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27. August 2011 Lesezeit ~ 3 Minuten

Dynamische Bilder: Mitzieher

Ein zischendes Geräusch ist zu hören, ein paar Sekunden später das Aufschlagen der Skier auf dem Hang, dann der Zuschauerjubel. Meine Kamera speichert noch und speichert und speichert. Gespannt drücke ich mit meinen ziemlich steif gefrorenen Fingern auf ‘play’ und schaue die Serie von zehn Bildern durch, die ich gerade im Serienmodus gemacht habe.

Neun der zehn Fotos werden gleich gelöscht, aber eines der Bilder ist scharf. Genauer gesagt: Der Skispringer, der eben mit unglaublicher Geschwindigkeit und einem Zischen an mir vorbei geflogen ist, ist scharf abgebildet. Der Hintergrund verschwimmt in Unschärfe. Schnell konzentriere ich mich wieder, denn der nächste Sportler ist schon auf seinem Weg die Schanze hinab.

Sportarten wie Skipringen und Radsport haben mich lange fasziniert und sind der Grund, warum ich irgendwann begonnen habe, mich sehr intensiv mit der Fotografie zu beschäftigen. Die Dynamik dieser Sportarten einzufangen ist jedoch alles andere als einfach. Nach diversen Versuchen mit außergewöhnlichen Perspektiven und Weitwinkelobjektiven habe ich die Technik des Mitziehens für mich entdeckt, um die Geschwindigkeit auch auf Fotos festzuhalten.

Für gelungene Mitzieher braucht man ein wenig Übung, ein bißchen Glück und auch Geduld, denn Ausschuss ist vorprogrammiert und es kann dauern, bis das perfekte Foto dabei ist. Ziel beim Mitziehen ist es, die Kamera exakt so schnell zu schwenken, dass sich das bewegte Objekt  in der Zeit, in der der Verschluss der Kamera geöffnet ist, immer an der gleichen Position im Sucher und somit auch auf der gleichen Position auf dem Sensor oder Film befindet, während sich der Hintergrund ‘über den Sensor hinweg bewegt’ . So ist gewährleistet, dass das Objekt scharf, der Hintergrund jedoch unscharf verwischt abgebildet wird.

An der Kamera stellt man zum Mitziehen den Modus ein, der die Schärfe permanent nachführt. Außerdem ist es sinnvoll, den Serienmodus einzuschalten, denn bei einer Serie von mehreren Bildern ist die Wahrscheinlichkeit eines Treffers erhöht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir oft eines der mittleren Bilder aus einer Serie von acht bis zehn Fotos gelungen ist, weil man zu Beginn der Serie erst die Geschwindigkeit des Objektes erfassen und seine eigene Bewegung angleichen muss und diese nur über einen kurzen Zeitraum exakt halten kann.

Für meine Mitzieher benutze ich immer ein Teleobjektiv. Dies hat den Grund, dass man weniger hektisch schwenken muss, wenn man das bewegte Objekt mit der Kamera verfolgt. Steht man zum Beispiel nahe an der Straße und möchte einen Radfahrer seitlich fotografieren, sodass der Radfahrer scharf, der Hintergrund aber  verwischt ist, muss man die Kamera und somit seinen Oberkörper in einer kurzen Zeit von ein oder zwei Sekunden über einen großen Winkel schwenken. Befindet man sich dagegen weiter entfernt von der Straße und nutzt ein Teleobjektiv, ist die Drehbewegung langsamer und das ruhige, gleichmäßige Mitziehen somit einfacher.

Der nächste entscheidende Punkt ist die Verschlusszeit. Wählt man eine zu kurze Verschlusszeit, hebt sich der Hintergrund nicht genug vom Hauptmotiv ab, da er nicht ausreichend verwischt. Bei einer zu langen Verschlusszeit fällt es schwer, dem Objekt während des kompletten Zeitraums, in dem der Verschluss geöffnet ist, exakt zu folgen. Je nach Entfernung zum Objekt und Geschwindigkeit des Objektes variieren die geeigneten Verschlusszeiten, hier ist Ausprobieren gefragt. Bei meinen Radsport- oder Skisprungfotos habe ich Verschlusszeiten von 1/80 bis 1/125 Sekunde verwendet.

Natürlich sind nicht nur schnelle Sportler geeignete Objekte, um Mitzieher zu machen. Auch Bilder von rennenden Hunden können zum Beispiel reizvoll sein. Da die Hunde jedoch keine gleichmäßige Bewegung in eine Richtung machen, sondern sich beim Rennen auch auf und ab bewegen, ist hier die Trefferquote noch geringer.

Doch gerade aufgrund der manchmal unberechenbaren und überraschenden Ergebnisse machen Mitzieher einfach Spaß. Und schließlich können nicht gelungene Bilder ja gelöscht werden – die digitale Technik macht das Fotografen- bzw. Fotografinnenleben hier einfacher.

Sind Euch schon schöne Mitzieher gelungen? Wir freuen uns auf Eure Links!

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49 Kommentare

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  1. Hallo Patricia,

    vielen Dank für den klasse Artikel. Es hat Spaß gemacht ihn zu lesen und lockt mich nun sehr, Mitziehen auch mal wieder intensiv auszuprobieren.
    Deine Tipps zur Verschlusszeit und mit dem Teleobjektiv werde ich natürlich beachten. Freue mich schon hoffentlich bald vorzeigbare Ergebnisse zu haben.

    Viele Grüße
    Tina

  2. Mitzieher sind schon was tolles :) Geschwindigkeit zu “sehen” ist immer wieder beeindruckend.

    vom Karttraining:
    http://www.flickr.com/photos/justusstrauss/5679131415/

    von der Ostalbrallye 2010:
    http://www.flickr.com/photos/justusstrauss/5637882761/

    Bei dem Bild von der Ostalbrallye hatte ich keine Serienbilder gemacht, mitgezogen und einmal abgedrückt. Klappte hier besser als Serienaufnahmen zu machen.

    Mehr Mitzieher habe ich auf meiner Website.

  3. … wer das Auge, das nicht durch den Sucher schaut offenlässt und auf das Objekt fokussiert, der schafft das auch mit nur einer Auslösung. Panning wird dadurch ganz erheblich erleichtert, wenn man das ‘Zielobjekt’ schon etwas länger verfolgt und dann, wenn es sich im richtigen Winkel zur Kamera befindet, ganz ruhig auslöst. Die Serienfunktion liefert schlicht zu viel Ausschuss, gerade, wenn man den ganzen Tag bei der arbeit ist.

    H
    http://fiskbuljong.files.wordpress.com/2011/01/zacatecas-20101028_dsc1381.jpg

  4. Finde ich sehr schön, vom philosophischen entfernt mal eine klare Anregung zu einem solch interessanten Werkzeug wie dem Mitziehen zu bekommen.

    Vielen Dank!

    Frage 1:
    Da meine Mitzieh-Versuche bisher stets eher mau waren hätte ich mal überlegt per Stativ mitzuschwenken (horizontaler Schwenk als einziger Freiheitsgrad). Das beseitigt zumindest in Richtung rauf/runter und vor/zurück die eigene Wackelei, so mein Gedanke.

    Ist da was dran, macht das auszuprobieren Sinn (bei horizontalen Bewegungen natürlich nur)?

    Frage 2:
    Blende eher auf oder zu? Könnte mir vorstellen Blende auf isoliert schön, dann aber Fokus zusätzlich knifflig und wohin mit dem Licht (Neutraldichtefilter?).

  5. Hallo Claus,

    mit einem Stativ fühle ich mich immer sehr unbeweglich. Beim Mitziehen kann ein Einbeinstativ aber wirklich Sinn machen. Ich denke, Du musst einfach ausprobieren, was Dir am besten liegt.

    Stellt man an der Kamera eine relativ lange Verschlusszeit für die Mitzieher ein, erhält man selbst bei niedrigem Iso eine relativ kleine Blende, um eine korrekte Belichtung zu erhalten. Dadurch, dass der Hintergrund komplett verwischt, hebt sich das Hauptobjekt jedoch trotzdem ab.

    LG, Patricia

  6. Hallo Patricia,
    moin moin allerseits,

    erstmal vorweg: Toller, anregender Artikel – Danke! :-)

    Aber gleich hinterher noch eine kleine Ergänzung. Ich habe mich auch schon mal kurz mit dem Thema beschäftigt und so gibt es noch eine Kleinigkeit, die beachtet werden möchte in manchen Situationen. Falls man mit wirklich langen Brennweiten oder extrem kurzen Belichtungszeiten arbeitet, ist der Einfluss dieses Effektes vernachlässigbar klein, jedoch nicht bei mittleren und kurzen Brennweiten, sowie bei mittleren Belichtungszeiten:

    Wenn ein Objekt eine geradlinige Bewegung ausführt und man als Betrachter/Fotograf von einem ortsfesten Standpunkt aus die Kamera mitführt, so beschreibt das Objekt keine translatorische Bewegung relativ zur Kamera – also gibt es ein scharfes Motiv. Jedoch nur teilweise scharf, da das Objekt zusätzlich eine rotatorische Bewegung relativ zum Fotografen ausführt.
    Das bedeutet beispielsweise bei einem von links nach rechts vorbeifahrenden Fahrrad: Das hintere Ende des Objektes bewegt sich auf einen zu, während der vorderste Punkt sich von einem weg bewegt – von oben betrachtet beschreibt das Fahrrad somit eine rotatorische Bewegung im Gegenuhrzeigersinn und die Rotationsachse ist eine Vertikale. Dies führt oftmals zu scheinbar unerklärlichen Unschärfen, besonders an den äußeren Punkten des Objektes.

    Folglich ist es nur dann für einen ortsfesten Betrachter (nahezu) optimal, wenn das Objekt eine Kurve durchfährt und man sich im Inneren der Kurve befindet. Dann kann man das Objekt durch Mitführen nämlich translatorisch, wie auch rotatorisch “einfrieren”.

    Das nur als kleine Ergänzung, die einen Schmutzeffekt beschreibt, aber möglicherweise bei dem ein oder anderen Versuch Unschärfen erklären kann.

    Einen schönen Tag noch und beste Grüße,
    Henning

  7. Netter Artikel!
    Meine Erfahrungen dazu sind, dass es natürlich einfacher wird, je langsamer sich das Objekt bewegt. Ich fotografiere sehr gern Autos. Deren Geschwindigkeiten auf der Rennstrecke sind aber enorm hoch. Dies macht es ungleich schwerer, ein scharfes Bild hinzukriegen (besonders am Ende der Geraden). Aber es macht tierisch Spaß. Da allerdings noch auf Bildkomposition zu achten ist sehr schwierig. Einfacher ist es in einer Kurve.

    @Hennig: Dieser Effekt ist mir besonders bei den Weitwinkelaufnahmen (20mm an FX) aufgefallen. Ich konnte es mir schon ungefähr vorstellen, aber danke noch einmal für die ausführliche Erklärung dieses Phänomens. Wobei ich dieses als Effekt, ehrlich gesagt, ganz geil finde.. Bringt noch etwas mehr Dynamik rein (vorausgesetzt, irgendetwas im Bild ist auch wirklich scharf!).

    Nicht so sehr spektakulär, aber trotzdem ein Mitzieher: http://www.flickr.com/photos/dasmaddin/4489747022/

    M.

    • Ouh ja, rattenscharf! Das Bild hat eine bestechende Bildwirkung durch die exakten horizontalen Streifen… Toll!

      P.S.: Obwohl das ja auch schon wieder die Kür ist. Denn bei einer beschleunigten Bewegung einen Mitzieher zu versuchen ist ja auch noch mal eine Schippe schwieriger, als es bei einer gleichförmigen Bewegung zu machen. Aber ist dir absolut gelungen!

    • Man seit ihr guut :( find das so kool wie das Objekt komplett scharf ist…und der Rest verwischt..ich muss für mein Studium auch gerade das Thema behandeln..naja..es sind immer noch Teile des Motivsam Rande verwischt…find das echt schwer die passende Einstellung zu bekommen..naja weiterüben ;)

  8. Blogartikel dazu: Dynamische Bilder: kreativ Blitzen | KWERFELDEIN | Fotografie Magazin

  9. Vielen Dank für den Beitrag! Jetzt hab ich total Lust sowas auch auszuprobieren!
    Aber – sorry für Offtopic – wie bekommt man eine Akkreditierung, um bspw. auf einem Motorsport-Event zu fotografieren?

  10. Blogartikel dazu: Dynamische Fotografie: Kreativ Blitzen › kwerfeldein - Fotografie Magazin