27. August 2021 Lesezeit: ~4 Minuten

Wer waren Jacques and Charles Biederer?

Ja, ich verbringe viel Zeit auf Instagram und so bin ich auch wieder auf zwei Fotografen gestoßen, von denen ich vorher noch nie gelesen hatte: Die Brüder Biederer. Falls Ihr gerade auf der Arbeit sitzt oder im Hintergrund Kinder rumspringen, scrollt vielleicht nicht direkt weiter. Speichert Euch diesen Artikel lieber für später, denn die beiden hatten sich in den 1910er bis 1930er Jahren auf Erotik- und Fetischfotografie spezialisiert.

Das Foto im Titelbild war das erste, das ich von den beiden gesehen habe. In einem Instagram-Account, der Vintagefotos sammelt, wurde es nur mit „postcard 1920“ beschrieben. Es ist ein hübsches Foto und zeigt die intime Szene eines Pärchens. Es ist subtil erotisch, denn man sieht nur zwei Menschen, eng umschlungen in einem Bett liegend. Sie sind komplett bekleidet und scheinen sich zu küssen. Aber man sieht es nicht.

Am unteren rechten Bildrand entdeckte ich die Zahl 6. Nach einer kurzen Bildersuche bei Google bestätigte sich meine Vermutung: Das Foto ist Teil einer Bilderreihe.

Paar im Bett

Paar küsst sich im Bett

Paar küsst sich im Bett

Paar liegt eng umschlungen im Bett

Ob die gesamte Serie tatsächlich aus 20 Aufnahmen besteht, wie es die Nummerierung vermuten lässt, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich entdeckte nur diese vier Aufnahmen bei meiner Suche. Aber ich mag die Bildserie sehr, denn sie zeigt nicht so viel, erzählt eine kleine Geschichte und lässt Raum für Fantasie.

Ganz so jugendfrei sind jedoch nicht alle Aufnahmen der Brüder, wie ich schnell feststellte. Sie haben auch sehr expliziten Akt fotografiert, Fetische bedient und zum Teil auch mit Homoerotik kokettiert.

Fetischaufnahme, drei Frauen mit PeitscheFetischaufnahme, ein Mann mit Peitsche im Mund auf allen vieren, darüber eine Frau

Das Fotostudio der Brüder wurde 1908 in Paris am 33 boulevard du temple unter dem Namen Studio Biederer eröffnet. In den späten 1930er Jahren gründeten die beiden Brüder eine Untermarke namens Ostra Studio. Der Name geht wahrscheinlich auf den Namen ihres Geburtsorts zurück:

Moraska-Ostrava in Tschechien. Jacques wurde dort 1887, sein Bruder Charles 1892 geboren. 1908 zog Jacques nach Paris, sein Bruder Charles folgte ihm 1913, um ihn im Studio zu unterstützen. Im Verlag Éditions Ostra veröffentlichten sie ihre erotische Aufnahmen.

Sie verdienten ihr Geld durch den Direktverkauf ihrer Fotografien, machten aber auch kommerzielle Fotoarbeiten zum Beispiel für La Lingerie Moderne, Yva Richards Versandkatalog für Dessous und Bondage-Accessoires sowie Fotoillustrationen für verschiedene Erotikbücher.

Eine Frau sitzt auf einer Treppe und gibt den Blick auf ihre Unterwäsche freiAktaufnahme einer Frau

Die Erotik-Fotografie ist so alt wie die Fotografie selbst. Sobald es möglich war, mit kurzen Belichtungszeiten Menschen zu fotografieren, entstanden auch die ersten Aktaufnahmen. Diese wurden in den Anfängen unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Forschung oder als Vorlage für die Malerei geduldet.

Aber schnell gab es eine große Postkartenproduktion und die Fotos wurden unter der Hand veräußert. Paris entwickelte sich zum Zentrum der Erotikfotografie. Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass Jacques Biederer gerade in dieser Stadt sein Studio eröffnete.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen starken Aufschwung der erotischen Fotografie. Die Gesellschaft hatte einen weit lockereren Umgang mit Sexualität, als die meisten Menschen es heute vielleicht annehmen würden. Die Modelle der Fotos stammten aus den Vergnügungsvierteln der Stadt und waren meist Tänzerinnen oder Prostituierte.

Frau liegt nackt auf einem Sofa, ein Mann beugt sich zu ihr hinunterFrau post oben ohne

Als Nazi-Deutschland im Jahr 1940 auch Frankreich besetzte, verschwanden die Erotikstudios des Landes. Da die Brüder Biederer zudem jüdischer Abstammung waren, wurden sie von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet.

Ihr Vermächtnis lebt in der heutigen Aktfotografie weiter und hatte ohne Zweifel großen Einfluss auf die frühe Entwicklung von Fetisch- und Erotikfotografie. Sie inspirierten nachweislich den Pionier der Fetischmode Charles Guyette sowie den Fetischfotografen und Bondagekünstler John Willie.

Und auch in Werken von zeitgenössischen Erotikfotograf*innen wie zum Beispiel Ellen von Unwerth meine ich einen Einfluss der Brüder erkennen zu können. Wenn Ihr mehr Fotos sehen möchtet, dann empfehle ich Euch die Webseite biedererstudios.com, auf der die Aufnahmen der Brüder gesammelt und kategorisiert werden. Viel Spaß beim Stöbern.

Ähnliche Artikel

1 Kommentar

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.