27. März 2011 Lesezeit: ~7 Minuten

Mark Benini über analogen Flair

Mark Benini

Hey Mark – danke, dass Du mit uns ein Interview machst, magst Du Dich kurz unseren Lesern vorstellen?

Ich heiße Mark Benini, wurde 1981 in Italien geboren und habe bis zu meinem 26. Lebensjahr dort gelebt. Seit nun mehr als 3 Jahren habe ich Berlin zu meiner Wahlheimat gemacht. Hier lebe und erlebe ich. Meinen Unterhalt finanziere ich mir durch meinen Beruf als Grafikdesigner, den ich freiberuflich ausübe. Mein größtes Hobby ist seit einigen Jahren zweifellos die analoge Mittelformat-Fotografie. Obwohl ich dies mit meiner Arbeit in einigen Fällen kombinieren kann, arbeite ich bewusst in die entgegengesetzte Richtung. Ich versuche, das Hobby als solches zu betrachten, um den Reiz und die Ehrlichkeit, die dahinter stecken, nicht zu verlieren.

Foto erstellt von Mark Benini

Na vom Designer zum Fotografen ist der Sprung ja nicht so groß – was kam zuerst: Design oder Fotografie? Wo siehst Du heute Zusammenhänge der beiden Dinge – das sind ja Bereiche, die sich gegenseitig befruchten können, oder?

Der Sprung ist tatsächlich klein, wenn man Fotografie als kreative Ausdrucksform betrachtet. Mein Interesse wuchs in beide Richtungen gleichermaßen. Dennoch war mir klar, dass ich mich als Grafikdesigner ausbilden lassen wollte. Damit hatte ich mich aber nicht entschieden, die Fotografie zu vernachlässigen. Im Gegenteil.

Je weiter ich in die Arbeitswelt eindrang, desto mehr nutzte ich die Fotografie als kreatives Ventil. Denn so kreativ ein Beruf auch sein mag, es ist nicht jeder Tag wie ein Zirkusbesuch und die Alltäglichkeit übernimmt die Oberhand über das kreative Schaffen. Werbungen zu gestalten ist oft wie ein Zusammenspiel von Bild und Wort. Die Hilfe der Fotografie ist dabei oft unausweichlich. Ich sehe es als eine Art Abhängigkeit des Designs von der Fotografie. Umgekehrt hingegen kann Fotografie durch Design zwar bereichert werden, aber es steht auf eigenen Füßen.

Foto erstellt von Mark Benini

Interessant, Mark. Wann sprang der erste Funke zur Fotografie über?

Fotografie hat mich seit jeher interessiert. Als wichtigsten Funken sehe ich den Ankauf meiner ersten Mittelformatkamera – der Holga vor ca. 5 Jahren. Doppel-, Dreifachbelichtungen und jede Menge Spaß am Experimentieren befruchteten meine Lust und kein Jahr später habe ich mein Lieblingsspielzeug entdeckt, die Kiev 88. Russische Ausgabe der Hasselblad, weitaus billiger und, wie ich finde, auch sehr viel spannender als ihre schwedische Schwester. Einige Rollfilme zum Experimentieren von Belichtungszeiten und Blenden und bald hatte ich ein sehr reizvolles Feeling mit der Kamera entwickelt. Seitdem ist es Liebe.

Was findest Du an der Kiev 88 spannender als an einer Hasselblad? Passt gerade super, weil ich aktuell kurz vor der Entscheidung stehe, mir eine Mittelformatkamera zu besorgen und da ist der Name Kiev 88 auch schon mal gefallen …

Mal ganz abgesehen vom Preis hat die Kiev einfach mehr Flair. Sie ist ästhetischer und hält sich besser in der Hand. Die typische, runde Unschärfe und die leichte Vignettierung an den Kanten geben einen ganz besonderen und unverwechselbaren Touch. Zusätzlich ist es einfach praktisch, eine Kamera zu haben, die bei jeder Witterung und unter allen Umständen mitspielt. Die Russin schreckt vor nichts zurück. Man überlegt dagegen schon zweimal, bevor man eine Hasselblad mit auf eine Schneetour nimmt. Anderseits wirken die Bilder nicht so professionell und eine Kiev 88 kann jederzeit kaputt gehen. Früher oder später stirbt jede Kiev 88 an Zahnräderproblemen. Es ist meine dritte Kiev 88 und wahrscheinlich nicht die letzte. Umsteigen kommt dennoch nicht in Frage.

Alles klar – letzte Frage zur Kiev: Was genau meinst Du mit „die Bilder wirken nicht so professionell“? Woran machst Du das fest?

Ein Bild mit professionellem Verwendungszweck tendiert meist zur Perfektion. Die Kiev arbeitet (zum Glück) nie perfekt. Da die Kamera nicht bei allen Belichtungszeiten zuverlässig ist, wird das Resultat durch den Zufallseffekt bereichert oder eben auch nicht. Lomoartige Nebenwirkungen wie starke Vignettierung oder Lichteinfälle sind nicht selten der Fall. Für mich ganz reizend, aber für professionelle Nutzung eben nicht unbedingt vorteilhaft.

Das stimmt. Was gelingt Dir fotografisch allgemein gut? Wo siehst Du Deine Stärken?

Fotografie ist für mich wie ein Tagebuch, in dem ich versuche Emotionen festzuhalten. Es ist ein tiefer Blick in mein Leben und auf die Menschen, die mich umgeben und die ich liebe. Es ist eine sehr persönliche Fotografie, die ich zu zeigen beabsichtige. Sie zeigt die verzauberte Welt meiner kleinen Tochter, intime Momente mit meiner Freundin oder den Spaß mit Freunden. Ich versuche Nähe aufzubauen und die Menschen so authentisch wie möglich festzuhalten. Fotografiert wird keiner, der es nicht wirklich mag und meist passiert der Knopfdruck so nebenbei, ohne dass es bemerkt wird. Ein farbenfroher Blick auf den Alltag und das Ausstrahlen positiver Energie, das ist eines meiner Ziele. Ob mir das gelingt, muss jeder Betrachter für sich entscheiden.

Was gelingt Dir weniger gut?

Ganz einfach. Alles, was mir keinen Spaß macht.

Was passiert bei Dir „nach dem Klick“? Bearbeitest Du Deine Fotos digital oder welche Schritte folgen dann noch?

Farbfilme lasse ich entwickeln. Schwarz/Weiß entwickle ich auch mal selbst, danach folgt der Scan vom Negativ oder Dia. Photoshop benutze ich nur, um die Größe und Schärfe der Bilder zu optimieren, bevor ich sie ins Netz stelle. An den Gradationskurven ziehe ich manchmal, wenn das Bild flau wirkt. Ansonsten sind meine Bilder keiner digitalen Qual ausgesetzt. Das kann man an Fusseln, Staubkörnern und Kievrahmen bestens erkennen.

Hast Du mal an der Digitalfotografie „geschnüffelt“? Oder ist das für Dich ein No-Go? Falls ja, warum?

Ich habe daran geschnüffelt, bevor ich die Liebe zur Mittelformat-Fotografie entdeckt habe. Ich nutzte die kleine Knipse meist als Reisebegleiterin. Ich habe auch gerne minimalistische Architekturaufnahmen gemacht. Es hatte auch seinen Reiz und es war ein Teil meiner fotografischen Entwicklung, aber es fehlte etwas Grundlegendes. Die Liebe für jedes einzelne Bild und der Reiz des Abwartens. Die Spannung, die beim Scannen entsteht, ist etwas ganz Besonderes. Ich brauche auch keine fünf Bilder vom selben Motiv. Es reicht eins, egal ob es gut oder schlecht werden soll. Digitalfotografie ist also seit Längerem ein absolutes No-Go für mich. Ich kann auf den analogen Flair eines Bildes einfach nicht verzichten.

Letzte Frage, Mark: Sag mir drei Deiner aktuellen Lieblingsbands.

Eine sehr schöne Frage, denn ich kann mir meine Bilder ohne Musik nicht vorstellen. Schwere Auswahl, aber ich entscheide mich für diese drei: Animal Collective, Bright Eyes & Cocorosie.

Dankeschön!

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9 Kommentare

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  1. das ist ein sooo guter artikel da werde ich mir ein bisschen mehr zeit nehmen für meinen komm. …da es hier auch um das mir sehr naheliegende thema mittelformat geht…

    ich freue mich drauf alles in ruhe aufsaugen zu können und werde darauf zurück kommen.

    vorerst gruß vom doc
    martin

  2. Witzig … habe vor einem die „Rolle-rückwärts“ gemacht und bin wieder auf analog. Im Gegensatz zu Mark habe ich mich für die Hasselblad entschieden. Die bekannten Probleme der Kiev hatten mich vom Kauf abgehalten und waren mir den Preisaufschlag bei der Hasselblad wert. Sie ist perfekt … ich bin total happy mit der Kamera. Jetzt fehlen mir nur noch ein Scanner und viel Zeit … :)

    Gruß

  3. hallo zusammen,

    „It‘ not a bug, it’s a feature“, also mir gefällt’s.

    Hassie geht in Richtung Perfektion, Kiew eben in Richtung „Lomo“-Anmutung bzw Hipstamatic-App.

    Was mir dann schon wieder eher nicht gefällt, denn hier wird wohl gerade der nächste Trend „gebacken“, oder ?

    Dennoch, je mehr analoges Mittelformat, desto besser, hält den Markt am Leben und bewahrt uns alle vor derm Weg der Dinosourier :-)

    Liebe Grüße
    Thomas