Bild4
15. August 2012 Lesezeit ~ 4 Minuten

Die Gestalt des Moments

Manchmal braucht es mehr als ein Konzept, eine Idee oder den Willen, etwas zu fotografieren. Der Zufall spielt in den meisten Bereichen der Fotografie eine große Rolle und kann nicht manipuliert werden. Entweder der Moment ergibt sich – oder nicht.

Ich hatte keine genaue Vorstellung, was im Endeffekt bei meinen Versuchen herauskommen sollte. Ich finde, manchmal muss man das auch gar nicht wissen. Etwas so Unvorhersehbarem wie dem Feuer kann man sich auch gar nicht anders nähern.

Ein Baumstumpf

Zuallererst suchte ich mir ein ruhiges Plätzchen, an dem es nicht auffällt, wenn man Stichflammen durch die Landschaft feuert. Und dann fing ich auch schon an, Bilder zu machen. Ich baute mein Stativ auf und fokussierte auf den vor mir befindlichen Baumstamm. Direkt die Flammen zu fokussieren, ist unmöglich und da der Autofokus gewiss zu langsam dafür wäre, entschloss ich mich also, nach dem korrekten Fokussieren auf den Baumstamm den manuellen Fokus zu verwenden, sodass sich die Schärfenebene auf den nächsten Aufnahmen nicht mehr veränderte.

So weit, so gut. Ich brauchte also etwas Entflammbares und entschied mich für das Nächste, was mir in die Hände kam: Rostschutzmittel aus der Spraydose. Dieses sprühte ich nun auch auf ein mit Benzin gefülltes Teelicht, das vor sich hinloderte. Die Flammenentwicklung war enorm, zu enorm.

Ein Feuerstrahl

Da ich spontan mit dem Fahrrad zu unserem Schrebergarten gefahren war, fiel mein Blick schon bald auf meine Fahrradpumpe am Fahrrad. Ich suchte nämlich etwas, um den Brennstoff gezielter und dosierter auf das Teelicht zu geben. Ich bastelte mir meine eigene Spraydose, indem ich etwas Benzin in die aufgeschraubte Pumpe gab und einen Trinkhalm vor den Adapter steckte. So wurde das austretende Benzin beim Runterdrücken der Pumpe gezielt auf das Teelicht gesprüht.

Das Ergebnis waren wunderschön geschwungene Feuerfiguren. Teilweise ergaben sich durch das unkontrollierte Sprühen des Röhrchens sogar besondere Funken.

Da das Feuer ein sehr, sehr helles Licht hat und an den heißesten Stellen förmlich glüht, waren die ersten Aufnahmen ausgebrannt und ohne Struktur. Ich hatte zuerst den Fehler gemacht, das Licht der Umgebung zu messen.

Im manuellen Modus der Kamera konnte ich mit einigen Testbildern schnell herausfinden, welche Werte perfekt waren, um das Feuer richtig zu belichten. Für das vorgestellte Bild benutzte ich eine Belichtungszeit von 1/4000 Sekunde. Mit einer Blende von f/2.8 ergab sich ein ISO-Wert von 800.

Als alles richtig eingestellt war, musste ich nur noch Reihenaufnahmen des Geschehens vor meiner Kamera machen. Ich sprühte also mit der Luftpumpe aus verschiedenen Winkeln und Entfernungen. Später sollte sich herausstellen, dass die springende Gestalt eine Größe von 20cm hatte.

Bildauswahl

Nach einiger Zeit waren sehr, sehr viele Bilder im Kasten und mir blieb nun der viel zu lange Nachhauseweg und die anschließende Sichtung der Bilder.

Und tatsächlich: Es waren unglaublich schöne Verformungen des Feuers unter den Bildern. Doch eines stach eindeutig aus der Masse hervor. Ich sah es sofort. Die Gestalt eines Pferdes oder Einhorns galoppierte dort über mein Bild. Es war nicht perfekt, dennoch konnte ich die wichtigsten Körperteile erkennen.

Es war beeindruckend, das Bild zu untersuchen, da es mir beim Prozess des Fotografierens keinesfalls aufgefallen war. Die Flammen bewegten sich einfach zu schnell. Meine Kamera hielt also das fast, was mit den Augen unmöglich zu sehen war.

Das Feuerpferd

Mit Hilfe der vielen anderen Bilder – gestreute Funken, geschwungene Flammen und winzige Explosionen – verdeutlichte ich die springende Gestalt. Ich gab ihr einen größeren Schweif und kräftigte schließlich noch die Farben.

Dabei achtete ich stest darauf, nur Ausschnitte anderer Bilder zu nehmen und die Bilder an sich unverändert zu lassen. Der überwältigende Moment, als der Geist dieser Figur eingefangen wurde, sollte unbedingt erhalten bleiben.

Das war mir sehr wichtig und ich hoffe, dass Ihr beim Betrachten des Bildes die gleiche Faszination verspürt wie ich sie hatte, als ich verblüfft vor dem Monitor saß und es nicht glaube konnte.

Feuerpferd, final

Warnhinweis: Bitte beachtet, dass der Umgang mit Sprühdosen, Benzin und Feuer sehr schnell gefährlich werden und zu verhehrenden Verletzungen führen kann. Die beschriebene Vorgehensweise ist nicht zur Nachahmung empfohlen! Falls Ihr solche Experimente trotzdem machen wollt, zieht bitte geschultes Fachpersonal hinzu. Die Redaktion

  • Sigma Banner

24 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

  1. Das ist so geil! Ich weiß nicht woran es liegt, aber irgendwie seh’ ich überall in den Bildern Pferde. Im zweiten, das mit der Spraydose…die kleinen Pferde da oben links von der großen Flamme.

    Bist Du sicher, dass es Frostschutzmittel war, und nicht doch vielleicht von Einhörnern eingesammelter Feenstaub? ;)

  2. Die im Bild gezeigte Vorgehensweise ist aus meiner Sicht als fahrlässig zu betrachten. Bitte nicht nachahmen. Eine Vielzahl von schwersten Brandverletzungen (auch mit Langzeitfolgen) ist auf die unsachgemäße Benutzung von Sprühdosen und Treibgasen zurückzuführen.

    Alternativ empfiehlt es sich die Flammen von geschultem Einsatzpersonal erzeugen zu lassen. Auf dem Land helfen freiwillige Feuerwehren, in urbanen Bereichen auch Berufs- und Werksfeuerwehren gerne weiter.

    • Stimme dem absolut zu! Habe selbst ein “Brandopfer” im Bekanntenkreis. Selbst die harmloseste Feuerspielerei kann zur Katastrophe führen! Würde selbst auch immer Rat bei den Experten einholen. Das Ergebnis reizt natürlich auch zur Nachahme. Große, große Klasse!!! Bin hin und weg.

    • Ja stimmt! Schon allein der Verkehr mit dem Streichholz ist strengstenst zu unterlassen und kann ganze Stadtviertel vernichten. Auch hier sind Fachmänner zu Rate zu ziehen, die diesen überaus gefährlichen Tatvorgang übernehmen sollten.

  3. Ein tolles Bild, keine Frage. Und auch der offene Umgang mit der BEA gefällt mir.

    Allerdings fehlt hier ein Warnhinweis, denn so richtig ungefährlich sind Spiele mit Benzin und Feuer nicht. Und da man davon ausgehen kann, dass nicht nur erwachsene, vernünftige Menschen diesen Artikel lesen, sondern auch unbedarfte Kinder und Teenager, empfinde ich einen Warnhinweis mehr als angebracht.

  4. Der hier beschriebene “Zufall” ist doch eher ein Teil des fotografischen Konzepts bzw. der Idee und nicht “mehr”.

    Natürlich lässt sich das Ergebnis visuell nicht vorhersagen, aber die beschriebene Vorgehensweise zeigt doch, dass für den gewünschten Effekt Manipulation notwendig war.

    Ich bin mal gespannt wieviele Waldbrände in den nächsten Tagen durch Fotografen ausgelöst werden, die das hier auch mal “zufällig” ausprobieren wollten. Das Wetter dafür haben wir ja gerade …

  5. Das letzte Bild sieht tatsächlich nach einem springenden Pferd aus, das ist echt Klasse geworden. Die Idee natürlich auch… obwohl ich als freiwilliger Ex-Feuwehrmann besonders an jüngere Fotografen appelliere: Nur an sicheren Orten und nicht mit chemischen Stoffen experimentieren, die ihr nicht kennt.
    LG aus Berlin Jörg

  6. Blogartikel dazu: plus-me.at GOOGLE | Klasse Aufnahme!