30. August 2012 Lesezeit: ~7 Minuten

Streetfotografie?

2011 war für mich das Jahr, in dem ich das Genre „Streetfotografie“ so richtig für mich entdeckt habe, auch wenn ich 2010 schon etwas reingeschnuppert hatte. Beflügelt durch meine damals frisch erworbene Kompaktkamera habe ich mich in die Straßen Hamburgs geworfen und unbemerkt aus der Hüfte abgedrückt. Es war großartig, niemand hat gemerkt, wenn ich ihn oder sie fotografiert habe und ich konnte – immer unterstützt von etwas Adrenalin – meiner Sache nachgehen.

Ich dachte, ich wüsste, was ich tue, aber ich hatte nur bedingt Ahnung. Ich schrieb damals einen Artikel zu meiner Streetfotografie und es entbrannte eine heiße Diskussion um Recht, Unrecht und Moral. Seit diesem Artikel habe ich mich weiterentwickelt und meine Sicht hat sich auch etwas verändert.

Ein Mann mit Pfeife im Mund schaut in ein Schaufenster

Beispielsweise habe ich nicht mehr wirklich Angst, entdeckt zu werden. Irgendwann kam bei mir der Punkt, an dem ich mich fragte, ob das, was ich mache, richtig sein kann, wenn ich immer in Angst lebe, enttarnt zu werden. Wenn ich hinter dem, was ich tue, stehen würde, dann könnte ich auch jemandem ehrlich erklären, warum ich ihn oder sie fotografiert habe. Für mich bedeutete das, dass ich mich vor dem Drücken des Auslösers fragte, warum ich das Foto mache und ob ich es vor der Person rechtfertigen könnte. Mir hat das sehr geholfen.

Ich bin nun beim Fotografieren auf der Straße viel selbstsicherer. Wenn ich daran glaube, dass es okay ist, was ich mache, dann brauche ich mich auch nicht zu verstecken. Das heißt nicht, dass ich nicht gern ungesehen bleibe. Für mich ist das immer das Optimum.

Wenn ich eine interessante Szene beobachten und auf einem Foto festhalten kann, ohne bemerkt zu werden, ist das perfekt. Dann ist das Foto echt und ich habe mit meiner Präsenz nichts verändert. Hin und wieder kommt es aber doch vor, dass ich gesehen werde, während ich ein Foto schieße und dann in ein Gespräch komme oder ich einfach nur freundlich nicke und weitergehe.

Ein Mann mit Schirm schaut etwas in einem Büchlein nach

Für mich ist es wichtig, klar zu stellen, dass ich niemandem etwas Böses will und niemanden bloß stellen möchte. Ich versuche, solche Fotos zu vermeiden oder wenn es doch mal dazu kommt, dass eines auf meiner Speicherkarte landet, dann frage ich mich, ob es wirklich notwendig ist, das Bild zu veröffentlichen.

Die Streetfotografie hat in den letzten Jahren stark an Popularität gewonnen. Leider ist nicht alles, was mit „street“ getagged ist auch wirklich gute Streetfotografie. Generell hängt mir diese Bezeichnung zum Hals raus, aber die Leute springen darauf an. Nur, weil ein Foto schwarzweiß ist oder mit einer Leica aufgenommen wurde, ist es noch lange kein Streetfoto, auch wenn ich das mal behauptet habe.

Ich für meinen Teil bin einfach gern draußen unterwegs und mache Fotos von dem, was mein Interesse weckt. Früher, als ich noch auf dem Land gewohnt habe, war es viel Landschafts- und Naturfotografie, mittlerweile hat sich der Schwerpunkt einfach auf die Stadt verlagert, weil ich nun einmal jeden Tag in Hamburg unterwegs bin.

Das ist übrigens auch ein schöner Nebeneffekt dieser Art von Fotografie. Ich kann sie zu jeder Zeit an jedem Ort ausüben. Einzige Bedingung: Ich muss die Kamera dabei haben. Ich muss mich nach niemandem richten, ich gehe einfach raus und schaue, was passiert. Und meine Erfahrung zeigt, dass es eigentlich immer etwas zu sehen und festzuhalten gibt, egal wohin man geht.

Ein junger Mensch mit Mütze, im Hintergrund unscharf städtischer Verkehr

Das ist übrigens eine tolle Art, Ecken einer Stadt kennenzulernen, die man sonst vielleicht nicht so oft aufsuchen würde. Ich schlendere einfach gern umher, die Kamera in der Hand und immer auf der Suche nach einem Motiv. Ich kann in dieser Zeit die Gedanken an alles andere einfach mal beiseite schieben und mich auf meine Umgebung und die Fotografie einlassen; das mag ich.

In meiner Fotografie geht es um den entscheidenden Moment, den ich festhalte möchte. Für mich war aber ebenso schon immer wichtig, dass meine Fotos auch einfach optisch ansprechend sind. Mir reicht es nicht nur, einfach einen tollen Moment zu haben, ein Foto wird in meinen Augen erst dann richtig großartig, wenn die Komposition stimmt, das Licht passt, der Schnitt gut ist und das Foto dem Betrachter irgendein Gefühl vermittelt.

Sei es Freude, Trauer, Hass, Unbehagen oder was auch immer. Und genau das ist die Herausforderung und das Spannende. Ich habe nicht alles in der Hand und versuche trotzdem, das Beste daraus zu machen. Ich versuche, schnell zu reagieren und zu antizipieren, immer auf der Jagd nach dem nächsten Foto. Und ganz wichtig: Nie den Spaß dabei verlieren.

Ein kleiner Junge stützt sich zwischen drei Erwachsenen ab und schaut mit ihnen aufs Meer - im Vordergrund eine Baustelle

Ich wurde irgendwann einmal Folgendes gefragt:

Was ist denn der Unterschied, deiner Meinung nach, zwischen einem Schnappschuss und Street Photography?

Der Unterschied für mich liegt vor allem darin, was das Foto aussagt. Erzählt es eine Geschichte? Und sieht es dabei auch noch gut aus? Und ganz ehrlich? Manchmal reicht mir auch einfach Letzteres. Das muss man ja auch mal sagen.

Es gibt keine offizielle Definition dafür, was ein Schnappschuss ist und was nicht – oder was genau ein Streetfoto ist. Deswegen versuche ich ja auch, dieses Schlagwort zu vermeiden. Typische Schnappschusskriterien sind für mich aber zum Beispiel, wenn das Foto eine vollkommen willkürliche Szene zeigt, wenn keine Geschichte im Foto steckt, wenn sich der Fotograf beim Auslösen nichts dabei dachte, wenn es nichts zu entdecken oder zu verstehen gibt, wenn es langweilig ist, wenn ich mich nicht angesprochen fühle und mich überhaupt nicht in die abgebildete Szene einfühlen kann.

Ein gutes Foto hingegen erzählt mir eine Geschichte, es zieht mich in das Geschehen hinein, es vermittelt mir ein Gefühl und regt mich möglicherweise auch zum Nachdenken an. Ein gutes Foto möchte ich länger als nur wenige Sekunden anschauen bevor ich das Interesse verliere.

Perspektive von oben auf Fußspuren im Schnee

Aber das Gute ist ja, jeder darf für sich selbst entscheiden, was in seinen bzw. ihren Augen nur ein Schnappschuss und was ein vermeintlich gutes Foto ist. Ich möchte mich da nicht als entscheidende Instanz drüber setzen. Ein Foto kann für mich großen persönlichen Wert haben und eine Geschichte in sich tragen, die sich einem Fremden aber nicht erschließt. Dann ist es aber trotzdem für mich ein gutes Foto. Die ganze Sache ist halt einfach subjektiv und das ist auch gut so.

Ich will auch gar nicht behaupten, dass alle meine Fotos gut sind und jedes eine tolle Geschichte erzählt, um Gottes Willen, davon bin ich weit entfernt, aber das weiß ich auch. Ich weiß aber auch ebenfalls, wo ich hin will und daran arbeite ich und ich habe Spaß dabei.

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60 Kommentare

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  1. … ich seh sie schon in den Startlöchern, die Moralapostel und Hilfs-Paragraphenreiter *schauder* …

    Der opener ist ganz grosse Klasse.
    Fein dargestellt, die Abwägung im Kopf, Warten bis sich eine Situation aufbaut, wie sie sich vorgestellt wird und dann einfach Mut und rein. So geht es. Prima !

  2. du sprichst bzw. schreibst mir aus der seele…
    insbes. der satz ‚dann frage ich mich, ob es wirklich notwendig ist, das bild zu veröffentlichen’… es ist wirklich so… wie oft habe ich das schon gedacht… am rechner fängste an zu überl…
    egen… kann ich es gegenüber der fotografierten person verantworten, es zu veröffentlichen… meist erwische ich mich dabei, wenn ich irgendwas mit kindern, samt eltern… ich denke dann auch, ob ich sowas ‚tolerieren‘ würde… erst letzte woche, in hamburg… tolle streets gemacht, aber ich würde manches wirklich nicht ‚blind‘ einstellen bzw. öffentlich machen. aber solange man über sowas nachdenkt, ist es ein gutes zeichen…

    ‚und ganz wichtig: nie den spaß dabei verlieren‘. ;-)

    danke für den artikel!

  3. „Opportunismus in seiner reinsten Form“ könnte man das nennen. Das es solche Lebenseinstellungen gibt, geht sicher in Ordnung, wenn die Redaktion diese derart unkommentiert präsentiert und damit unterstützt, ist das für mich ein Grund diese Seite nicht mehr zu besuchen.

    • Ich nenne es lieber Mut zur eigenen Meinung und zum eigenen Stil!

      Was bitte ist opportunistisch daran, nicht gegen den Strom schwimmen zu WOLLEN? Und wer definiert eigentlich die Richtung? Gut, dass in der Kunst (und als solche sehe ich die Fotografie) alles darf aber nichts muss – wo wir schon bei den Artikeln dieser Seite sind.

      http://kwerfeldein.de/2012/08/23/essay-alles-darf-nichts-muss/

      Solche Kommentare kann man sich eigentlich sparen, meinst Du nicht auch?

      • Mein Kommentar bezieht sich auf die Haltung die in Abschnitten wie „Ich bin nun beim Fotografieren auf der Straße viel selbstsicherer. Wenn ich daran glaube, dass es okay ist, was ich mache, dann brauche ich mich auch nicht zu verstecken. Das heißt nicht, dass ich nicht gern ungesehen bleibe. Für mich ist das immer das Optimum.“ Wenn es um die Abbildung eines Steins geht, kann man dagegen kaum etwas sagen. Sind andere Menschen abgebildet, ist das höchst fragwürdig. Die Perspektive ist vollkommen egoistisch. Es findet kein Reflexion statt, die sich an irgendwelchen eigenen Werten misst oder die Persönlichkeiten der Abgebildeten auch nur ansatzweise betrachtet. Vielmehr ist allein ausschlaggebend, was gerade in diesem Moment der Lust entspricht.
        Verkürzt heißt das, „solange es mir hilft, mich besser zu fühlen, kann es nicht falsch sein“. Das finde ich nicht Ordnung.

        Noch schöner kommt es in „Ich versuche, schnell zu reagieren und zu antizipieren, immer auf der Jagd nach dem nächsten Foto. Und ganz wichtig: Nie den Spaß dabei verlieren.“ Nur nicht den (eigenen) Spaß verlieren.

        Mit Kunst hat weder der Artikel, noch mein Kommentar zu tun. Eher mit ethischen Gesichtspunkten und was die Kritik an der Redaktion angeht, besonders mit journalistischen. Es geht um Verantwortung.

      • Ich muss „schade“ in gewisser Weise zustimmen. Zwar würde ich nicht soweit gehen, dem Blog den Rücken zu kehren, es ist und bleibt eben ein Blog für mich. Dieser ist charakterisiert durch Subjektivität und muss für mich dementsprechend nicht journalistischen Ansprüchen genügen.
        Aber zum Thema: Ich finde die Vorgehensweise auch problematisch. Auch wenn jetzt viele den Kopf schütteln und die Privatsphäre-Diskussion und das Recht am eigenen Bild-Thema unter dem Deckmantel der Kunst ignorieren wollen, finde ich einen reflektieren Umgang damit doch sehr wichtig. Ich gehe immer zunächst von mir aus. Würde ich es wollen, dass ich, meine Person, meine -vielleicht sogar sehr intime- Geschichte im Internet zum Diskussionsthema wird? Vielleicht hat das Mädchen auf dem ersten Bild gerade einen sehr privaten Moment, der jetzt im Internet von tausenden betrachtet werden kann und zum Thema einer Diskussion wird. Nein! Ich würde das nicht wollen, ja ich fände das sogar schlimm.
        Ich habe mich mit der Streetfotografie noch nie wirklich auseinandergesetzt und werde vorerst auch überwiegend bei Naturaufnahmen bleiben. Allerdings stelle ich es mir nicht schwierig vor, nach einem erfolgreichen, unbemerkten „Schuss“ auf die abgebildeten Personen zuzugehen und die Intentionen des Fotos, wer ich bin, was ich mache usw. zu erläutern. In Zeiten der Digitalität kann man das Foto auch direkt zeigen und sich eine Erlaubnis holen das Foto zu veröffentlichen. Wäre damit nicht der Spaß an der Sache gegeben und das Gewissen beruhigt? Verbessert mich, aber etwas mehr Offenheit beeinträchtigt doch nicht den Sinn von Street, oder irre ich mich da?
        Wie gesagt, sicherlich sehr schöne Fotos, aber für mich mit sehr sehr bitterem Beigeschmack. Und ich lasse mich dafür auch gerne als „Moralapostel“ beschimpfen ;-)…Und ich muss „schade“ auch darin beipflichten, dass ich im unentdeckten Abdrücken nichts mutiges entdecken kann. Auf die Menschen zugehen, Offenheit zeigen, das erfordert Mut.

        Lg,
        Jonas

      • Nachtrag: habe leider erst jetzt den im Blog erstgenannten Artikel zu lesen, in dem eine Begründung nach dem Nichtfragen geliefert wird. Aber wird sie geliefert? Für mich nicht. Hört sich eher nach Aussreden an um das eigene Tun zu rechtfertigen. Man kann Leuten -denke ich- auch klarmachen, dass „unvorteilhafte“ Fotos etwas besonderes sein können. Und lässt man etwas Professionalität „heraushängen“ und ist überzeugend in seiner Argumentation, denke ich, dass die Meisten einer Veröffentlichung zustimmen würden. Aber wie gesagt, ich habe keine Erfahrungswerte. Und vermutlich werd ich diese in dieser Form auch nie sammeln, weil mir der Mut feheln würd ;-)

  4. Interessanter Artikel.

    Ich muss zugeben, ich gehöre auch zu der Sorte Fotografen, welche noch nicht wirklich zwischen einem gutem Stree Foto und einem Schnappschuss unterscheiden können – aus mangel an Erfahrung.
    Wenn ich so im Netz umherschaue unter dem Thema Street, geht es mir oft so dass ich bei einem Bild denke: Was soll daran toll sein, ein Foto von einem Passanten, auf schwarz/weiß gedreht…und weiter? Und dann lese ich hundert begeisterte Kommentare dazu.
    Am ehesten würde das für mich noch auf dein drittes Bild zutreffen. Ist mir irgendwie zu gewöhnlich. Besser kommen für mich aber deine anderen Bilder rüber, vor allem der Header und das letzte..

    Ich glaube mir fehlt da auch noch das Verständnis, aber je mehr man sich schlau macht und selber versucht (!) desto besser wird man sich allem bewusst. Ist eigentlich wie bei fast allen Bereichen der Fotografie :-)

  5. Dein Artikel spricht mir aus der Seele!

    Erst seit ein paar Wochen beschäftige ich mich intensiv mit dieser Art der Fotografie. Und stelle fest, dass meine Herangehensweise der Deinen nicht ganz unähnlich ist. Blauäugig wie ich nun mal bin, wage ich allerdings von Beginn an den Griff zur „großen“ Cam. ;)

    Ich wohne auf dem Land – und beschäftige mich „zwangsweise“ größtenteils mit Naturfotografie. Der Einstieg in die sog. Street Photography ist hier i. d. T. nicht ganz trivial. Aber durchaus machbar! Auf dem Dorf und in der Provinzstadt tun sich zuweilen ebenfalls skurile, interessante, lustige, traurige… Szenen auf. Ins Gespräch zu kommen ist jedoch nicht ganz so einfach. Befremdlich mutet den Menschen das Ablichten ganz alltäglicher Situationen an. Auch (oder gerade?) als Landei von Geburt an wird man argwöhnisch und/oder belustigt beäugt. Grund genug, es dennoch zu versuchen. Nicht nur das Finden des Motivs ist somit eine Herausforderung…

    Ich nenne es für mich übrigens lieber Streetlife. ;)

  6. der artikel triffts auf den punkt. :)
    ich bekomme das original, aus street photography now, nicht mehr ganz zusammen & habe die lit gerade nicht zur hand. aber ein guter leitsatz ist mMn, dass es wirklich schwierig ist, ein gutes street photo zu schießen und dass dieses ebenso schwierig zu verstehen ist. es sollte also einen clou besitzen, der vielleicht auch erst nach dem zweiten blick erkennbar wird.

  7. Mich stimmt die Deklaration – „Streetfotografie“ und Bildwahl nachdenklich…

    Bild drei und vier und vermutlich auch zwei („Autokolor“) sind sichtlich im Ausland entstanden. Bei Bild 1 kann ich die „Location“ nicht erkennen. Auch Ausland? Und was kümmern mich da irgendwelche Persönlichkeitsrechte… Bild 5: „Hintern“ von hinten – Ist das wirklich – denglisch – „Straßenfotografie“? Knallige Farben, ein Hingucker, aber „Streetphotography“?? Bild 6 – vollkommen unverfänglich. OK er hat auch die Straße fotografiert. Das SW-Foto geht auch in Ordnung: die Spuren im Schnee und so weiter. Aber Streetphotography??

    Neee – Streetphotography geht anders. Und dann kann sie – heute – problematisch werden. In den Zeiten von Ernst Haas, Saul Leiter & Co fragte eben niemand um Erlaubnis oder dachte gar über Persönlichkeitsrechte nach. Dass heute die Zahl echter Persönlichkeitsklagen (vor Gericht) und der Angst davor, weit auseinandergehen dürfte, steht auf einem anderen Blatt…

    Ralf

  8. Warum ist das Thema „Street Photography“ eigentlich so emotional aufgeladen? Das würde mich interessieren. Wenn ich in den Blog von Martin schaue (der sich ja schon einiges anhören musste wegen seiner Bilder/Bezeichnung Street Photography), dann sehe ich die Reaktionen nicht immer in einem angemessenen Verhältnis stehend. Wenn ich ein Bild als Makro bezeichne, es aber nicht mit einem Makro-Objektiv geschossen habe oder die Blume nicht 80% des Bildes einnimmt, regt sich die Makro-Gemeinde bestimmt keinen Milimeter. Woher kommt das?

    • Das wundert mich ehrlich gesagt auch. Viele Fotografen im Internetforen kommen oft sehr egoistisch und besserwisserisch rüber (mein empfinden – auch gerade gegenüber Neulingen), aber wenns dann auf einmal um Persönlichkeitsrechte anderer geht, werden sie zu reinen Moralaposteln und setzen sich auf einmal für Unbekannte ein. Anstatt sich erstmal auf die Bilder zu konzentrieren und die Sache mit den Rechten/Pflichten/Gefahren beim Fotografen zu lassen. Er muss sich da ja absichern, und wenn er das weiß oder tut interessiert mich der Rest doch nicht. Ich gehe davon aus, dass er zu allem was er zeigt die Erlaubnis hat. Dass er für inspirierte Leser eine Warnung diesbezüglich mitgeben kann, sehe ich noch ein.

    • Vielleicht, weil Street Photography mit denselben Vorurteilen konfrontiert ist wie zeitgenössische Kunst? Weil viele Betrachter die Besonderheit eines entsprechenden Bildes bzw. Kunstwerkes nicht erkennen oder einordnen können und lediglich die (fehlende) Ästhetik beurteilen – frei nach dem Motte: Das kann ich selbst auch…?

      Andererseits werden die Grenzen schon sehr weit gefasst: Ich habe beispielsweise nicht gewusst, dass ein Foto, das eine leere Straße zeigt, auch der Street Photography zuzuordnen ist. ; )

      • Jo, auch wenn Du auf den Bild keinen Menschen siehst, es war aber einer da. Dies wird durch die Schuhabdrücke im Schnee symbolisiert. Diese stehen im Gegensatz zu den parkenden Autos. Für mich ist es ein „Street“-life. Um manche Fotos bewerten zu können, sollte man diese länger betrachten.
        Für mich ist Street Photography, wie bereits Nadja schrieb, auch Street-Life. Dies bedeutet für mich nicht zwangsweise Situationen mit Mensch/-en. Auch ein Motiv das nur ein Mensch geschaffen haben kann und z.B. im Bezug zu eine Werbeplakat steht, ist für mich Street. Menschliche Silhouetten, Körperteile von Menschen in einen bestimmten Bezug zu einer gleichzeitig anderen Situation, kann Street Photography sein. Ach so, zu unseren Leben gehören auch unsere Tiere. Auch da gibt es viele Situationen zwischen Mensch und Tier. Also Street Photography ist für mich nicht so leicht in eine Definition reinzupressen.

      • Ja, klar, mit dieser Erklärung habe ich natürlich gerechnet. Und wenn ich abgeschnittene Haare auf dem Linoleumboden eines Friseursalons fotografiere, ist das dann auch noch Porträtfotografie? Es war ja mal ein Mensch da.

        Zugegeben, ich übertreibe, aber warum nicht gleich auf diese sinnlose Kategorisierung verzichten? Eine mögliche Erklärung liefert der Autor gleich selbst: „Generell hängt mir diese Bezeichnung zum Hals raus, aber die Leute springen darauf an.“ : )

  9. Ich lehne mich jetzt mal etwas aus dem Fenster. Glaube ich zumindest. Ich war vor zwei Wochen in einer Ausstellung im Aachener Zeitungsmuseum. Zu sehen waren dort Bilder von Cartier-Bresson, der als erster Fotograf nach Stalins Tod in der frühere Sowjetunion fahren und dort fotografieren durfte. Von den Bildern die dort gezeigt wurden, waren zwei oder vielleicht auch drei Bilder dabei, die wenn man Autor und Entstehungsgeschichte nicht kennen würde, heute ggf. auch als zeitgenössische Street-Fotografie bezeichnet würden. Auf den Bildern waren Menschen in Ihrem Alltag zu sehen. Ich glaube wohl kaum, dass sie bei diesen Bildern eine Diskussion um das Persönlichkeitsrecht der abgebildeten entspinnen würde. Warum? Abgesehen vom Namen des Fotografen akzeptieren wir diese Fotografien eben auch zeithistorische Dokumentation des damaligen Status Quo. Gut die Verbreitungsmöglichkeiten waren seinerzeit noch nicht so allumfassend, wie sie es heute sind und ich weiss auch nicht in wiefern, dass die Situation umkehrt. Jetzt sind wohl die wenigstens von uns auch nur annähernd so wie Cartier-Bresson.
    Gleichzeitig empfinde ich das Problem als ein sehr „deutsches“.
    Wer sagt er möchte nicht in einer persönlichen „Ausnahme“-Situation abgebildet werden hat damit natürlich recht. Allerdings behaupte ich auch, dass sich die „guten“-Streetfotografen mit diesem moralischen Dilemma vor Veröffentlichung eines Bildes auseinander setzten und ein, falls nötig, entsprechendes Bild verwerfen.

  10. Die Urheberrechtsfragen und das Recht am eigenen Bild möchte ich hier nicht nochmals ansprechen sondern feststellen, dass ein Foto nicht zwangsläufig in die Kategorie „Streetphotographie“ gehört, nur weil es auf der Strasse aufgenommen wurde. Technische und formale Qualität spielen hier eine ebenso wichtige Rolle, wie bei jedem anderen Genre der Fotografie auch. „Streetphotographie“ ist eigentlich nichts anderes als Bildjournalismus, der kann gut – oder schlecht sein. Aber Martin schätzt sich ja richtig ein, noch ist er auf dem Weg – und der ist noch ziemlich weit.

  11. Vielleicht liegt es daran. Das Foto ist Teil eines einzelnen Moments. Vielleicht liegt es daran. Schaffensmäßig ist das Foto im Verhältnis zum Fotografen stets unrein. Denn der Fotograf macht sein Bild – anders als Maler und Schreiber – nicht allein. Das Machtlose und die Unterwerfung unter den Zufall sind Beiwerk zum Bild, das nur Maler und Schreiber ausmerzen können.

  12. Heute werden die Street Bilder gemacht und eingestellt auf Basis der Erfahrung dass sich nie einer beschwert.
    Denke es ist nur eine Frage der Zeit bis ein Abmahnanwalt die Gesichter automatisiert Menschen zuordnen kann und dann diese juristisch vertritt. Da steckt ein Vermögen drin, insbesondere wenn (durch Werbung im Blog, das Photo-Nebengewerbe etc.) damit Geld verdient wird.

    Einerseits mit Saul und Henry verbürgt ein spannendes, sehr ästhetisches Thema, andererseits besonders heute rechtlich heikel.

    Persönlich hab‘ ich das Genre mal touchiert, bin aber mangels „Eiern“ bei langen Brennweiten hängen geblieben: http://www.dpreview.com/challenges/Entry.aspx?ID=653717

  13. Ich weiß nicht so genau wo so manche leben, aber der Begriff „Recht am eigenen Bild“ ist doch – zumindest in urbaner Umgebung – längst obsolet.
    Ja, ich weiß, im Gesetz steht…und dann auch noch die ethischen Grundsätze.
    Man möge sich allerdings nur mal der Überwachungskameras allerortens bewusst werden, die uns auf Schritt und Tritt verfolgen und uns in unserer ganzen Pracht und vielleicht auch Niedertracht aufzeichnen. Kräht da irgendein Hahn nach und fragt, was passiert denn bloß mit diesen Bildern.
    Von staatlichen Organen gezielt aufgezeichneten Situatiuonen (z.B. Demos) und von Facebook & Co mal ganz zu schweigen.
    Henry

    • Was ist das denn für eine verschrobene Logik? Wenn nur genügend Verstöße gegen ein Gesetz (moralisch wie juristisch) gezählt sind, ist das Gesetz hinfällig? Ganz ehrlich verärgert möchte ich jetzt fragen: Denkt ihr eigentlich zunächst nach, bevor ihr schreibt?
      Das ist ja kaum zu glauben!

    • Die Bilder auf den endlosen Stunden Kameraband verstauben halt irgendwo. Wenn sie überhaupt über einen bestimmten Zeitraum hinaus gespeichert werden.
      Demos fallen meistens unter „öffentliche Veranstaltung“, daher ist dort das Recht am eigenen Bild eingeschränkt.
      Bei Facebook & Co. sind es die Mitmenschen, die das Recht am eigenen Bild mit Füßen treten.

  14. Jeder definiert den Begriff Straßenfotografie für sich selbst ein wenig anders… Im Grunde hat es aber immer eines gemeinsam – das Abbilden von Personen. In Deutschland ist das Persönlichkeitsrecht nunmal stark ausgeprägt – im Ausland oft weniger bis gar nicht. Ich finde, man sollte das im jeweiligen Land berücksichtigen und so auch agieren. Wenn in Nordamerika der künstlerische Gedanke mehr zählt als das Recht am eigenen Bild – dann ist das so und die Straßenfotografen wird es freuen. In Deutschland würde ich das nicht tun. Die Gefahr verklagt zu werden ist einfach viel zu groß.

    Ich finde es wirklich schade, dass Du Dir sowenig Gedanken über das Recht am eigenen Bild machst (so kommt es im Text rüber). Wenn du unbedingt der Streetfotografie nachgehen willst, dann mach das im Ausland. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht den Eindruck erwecken, dass mir das Persönlichkeitsrecht im Ausland egal ist. Ist es ganz und gar nicht. Nur ist eben oft legal Personen erkennbar abzubilden und auch ohne Einverständnis zu veröffentlichen im Gegensatz zur Deutschland.

    Im Übrigen schreibst du von Straßenfotografie in Deutschland… Ich sehe außer vielleicht dem letzten Bild, wo eh keine Personen abgebildet sind, kein Bild, welches in Deutschland aufgenommen wurde. Hast du keine, oder ist Dir das recht am eigenen Bild vielleicht doch nicht egal???

    • Na, Ronny Westerländer Promenade? Das müsste dir doch eigentlich ein Begriff sein.

      Zu dem Thema ist ansonsten glaube ich, alles gesagt. Ich hoffe bloß, dass derjenige der einen heimlich filmt und dann veröffentlicht, mal so richtig angeschissen wird. Denn das gehört sich nicht, auch nicht im Ausland.

    • „Im Übrigen schreibst du von Straßenfotografie in Deutschland… Ich sehe außer vielleicht dem letzten Bild, wo eh keine Personen abgebildet sind, kein Bild, welches in Deutschland aufgenommen wurde. Hast du keine, oder ist Dir das recht am eigenen Bild vielleicht doch nicht egal???“

      DANKE! Jetzt fühle ich mich mit meiner Meinung nicht mehr so allein ;-)

      Ralf

  15. Ich habe im allgemeinen kein Problem mit Street-Fotos. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ich auf einem drauf wäre, und nicht gleich zum Anwalt laufe. Nichts desto trotz ist mir der rechtlich problematische Aspekt durchaus bewusst (der im übrigen auch genauso für Überwachungskameras gilt :-) ). Jedoch ist der rechtliche Aspekt nicht mein erster Gedanke, wenn ich mir fremde Menschen fotografiere, sondern eher der private Aspekt, mein Gefühl, mich an etwas zu bedienen, was nicht allein meins ist, ein rundherum ungutes Gefühl also. So mache ich auch sehr selten Streetfotos – keine Eier, so wie Radlclaus. Aber ich schaue die Bilder anderer oftmals gerne an. Und bin damit ebenso Voyeur, wie der Fotograf selbst. Ein Widerspruch?

    Ich mag das ungefragte Fotografieren von Menschen allerdings auch nicht mit dem unsäglichen Verhalten im Internet, bei Facebook und Co. rechtfertigen. Das ist für mein Empfinden vergleichbar mit dem alltäglichen Bilderklau.

    Ein Bekannter von mir macht es in der Tat so, dass er die Menschen NACH der Aufnahme um ihre Erlaubnis fragt und hat ein kleines Heftlein dabei, in dem sie Ihr Einverständnis schriftlich geben sollen. Machen sie das nicht, löscht er das Foto. Somit hat er ungestellte Aufnahmen mit Zustimmung der Portraitierten. Jedoch wirft er den Großteil der Aufnahmen mangels Zustimmung in die digitale Mülltonne. Das allein zeigt schon, dass die meisten Menschen mit der Praxis des ungefragten Ablichtens nicht einverstanden sind. Meinen Respekt hat diese Vorgehensweise allerdings.

    • Danach zu fragen und etwas zum Unterschreiben zu erbitten, _dass_ braucht wirklich Testikel! Respekt! Hatte bei meinen paar Bildern immer Zustimmung per Plauderei erbeten, als Gentlemens-Agreement sozusagen. Wenn aber sowas groß wird is man wohl nur mit unterschriebener Freigabe auf der sicheren Seite…

      So eine Unterschrift auf eine schriftliche Freigabe würde mich als Bildopfer ja eher abschrecken. Lieber eine mündliche Zusage, da ist mehr „nach bestem Wissen und Gewissen“ drin.
      Lässt sich ja sonst auch gleich eine Lebensversicherung und ein Zeitungsabo im Kleingedruckten und Juradeutsch unterbringen, was weiss man da schon :-)

    • Ja vor allen Dingen diesem Abschnitt

      „…sondern eher der private Aspekt, mein Gefühl, mich an etwas zu bedienen, was nicht allein meins ist, ein rundherum ungutes Gefühl also….“

      möchte ich unterstreichen. Bisher war mir das nie so richtig klar warum ich nie wirklich „Street“ gemacht habe. Zum einen sicherlich, weil ich Menschen ungern in intimen, unglücklichen oder peinlichen Situationen mit der Kamera „erlegen“ möchte, aber vor allen Dingen auch deswegen. Der Moment ist nicht öffentlich, abgesprochen und nicht meiner. Ich bereichere mich auf Kosten anderer und stelle dies meist auch noch ungefragt öffentlich zur Schau. Die Vergleiche mit einem HCB und seiner Zeit hinken, da heute Bilder in Sekunden um die Welt und vor allen Dingen quasi unauslöschbar sind.

  16. das Titelfoto und das letzte Foto gefallen mir unglaublich gut… großes Kompliment!

    Deine Leidenschaft kann ich so gut nachvollziehen…in der Stadt umherzustreifen, zu besonderen Veranstaltungen zu gehen und auf diesen einen Moment zu warten. Wenig ist planbar und du weißt genau wann der Moment da ist….du weißt es einfach. Und wenn dieser Moment dann da ist dann fängt das Herz an schneller zu schlagen. Du bist komplett fokussiert auf das Motiv und hoffst inständig in der kurzen Zeit die richtigen Einstellungen gewählt zu haben und klick…

  17. Sehr schöner Beitrag. Das Problem bei der Straßenfotografie ist die rechtliche Seite, denn soweit ich weiß muss man auch wenn man das Foto nicht veröffentlicht fragen ob man fotografieren darf.

      • Weiß nicht, ob es so gut kommt, wenn Du – als Redakteurin von kwerfeldein.de – Dich über Kommentatoren lustig machst…

        Vielleicht solltest Du vielmehr den Gastautor dazu bewegen, sich zu den vielen hier gestellten Fragen zu äußern? Oder ist das zuviel verlangt?

      • Hallo Jo, ich mache mich nicht lustig, sondern ich war belustigt davon, wie so viele schnell geurteilt haben, was wahrscheinlich im Ausland aufgenommen wurde und dann stellt sich auf diese amüsante Weise heraus, dass dem teilweise nicht so ist.

        Und ja, was du vorschlägst, ist zuviel verlangt, denn wir zwingen hier niemanden zu irgendwelchen Aussagen. Zumal Martin Wolf in den Kommentaren bereits präsent ist. Es ist seine Entscheidung, worauf er eingeht und worauf nicht.

  18. Für meinen Teil möchte ich nicht auf der Straße fotografiert werden, ich möchte mich auch nicht rechtfertigen warum, schließlich ist mir ja auch die Motivation der Fotografen egal und ob das Foto gut oder künstlerisch Wertvoll geworden ist, interessiert mich noch viel weniger.

  19. mein beitrag zum beitrag:

    heimlich fotos zu machen und in lightroom 3 effekte drüber zu schieben ist für mich keine fotografie. streetart ist das unwort 2012. jeder der ne spiegelreflex hat, macht auf einmal streetart. blöd leute knipsen kann jeder. man sollte mit bildern eine geschichte schreiben… bis auf das letzte bild ist alles 0815.

  20. Blogartikel dazu: Straßenfotografie und Recht: Ein Statement - kwerfeldein - Fotografie Magazin

  21. Blogartikel dazu: Fotomotive: "Street" @ so-betrachtet.comso-betrachtet.com