11. November 2021 Lesezeit: ~8 Minuten

Wer war der Schneeflockenfotograf Wilson Bentley?

Wilson Alwyn Bentley wurde 1865 als Farmerssohn im Dorf Jericho in Vermont, USA geboren. Er würde sein Leben lang Farmer bleiben – aber auch der vermeintlich erste Mensch sein, der Schneeflocken fotografierte. Und ein besessener Hobbymeteorologe, der über Jahrzehnte ganz für sich wichtige Grundlagen der späteren Wolkenphysik zusammentrug.

Da seine Mutter eine ehemalige Lehrerin war, wurde der junge Wilson Bentley von ihr zuhause auf der Familienfarm unterrichtet. Sie hatte selbst ein großes Interesse an Wissen im Allgemeinen und unterstützte daher die wissenschaftliche Neugier ihres Sohnes, der sich schon früh für schlichtweg alles in der Natur um sich herum interessierte.

So legte er auch alles, was er in die Finger bekam, unter das kleine Mikroskop, das seine Mutter glücklicherweise besaß. Von allem, was er so mit großer Leidenschaft und Begeisterung in seiner Umgebung erforschte, faszinierten ihn Schneeflocken bereits von Anfang an am meisten.

Schneeflocken

Im Alter von 15 Jahren versuchte er zunächst, ihre Schönheit festzuhalten, indem er zeichnete, was er unter dem Mikroskop sehen konnte. Hunderte Skizzen häuften sich an. Doch Wilson Bentley war frustriert: Er konnte sie nicht schnell und adäquat genug festhalten und wann immer eine Schneeflocke unter dem Mikroskop schmolz, wusste der Junge: Dieses einzigartige Gebilde der Natur war nun für immer verloren.

Zwei Jahre später bekam er endlich, endlich die von ihm lang ersehnte und gewünschte Balgenkamera geschenkt, mit der er sich erhoffte, die Schneekristalle unter dem Mikroskop fotografieren zu können. Die einzige Kamera, die er jemals besitzen würde.

Für seine Familie war dies eine große Investition. Sein Vater hatte als Farmer vermutlich wenig Verständnis weder für den teuren Wunsch noch die Faszination seines Sohnes für den einfach nur lästigen Schnee. Doch da die Mutter ihren Sohn stets unterstützte, sparten die Eltern.

Mann an einer großen Balgenkamera

Es dauerte noch weitere zwei Jahre, bis Wilson Bentley seine fotografische Technik der Mikrofotografie soweit perfektioniert hatte, dass seine Bilder wirklich brauchbar waren. Da er die Fotografie nicht erlernt hatte und es auch niemanden in der Nähe gab, von dem er hätte lernen können, musste er sich alles mühsam durch Lernen aus Versuchen und Misserfolgen selbst beibringen.

Am 15. Januar 1885 war es endlich soweit: Er machte die erste Aufnahme einer Schneeflocke unter dem Mikroskop. (Genau genommen gelang das allererste Foto einer Schneeflocke etwa sechs Jahre zuvor dem vielseitigen deutschen Forscher Johann Heinrich Flögel in Ahrensburg, was aber erst seit wenigen Jahren bekannt ist.)

Schneeflocken

Dazu verwendete Bentley ein selbstentwickeltes Verfahren, bei dem er zuerst fallende Schneeflocken auf einem mit schwarzem Samt bespannten Holztablett fing. Mit einer Truthahnfeder separierte er interessante Exemplare vom Rest und musste dabei sehr aufpassen, sie nicht bereits durch seinen Atem zu schmelzen.

Die ausgewählte, einzelne Schneeflocke transferierte er dann mit einem feinen, langen Holzspahn auf das Trägerglas und fotografierte sie unter dem Mikroskop in seinem zum Fotostudio umfunktionierten Stall. Den Fokus stellte er dabei mittels an der Apparatur angebrachten Schnüren über Umlenkrollen, die er mit den dicken Handschuhen, die während des Prozederes trug, bedienen konnte.

Die Aufnahmen zeigten die weißen, von unten beleuchteten Eiskristalle vor weißem Hintergrund. Um ihre Struktur noch besser zu verdeutlichen, fertigte er Kopien der Originalaufnahmen an, auf denen er dann in endloser, feinster Handarbeit die Emulsion um die Schneeflocken herum wegkratzte. So erhielt er die heute bekannten Abbildungen auf schwarzem Hintergrund.

Schneeflocken

Auch nach dem Tod seines Vaters arbeitete er mit seinem Bruder, dessen Frau und ihren Kindern weiter auf der Familienfarm und packte dort selbst ständig kräftig mit an. Außerdem kümmerte er sich intensiv um seine in der Zwischenzeit pflegebedürftig gewordene Mutter. Nur heiratete er nie und hatte auch keine Kinder.

Über 40 Jahre lang fotografierte Wilson Bentley nach seinem ersten Erfolg Schneeflocken. 5.381 häufte er in seiner Lebenszeit an. Das gibt einem eine ungefähre Vorstellung seines unermüdlichen Schaffens, wenn man bedenkt, dass jede einzelne Aufnahme mit dem Entwickeln und Nachbearbeiten mehrere Stunden Arbeit in Anspruch nahm.

Der Physiker Kenneth Libbrecht vom California Institute of Technology führt auf diese wissenschaftliche Pedanterie auch zurück, warum er lange im Grunde der einzige Schneeflockenfotograf war: „Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass sich hundert Jahre lang kaum jemand die Mühe gemacht hat, Schneeflocken zu fotografieren.“

Schneeflocken

Wilson Bentley lebte sein ganzes Leben lang sehr abgeschieden von der Öffentlichkeit und war auch nicht daran interessiert, aus seinen Fotografien einen finanziellen Gewinn zu ziehen. Daher verkaufte er seine Bilder für wenig Geld und meldete auch nie ein Copyright darauf an.

Neben den Schneekristallen fotografierte er Wasser auch sonst in den verschiedensten nur denkbaren Formen wie Schnee, Eis, Nebel und Wolken. Sein Biograf Duncan Blanchard taufte ihn den „ersten Wolkenphysiker“, unter anderem, da er einige Jahre lang auch akribisch die Größe von Regentropfen maß und die meteorologischen Bedingungen, unter denen sie jeweils gefallen waren, festhielt.

Mann an einer großen Balgenkamera

Im Jahr 1897 erfuhr Professor George Perkins von der Universität von Vermont von Bentleys Studien und kaufte ein paar Flockenfotos für sein Seminar. Er ermutigt ihn, seine Arbeiten auch der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorzustellen. So erschienen ab dem folgenden Jahr insgesamt etwa 100 Artikel von Wilson Bentley in Zeitschriften wie „Scientific American“, „National Geographic“ und dem „The National Weather Service Research Journal“.

Von den wissenschaftlichen Kollegen allerdings: Schweigen. Nicht einmal Kritik. Warum genau seine Forschungen so lange unbeachtet blieben, ist nicht ganz klar, aber wahrscheinlich liegt es an zwei Gründen. Zum einen hatte Wilson Bentley keine formale, geschweige denn höhere Bildung genossen.

Und er war auf poetische Weise von der Schönheit und der Einzigartigkeit der Schneeflocken im Innersten berührt. Diese Leidenschaft für die von ihm untersuchten Phänomene ließ er auch in seine Artikel mit einfließen. Vielleicht war das zu viel Gefühl und sorgte auf den ersten Blick für einen völlig falschen Eindruck seiner wissenschaftlichen Leistungen.

Schneeflocken

Wilson Bentleys Beobachtungen legten schnell nahe, dass keine zwei Schneeflocken identisch sind, doch er rechnete auch nach: Schneeflocken „wachsen“, während sie fallen. Dabei werden sie von diversen Faktoren wie der Temperatur und Luftfeuchtigkeit beeinflusst, die sich auch noch ständig ändern. Kombiniert ergibt sich daraus eine Menge von Möglichkeiten, die einer Zahl mit hunderten Nullen entspricht.

Aus seinen Beobachtungen und massenhaften Aufzeichnungen von Wetterdetails leitete er auch ab, dass sich anders herum aus den Schneeflocken Rückschlüsse auf die spezifischen Eigenschaften eines Schneesturms ziehen lassen. Mit diesen Ideen war er der Wetterforschung um mehrere Jahrzehnte voraus, erst der japanische Physiker Nakaya Ukichirō erforschte solche Zusammenhänge ab den 1930er Jahren genauer.

Schneeflocken

Im Jahr 1924 erhielt Wilson Bentley endlich eine langersehnte wissenschaftliche Anerkennung: das erste Forschungsstipendium der American Meteorological Society für „40 Jahre extrem geduldiger Arbeit“. So langsam wurden seine Fotos nicht mehr nur von Juwelieren, sondern auch weltweit von zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen angefragt.

Noch kurz vor seinem Tod erschien 1931 sein Buch „Snow Crystals“, das er gemeinsam mit Dr. William J. Humphreys vom US-Wetterbüro erarbeitet hatte. Auf über 200 Seiten enthält es etwa 2.500 seiner Aufnahmen von Schneeflocken und wird auch heute immer noch aufgelegt.

Da er seine Aufnahmen draußen machen musste, zog er sich möglicherweise genau dabei die Lungenentzündung zu, der er im Alter von 66 Jahren, einen Tag vor Weihnachten, erlag. Auch Bentleys Werk wurde zunächst einmal wieder vergessen, bis es wiederentdeckt wurde: Seit 1973 wird es unter anderem in einer Ausstellung in seinem Heimatdorf Jericho gezeigt.

Schneeflocken

Quellen und weiterführende Literatur

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4 Kommentare

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  1. „Über 40 Jahre lang fotografierte Wilson Bentley nach seinem ersten Erfolg Schneeflocken. 5.381 häufte er in seiner Lebenszeit an.“

    Wow, das nenne ich mal eine Passion!

    Und schaue ich mir das hier gezeigte Œuvre an, bin ich geneigt, Wilson Bentley als der Karl Blossfeldt der Schneeflockenphotographie zu bezeichnen. Oder war Karl Blossfeldt vielmehr der Wilson Bentley der „Photographica Botanica“?

    Wie auch immer, vielen Dank für die Vorstellung dieses mir bisher unbekannten Photographen.

  2. Ein interessanter Bericht, der zeigt, dass Leidenschaft und Durchhalten auch meistens zum Erfolg führt. Es ist toll, wenn jemand sein ganzes Leben für „ein Ding oder eine Sache“ brennt. Noch dazu, wenn es so vergänglich ist wie Schneeflocken. Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Kristalle davon gibt. Vielen Dank für die Infos – gerne mehr davon …

    Liebe Grüße
    Elke