24. November 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Bilder, Leben, Geschichten gehen leicht verloren

Licht ist schon definitionsgemäß das prägende Medium der Fotografie, doch die kanadische Künstlerin Amy Friend verwendet es auf eine andere Weise. Sie experimentiert mit gefundenen Fotografien und erschafft so Assoziationen zum Sternenhimmel, verschwommenen Erinnerungen und parallelen Welten.

Am bekanntesten ist ihre Serie „Dare alla Luce“. Der italienische Ausdruck lässt sich wörtlich mit „ins Licht bringen“ übersetzen, meint aber „gebären“. Auf diese übertragene Weise schenkt Amy Friend auch „ihren“ Bildern ein neues Leben – mit Licht. Genauer: Mit Lichtpunkten, die wie Sterne am Firmament durch Löcher im Fotopapier scheinen.

Ursprünglich spielte die Künstlerin mit dem, was sie „verlorene“ Fotografien nennt: Bilder, die man vielleicht auf Flohmärkten findet, die aber auch ein Zuhause in den Bilderalben der Familie haben können. Weitergereicht von Hand zu Hand und von Generation zu Generation, werden einige der alten Fotografien doch heimatlos, obwohl sie eingeklebt sind: Niemand weiß mehr, wer die abgebildeten Menschen sind.

Diesen vergessenen Geschichten wollte Amy Friend ein neues Leben geben. Zuerst stickte sie mit Nadel und Faden auf den Bildern. Doch als sie einmal eines dieser Werke gegen das Licht hielt, um die Position eines Loches zu kontrollieren, bemerkte sie, dass die Löcher allein viel interessanter waren als der Verlauf der Fäden, die sie spannte.

Auf diese Weise arbeitet sie meistens: Sie beginnt irgendwo, bei irgendeiner Idee, und tastet sich von dort aus voran, lässt den Prozess einfach laufen und geschehen, statt jeden Aspekt auf dem Weg zum vermeintlichen Ziel zu kontrollieren. Entsprechend nennt sie die Fotografie auch eine „Währung der Möglichkeiten“.

Das durch die wie Sternenwolken platzierten Löcher scheinende und glitzernde Licht verleiht den fotografierten Personen eine übersinnliche Präsenz, sie wirken wie Heilige oder im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtete Personen. So erhalten die Bilder, aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst, eine neue Bedeutung.

Auf den ersten Blick ist diese Arbeit in ihrer Einfachheit beeindruckend, in ihrer Wirkung poetisch und in ihrer Würdigung vergangener Leben, gelebter Tage und vergessener Erinnerungen ergreifend. Die manipulierten Bilder verweisen außerdem auf die Vergänglichkeit allen Seins.

Das Material, auf dem die Fotografien ausbelichtet wurden, ist fragil. Ebenso zerbrechlich sind unsere Leben, unsere Geschichten. Alles geht so leicht verloren: Ein Bild, ein Leben, jede einzelne Geschichte. Irgendwann ist niemand mehr da, der sich an die abgebildete Person erinnert. Selbst die Abbildung wird eines Tages vergangen sein.

Auch andere Arbeiten von Amy Friend spielen auf diese Dualitäten an: Präsenz und Abwesenheit, Sichtbares und Unsichtbares, Körper und Geist. So fand etwa eine kleine Kiste voller Fotografien, Dokumente und Objekte nach dem Tod eines entfernten Verwandten den Weg in ihre Hände.

Bekannte und Unbekannte waren auf Fotos zu sehen, wie bei einem Puzzle fügten sich einige der Teile zu einem Ganzen zusammen, während andere nicht dazuzupassen schienen. So stellten sich ihr Fragen zur Identität und wie diese sich sowohl aus Fakten als auch Fiktionen zusammensetzt.

Nicht nur unsere eigene Erinnerung ist trügerisch, auch der Wahrheitsgehalt von Fotografien wird seit jeher zurecht in Frage gestellt, obwohl sie gleichzeitig auch schon immer als „Medium der Wahrheit“ galt, das sich gegenüber etwa der Malerei, dem Spielplatz der Fantasien, positionierte.

Um diese Fragen aufzugreifen, verwendete Amy Friend für ihre Serie „Assorted Boxes Of Ordinary Life“ eine andere Spielart ihrer Technik der „Wiederverwendung von Licht“. Sie projizierte die Fotos auf verschiedene gefundene Spiegel aus ihrer Sammlung und nahm diese Abbildungen wiederum mit Super-8-Film auf.

In ihren noch nicht abgeschlossenen Serien „Multi-Verse“ und „Tiny Tears Fill An Ocean“ setzt sie die Ansätze fort und manipuliert etwa Vintage-Fotografien durch gezielte Schlitze, durch die Licht scheint oder indem sie Bilder Salzwasser aussetzt, das dann Kristalle auf der Bildoberfläche bildet.

Auf ganz unterschiedliche Arten schafft sie es so, dem verwendeten Bildmaterial weitere Ebenen hinzuzufügen. Diese geben den Arbeiten zum einen eine haptische Qualität und verweisen andererseits auf Themen wie Zeit, Erinnerung und Vergänglichkeit. Sie kommentieren immer auch unser eigenes Verhältnis zu Fotografien und fragen danach, wie dieses sich verändert.

So dienen ihr vertrauten Materialien und Umgebungen als Ausgangspunkte, um aus alten Fotografien neue Bilder zu schaffen, die zwischen Vorhandenem und Abwesendem oszillieren. Diese verschwommene Bildsprache verdeckt bestimmte Details, während sie unsere Aufmerksamkeit auf andere Elemente lenkt.

Aus konkreten Menschen werden Projektionsflächen, mit denen wir uns identifizieren können. Verschwommene Gesichter laden dazu ein, sich in sie hineinzuversetzen, ihren Platz einzunehmen. Ein verklärtes Glitzern, das um eine dunkle Silhouette tanzst, beschwört eine lang verschüttete Erinnerung an jemand völlig anderen in uns herauf.

Bei meiner Verwendung des fotografischen Mediums geht es mir nicht speziell darum, eine „konkrete“ Realität einzufangen. Stattdessen möchte ich die Fotografie als Medium nutzen, das die Möglichkeit bietet, das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem zu erforschen.

Amy Friend lebt als Künstlerin und Pädagogin in Kanada, sie hat national und international ausgestellt und wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Sie ist Assistant Professor an der Brock University in Niagara. Ihr findet ihre Arbeiten auf ihrer Webseite und auf Instagram.

1 Kommentar

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  1. Auf jeden Fall ein sehr interessantes und stimmiges Gesamtkonzept. „Vergängliches noch vergänglicher zu machen“. Durch „Teil“zerstörung etwas neues schaffen. Wie breitgefächert Fotografie sein kann. Und wie individuell.