16. April 2010 Lesezeit: ~5 Minuten

James Nachtwey: Kriegsbilder

“Jede Minute an diesem Ort denke ich an Flucht. Ich will das nicht mit ansehen. Soll ich weglaufen oder soll ich mich der Verantwortung stellen, mit meiner Kamera alles festzuhalten?” ~ James Nachtwey

Ich weiß, dass es sehr selten vorkommt, dass wir uns im Netz ein Video einer Länge von knapp 25 Minuten anschauen. Und trotzdem möchte ich Euch dieses Video zeigen, denn ich glaube, dass es seitdem es 2007 bei TED gezeigt wurde kein bisschen an Aktualität verloren hat.

Wichtig: Es darauf hingewiesen, dass im Video Bilder gezeigt werden, die “nicht ohne” sind. Zu sagen, dass es nicht “jugendfrei” ist macht für mich keinen Sinn, denn es ist ja im Netz für jeden zugänglich. Jeder muss für sich entscheiden, ob er alt genug bzw. bereit ist, sich auf diese Bilder einzulassen. Trotzdem: Im Video werden schwer verletzte, verstümmelte und auch tote Menschen gezeigt.

Wer das Video mit deutschem Untertitel ansehen möchte, kann das direkt bei TED tun, die Einstellungsmöglichkeiten sind unten im Player.

Das Video habe ich gestern Abend zum x-ten Mall komplett gesehen. In den letzten Jahren habe ich wiederholt gezögert, den Vortrag Nachtweys hier zu veröffentlichen, weil der Inhalt so erdrückend und schockierend ist. Vielleicht auch, weil ich nicht wußte, wie ich diese Thematik hier unterbringen sollte.

Und trotzdem bin davon überzeugt, dass auch das Bild des (Anti-)Kriegsfotografen wichtig ist, hier gezeigt zu werden. Vor allem das eines James Nachtweys, der mit seinen Fotos einiges in Bewegung gesetzt hat.

Inhalt

Zu Beginn stellt sich James Nachtwey vor und ab Minute 4 bis Ende sehen wir eine Zusammenfassung seiner Arbeit. So führt uns James beginnend 1981 an Orte des Schreckens, bei denen Worte nicht mehr beschreiben können, was die Augen des Betrachters wahrnehmen. Die Fotos und Hintergrundinformationen zeigen Leid, Schmerz und sogar den Tod. Zum Schluss formuliert er einen Wunsch und sein Anliegen für die Zukunft der “News-Photography”.

Thematik

Die Fotos im Video sprechen für sich – und ich sehe wenig bis gar keine Relevanz, über die Thematiken Kameratechnik, Bildkomposition oder Ähnliches zu theoretisieren. Ich glaube auch, dass es keinen Sinn machen würde, hier nun kurze Schlüsse zu ziehen und emotionalen Tam-Tam zu machen, dass wir doch alle nun mit unseren Kameras in arme Länder gehen müssen vor lauter lauter (obwohl gute Fotografen sicher immer gebraucht werden können, gerade in Krisengebieten).

Vielmehr bin ich einfach froh darüber, dass es Menschen wie James Nachtwey – und andere Fotojournalisten – gibt, die den Schritt wagen, die Welt mit ihrer Kamera über desolate Zustände aufzuklären, die Finger in die Wunde zu legen und daraus resultierend praktische Hilfe für die Leidenden zu erwirken.

Letzteres spricht Nachtwey ja auch an manchen Stellen an und ich glaube, dass das auch ein, wenn nicht der wichtigste Faktor seiner Arbeit ist: Hilfe beschaffen. Nachtwey ist übrigens über seine fotografische Tätigkeit hinaus aktiv, in diesem Kontext sei auch auf XDRTB.org hingewiesen.

Paradox

James Nachtwey verrichtet eine Arbeit, die voller Paradoxa ist und das wird schon darin offenbar, dass er sich selbst nicht als Kriegsfotograf, sondern wegen der Wirkung der Bilder als Anti-Kriegsfotograf bezeichnet.

Und da denke ich natürlich auch an Simon Sticker, von dem wir schon einmal hören durften, wie schwierig und solche Fotoreportage manchmal sein kann. James Nachtwey drückt das so aus:

The worst thing is to feel that as a photographer I am benefiting from someone else’s tragedy. This idea haunts me.

I’ve never felt complete; I’ve never felt satisfied. I wouldn’t say I could use the word ‘happy’ about it because its always involved other people’s tragedies and other people’s misfortunes. At best, there’s a kind of grim satisfaction that perhaps I brought some attention, and focused people’s attention on these problems. Perhaps it brought some relief. But its shifting sand that keeps moving.

Nachtwey steht für seine Arbeit häufig in der Kritik. Richard Woodward bemängelte, “Nachtwey bilde den Schrecken von Krieg und Tod als ästhetisches Wunder ab” (Quelle). Ich glaube allein dieser Konflikt zeigt die Grenzen der Kriegsberichterstattung und wird wohl immer kontrovers bleiben. Es würde mich also nicht wundern, wenn sich dies auch hier in den Kommentaren widerspiegeln würde.

Und somit möchte ich Euch einladen, Euren Gedanken und Assotationen zum aufgeführten Video hier in den Kommentaren Ausdruck zu verleihen. Wie wirkt das Video auf Euch? Welche Fragen entstehen? Was habt ihr beim Schauen empfunden? Könnt ihr James Nachtweys Gedanken nachempfinden oder steht ihr seiner Art, Leid darzustellen ebenfalls kritisch gegenüber?

Weitere Informationen

Von und über James Nachtwey’s Arbeit gibt es die DVD mit dem Titel War Photographer. Ein Trailer dazu kann auf der dazugehörigen Seite gesehen werden. Weiter Auszüge und Informationen bei Amadelio.de.

Portfolio von James Nachtwey: http://jamesnachtwey.com

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22 Kommentare

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  1. Hallo,

    James Nachtwey ist für mich der genialste Kriegsfotograf überhaupt! Er zeigt in seinen Bildern verdammt viele Emotionen und schafft es seinen Bildern Ausdruck und Kraft zu verleihen.

    Ich finde es faszinierend, wie er das ganze Leid, dass er sieht erträgt.

    LG Katja

  2. “I have been manipulated, and I have in turn manipulated others, by recording their response to suffering and misery. So there is guilt in every direction: guilt because I don’t practice religion, guilt because I was able to walk away, while this man was dying of starvation or being murdered by another man with a gun. And I am tired of guilt, tired of saying to myself: >>I didn’t kill that man on that photograph, I didn’t starve that child.<< That’s why I want to photograph landscapes and flowers. I am sentencing myself to peace.” – Don McCullin

    Ich habe mich vor ein paar Wochen auch genau mit dem Thema auseinandergesetzt (http://blog.japana.de/2010/03/14/vom-leid-der-anderen/) und kann mir nicht vorstellen, dass man einen solchen Beruf so lange ausüben kann ohne entweder abzustumpfen oder irgendwann einfach ausgebrannt zu sein…

  3. Ich kann War Photographer nur empfehlen für jeden der sich mit dieser schweren Thematik auseinander setzt. Ich habe ihn schon mehrfach angeschaut und habe großen Respekt vor Nachtweys Arbeit.

  4. Blogartikel dazu: Tweets die James Nachtwey: Kriegsbilder | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel erwähnt -- Topsy.com

  5. ich habe unter anderem über ihn meine Facharbeit geschrieben… er ist ein toller mensch, vor dem ich sehr sehr viel respekt habe. es ist gut dass es menschen wie ihn gibt, es sollte vielleicht sogar mehr von ihnen geben, damit uns klar wird wie menschenverachtend krieg ist!
    den film “war photographer” sollte man gesehen haben – ein sehr trauriger und schockierender film, aber danach wird man die welt mit anderen augen sehen.
    nachtweys bilder sind wunderbar klar und präzise, das mag ich an ihm am meisten ;)

    LG olli

  6. Passt (leider) gerade so gut zum Thema. Ich möchte auf das Video “Colateral Murder” hinweisen. Ich finde es hat viel zu wenig Beachtung in den Medien gefunden. Es handelt sich dabei um ein hochgradig verschlüsseltes Video (ich glaube ein 2048 bit Code?), welches aus dem Pentagon geschmuggelt und von zahlreichen Universitätsgroßrechnern auf der Welt nach knapp 2 Jahren entschlüsselt wurde. Veröffentlicht von Wikileaks.
    Es ist einfach nur abartig, wie die Soldaten in diesem Video mit unschuldigen Zivilisten umgehen. Das Leben ist doch kein Videospiel. Noch schlimmer sind die Sprüche dazu…

    [NICHTS FÜR SCHWACHE NERVEN!]

    Hier der Link:
    http://www.colateralmurder.com

    PS: Sorry Martin wenn der Beitrag nicht so direkt in deinen Blog passt!

  7. “Nachtwey bilde den Schrecken von Krieg und Tod als ästhetisches Wunder ab”. Ich glaube allein dieser Konflikt zeigt die Grenzen der Kriesberichterstattung und wird wohl immer kontrovers bleiben.

    Warum? Müssen Dokumentationen immer hässlich sein? Technisch und ästhetisch “ansprechende” Kinofilme über das 3. Reich gibt’s ja auch… Warum gibt es keine Diskussionen, wenn man in Kriegsberichten auf ordentliche Rechtschreibung achtet – das ist ja auch ein ästhetischer Gesichtspunkt?

  8. Auch wenn man solche Bilder vereinzelt schon oft gesehen hat, war es mehr als nur bedrückend, dem Vortrag zu folgen. Es treibt einem die Tränen in die Augen und man fragt sich, warum es in einer Welt wie der unseren solch ein Leid geben muss, dass Menschen sich gegenseitig antun.
    Es war eine gute Entscheidung das Video hier zu verlinken. Auch wenn es wirklich hart ist sich das anzuschauen – ich habe es nicht an einem Stück gesehen, sondern zwischendurch unterbrochen – dann sollten wir Bewohner einer “heilen” Welt stets daran denken, dass es für die Menschheit noch viel zu tun gibt.
    Ich habe wirklich Respekt vor Fotografen, die dieses Leid nicht einfach nur voyoristisch ablichten, sondern für “uns” dokumentieren. Nachtweys Bilder sind was das betrifft fantastisch, auch wenn es mir merkwürdig erscheint, solche Worte dafür zu verwenden.

  9. James Nachtwey ist mit seinen Bildern sicherlich einer der größten Einflüsse im Photojournalismus der letzten Jahrzehnte. Seine Bilder sind dabei nicht selten von einer ästhetischen Schönheit, die fast schon abartig erscheinen bei dem, was sie eigentlich zeigen. Trotzdem ist es vermutlich genau diese Ästhetik die es schafft Menschen zu berühren und das Elend nah zu bringen. Nachtwey ist für mich eine wichtige Inspiration und hat mein Arbeiten auch beeinflusst. Hab da auch mal zu geblogt: http://www.simonsticker.com/2009/12/14/inspiration-james-nachtwey/
    Es gibt heute Diskussionen, ob schwarz-weiß das richtige Mittel ist Elend darzustellen, ob wir damit nicht eine Form von Distanz zu den Geschichten schaffen, da die Bilder durch das Fehlen der Farbe abstrakter, unwirklicher, weiter weg werden. Ein wichtiges Thema, wie ich finde, auch wenn es darum geht Stereotype zu durchbrechen und Situationen und Umstände zu verstehen anstatt sie nur zu betrachten. Nachtweys Arbeit ist wichtig, die Qualität ist unglaublich und rüttelt wach und doch zeigt es meiner Meinung nach oft nur eine bestimmte Seite. Wer an Diskussionen dazu interessiert ist, dem kann ich http://adevelopingstory.org empfehlen.

    Zum Schluss noch ein Zitat: “The camera can’t lie, we are told. But anyone who has watched a Western film crew in an African famine will know just how much effort it takes to compose the “right” image. Photogenic starving children are hard to find, even in Somalia.” -African Rights (http://www.medialit.org/reading_room/article105.html)

    Grüße, Simon

    P.S.: @Jochen: Collateral Murder ist sicher sehr schockierend und stellt wohl endgültig außer Frage, dass es den ‘sauberen’ Krieg nie geben wird. Auch hier denke ich ist es aber auch wichtig das Video kritisch zu betrachten und weniger nur das Handeln der Soldaten zu Verurteilen als auch zu versuchen Situationen zu verstehen, wie es dazu kommt. Aus welchem Gefühl heraus handelt ein Soldat in einer Art, die zu solchen Fehlentscheidungen führt? Bedrohung? Hass? Angst? Realitätsverlust? Auch hier was dazu ein meinem Blog bei Interesse: http://www.simonsticker.com/2010/04/08/collateral-murder/

  10. Seit Jahren einer DER Fotografen für mich… Wenn ichs mir recht überlege war die Dokumentation über Nachtwey (WARphotographer) sogar ein Mit-Grund dafür, dass ich angefangen habe zu fotografieren…
    Freut mich, dass er hier jetzt auch mal einen Beitrag kriegt ;)

  11. ich bin vor einigen wochen durch meinen besuch in süd afrika zum ersten mal direkt auf die thematik kriegsfotografie gestoßen und auch jetzt denke ich wieder, dass es natürlich zweischneidig ist. zu nachtwey’s fotos und arbeiten kann ich nur sagen, dass sie unglaublich aussagekräftig und empathieerzeugend sind…der trifft einfach voll ins schwarze.
    zu diesem thema kann ich euch das buch “the bang bang club” wärmstens empfehlen…

  12. James Nachtwey gehört ohne Zweifel zu einer der bedeutensten Fotojournalisten unserer Zeit. Er zeigt schongslos auf was andere versuchen zu verschweigen, auf eine Art und Weise die unter die Haut geht. Ich war sehr betroffen als ich hörte das er vor ein paar Jahren selbt in Irak schwer verwundet wurde, dabei wurden seine Hände schwer so verletzt das die Gefahr bestand das er seiner Berufung nicht mehr nachgehen könne. Leider habe ich nichts in Erfahrung bis jetzt bringen können wie es ihm geht.

    Die Quintesenz für mich ist, das ich als Fotograf, aber viel mehr als Mensch, meine Augen niemals verschließen sollte und nicht wegschauen wenn es darum geht sich gegen das Unrecht und Greuel in der Welt zu stellen und darauf aufmerksam zu machen.
    Jeder von uns ob er nun fotografiert oder nicht, hat die Möglichkeit die Welt zu verändern und zu beeinflussen und beginnt vor der eigenen Türe. Geht raus und blickt Euch um, zeigt mit dem Finger auf die Dinge die Euch auffallen und sagt Eure Meinung.

    L.G. Manfred

  13. Vielen Dank für das posten des Videos.
    Auch wenn es sehr erschütternde Fotos sind ist es meiner Meinung nach unsere Pflicht sich mit solchen Themen auseinander zu setzen. Wir tragen auch oder grade als Menschen der ersten Welt eine Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen, ob nun in unserer Nachbarschaft oder tausende Kilometer entfernt.
    Solche großartigen Menschen wie James Nachtwey machen es uns erst möglich mit solchen schrecklichen Themen zu befassen.
    Mich erstaunt es wie solche Menschen psychisch damit umgehen was sie in Krisengebieten erleben. James erzählt ja selber das er seine Wut nutzt.
    Großen Respekt an Menschen die ihr Leben und ihre Psyche für solche Bilder aufs Spiel setzen um dem Rest der Welt dazu zu bringen sich kritisch mit Missständen auseinander zu setzen.

  14. Ich bin tief beeindruckt.
    Das sind die wahren Helden des Alltags.
    Ich verneige mich vor diesem großartigen Fotografen, und ich verneige mich vor seinem Lebenswerk!
    Da kann man den ganzen Mode/Werbe/Landschaften/Makro und Sonstwas-Scheiß vergessen…
    (Sorry für meine ehrlichen Worte)

  15. Das ist ein wirklich sehr anspruchsvolles Thema und wenn man bedenkt wie viele Berichterstatter und Fotografen sich dafür in Gefahr begeben diese Eindrücke in unsere doch sehr heile Welt zu transportieren muss man dem wirklich den allerhöchsten Respekt zollen!!!

  16. Fotografie ist meine Passion. Mehr als alles andere würde ich gerne in die Fußstapfen von James Nachtwey treten und mit meiner Kunst die Welt ein kleines Stück verändern!