05. November 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Wer war Lady Clementina Hawarden?

Wenn man sich mit Fotogeschichte auseinandersetzt, stößt man immer wieder auf Werke, die erst lange nach dem Tod der Fotograf*innen neu entdeckt wurden. Und man bekommt ein leises Gefühl davon, wie viel wohl für immer verloren bleibt. Das Werk von Lady Clementina Hawarden wurde zum Glück wiederentdeckt. In den 1970er Jahren fand man es in einem Lagerraum des Londoner Victoria and Albert Museums.

Dabei waren die Arbeiten von Lady Clementina Hawarden zu ihren Lebzeiten sehr beliebt und gewannen sogar zwei Mal die Silbermedaille der Photographic Society of London. Auch Lewis Carroll war ein großer Fan und lobte die technische Stärke ihrer Portraits.

zwei Frauen, eine sitzt am Schreibtisch, die andere lehnt an der Wand

Lady Clementina Hawarden wurde am 1. Juni 1822 in Cumbernauld, Schottland als Tochter des Aristokraten und Admirals Charles Elphinstone Fleeming und seiner 26 Jahre jüngeren Frau Catalina Paulina Alessandro geboren. Im Alter von 23 Jahren heiratete sie den Politiker Cornwallis Maude. Über ihr Leben ist ansonsten wenig bekannt und noch weniger darüber, wie sie zur Fotografie kam und was sie antrieb.

Die zehnfache Mutter begann sich irgendwann 1857 nach einem Umzug von London nach Irland mit dem neuen Medium der Fotografie auseinanderzusetzen. Sie fotografierte zunächst die Landschaften und Natur rund um den Landsitz ihrer Familie. Als sie zwei Jahre später wieder zurück nach London zog, wechselte sie das Genre und richtete einen Raum des Hauses als Fotozimmer ein. Dort portraitierte sie vorrangig ihre drei ältesten Töchter Isabella, Clementina und Florence.

Zwei Frauen an einem Fenster schauen sich an

Sie posierten auf den Bildern als Prinzessinnen in Kostümen, betrachteten sich nachdenklich im Spiegel oder schauten melancholisch aus dem Fenster. Was auf uns heute vielleicht kitschig wirkt, war im 19. Jahrhundert modern und schon fast revolutionär. Schließlich gab es nicht viele Frauen, die sich mit Hilfe der Fotografie auf eine so subtile Art und Weise mit Weiblichkeit auseinandersetzten.

Die Schriftstellerin Carol Mavor sieht in den Bildern Themen wie Sexualität sowie Homoerotik und zieht Verbindungen zu den Fotografien von Sally Mann, deren Werk wegen der Nacktaufnahmen ihrer Kinder aus den 1980er und 90er Jahren stark umstritten ist. Mavor schreibt:

Hawarden ist im Gegensatz zu Mann den Lesarten der bösen Mutter so sehr entgangen, dass viele die Sexualität ihrer Fotografien leidenschaftlich leugnen. Dennoch teilen beide Künstlerinnen Qualitäten, die unsere traditionellen Vorstellungen von einer guten Mutter aggressiv in Frage stellen: eine Darstellung ihrer Kinder als sexuell; ein Vater, der die meiste Zeit abwesend ist – und nicht einmal vermisst wird; und eine Mama, die auf ihren Bildern fast komplett abwesend ist.

Frau liegt auf einem Sofa

Als Beweis führt sie Aufnahmen von Hawarden an, in denen sich zwei Schwestern verträumt in die Augen sehen oder in denen eine der Schwestern als Mann verkleidet ist. Für mich führt das zu weit, aber ich möchte diese Sichtweise nicht unerwähnt lassen, da sich die Kontroverse durch viele biografische Texte zur Fotografin zieht.

Einig sind sich jedoch alle, dass Lady Clementina Hawarden mit ihren Inszenierungen starke Blickkonstellationen geschaffen hat. Ihre Arrangements wirken auch heute noch mysteriös und regen die Fantasie an. Es sind nie einfach nur klassische Portraits. Die Frauen in den Bildern sind nie einfach nur schöne Motive.

Stattdessen thematisieren sie die innere Gefühlswelt im Wechselspiel mit der Außenwelt. Auch wenn eine Frau uns den Rücken zudreht und sich selbst im Spiegel betrachtet, erahnen wir im Halbschatten ihre Gesichtszüge. Ein wohldurchdachte Komposition und eine technische Meisterleistung, bedenkt man die fotografischen Möglichkeiten um 1860.

Frau an einem FensterZwei Frauen am Fenster

Die Fotografin arbeitete mit dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren, bei dem zunächst eine Glasplatte aufwändig mit Hilfe verschiedener Chemikalien vorbereitet und anschließend mit Hilfe einer Lösung von Silbernitrat entwickelt wird. Lady Clementina Hawarden starb bereits im Alter von nur 42 Jahren an einer Lungenentzündung. Es ist nicht auszuschließen, dass der Umgang mit den Chemikalien ihre Krankheit begünstigte.

Sie hinterließ rund 800 Aufnahmen, die sie in nur sieben Jahren erstellt hatte. Als ihre Enkelin Lady Clementina Tottenham 1939 eine Ausstellung des Victoria and Albert Museums besuchte, die Fotokunst der letzten 100 Jahre zeigte, musste sie enttäuscht feststellen, dass keine Werke ihrer Großmutter dabei waren. Daraufhin schenkte sie dem Museum 775 der Werke.

Zwei verkleidete Frauen

Die noch erhaltenen Bilder sind zum Großteil Albuminabzüge in leider schlechtem Zustand. Auf den meisten fehlen die Ecken, da sie wohl früher in ein Album geklebt waren. Vielleicht ist der schlechte Erhaltungszustand auch ein Grund dafür, warum die Arbeiten noch weitere 35 Jahre auf eine richtige Widerentdeckung warten mussten. Erst 1974 veröffentlichte der Maler Graham Ovenden einige Aufnahmen und machte so auf das Werk von Lady Clementina Hawardenaufmerksam. Zahlreiche Ausstellungen folgten.

Quellen

  • Mavor, Carol: Becoming. The photographs of Clementina, Viscountess Hawarden. Durham 1999.
  • Friedewald, Boris: Meisterinnen des Lichts. Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten. München 2018.
  • Stiegler, Bernd / Thürlemann, Felix: Meisterwerke der Fotografie. Stuttgart 2011.
  • V&A · Lady Clementina Hawarden – An Introduction (Stand 1. November 2021)

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