mich waren. Ganz besonders haben mich seine ‚cloth wings‘-Fotos begeistert. Gerade diese Ungewissheit, ob man diese Flügel mit dem Stoff überhaupt auch hinbekommen würde, hat mich angespornt. Die Umsetzung war nicht ganz einfach für mich, da ich selbst nicht genau wusste, wie man solche Stoffflügel macht.

Nach unzähligen Versuchen hatte ich dann endlich ein Foto, auf dem der Stoff wie Flügel aussah. Ich bin auf jedem Fall mit dem Vorsatz losgezogen, Kyle als Inspiration zu nutzen. Ich wollte mich eigentlich sehr von Kyles Foto absetzen und nur die Flügel als größtes Element aus seinen Fotos nutzen. Doch zum Schluss habe ich dann auch Teile seiner Pose übernommen, da ich mit keiner anderen zufrieden war.

Von was ich mich aber auf jeden Fall absetzten wollte, ist die Bearbeitung. Ich wollte auf keinen Fall eine ‚Kopie‘ seines Fotos erzeugen und habe deshalb meinen eigenen Bearbeitungsstil gewählt. Inspiration ist für mich ein großes Thema. Viele Personen haben mich bereits inspiriert und viele wurden von mir inspiriert. Für mich ist sich inspirieren zu lassen nichts Schlechtes, solange man nicht versucht, eine Kopie des Fotos zu erstellen. Man sollte sich nur soweit inspirieren lassen, dass das Foto noch eine persönliche Note hat.“







~

Eigentlich gibt es nicht viel mehr zu sagen; die Bilder und ihre Geschichten sprechen für sich. Ich hoffe, Ihr seid genauso positiv überrascht wie ich, was aus der Idee des einen im Verstand des anderen entstehen kann.
 Mich zumindest hat all diese ‚Inspiriertheit‘ sehr inspiriert.

Es wird Zeit für einen langen Spaziergang durch den Flickr-Wald und am 500px-Feld vorbei. Vielleicht trifft man sich ja beim Ideensammeln. 
Solange wir am Ende die Quelle unserer Inspiration nennen, gibt es doch nichts Schöneres, als eine Idee von Kopf zu Kopf wandern zu lassen.

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13 Kommentare

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  1. Wonderful article Laura, I love the collection of images and thank you so much for letting me participate! You’ve gathered some amazing minds here ♥

  2. Eine schöne Zusammenstellung von Bildern, die auch gut und
    gerne als Kollaborationen hätten entstanden sein können.
    Sehe viele der Paarungen hier beinahe als sich ergänzend.
    Die Künstler könnten darüber nachdenken diese
    Idee mit dem Gegenüber weiter auszubauen und zusammen
    eine Serie zu erstellen o.ä.? Das fände ich spannend.

  3. Das ist mal wieder ein toller Artikel über Fotografie!!!

    Das interessante daran ist für mich, dass es mich auf eine Idee gebracht hat. Als ich den Satz „[…] Die Kiwi steht für Neuseeland […]“ das schoss mir eine Idee durch den Kopf. „Allegorische Städte Stillleben“, also Stillleben Bilder die für Städte stehen im denen ich gelebt habe oder die ich besucht habe. Also als Beispiel für meine Geburtsstadt Sachsenhausen (bei Frankfurt) Apfelwein, Handkäse mit Musik, Brezel.

    So lieben ich diesen Blog! Tolle Bilder und ein 1A Artikel wie er fotografisch nicht besser sein könnte ;-)

    Gruß
    Oli

  4. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #35 » ÜberSee-Mädchen

  5. Schöner Artikel!
    Gute Auseinandersetzung mit Inspiration und nicht Kopie.

    Allerdings musste ich mit erstaunen feststellen, dass mir bis auf beim letzten Paar ausnahmslos die „Originale“ deutlich besser gefallen. Woran liegt das? Haben die „Originale“ mehr Seele? just my 2 cents.

  6. Ein klasse Artikel, der zum Nachdenken und in diesem Fall auch Nachmachen anregt :)
    „Nachmachen“ im eigentlichen Sinn ist ja doch meist eher negativ behaftet. Da zeigt der Artikel sehr schön die positive Seite im Bezug auf „Inspirieren lassen/Weiterentwickeln“. Durch die Ideen anderer kann man selbst kreativ werden. Mit dem entsprechenden Verweis auf die Inspirationsquelle ist das ja auch eine schöne Geste für den Künstler – sein Bild ist so toll, dass man selbst dadurch angeregt wird ähnliches zu kreieren!
    Danke für den Denkanstoß!

  7. Ich sehe leider zu häufig eben jene Bilder die keine Inspirationsquellen nennen und einige der oben gezeigten Bilder sind halt nicht der Beginn der Fahnenstange und die vermeintlichen „Originale“ sind selbst nur die erneute Interpretation längst dagewesenen und mehr oder minder nahe am Original.
    Wobei kaum eine Bildidee heute noch neu gedacht ist und Originäres eher ausgestorben ist, selbst wenn man sich noch so sicher ist das Konzept selbst geboren zu haben kann es passieren, dass man irgendwann später auf ähnliches und eventuell viel älteres trifft und nur mit einer Mischung aus Faszination, Erstaunen und auch Entsetzen auf sich selbst als „Duplikat“ sieht.

    Wobei in der Regel die Inspiration einfach unter den Tisch fallen gelassen wird, denn ansonsten wäre dieser Artikel um ein vielfaches länger, da die sogenannten Inspirationsquellen auch ihre hätten nennen sollen und so weiter und so fort und wenn sie nicht gestorben sind suchen sie ihre Quellen heute noch:)

  8. Blogartikel dazu: 1001 Strangers | meckyrockt

  9. Blogartikel dazu: Was ist Inspiration und wo beginnt das Plagiat? › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity