16. Mai 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Fotografieren gegen die Wirklichkeit

Therapie, Droge und Geliebte zugleich. Sich einfach auf den Boden zu legen und Bilder in den Wolken zu entdecken, so sehe ich das Fotografieren. Ich lasse die Gedanken treiben und gebe mir die größte Mühe, die Realität nicht so abzubilden wie ich sie sehe, sondern wie ich sie fühle, denn alles andere wäre nur der verzweifelte Versuch, das zu zeigen, was man sowieso bereits sieht.

So gieße ich lieber die Realität in eine gläserne Brillanz und passe behutsam darauf auf, ihr nicht zu nahe zu kommen. Stille und Einsamkeit sowie Intimität oder manchmal auch das leise Summen einer Neonröhre sind Dinge, die in mir den Drang wecken, den Auslöser zu drücken und ein Gefühl im Bild zu speichern, das mich in diesem Moment erfüllt.

Die offene Blende als offenes und sehr selektives Auge, das die Realität in Millionen von Dimensionsebenen zerfließen lässt und sie so zeigt, wie wir sie nicht wahrnehmen können. Auch Pushen und Pullen helfen dabei, in Sphären vorzudringen, die man so nicht kennt. Momente von Besonderheit in besondere Gewänder hüllen, die Realität verkleiden und schminken, Spaß am Spiel mit dem, was vielen von uns viel Stress bereitet – kurz: Eine Mal- und Basteltherapie für Realitätsflüchtlinge.

Ja, ich bekenne mich schuldig: Ich flüchte hin und wieder vor der Realität und am liebsten mit der Kamera. Mit den alten staubigen, die schon ein wenig klappern und rattern geht das am besten. Wenn das Klicken des Auslösers von einem leichten Knirschen begleitet wird, ist sie genau richtig. Manchmal kann es auch etwas aus Plastik sein, aber dann doch bitte ohne Autofokus, denn meine Gefühle überlasse ich nun mal keiner Maschine, die ohne Batterien überhaupt nichts kann, da bin ich eigen.

Welche Droge ich in die Pfeife stopfe, also welchen Film ich in die Kamera lege, überlasse ich auch gern dem Zufall. Außer, ich bin bereits im Wahn einer Idee, dann weiß ich genau, was ich will und mittlerweile habe ich auch gelernt, wie ich es bekomme. Schwarzweiß tut der Seele gut und Farbe ist für die Momente der Euphorie geeignet. Infrarot für die mystischen Stunden allein im dunklen Wald bei Sturm und Blitzen, wenn ich mal wieder richtig weit weg will von allem, weil es wieder mal genug ist.


Und wenn mich richtig der Flash treffen soll, dann brauche ich es cross und knusprig mit abgelaufenem Film in der einen und der Holga in der anderen Hand. Perfektion, das sind die anderen. Damit will ich nicht sagen, dass Fähigkeiten schlecht sind, sie helfen als Ventil für die Ideenschübe.

Aber auch Fähigkeiten befinden sich im Wandel und oft passiert es, dass man längere Zeit sich selbst nicht mehr überzeugt oder gar enttäuscht. Aber wenn man einfach unbedacht und gedankenlos nach vorn durch geht, bis hin zum Licht, verpasst man die wichtigsten, wirklichen Momente.

Die wahre Schönheit, deren Flüchtigkeit so extrem hoch ist, dass man oft nicht einmal die Kamera heben kann, um sie zu fangen – die schönsten Bilder sind die nicht gemachten – diese Momente muss man lernen zu erkennen und zu genießen, denn sie sind so selten und jeder für sich kommt nie wieder, ein Wegschauen oder Kameraheben, um scharf zu stellen wird oft sofort bestraft, der Moment geht vorbei und man hat ihn nicht gesehen. Doch ist es wichtig, gerade diese Bilder in seiner Seele, in seinen Gedanken zu sichern und daraus Kraft und Erfahrung zu schöpfen, um selbst Neues und Schöneres zu erreichen.

Schönheit erschaffen? Ist das wahrlich möglich? Für wenige von uns ja, die anderen sind und bleiben Pfadfinder. Ich selbst bin sehr gern Pfadfinder, denn ich sehe es eher als eine Last an, Schönheit wirklich erschaffen zu können. Aber Schönheit zufällig zu finden und sehen zu können, ist oft mit Glück verbunden. Wir sind die Glücklichen. Unbelastet, mit einem leichten Hauch naiver Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit und Einsamkeit, bereits ein paar gute Abzeichen im Portfolio, machen wir uns auf die Suche nach ihr, auf ihren einsamen und flüchtigen Pfaden.

Die Suche nach Schönheit in der gleißenden Sonne des Tages oder der finsteren Dunkelheit kalter Keller: Sie ist überall und manchmal finden wir sie. Aber sie ist und bleibt eine Geliebte, denn die Schönheit lässt sich weder fesseln noch einsperren, wie auch selbst der längste Rausch eines Tages verflogen ist.

Denn das Ende ist wichtig. In allen Dingen.

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