Mann sitzt am Fuß eines großen Baumstamms
01. Oktober 2021 Lesezeit: ~13 Minuten

Wer war Eadweard Muybridge?

In dieser Artikelreihe möchten wir Euch nicht nur Menschen vorstellen, die nach ihrem Tod beinahe vergessen wurden, sondern auch dazu einladen, Euch mit historischen Fotograf*innen näher zu beschäftigen, deren Namen geläufig sind. Ihr werdet wissen, dass Eadweard Muybridge zu denen gehörte, die den Bildern das Laufen beibrachten.

Doch was wisst Ihr sonst noch über sein Leben? Soviel sei vorweggenommen: Es war vergleichsweise lang und außerordentlich ereignisreich. Wir können hier nur ein paar der wichtigsten Stationen und interessantesten Ereignisse streifen und Euch so hoffentlich Lust darauf machen, mehr über ihn zu erfahren. Greift also bei Büchern, Filmen oder Dokumentationen über sein Leben zu.

Eadweard Muybridge landete 1852 als junger Mann im Alter von 21 oder 22 Jahren in Amerika und betätigte sich dort zunächst als Buchhändler. Die Tätigkeit hatte er vermutlich von seinem Großvater erlernt, sein eigener Vater in England, der Heimat der Familie, war als Kohle- und Getreidehändler tätig.

Für seine einfache Herkunft hatte Eadweard Muybridge eine gute Bildung, später erlernte er als Erwachsener im Selbststudium auch noch mehrere Fremdsprachen. Nach ein paar Jahren in New York folgte Eadweard Muybridge dem etwa gleichaltrigen Fotografen Silas Selleck, mit dem er sich angefreundet hatte, nach San Francisco, wo dieser ein eigenes Studio für Daguerreotypie eröffnet hatte.

Der damalige Goldrausch in Kalifornien zog seit 1848 vor allem Abenteurer in die Stadt. Daraufhin entwickelte sich natürlich auch eine lokale Wirtschaft, die Stadt wuchs und wuchs in einem rasanten Tempo. Als Eadweard Muybridge 1855 dort ankam, gab es in San Francisco bereits 40 Buchläden und ein Dutzend Fotostudios.

Dadurch war die fotografische Technik überall um Eadweard Muybridge zugegen. Er selbst verkaufte neben Büchern auch fotografische Drucke, es ist aber nicht bekannt, ob er sie in dieser Zeit auch bereits selbst herstellte, um sie zu vertreiben.

Küste

Küste

Sein Geschäft lief gut, dennoch übertrug er es im Jahr 1860 an seinen jüngsten Bruder Thomas, der ihm zwischenzeitlich nach Amerika gefolgt war. Möglicherweise wollte er sich schrittweise aus dem Buchhandel zurückziehen, um sich parallel dazu eine Existenz als Fotograf aufzubauen.

Eadweard Muybridge hatte eine längere Reise nach Europa geplant, um dort Bücher einzukaufen. Auf dem Weg zum Schiff verunfallte die Postkutsche, in der er reiste. Er erlitt eine schwere Kopfverletzung, der Fahrer und ein anderer Passagier starben. Die Behandlung seiner Kopfverletzung zog sich hin, schlussendlich reiste er, als es ihm etwas besser ging, nach London, um sich dort weiterbehandeln zu lassen.

Diese Zeit der Genesung in England dauerte bis 1866. Über diese Zeit, von Biograf*innen daher auch „verlorene Jahre“ genannt, ist kaum etwas bekannt. Auf jeden Fall wuchs währenddessen sein Interesse an der Fotografie, insbesondere wandte sich Eadweard Muybridge der Landschaftsfotografie zu.

Wasserfall mit Flusslauf

Stereoaufnahme Gewässer vor Gebirge

Als er 1857 wieder zurück in Amerika war, machte er sich als Fotograf selbstständig. Details darüber, wo genau und von wem er das fotografische Handwerk erlernt hatte, sind unbekannt, doch musste er sich in seiner Zeit in England ausgiebig in der Technik weitergebildet haben.

Des Weiteren war sein Charakter nach seiner Rückkehr wohl völlig verändert. Laut Aussage seiner Freund*innen hatte sich der vor dem Unfall als intelligenter und im Umgang sehr angenehmer Geschäftsmann bekannte Eadweard Muybridge zu einem exzentrischen und zu cholerischen Ausbrüchen neigenden Künstler verwandelt.

Als nun selbstständiger Fotograf legte er sich richtig ins Zeug und verfolgte zunächst verschiedene Ansätze: Er war offen für Aufträge zu diversen Sujets, von Gebäuden und Anwesen über Schiffe und Tiere bis zur fotografischen Wiedergabe technischer Zeichnungen. Außerdem produzierte er unzählige Aufnahmen von San Francisco, viele als damals beliebte Stereo-Fotografien.

Bilderserie Bewegungsablauf einer Taube

Bilderserie Bewegungsablauf eines Geiers

1867 unternahm er eine ausgiebige Fototour ins Yosemite-Tal. Zu diesem Zweck führte er einen Pferdewagen als mobiles Fotostudio mit, sodass er die Aufnahmen, die er mittels Platten- und Stereokamera machte, vor Ort direkt mit den nötigen Chemikalien in der Dunkelkammer entwickeln konnte. Die dort entstandenen 170 Landschaftsaufnahmen publizierte er nun unter dem Firmennamen „Helios Flying Studio“ – diese Aufschrift hatte auch auf dem Pferdewagen geprangt.

Eadweard Muybridge war diese fotografische Reise mit dem Ziel angetreten, die Bilder des Fotografen Carleton E. Watkins zu übertreffen, der den späteren Nationalpark bereits ikonisch festgehalten hatte. Diese Aufnahmen der Gegend prägten bis dahin neben Landschaftsmalereien das Bild, das die Menschen im Kopf hatten, wenn es um das Yosemite-Tal ging.

Die Fotografien kamen gut an, bereits diese Arbeiten Eadweard Muybridges wurden weltbekannt. Im Jahr 1868 war er Teil einer Expedition ins frisch von Russland erworbene Alaska und fertigte dort unter anderem Landschaftsaufnahmen und Portraits der indigenen Bevölkerung an.

Stets um seine Außenwirkung bemüht, verlieh er sich daraufhin selbst die werbewirksamen Titel „offizieller Fotograf der U.S.-Regierung“ und „Leiter fotografischer Untersuchungen der Pazifikküste“. Bis 1873 folgten verschiedene weitere Aufträge der Regierung, bei denen Eadweard Muybridge vor allem Einrichtungen bzw. Gebäude fotografierte und während des Modoc-Krieges Portraits aufnahm.

LeuchtturmLeuchtturm

1871 heiratete er die nur halb so alte Flora Downs, die jedoch eine Langzeitaffäre mit einem Mann namens Harry Larkyns unterhielt. Nachdem Eadweard Muybridge der Verdacht beschlich, dass dieser sogar der leibliche Vater seines im gleichen Jahr geborenen Sohns sein könnte, reiste er zur Mine, in der Larkyns arbeitete und erschoss diesen.

Am Ende des daraufhin geführten Verfahrens wurde Eadweard Muybridge trotz Schuldeingeständnis wegen „entschuldbaren Totschlags“ freigesprochen. Zu seinen Gunsten wurden unter anderem die Auswirkungen der früher erlittenen, schweren Kopfverletzung und ihre langanhaltenden Folgen präsentiert.

Seine Frau Flora erlag schon im darauffolgenden Jahr plötzlich einer Krankheit. Der gemeinsame Sohn wuchs im Waisenhaus auf. Für die Unterbringung kam Eadweard Muybridge jahrelang auf, hatte aber sonst so gut wie keinen Kontakt mit dem Jungen. (Dieser hatte auf Fotos, die ihn später als Erwachsenen zeigten, wohl eine deutliche Ähnlichkeit mit Eadweard Muybridge.)

Panoramaaufnahme Stadt

In den Jahren 1877 und 1878 fertigte Eadweard Muybridge zwei besondere Panorama-Aufnahmen von San Francisco an. Die größere der beiden besteht aus 13 Hochformataufnahmen, die zusammengesetzt auf einer Länge von mehr als fünf Metern eine sehr detailreiche Rundumsicht auf die Stadt zeigen.

Bereits im Jahr 1872 hatte er von Leland Stanford, einem Eisenbahn-Unternehmer und Rennpferd-Besitzer, den Auftrag erhalten, mittels der Fotografie herauszufinden, ob Pferde im Galopp eigentlich mit allen vier Hufen vom Boden abheben oder aber immer wenigstens eines den Boden berührt.

Daraufhin entstand bei einem der ersten Versuche Eadweard Muybridges zwar ein „Beweisfoto“ des Rennpferds „Occident“, das dieses mit allen vier Hufen in der Luft zeigt, allerdings war die Qualität der Aufnahme nicht zufriedenstellend, eine retuschierte Version überzeugte daher nicht restlos. Das Original ist leider verschollen.

Wasserfall

Steiniger Flusslauf vor Gebirge

Ein neuer Anlauf des fotografischen Experiments wurde dann 1877/1878 mit dem Bau einer eigens dafür konzipierten Anlage unternommen. Das Ziel war dabei nicht mehr nur der Beweis des fraglichen Moments, sondern auch die Abbildung des gesamten Bewegungsablaufs eines galoppierenden Pferdes.

Dies hatte Eadweard Muybridges Interesse geweckt, woraus der folgende, ausgeklügelte Aufbau entstand: Das Pferd läuft vor einer weißer Wand entlang und zerreißt dabei feine, quer zur Bahn gespannte Drahtschnüre, die jeweils eine der 12 (bzw. später 24) auf der gegenüberliegenden Seite aufgestellten Kameras auslösen.

Spezielle Kameraverschlüsse mit Elektromagneten, die besonders kurze Belichtungszeiten und so erst das „Einfrieren“ der schnellen Bewegungen möglich machten, kamen dabei zum Einsatz. So gehörte Eadweard Muybridge zu den Pionieren der Chronofotografie, insbesondere der Hochgeschwindigkeitsfotografie.

Bilderserie Bewegungsablauf berittenes Pferd

Wie immer ganz PR-Mann, vermarktete er seine Serienaufnahmen der Bewegungsstudien umgehend über Zeitungen und Zeitschriften, sodass sie schnell auch international bekannt wurden. Erst durch diese Aufnahmen wurde fortan die korrekte Abbildung von Pferden in Bewegung in der Malerei möglich.

In seinen Vorträgen analysierte Eadweard Muybridge so auch gern die Darstellung von Pferden in Gemälden und stellte sie seinen Fotografien oder auch neueren Gemälden, die sich seine Studien zunutze gemacht hatten, gegenüber, um die Fehler in den Körperhaltungen der Pferde herauszuarbeiten.

1879 versuchte er, mit Hilfe von Geräten wie dem Zoetrop und dem Praxinoskop, seine Einzelbilder in eine vorführbare Form zu bringen, die die Bewegung wiederum flüssig zeigte. Unzufrieden mit den Ergebnissen entwickelte er schlussendlich das sogenannte „Zoopraxiskop“, bei dem mittels eines Stroboskops die Einzelbilder von einer Glühlampe projiziert werden.

See vor Gebirbe mit Spiegelung

See vor Gebirbe mit Spiegelung

1881 unternahm Eadweard Muybridge, finanziert von Stanford, eine Reise nach Paris. Dort stellte er ebenfalls seine Arbeiten vor und wurde für seine verblüffenden Ergebnisse gefeiert. Doch dort erreichte ihn die Nachricht, dass sein Geldgeber Stanford in seiner Abwesenheit gemeinsam mit einen Arzt ein Buch zum Thema des Bewegungsablaufs von Pferden veröffentlich hatte.

Darin wurde Eadweard Muybridges Anteil an der Forschung allerdings nicht herausgehoben, auch seine Fotos, die als Grundlage der darin veröffentlichten Illustrationen gedient hatten, wurden nicht entsprechend gewürdigt. Die beiden überwarfen sich über diesen Konflikt und Eadweard Muybridge versuchte erfolglos, eine Entschädigung einzuklagen.

Landschaft vor Gebirge

Wasserfall

Glücklicherweise suchte und fand er neue Geldgeber für weitere, mehrjährige Studien. So konnte er ab 1883 über 100.000 Bilder verschiedenster Bewegungsabläufe produzieren. Details von Bewegungsabläufen sind schlichtweg mit dem menschlichen Auge allein einfach nicht wahrnehmbar und mit der bis dahin verfügbaren fotografischen Technik der Zeit waren sie noch nicht abbildbar.

1887 veröffentlichte Eadweard Muybridge sein bekanntestes Werk: „Animal Locomotion: An Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movements“. Darin versammelte er 20.000 Einzelbildern auf 781 Tafeln, die Bewegungsstudien zahlreicher verschiedener Tierarten sowie (nackte oder leicht bekleidete) Männer, Frauen und Kinder zeigen.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1904 unternahm er noch mehrere Vortragsreisen, kehrte für die letzten zehn Jahre seines Lebens in seinen Geburtsort nach England zurück und veröffentlichte zwei weitere Bücher. Diese widmeten sich ebenfalls den Bewegungsabläufen von Tieren sowie Menschen und werden auch über ein Jahrhundert später noch verlegt und aktiv genutzt.

Bilderserie Bewegungsablauf einer tanzenden Frau

Bilderserie Bewegungsablauf grabender Mann

Was bleibt als Erbe von Eadweard Muybridge? Sein wohl größter Einfluss ist der nicht nur auf die damals zeitgenössische sowie spätere moderne Malerei und Kunst im weiteren Sinn. Seine Bewegungsstudien gingen zum Beispiel in Gemälde von Edgar Degas oder Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ ein, inspirierten aber auch 100 Jahre später die Bullet-Time-Technik der Matrix-Filmreihe.

Biograf*innen bemängelten aber auch, dass sein Lebenswerk deshalb häufig schlagzeilenartig auf Titel wie „Vater des Kinos“ oder ähnliches verkürzt wird. Dabei wird leider Eadweard Muybridges umfassendes, fotografisches Werk von Landschafts- und Panoramafotografien, die ebenfalls herausragend waren, vernachlässigt.

Im Rückblick amüsant, innerhalb seiner Lebenszeit aber vermutlich genial war sein Talent zur Selbstdarstellung bzw. -vermarktung. Dieses zeigte sich etwa durch seine häufigen Namensänderungen (gebürtig hieß er „Edward James Muggeridge“), den Aufbau seines Alter Egos „Helios“, den er auch als Firmennamen nutzte sowie die stets zeitnah und medienwirksam durchgeführten Präsentationen seiner Errungenschaften für die Presse.

WasserfallWasserfall

Trotz der wissenschaftlichen Herangehensweise seiner fotografischen Bewegungsstudien, die ab 1883 dann auch streng von der geldgebenden Universität überwacht wurden, war Eadweard Muybridge im Herzen immer Künstler. So verbrachte er nach dem Fotografieren einen Großteil seiner Zeit mit dem Sichten und Auswählen der entstandenen Aufnahmen.

Lieber ersetzte er in Bildreihen auch mal Einzelbilder mit denen aus anderen Durchläufen, wenn es ihm damit möglich war, einen besonders repräsentativen Moment in der jeweiligen Bildfolge abzudecken, statt ganz streng ausschließlich den tatsächlich stattgefundenen Ablauf wiederzugeben.

Das Titelbild ist ein Ausschnitt aus einem Portrait von Eadweard Muybridge, aufgenommen von Carleton E. Watkins.

Quellen und weiterführende Literatur

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7 Kommentare

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  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel, der zeigt, was menschlicher Erfindungsgeist leisten kann, wenn man künstlerische Anforderungen, die man an sich selber stellt, mit dem Material, das man hat, nicht erfüllen kann. Heute ist es oft umgekehrt. Man kauft sich neues Material und schaut dann, was man damit machen kann. Sehr beeindruckend und einladend, sich mit dem Fotografen weiter zu beschäftigen. Ich habe bisher nur Andreas Feiniger als Fotografen und Techniker, der sich seine Objektive selber baute, gekannt…. Ein Anreiz, sich zumindest mal kleine Hilfsmittel für seine eigenen Projekte selber zu bauen. :)

    • Ich glaube nicht dass es Muybridge bei seinen Bewegungsstudien um künstlerische Darstellungen ging. Seine erste Arbeit (Galopp des Pferdes) hatte eindeutig andere Ziele. Gemacht wurden sie bestenfalls für Künstler! Die Wissenschaft stand klar im Vordergrund.

      Wäre es anders, so ich dich verstehe, dann müßte man auch Harold Eugene Edgerton, Stephen Dalton oder gar Lennart Nilsson als große Künstler betrachten; nicht zu vergessen William Anderson der wohl das bekannteste Fotos überhaupt machte („earthrise“). Sie waren es aber nicht. Das ist auch nicht schlimm. Sie brachten durch ihre Pionierleistung die Fotografie weiter und schufen interessante Fotos wie sie bis dahin unmöglich waren. Sie zeigten absolut Neues bis dahin Unbekanntes. Kunst war nicht ihr Ziel!

      • Hm, sind die Grenzen sind nicht fliessend? Ich begebe mich da jetzt mal auf rutschiges Terrain….. :) Wenn ich eine Gliederpuppe zeichne oder belichte, um den Lichtfall zu studieren und zu üben, dann ist das doch zunächst ziemlich strenge Technik. Warum beschäftige ich mich damit? Um ein neues Handwerkzeug zu lernen, um mich besser ausdrücken zu können. So habe ich mir z.B. das Blitzen beigebracht. Als reiner Techniker und Wissenschaftler suche ich mir doch andere Betätigungsfelder?? Ich will mich aber da nicht festlegen, das ist nur meine Meinung. Danke übrigens für die Namen, die ich noch gar nicht kannte.

  2. Blogartikel dazu: Umleitung: Radikalisierter Konservatismus, Querdenker*innen, Digitalpolitiker:innen, Eadweard Muybridge, Silicon Valley, Sterbehilfe, Monty Python’s Spamalot und mehr. – zoom