16. August 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Bokeh aus der Hemdtasche

Bokeh aus was? Ja, aus der Hemdtasche. Will sagen: Bokeh mit einer kleinen Knippsflitsche. Geht nicht? Nein. Doch, geht wohl. Und zwar mit der ziemlich schicken, neuen, lecker verarbeiteten, kompakten Kamera von Sony namens: RX100. Wie das geht? Man nehme ein lichtstarkes, fest verbautes Zoom-Objektiv mit Carl-Zeiss-Optik und einen ziemlich großen Sensor.

Der Sensor ist zum Beispiel doppelt so groß wie der in der Fujifilm X10. Warum die Sensorgröße auch Einfluss auf die Schärfentiefe hat, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter erklären. Wer wissen möchte, wie das alles funktioniert, dem empfehle ich den entsprechenden Wikipedia-Artikel. Obwohl mich die meist sehr geringe bis gar nicht vorhandene Möglichkeit, Fotos mit Schärfentiefe aufzunehmen, bei bisherigen Kompaktkameras gestört hat, will ich mich aber gar nicht zu sehr auf dieses Thema festlegen. Mir geht es grob gesagt darum, wie sich die Kamera im täglichen Gebrauch anfühlt und was für Bilder damit herausspringen können.

Sony war so freundlich und hat mir ein Vorab-Modell für eine Woche zur Verfügung gestellt. Und da bei mir, wie man vielleicht weiß, nicht irgendwelche Testkarten im Wohnzimmer an der Wand hängen, habe ich mir das Ding kurzerhand geschnappt und einen kleinen Spaziergang mit ihr durch lovely Köln-Rodenkirchen gemacht. Einmal zum Rhein runter, durch ein paar Gässchen wieder rauf und dabei die Kamera immer im Anschlag.

Wer Sony gewohnt ist, wird sich im Menü sofort zurecht finden. Aber auch alle anderen sollten keine größeren Probleme haben, alle wichtigen Einstellungen zu finden. Positivster Punkt: Man kann alles genau wie an einer „großen“ (D)SLR manuell einstellen. Im Raw-Format kann man übrigens auch fotografieren, nur ist Lightroom 4 leider noch nicht soweit und konnte das Format nicht lesen, daher habe ich Raw + JPG fotografiert.

Sehr nett ist übrigens der individuell belegbare Fokussierring. Wer damit nicht fokussieren möchte – und wer fokussiert mit einer Kompaktkamera schon manuell? – der kann auch ISO, Blende, Belichtungskorrektur oder sonstige Spielereien diesem Ring zuweisen.

Ich habe mich für die Auswahl der Blende entschieden, danach alle Automatiken wie Gesichtserkennung und anderen Schnickschnack abgestellt, das Einstellrad auf A gesetzt, also eine feste Blende gewählt, und der Kamera die Belichtung überlassen. Der Autofokus arbeitet ziemlich schnell, will allerdings manchmal nicht ganz die Ebene scharf stellen, die ich gern scharf hätte. Aber das sieht man ja vor dem Auslösen auf dem 3 Zoll großen, sehr klaren Display.

Ich war schon beim Kontrollieren der Bilder auf dem Display wirklich überrascht, welche Bildqualität dieses kleine Teil produziert. Zuhause angekommen, war ich dann bei manchen Bilder noch überraschter. Selbst in voller Auflösung ist alles noch scharf und ein Rauschen lässt sich auch so gut wie nicht erkennen. Das obige Bild mit den Kaffeestempeln ist bei ISO 3600 aufgenommen. Ja, hier sieht man so langsam, wie die Kamera mit der Rauschunterdrückung eingreift.

Schade, dass ich das Raw nicht in Lightroom bearbeiten konnte. Sony lässt sich den ganzen Spaß allerdings auch bezahlen und man bekommt für den gleichen Preis auch eine DSLR der Mittelklasse (ohne Objektiv). Der aktuelle Preis liegt auf Amazon bei 649 Euro.*

Für wen ist also diese Kamera etwas? Wer sich eine Kompaktkamera dieser Preisklasse leisten möchte, dem sollte Geld entweder egal sein oder er hat schon gewisse Ansprüche an seine Fotografie. Letzteren wird die Kamera definitiv gerecht und ich muss zugeben, auch ich würde das kleine, schwarze Alu-Schmuckstück gern in meinem Regal wissen.

Gerade für Ausflüge, auf denen man keine Lust hat, die große Ausrüstung mitzuschleppen, aber trotzdem nicht auf gute Bildqualität verzichten möchte oder kann, ist die Kamera bestens geeignet. Ich würde sie selbst Hochzeitsfotografen als Backup-Lösung empfehlen.

Mir sind eigentlich nur zwei Sachen negativ aufgefallen, die allerdings in der Natur der Sache liegen: Mir ist so eine Kamera irgendwie zu klein, zu fummelig. Aber das kann man nicht als negativ werten, denn Leute, die so eine Kamera kaufen wollen, tun das ja auch gerade wegen des kleinen Hemdtaschenformats. Außerdem fehlt mir ein optischer Sucher, der aber aufgrund der Größe der Kamera wahrscheinlich nicht umsetzbar ist.

Alles in allem ein absolut gelungenes Stückchen Technik. Wer jetzt doch gern noch mehr technische Details wissen möchte, kann direkt bei Sony vorbeischauen. Wer die Kamera (schon) besitzt, kann natürlich gern in den Kommentaren ein paar Fotos zeigen.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhalten wir eine kleine Provision, Ihr bezahlt aber keinen Cent mehr.

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