Collage
06. Dezember 2021 Lesezeit: ~11 Minuten

Im Gespräch mit Gert Motmans

Da ich selbst gern Fotografien (eigene sowie fremde) zerschneide und zu etwas Neuem zusammenfüge, freue ich mich immer sehr darüber, wenn ich über Künstler*innen stolpere, die im Genre der Collagen Werke schaffen, die mit auch mit eigenem fotografischen Material arbeiten und es schaffen, eine ganz eigene künstlerische Sprache zu sprechen.

Zu diesen Menschen gehört Gert Motmans. Der junge Belgier spricht mit Schere, Kleber und dem Gespür für besondere Papiere eine minimalistische Sprache der Collage. In raues Korn getauchter menschlicher Haut stellt er etwa japanisches Kozo-Papier entgegen.

So entsteht eine Parallelwelt aus zarten Farben und viel schwarz, die flüsternd dazu einlädt, sie zu erkunden und in ihr zu verweilen. Sie ist ein sicherer, warmer Raum, an dem ich mich mit Wehmut an vergangene Begegnungen erinnere oder an Orte, die ich vor langer Zeit besucht habe.

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Hallo, Gert. Wie kam es dazu, dass Du angefangen hast, Dich für Kunst zu interessieren?

Ich interessiere mich schon für Kunst, seit ich denken kann. Als Kind war ich immer damit beschäftigt, Dinge zu erschaffen. Ich war der schüchterne, künstlerische Junge. Anders als alle anderen. Ich bin als Kind auf eine Musikschule gegangen, habe Klavier spielen gelernt und Zeichenunterricht genommen.

Gott sei Dank haben meine Eltern das alles gefördert und mich in meiner Freizeit mein Ding machen lassen! Ich war schon immer ein sehr visueller Mensch, fasziniert von Bildern und dem Gefühl, das ich bekomme, wenn ich sie betrachte. Das gilt sowohl für Fotografien als auch für Film.

Was machst Du beruflich und wie passt das zu Deiner künstlerischen Praxis?

Ich bin Modedesigner und arbeite für eine Modemarke hier in Belgien. Meine Arbeit als Künstler hält mich im Gleichgewicht, da sie mir sehr nahe steht. Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach und meine ganze Freizeit verbringe ich damit, neue Projekte zu entwickeln oder darüber nachzudenken. Ich nehme mir gerne Zeit für die Arbeit und meine Werke sind Unikate, was es ziemlich zeitaufwändig macht.

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Was inspiriert Dich dazu, zu kreieren?

Meine Arbeit hat ihren Ursprung hauptsächlich in meiner Kindheit und Jugend. Persönliche Nostalgie ist also ein großes Motiv. Ohne Musik kann ich nicht arbeiten. Musik und die Atmosphäre, die sie beim Hören für mich schafft, lässt meine kreativen Säfte richtig fließen.

Welche Absichten, Konzepte oder vielleicht auch Ideen möchtest Du mit Deinen Werken vermitteln?

Meine Arbeit ist sehr persönlich, daher habe ich nicht wirklich bestimmte Absichten oder weiß zumindest bewusst nichts über sie. Es scheint etwas Natürliches zu sein; etwas, das ich tun muss. Ich hatte nie einen Plan oder eine Idee. Ich tue es einfach, weil ich den Drang dazu verspüre.

Meine Hauptpraxis ist Collage. Ich collagiere, indem ich meine eigenen Fotografien mit gefundenen Bildern und Vintage-Papieren kombiniere. Die Hauptthemen in meiner Arbeit sind also, wie bereits erwähnt, persönliche Nostalgie.

Auch Vergänglichkeit – ich bin ein sehr melancholischer Mensch und es fällt mir sehr schwer, loszulassen. Daher neige ich natürlich dazu, Dinge oder Erinnerungen zu bewahren. Die Natur ist auch ein großer Teil meiner Arbeit. Dort fühle ich mich am sichersten und am besten aufgehoben.

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Ich finde, es gibt einen auffälligen Mangel an Worten um Deine Werke: Kein einleitender Text oder ähnliches, wie die meisten anderen Künstler*innen ihre Werke präsentieren würden, nur Titel. Welche Bedeutung haben Worte oder ihr Fehlen für Dich in Deiner künstlerischen Praxis?

Es fällt mir sehr schwer, über meine eigene Arbeit zu schreiben. Das Fehlen von Text ist nicht wirklich eine bewusste Entscheidung, aber ich denke, dass wenn ein Text hinzugefügt wird, er schön geschrieben sein und einen zusätzlichen Wert haben sollte. Andererseits weiß ich nicht, ob es immer notwendig ist, Dinge zu erklären.

Ich mag auch die Vorstellung, dass die Menschen, die meine Arbeit betrachten, sich möglicherweise anders mit ihr identifizieren oder sie anders verstehen, als ich es tun würde. Da ich in gewisser Weise meine eigenen Erinnerungen mit denen anderer vermische, löst sich das Endergebnis aus dem zeitlichen sowie örtlichen Bezug und kommt in einen schwebenden Zustand.

Allerdings finde ich einen Titel sehr wichtig. Ich tendiere immer dazu, Titel zu finden, die auch die Möglichkeit bieten, sie ganz persönlich zu interpretieren. Wie „the same as it never was“ oder „scenes change before they are over“. Sie wirken melancholisch und können auf unterschiedliche Weise gelesen oder verstanden werden.

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Was steckt hinter „Francis Studio“? Wie unterscheidet es sich von Deiner persönlichen Marke bzw. Deinem Namen oder planen Du, dort noch mehr Leute einzubeziehen?

„Francis Studio“ habe ich vor drei Jahren gegründet. Damit begann eigentlich auch meine künstlerische Praxis, wie sie jetzt ist. Es war der Moment, in dem ich das Gefühl hatte, den richtigen Weg gefunden zu haben, mich auszudrücken. Davor habe ich digital fotografiert, aber es hat mich nicht wirklich befriedigt. Es fehlte etwas.

In dieser digitalen Ära (Instagram und so weiter) hatte ich den Eindruck, dass alle Fotos machen, dass wir mit Bildern überflutet werden und ich den Bezug dazu völlig verloren habe. (Ich habe nichts gegen digitale Fotografie, ich verwende sie auch immer noch in meiner Arbeit.) Irgendwann während eines Urlaubs habe ich angefangen, diese kleinen, sehr abstrakten Collagen zu machen. Nichts Figürliches. Man könnte sagen, dass dies der Ausgangspunkt war.

Der Akt, Dinge mit meinen Händen zu schaffen, mir Zeit zu nehmen und sogar die Zeit zu vergessen, während ich das machte, löste etwas in mir aus. Dann begann ich, mit meinen eigenen Fotografien zu arbeiten, ließ diese Praxis sich entwickeln und wachsen. „Francis“ ist eine Abkürzung für „fragments and collected instants“.

Francis Studio unterscheidet sich nicht von meiner Person und mein Name wird auch immer verwendet, wenn ich mit Galerien arbeite oder für Veröffentlichungen. Es ist nur ein Name, den ich meiner Praxis bzw. meinem kleinen Atelier gegeben habe. Im Moment habe ich nicht wirklich den Plan, mit mehr Leuten zu arbeiten, also bin ich die einzige Person, die dahinter steckt.

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Es tauchen oft Bezüge zu Japan in Deinen Arbeiten auf. Was ist Deine Geschichte oder persönliche Verbindung zu diesem Land?

Für meine Arbeit als Modedesigner hatte ich das Privileg, bereits viele Male nach Japan reisen zu können. Ich habe mich von Anfang an in das Land und seine Kultur verliebt. Es ist eine so reiche Kultur; die Handwerkskunst und die Liebe zum Detail sind unglaublich! Japan hat auch viele tolle Fotograf*innen und andere Künstler*innen. Es ist im Großen und Ganzen einfach sehr inspirierend, daher kann ich es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren.

Mir ist aufgefallen, dass Deine Werke meist in Rahmen präsentiert werden (was auf Webseiten von Künstler*innen eher selten vorkommt) und somit sofort ein dreidimensionales Gefühl vermitteln.

Rahmen sind für meine künstlerische Praxis sehr wichtig. Während ich die Arbeit mache, denke ich irgendwann über den Rahmen nach. Meine Arbeiten sind in Schichten aufgebaut, daher sehe ich den Rahmen als die letzte Schicht an. Er kann die Wahrnehmung der Arbeit komplett verändern. Oft sehe ich Rahmen auch als Schutz – als ob ich bewahren und beschützen möchte, was drin ist.

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Deine Arbeiten sehr analog und in einer realen Begegnung wahrscheinlich sehr haptisch erfahrbar. Was denkst Du darüber, sie im Internet zu präsentieren, das alles ziemlich steril macht?

Die digitale Welt ist ein Teil unseres Lebens geworden und wird es auch bleiben. Ich denke, ich habe eine Hassliebe dazu entwickelt. Aber es ist ein weiterer Aspekt der Praxis, den man nicht einfach ignorieren kann. Man muss es als das sehen, was es ist und darf sich nicht darin verlieren.

Das Wichtigste ist der kreative Prozess: die Zeit, die ich damit verbringe, die Arbeit zu machen und Dinge auszuprobieren. Die digitale Welt ist eine Möglichkeit, Deine Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren, Du kannst damit viele Menschen erreichen. Entdeckt wurde ich tatsächlich von der Galerie Ingrid Deuss über Instagram. Man kann also sagen, dass es ein interessantes Werkzeug für alle Künstler*innen ist.

Du hast Recht, dass man damit nie das gleiche Gefühl haben kann, als würde man das Werk in echt sehen. Aber ich bemühe mich auch, meine Arbeit auf diesen digitalen Plattformen zu kuratieren. Das Ergebnis dessen kann viel über eine*n Künstler*in erzählen und die Menschen neugierig machen.

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Was sind Deine nächsten Projekte, kurzfristigen Ziele und große Träume für die Zukunft?

Als ich damit anfing, hatte ich keine Pläne. Ich habe einfach angefangen, das zu tun, was ich liebe. Anfang dieses Jahres hatte ich meine erste Einzelausstellung in der Galerie Ingrid Deuss und vor Kurzem war ich mit der Galerie Esther Woerdehoff Teil der Paris Photo. All diese unglaublichen Möglichkeiten ergaben sich in so kurzer Zeit und ich bin sehr dankbar dafür.

Mein Plan ist es also, nicht zu viel darüber nachzudenken und weiter so zu arbeiten, wie ich es zuvor getan habe: Zu experimentieren, mich als Künstler weiterzuentwickeln und hoffentlich Werke zu schaffen, die auch anderen Menschen etwas bedeuten. Ich werde anfangen, an einer neuen Serie zu arbeiten, einer neuen Geschichte.

Ich erwähnte ja schon, dass meine Arbeit ihren Ursprung in meiner Kindheit hat. Daher habe ich auch beschlossen, mein kleines Atelier in das Haus zu verlegen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe dort auch meine eigene Dunkelkammer gebaut.

Und, oh ja, ich habe wohl auch einen Traum: In diesem Jahr habe ich ein handgefertigtes Buch namens „the same as it never was“ aufgelegt. Ich bin selbst ein großer Fan von Künstlerbüchern und möchte das auch in Zukunft gern wieder machen, meine Werke oder Serien mit einem schönen Buch zu erweitern. Und was den ganzen Rest angeht, schaue ich einfach mal, was die Zukunft für mich bereithält.

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