weiblicher Akt auf Felsen mit Baum
10. Dezember 2021 Lesezeit: ~6 Minuten

Wer war Anne Brigman?

Anne Brigman war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der ersten Akteur*innen im jungen Genre der Aktfotografie, das sie oft mit Selbstportraits bespielte. All dies in einer Zeit, in der weite Teile der Kunstwelt noch erbittert darum stritten, ob die Fotografie überhaupt Kunst sein kann.

Anne Wardrope Nott wurde 1869 als ältestes von acht Kindern in der Nähe von Honolulu auf Hawaii geboren. Ihre Eltern waren als Missionar*innen vor Ort, ihre Großeltern mütterlicherseits waren schon im Jahr 1828 als Missionar*innen auf die Insel umgesiedelt.

weiblicher Akt auf Felsen mit Baum

weiblicher Akt in hohlem Baumstumpf

Als Anne 16 Jahre alt war, zog die Familie nach Kalifornien um. Die Gründe und genaueren Umstände sind leider nicht bekannt, ebenso gibt es keine Details über ihre Kindheit und Jugend. Im Jahr 1894 heiratete sie den Schiffskapitän Martin Brigman und begleitete ihn auf vielen Reisen durch die Südsee.

Ab 1900 ließ sich Anne Brigman in San Francisco nieder. Dies war möglicherweise die Konsequenz aus einem Unfall auf einer der Reisen, bei der sie sich so heftig verletzte, dass ihr eine Brust amputiert werden musste. Schaut man genau hin, lassen sich in ihren Selbstportraits zu dieser Geschichte passende Nachbearbeitungen im Brustbereich erahnen.

zwei Frauen zwischen zwei Bäumenweiblicher Akt mit altem Baum

In San Francisco verkehrte Anne Brigman in den künstlerischen Kreisen der Stadt und war unter anderem schnell mit einigen der bekanntesten Schriftsteller wie Jack London befreundet. Sie betätigte sich ab dem Jahr 1901 im Feld der Fotografie und erarbeitete sich bereits in kürzester Zeit eine beachtliche Reputation.

Innerhalb von zwei Jahren war sie lokal als Kunstfotografin im Stil des Piktoralismus bekannt und innerhalb weniger weiterer Jahre wurde sie auch landesweit für ihre Arbeiten geschätzt. Im Handumdrehen konnte sie Ausstellungen und Veröffentlichungen für sich verbuchen, schon im Jahr 1904 fand die erste von vielen Einzelausstellungen ihrer Werke statt.

Dazu trug sicherlich auch bei, dass Alfred Stieglitz von ihren Arbeiten begeistert war. Anne Brigman war über eine Ausgabe seiner Fotografie-Zeitschrift Camera Work gestolpert und hatte dem Herausgeber kurzerhand geschrieben. Sie wurde zu einem der ersten Mitglieder der Photo-Secession, dem von Stieglitz gegründeten Club für künstlerische Fotografie.

weiblicher Akt auf altem Baum

Frau mit Glaskugel vor monumentalem Baum

So lang auch die Listen der Ausstellungen ist, die ganz ihr gewidmet waren oder an denen sie teilnahm, so wenig ist leider über die feineren Details ihres Lebens und Wirkens bekannt. Zumindest kann man einen Teil ihrer Gedanken im San Francisco Call aus dem Jahr 1913 nachlesen, die für ihre Zeit sicherlich ungewöhnlich waren.

Dort schwärmt sie darüber, wie sehr sie die künstlerische und auch persönliche Unabhängigkeit nach der Trennung von ihrem Mann drei Jahre zuvor genießt. Weiter berichtet sie davon, dass ihre Amateurmodelle bereits das Posieren – nackt vor der Kamera in der Natur – als erhebend und befreiend empfinden.

weiblicher Akt an altem Baum

weiblicher Akt mit Glaskugel in Höhle

In diesem Interview beschreibt sie Angst als die größte Hürde der Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft. Vertreibe man diese aus ihren Leben, würden sie absolut gleichberechtigt ihren Platz im Universum einnehmen. Sie analysiert scharfsinnig den Unterschied:

Ein Teil der Heilung von Angst bei Frauen besteht darin, Veränderungen zuzulassen. Ein Mann bekommt Abwechslung, wenn er zu seiner täglichen Arbeit in die Stadt geht, aber eine Frau, die zu Hause bleibt, tut dies nicht und sie leidet und hat Angst davor, dass die Dinge anders werden als sie sind oder sie nur denkt.

Frau zwischen Felsenweibliche Silhouette mit Schleier

Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kolleg*innen arbeitete Anne Brigman nicht kommerziell und fotografierte auch keine Portraits. Stattdessen spezialisierte sie sich auf zumeist weibliche Aktaufnahmen in natürlicher Umgebung. Viele dieser Fotografien nahm sie in der Sierra Nevada auf.

Dabei schuf sie oft mit ihrer Schwester oder auch sich selbst als Modell akribisch durchgeplante Kompositionen mit poetischer bis dramatischer Bildstimmung. Die besondere Landschaft der Hochgebirgsregion bildet mit ihren nicht alltäglichen Formen und von Wind und Wetter gezeichneter Vegetation den passenden Rahmen.

Um den von ihr gewünschten Effekt in der Bildwirkung zu erreichen, setzte Anne Brigman außerdem vielfältige Mittel der Nachbearbeitung ein. Sie überlagerte ihre Bilder, malte und zeichnete mit Farben und Stiften darauf oder setzte verschiedene Chemikalien ein.

liegender Akt vor Landschaft

Frau im Wasser vor Felsen

Neben ihrer sehr erfolgreichen Karriere als Kunstfotografin unterrichtete sie auch Fotografie in einem eigens dafür eröffneten Studio. Sie betätigte sich daneben zeitgleich auch als Schauspielerin und trug als Dichterin sowohl eigene als auch fremde Werke vor.

Anne Brigmans Salontreffen wurden von der lokalen Kunstszene gern besucht und zum Austausch genutzt. Ihre Beliebtheit wurde lediglich etwas beschädigt, nachdem ihr Werk „The Soul of the Blasted Pine“ 1908 als vulgär kritisiert und schlussendlich aus einer Ausstellung entfernt wurde.

Sandformationen am Strand

In ihrem fotografischen Spätwerk wandte sie sich der Strömung der „straight photography“ zu, die sich auf realistische und sachliche Abbildungen konzentrierte. Sie schuf fast abstrakte Nahaufnahmen etwa von Stränden und Pflanzen – den poetischen Unterton ihrer früheren Werke legte sie allerdings auch dabei nie ganz ab.

Anne Brigman fotografierte noch bis in die 1940er Jahre hinein, als sie ihre Leidenschaft wegen immer stärker schwindender Sehfähigkeit aufgeben musste und sich verstärkt der Poesie widmete. Für ihren Foto-Gedichtband „Songs of a Pagan“ fand sie zwar schon im Jahr 1941 einen Verleger, er erschien aber aufgrund der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs erst verzögert im Jahr 1949. Nur ein Jahr vor Anne Brigmans Tod im Jahr 1950.

Quellen und weiterführende Literatur

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