28. März 2011 Lesezeit: ~6 Minuten

Metamorphose: Wie Ideen zu Bildern werden

Modell oben: Sylwia K.

Wenn ich manchmal meine fertig bearbeiteten Fotos ansehe, gehe ich gedanklich ihren Entstehungsprozess zurück. Wie kam es dazu, dass das Foto schlussendlich so wurde, wie es jetzt ist? War da von Anfang an eine Idee, die ich zielstrebig umgesetzt habe?

Um die verschiedenen Wege, auf denen sich aus einer Idee ein Bild entwickeln kann, zu ergründen, möchte ich ein paar meiner Arbeiten vorstellen, deren Geschichten mit einer Idee begonnen haben.

Ich als Leinwand für meine Gedanken

Das Bedürfnis nach einer Auszeit von Communities und dem allgemeinen Internettrubel war schnell als „Pause“ in meinem Kopf. Dafür gibt es bereits ein universelles Zeichen, das ich verwenden konnte, um meine eigene Pause (die dann aber doch nicht funktioniert hat) einzuläuten.

Auch das Playground-Thema „long nights“ hatte ich schnell mit mir identifiziert, denn die besonders langen Nächte für mich sind die, in denen mein Kopf immer neue Ideen ausspuckt oder Sorgen dreht und wendet, sodass ich keinen Schlaf finden kann.

Gefühle oder Gemütszustände, die nicht mit einer ganz einfachen Mimik auszudrücken sind, setze ich gern mit weißer Theaterfarbe in Selbstportraits um. So kann ich mit beliebig konkreten Worten oder Symbolen meine Aussage/Bildidee unterstützen.

Die Wärme der Freundschaft


Ein bis zwei Mal im Jahr treffen sich ein paar befreundete Fotografinnen, um gemeinsam zu entspannen, Spaß zu haben und auch zu fotografieren. Da wir uns bis zum ersten Treffen fast alle nur aus dem Internet kannten, gab es schnell die Idee, sich und die unterschiedlichen Blickwinkel aufeinander durch gegenseitiges Portraitieren näher kennen zu lernen.

Ich dachte daran, ein unauffälliges Element wie einen roten Faden durch die Serie zu ziehen. Wahrscheinlich lag das Reststück schwarzes Band im Bild oben irgendwo herum. Zur Schleife gebunden erinnerte es mich an die Redewendung vom Knoten im Taschentuch, der einen an etwas erinnern soll. Er könnte mich daran erinnern, was für eine besondere, warme Stimmung auf unseren Treffen oft herrscht.

Also habe ich passende Worte gesucht und sie als Anmerkung hinzugesetzt. Das einheitliche Format ohne direkten Blick habe ich mir erst hinterher überlegt, um die Serie noch einheitlicher und ruhiger zu machen.

Federn machen Leute

Ich hatte schon etwas mit der Herstellung von Masken experimentiert, es aber nie geschafft, sie auf Portraits einzusetzen. Einerseits arbeitete ich noch an einer gewichtmäßig leichten Bauweise, andererseits fiel mir auf, dass eine normale Maske mir zu viel vom Gesicht des Modells verdeckt. Bei Selbstportraits hat mich das nicht gestört, aber ich wollte Masken auch anderen aufsetzen und die Persönlichkeit meiner Modelle dann nicht hinter dem Konzept verschwinden lassen.

So entstand in Skizzen diese Form der Maske, die nur einen kleinen Teil des Gesichts bedeckt. Die Dekofedern lagen schon seit vielen Jahren in meinem Schrank herum. Jetzt fand ich sie passend, weil sie einerseits aus der Natur kommen, mir aber andererseits wie Pflanzenmaterial nicht vertrocknen und zerbrechen können.

Katja stand als Modell fest, bevor ich die Idee entwickelte. So hatte ich dabei immer ihre schlichte Schönheit, eingerahmt von schwarzen Haaren im Kopf, die eine aufgeräumte Basis für das wirre Muster der Federn ist. Dass sie ein geblümtes Kleid mitgebracht hat, das dieses kleinteilige Muster wieder aufgreift, war dann ein toller Zufall.

Aber wir sehen die gleichen Sterne


Luisa und ich kennen uns seit einer gefühlten kleinen Ewigkeit, in der wir durch so manche Höhen und Tiefen gegangen sind. Mal zoffen wir uns, dann raufen wir uns wieder zusammen. In der ganzen Zeit war eines ihrer „Fragmente“ Teil unserer Freundschaft, das für mich die Hoffnung ausdrückt, die ich immer dann brauche, wenn es zwischen uns mal nicht rund läuft. Die Gewissheit, dass wir trotz allem miteinander verbunden sind.

Diese Worte wollte ich also auch bildlich mit Luisa verbinden, wobei es hier zu einem großen Teil auch um das Drumherum ging: Die Intimität und Ruhe während der Bemalung sowie die gemeinsame Suche nach ausdrucksvollen Bildern, denn auch wenn sie vor der Kamera steht, arbeitet Luisa wie ein zweiter Fotograf mit. Morsecode versteckt die Worte, sodass wir etwas zwischen uns sehr Persönliches verarbeiten konnten, ohne den Betrachter damit zu überladen.

Von der Ordnung zum Chaos

Ursprünglich ist diese Idee für ein schwarzes Modell entstanden. Ich wollte den Kontrast zwischen dunkler Haut und weißer Farbe nutzen, ohne in Aussagen über Hautfarben abzugleiten. Dass man die Theaterfarbe mit Wasser verwischen kann, hatte mich dazu inspiriert, den Prozess einer Veränderung festzuhalten, anstatt wie sonst ein zurechtgemachtes Modell im immer gleichen Zustand aus verschiedenen Blickwinkeln zu fotografieren. Dazu hatte ich schon geplant, mit dem Modell in einen Birkenwald zu fahren, doch er meldete sich nicht mehr.

Jan war braungebrannt und als männliches Modell sehr gut dafür geeignet, die Idee umzusetzen – ich wollte das nicht auf einem Frauenkörper machen, weil mir die Erotik sonst zu sehr im Vordergrund gestanden hätte.

Beauty-Shoot in die Natur gebracht

Mit Sylwia hat sofort alles gestimmt: Schon bevor wir uns getroffen hatten, schrieben wir uns in der Model-Kartei gegenseitig Ideen und bauten sie miteinander aus. Eine Idee von Sylwia war, dass sie gern zu einem weißen Outfit und ihren knallroten Haaren auch rote Lippen kombinieren wollte.

In meinem Kopf war das eher ein Beauty-Foto, das überhaupt nicht zu meinem Stil passt. Aber mir fiel die weiße Theater-Farbe ein, die ich gern verwende und auch der toll schimmernde weiße Futterstoff, den ich im Stoffladen gesehen hatte. So konnte ich das Beauty-Bild von der Langeweile befreien und gedanklich mit Bemalung und einem ungewöhnlichen Oberteil schon einmal in eine Fashion-Richtung bringen, ohne Sylwias Idee zu verlieren.

Dass am Shootingtag dann die Sonne schien und ich es technisch hinbekommen habe, die wuscheligen Pflanzen im Gegenlicht ebenfalls weiß leuchten zu lassen, war dann wie so oft Glück.

~

Wie ist das bei euch, welche Wege gehen die Ideen für eure Bilder? Gibt es eine Arbeit, die euch wegen ihrer Geschichte besonders am Herzen liegt?

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7 Kommentare

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  1. ohhhja…das ist sehr gut geschrieben da merkte ich gleich wie ich eingetaucht bin in die verschiedenen „geschichten“ …die story hinter der „maske“ ist grandios und die maske finde ich sehr stark weil sie eine leichtigkeit hat die man sehr gut transportieren kann…
    das es dann noch mit dem kleid paßte ist nicht besser zu machen..die fotos sind echt gut…nee mehr als das…

    ja wie mache ich das eigentlich..das ist eine mehr als gute frage..dabei bin ich ja aber so richtig beantworten kann ich das nicht ich bin da eher etwas irre…mir kommen die ideen auch oft vor dem schlafen und dann penn ich drüber ein und morgens sind sie meist weg..schitt..

    ich mache einfach ohne denken ohne mit der abgebildeten person etwas zu besprechen das werden dann meist die besten abbildungen und ich bin oft selbst erstaunt was dabei raus kommt.

    wenn ich mir etwas vornehme dann geht das für mich meist nach hinten los..weil mir die fotos dann nicht zusagen weil ich die entstehungsgeschichte dahinter kenne..das ist mein großer schwachpunt an dem ich arbeite…

    deine arbeiten die du ausgewählt hast für diese story ezählen eine menge und die eigene interpretation bleibt dabei nicht auf der strecke das erachte ich immer als sehr wichtig…denn jeder denkt sich sein eigenes foto beim längeren betrachten und das muß nach meinem gefühl auch so sein..

    danke für diese sehr privaten einblicke in dein fotografisches seelenleben.

    gruß vom doc
    martin

  2. Ich finde es superinteressant, wie Du hier mal an ein paar praktischen Beispielen das Geheimnis Deiner Ideen lüftest. Ich glaube auch, dass der Prozess oft gar nicht linear, sonder sehr komplex sein kann, so kenne ich das auch von mir.

    Die Idee mit dem Faden ist hier eine schöne Ausnahme, die auch als Metapher für den Artikel gelten könnte. Die 4 Fotos passen einfach super zusammen.

    Wie ich Dir schon persönlich gesagt habe, ist das ein superinteressantes Thema, dass Du hiermit eröffnet hast und ich glaube auch, dass wir da noch einige Dinge besprechen können.

    Danke!

  3. Hallo Aileen,
    wunderschöne Bilder, wie aus einem Guss. Freundschaft wird nachspürbar beim betrachten. Gleichzeitig sprichst Du durch die Art der Bearbeitung bei mir auch eine Sehnsucht an. Der Blick ist sehr liebevoll und intim und er macht das Gegenüber zu einer „schönen“ Person. Schönheit, wo Äußerlichkeit zweitrangig bzw. unwichtig ist. Das ist für mich ein Stück Ideal der Freundschaft. Der „guten“ Blick des Gegenübers, der über sich selbst hinauswachsen läßt.
    Dass Du hier genau beschreibst, wie Du eine Bildidee entwickelst, finde ich sehr spannend zu lesen. Ich bin in Gedanken eigene Prozesse durchgegangen. Und… ich hätte am liebsten alles was ich gerade tun muss in die Ecke geschmissen und mich an ein offenes Projekt gesetzt.
    Da bekommt das Wort entwickeln für mich noch mal eine ganz andere Bedeutung.
    Ich musste auch kurz an die iranische Künstlerin Shirin Neshat denken die das Thema Schrift auf Haut extrem weit getrieben hat. Und natürlich den Film von Peter Greenaway „Der Kontrakt des Zeichners“.
    Die Verbindung von Schrift und Körper hat etwas ungeheuer kraftvolles. Die weiße Schminke bringt etwas malerisches ins Spiel. Alles in Allem eine tolle Arbeit, die sehr inspirierend wirkt.
    Vielen Dank für den Beitrag
    Liebe Grüße Lis

  4. Vielen Dank für Deinen Einblick. Zeigt besonders mir als Anfänger mal wieder auf, dass auch Planung wirklich zum Fotografieren gehört.

    In meinem Fall läuft das ein wenig anders ab:
    Ich habe eine Idee und laufe mit dieser los, stelle im Prozess fest, dass mir das eine oder andere fehlt, schwenke gerne auf andere Bereiche um und habe am Ende ein vollständig anderes Motiv als ich mir gewünscht habe. Mag man nun Planlosigkeit oder Flexibilität nennen. Da ich weder fürs Fotografieren bezahlt werde, noch bereits alles von mir geschossen wurde, bleibt für mich ein Ergebnis: Ich habe Freude daran.

    Allerdings nährt sich auch bei mir das Bedürfnis, erste umfassendere Projekte anzugehen – und ja, hierfür brauche ich eine stringentere Vorgehensweise. Und dazu danke ich Dir für Deinen Einblick!

    • Ich finde durchaus, dass beide Vorgehensweisen eine Berechtigung haben. Bei den meisten Shootings, die ich so mache, planen wir vorher nicht viel, sondern laufen auch einfach los, gucken was wir finden und lassen uns von der Natur, der Situation und sowas inspirieren.

      Auch bei den Shootings „mit Plan“ ist das noch ein großer Bestandteil, ich komponiere Fotos gedanklich fast nie ganz durch. Sondern überlege mir nur einzelne Bestandteile, die ich auf eine bestimmte Weise machen möchte und überlasse dann den Rest wieder dem Zufall oder viel mehr der Situation.

      In meinen Augen ist es wichtig, dort eine gute Balance zu entwickeln. Zu wissen, was man (je nach Art des Shootings) vorher planen sollte und was nicht. Da kann man ja auch experimentieren, um Erfahrungen zu sammeln und festzustellen, welches Maß an Planung einem am besten liegt, womit man gut arbeiten und die besten Ergebnisse erzielen kann.

  5. Hi, ganz tolle Fotos. Besonders angesprochen haben mich die Fotos „Die Wärme der Freundschaft“.

    Man spürt eine tiefe Verbundenheit und erliegt der Versuchung sich 360Grad zu drehen, um noch mehr von dem Gefühl zu erhaschen.

    PS. Darf ich Fragen: Mit was für einem Objektiv ihr die Fotos gemacht habt?

    Danke und Gruß

    Mark