28. August 2011 Lesezeit: ~8 Minuten

Im Gespräch mit Nikoline Rasmussen.

In den Fotografien von Nikoline geht es um das, was den Menschen und die weite Natur um ihn herum vereint: Die natürliche, ursprüngliche Schönheit.

Mit der jungen Fotografin sprachen wir über den Weg zur Fotografie als Ausdruck von Stimmungen und über die Gedanken darüber, was sie mit ihren Arbeiten zeigen möchte. Und wir erfahren, welche Rolle es dabei spielt, in einer schönen Gegend zu leben.

Hallo Nikoline. Danke, dass du dir Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Zuerst, erzähl unseren Lesern doch mal ein bisschen was über dich: Wer bist du, was machst du?

Mein Name ist Nikoline L. Rasmussen und ich bin 19 Jahre alt. Ich bin geborene Dänin, habe aber bisher in verschiedenen Ländern gelebt, die meiste Zeit davon in Norwegen. Acht Jahre, wenn man die drei Jahre in Spitzbergen mitzählt.

Trotzdem lebe ich gerade wieder in Dänemark, wo ich eine Fotografieklasse an einer Kunstschule namens Krabbesholm belege. Ich fühle mich hier wirklich wohl und lerne sehr viel. Es macht so viel Spaß, von vielen kreativen Menschen umgeben zu sein.

Wie bist du zur Fotografie gekommen? Wann seid ihr euch das erste Mal begegnet und wie hat sich diese Beziehung danach entwickelt?

Ich habe mein Interesse an der Fotografie entdeckt, indem ich Webseiten wie flickr besucht habe. Dort war ich von all den talentierten Menschen sehr inspiriert und beschloss, ebenfalls einen Versuch zu wagen. Mit 16 bekam ich meine erste SLR-Kamera.

Ich machte dann aber fast nur Makroaufnahmen von Blumen und solchen Sachen. Ich habe es nicht wirklich ernst genommen, bis ich ein Jahr später angefangen habe, mit Selbstportraits zu experimentieren. Und von dort aus hat es sich dann weiterentwickelt.

Wie genau sah diese Entwicklung denn aus? Welche Gedanken, Entdeckungen und sowas hast du auf deinem Weg gehabt?

Am Anfang habe ich immer nach Fotos gesucht, die ich einfach nur optisch schön fand. Aber abseits des Weges habe ich auch entdeckt, dass es nicht nur die Schönheit eines Foto ist, die mich erfasst, sondern auch seine Stimmung.

Ich habe schnell realisiert, dass ich mich vor allem in die Fotos verliebte, die eine spezielle Stimmung transportierten, nicht eine besondere Idee oder ein Konzept hatten. Versteh mich nicht falsch, ich mag auch viele konzeptuelle Arbeiten, aber die Stimmung ist für mich am wichtigsten.

Insbesondere, wenn es die Schönheit und Weite der Natur einbezieht. Und da ich das Glück hatte, an einem so schönen Ort wie Tromsø zu leben, wurde ich von meiner Umgebung dort inspiriert und fing an, zu fotografieren. Landschaftsfotografie kann atemberaubend sein, aber es war nicht der Weg, den ich gehen wollte.

Auf mich hatten Fotos von Landschaften immer dann eine größere Wirkung, wenn eine Person mit einbezogen wurde; das machte es irgendwie realer und fühlbar. Also fing ich an, meine Umwelt und mich selbst zu nutzen. Mit meinen Fotografien wollte ich beides zeigen; die Schönheit und auch das „Gefühl“ der Natur.

Das sieht ja ganz danach aus, dass du selbst stark mit der Natur verbunden bist. Wie würdest du das beschreiben?

Ich habe mich immer stark zu natürlicher Schönheit hingezogen gefühlt. Das will ich in meiner Fotografie auch zeigen und die natürlichste Schönheit von allem ist die Natur selbst. Etwas Reines und Verletzliches, aber auch Starkes. Es fühlt sich wie etwas an, das viel größer ist als du – im Norwegischen haben sie ein gutes Wort dafür – „ærefrykt“ – was direkt übersetzt „Ehrfurcht“ heißt.

Ich mag es auch, meine Modelle so natürlich wie möglich aussehen zu lassen. Ich bin kein großer Fan der ganzen Modefotografie, die es heute gibt – so viel Make-up und Nachbearbeitung, dass es unnatürlich und fast fremd aussieht. Menschen sind von Natur aus schön, warum sollten wir sie ändern?

Wer sind deine Modelle? Wie suchst du sie aus?

Am Anfang war ich mein eigenes Modell – einfach, weil ich immer da war und wusste, was ich selbst wollte. Wenn ich aus dem Fenster sah und das Licht in einer bestimmten Weise auf die Berge fiel, konnte ich einfach meine Kamera schnappen, rausgehen und die Fotos machen, die ich wollte.

In letzter Zeit war ich mehr daran interessiert, Fotos von anderen Menschen zu machen. Ich nutze mich selbst nur noch, wenn ich einen plötzlichen Inspirationsschub habe, den ich entladen muss oder wenn ich etwas sehr Persönliches zeigen will.

Ich weiß gar nicht so richtig, wie ich die Menschen auswähle, von denen ich möchte, dass sie für mich Modell stehen. Einige Menschen inspirieren mich ganz einfach. Wenn ich in Krabbesholm lebe, bitte ich meine Freunde, sie fotografieren zu dürfen.

Insbesondere jene, die nicht vor der Kamera zurückschrecken, sondern gern fotografiert werden. Es ist am einfachsten, jemanden zu fotografieren, der es ebenso lustig und inspirierend findet wie man selbst.

Lass uns zum technischen Teil kommen: Welche Ausrüstung und welches Material benutzt du? Wie wichtig ist dir das überhaupt?

Ich habe mir vor Kurzem eine Canon EOS 5DII und das 50mm f/1.4 gekauft, die meine lang gediente Canon EOS 400D und das 50mm f/1.8 ersetzen. Trotz des Upgrades glaube ich immer noch, dass jede Ausrüstung es tut. Ich habe die 5D vor allem wegen des Vollformats und der Möglichkeit, Filme zu drehen, gekauft und sie ist wirklich eine sehr gute Kamera. Trotzdem habe ich die meisten meiner bisherigen Fotos mit der 400D und dem f/1.8 gemacht und ich war damit sehr glücklich.

Aber man muss nicht sein ganzes Geld für die fortgeschrittenste und teuerste Technik ausgeben. Man mag dadurch ein paar Vorteile haben, ja, aber es wird nicht das Foto für dich machen. Es gibt mit Preisen ausgezeichnete Fotografen, die mit Holgas arbeiten und das sind nur Plastikkisten mit einem Knopf. Abgesehen davon benutze ich auch eine analoge Olympus OM-10 und eine Olymous mju ii.

Welche Werkzeuge benutzt du in der Nachbearbeitung, wenn du sie machst?

Der größte Teil meiner Nachbearbeitung richtet sich auf Farben und Kontraste, wofür ich hauptsächlich die Kurvenkorrektur in Photoshop benutze. Für mich sind Farben sehr wichtig, weil sie helfen, die Stimmung sowie die Ästhetik des Fotos zu unterstützen.

Welche Künstler haben dich auf deinem Weg inspiriert? Empfehlungen?

Es ist schwierig, jemanden speziell zu nennen, weil ich die ganze Zeit über viele verschiedene Fotografen gestolpert bin, die mich auf die eine oder andere Weise inspiriert haben. Um nur ein paar zu nennen, würde ich sagen: Sally Mann und ihre Serie „Immediate Family“, wegen der Ehrlichkeit und der Schönheit, die sie portraitiert. Lina Scheynius aus dem gleichen Grund. Und Julie Pike.

Was sind deine Pläne für die nähere und fernere Zukunft? Hast du Träume, die du verwirklichen willst?

Ich bin nicht gut darin, Zukunftspläne zu schmieden. Man weiß nie, was in der näheren oder ferneren Zukunft passieren wird, also treffe ich vor allem Entscheidungen in der Gegenwart und schaue, wohin es mich führt. Natürlich habe ich Träume, die ich wahr machen möchte und dafür werde ich arbeiten.

Von der Fotografie zu leben wäre die Erfüllung so eines Traumes. Ich werde nach Oslo ziehen und dort anfangen, an der Universität zu studieren und ich hoffe, dass in einer Hauptstadt, wenn auch einer kleinen, zu leben, mir größere Möglichkeiten geben wird, in der Fotografie zu arbeiten. Nur die Zukunft wird verraten, was als nächstes passiert.

Na dann wünsche ich dir nur das Beste für was auch immer die Zukunft dir bringen mag und drücke dir die Daumen für deinen Traum, von der Fotografie zu leben. Vielen Dank für das Interview, Nikoline!

Das Interview habe ich mit Nikoline auf Englisch geführt und anschließend übersetzt.

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5 Kommentare

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  1. Norwegen… da spielt die Natur in jeder Lebensphase eine „1. Geige“. Da kommt keiner dran vorbei. Schön, back to the roots.
    Sally Mann (family pictures) erinnert in der Zartheit und Lichtgestaltung an Bilder von David Hamilton.

  2. Gefällt mir unglaublich gut. Eine tolle Einstellung, die widerspiegelt, dass der Mensch im Grunde ein Teil der Natur ist und sich auch so fühlt. Keine überschminkten oder superperfekten Models. Davon brauchen wir definitiv mehr.