18. Mai 2011 Lesezeit: ~3 Minuten

Buchrezension: Public Private Hanoi

Heute möchte ich euch ein Fotobuch vorstellen, das mich sehr begeistert. Die Stadt, die es portraitiert, habe ich im vergangenen Herbst selbst kennen und mögen gelernt.
Die Fotos zeigen Szenen aus dem nächtlichen Hanoi und thematisieren den Umgang seiner Menschen mit dem öffentlichen Raum.

Es sind Szenen, wie sie sich in Gassen und Straßen, in Parks und am Ufer der Seen, in den Läden und Häusern allabendlich ereignen. Die Bilder sind eine Sequenz, eine Bewegung durch die Räume der Stadt. Sie veranschaulichen, wie sehr dort Privatheit und Öffentlichkeit miteinander verschmelzen.

Parallel zu André Lützens Bildern schafft ein Essay der Autorin und freien Journalistin Nora Luttmer mit Worten ein Portal in die Stimmungswelt dieser Stadt.

Public Private Hanoi | Seite 40 & 41

Die Straßen Hanois erscheinen wie Teile eines Bühnenbildes; seine Akteure sind die Bewohner der Stadt. Diese Momente des Spiels, des Handels und der Interaktion spiegeln sich in André Lützens Bildern wider. Mit dem Mittel der Straßenfotografie erzählt er kleine Alltagsgeschichten, erzeugt aus Details und Fragmenten Stimmungen, immer mit einem Sinn für den individuellen Charakter der Stadt.

Eine Besonderheit der vietnamesischen Kultur ist die tiefe Verwurzelung von Handel im Alltag. Nahezu jedes Haus hat einen Verkaufsraum oder mindestens einen kleinen Tresen zur Straße.

Einige Bilder des Buches zeigen immer wieder diese wunderbaren Mikrokosmen – kleine Welten im bunten Reichtum der Gemischtwaren. In Wirklichkeit sind dies aber weit mehr als nur dem Handel vorbehaltene Räume. Sie sind Lebensräume.

Public Private Hanoi | Seite 29

Eines der Bilder zeigt die Perspektive über einen Tresen hinein in einen dieser Räume. Man fühlt sich beinahe voyeuristisch, als blickte man heimlich in eine private Welt. Unscharf im Hintergrund sitzt abgewandt von der Kamera eine junge Frau – vermutlich die Verkäuferin – während sich im Vordergrund ein Stubentiger über den feilgebotenen Waren ausbreitet. Hier spürt man förmlich, wie die schwüle Luft auf die abendlichen Straßen der Stadt drückt.

In den Straßen und auf den Plätzen, auf denen tagsüber der Verkehr durchrauscht, scheinen am Abend ganze Scharen von Essständen aus dem Nichts zu wachsen.

Public Private Hanoi | Seite 84

Eins der faszinierendsten Bilder des Buches zeigt eine Szenerie, wie sie surrealer kaum sein könnte. Ein paar Herren sitzen in kleinen Gruppen auf Plastikstühlen an Tischen und genießen im Schein der Straßenlaternen gemeinsam in entspannter Runde Hanoi Bier und Zigaretten.

An sich nichts Außergewöhnliches, wenn da nicht die Betontrasse der Schnellstraße wäre, die sich aus dem Hintergrund kommend monströs über ihre Köpfe erhebt und träge die dunkle Hälfte des Bildes ausfüllt.

Public Private Hanoi* ist meine Empfehlung für alle, die sich ein Stück Leben ins Bücherregal holen möchten – für alle, die Neugier nach der Fremde haben und Vertrautheit in der Ferne suchen. Das Buch ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet neu 40,- Euro.

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7 Kommentare

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  1. moin robert,

    sehr interessante buchvorstellung…ja wie du geschrieben hast ist es teilweise echt surreal wenn man das foto betrachtet mit der schnellstraße…hier würde keiner im traum dran denken dort seinen feierabend mit freunden zu verbringen und das bewegt mich dann immer wieder neu darüber zu senieren ob es uns einfach nur zu gut geht und wir das eigentliche leben dabei vergessen.

    vietnam ist ein land der gegensätze und teilweise und dies leider durch uns im gedanken zu oft auf zwei sachen beschränkt den „krieg“ und sextourismus und da fangen dann viele an die nase zu rümpfen….aber hat denn nicht jedes land seine ganz eigene geschichte und verdient es entdeckt zu werden…ich denke diese buchvorstellung ist es wert sich damit zu beschäftigen…

    schon in der schule hat mich dieses land und die mentalität der leute sehr interessiert und ich hatte einen ausarbeitung geschrieben die ich noch heute 25 jahre danach lebhaft im kopf habe

    ich werde mir das buch sicherlich zulegen und selbstverständlich über den affilate link ist doch klar.. ;)

    gruß vom doc
    martin

  2. Sehr schöne Bilder WOW,

    ich denke das Buch ist wirklich den Kauf Wert. Für uns Europäer ein sehr realistischer Einblick in diese Bunte „surealle“ Welt.
    Ich war selbst vor 2 Wochen in Thailand (Koh Phangan, Koh Samui, Phuket, Koh Lanta und Bangkok) zwar eher im Süden aber dort sieht man dieselben Szenen wenn man zwischen 23 Uhr und 2 Uhr morgens dort durch die Straßen schlendert.
    DIe Menschen dort haben einfach einen anderen Umgang mit ihrer „Privatsphäre“ sodenn sie vorhanden ist. Wir würden uns nicht abends zum Entspannen an die A5 sitzen und den Klängen der Trucks lauschen die vorbeifahren. Dort gehört es für die Menschen zum Alltag umgeben von so vielen Reizen zu sein.
    Ich für meinen Teil war nach der 3 1/2 wöchigen Thailand-Reise ziemlich überflutet von Bildern und Eindrücken. Aber es hat verdammt viel Spaß gemacht sich einmal auf neues einzulassen und alte Verhaltensmuster auf der Strecke zu lassen.
    Wer Lust hat hier noch mein kleiner Reiseblog: http://www.philipdehm-fotografie.de

  3. Hui. Sitze hier im Hotelzimmer in NYC und habe gerade die Rezension gelesen, die mir sehr gut gefallen hat, Robert. Das letzte Foto ist in der Tat ein sehr außergewöhnliches und hättest Du die Brücke nicht erwähnt, ich hätte sie mit Sicherheit gar nicht bemerkt.

  4. Das klingt nach einem durchaus sehr interessantem Buch um sich mal ein kleines Bild von Hanoi zu machen :) Werds mir vllt. auch mal angucken, denn die Bilder sehen spitze aus und auf die dazugehörigen Texte bin ich acuh gespannt. Aber sieht schon recht interessant aus!

  5. Danke euch allen. Ich freue mich soviel positives Feedback zu lesen.
    Kleine Info am Rande an alle, die in Hamburg sind oder planen hinzufahren. Die Bilder des Buches sind dort vom 17.6. – 19.8. in einer gleichnamigen Ausstellung zu sehen. Genaueres dazu hier.