02. März 2021 Lesezeit: ~6 Minuten

Wer war Ernest J. Bellocq?

Eine junge Frau hält ein Whiskyglas in die Luft. Die leichte Unschärfe der Hand deutet ein Prosit an, doch niemand stößt mit ihr an. Sie sitzt allein und sieht zufrieden auf das Glas. Sie ist eine schöne Frau mit Grübchen im Gesicht und einer auffälligen, schwarzweißgestreiften Strumpfhose. Fast mutet sie modern an, doch die Frisur und das Zimmer um sie herum verraten, dass das Bild älter sein muss. Und dann sind da natürlich auch die Bildfehler, die auf ein altes Fotoverfahren hindeuten.

Ich stolperte zufällig über das Bild auf Instagram. Die Bildbeschreibung verriet nicht viel: „Vintagegirl. c.1912“. Ich schaute mir das Foto noch einmal ganz genau an, versuchte die gerahmten Portraits hinter ihr an der Wand zu erkennen, betrachtete den kleinen Beistelltisch, auf dem ihr Ellenbogen lehnt. Dort stehen die offene Whiskyflasche, ein Apfel, ein Wecker, eine Frauenstatue und darunter seltsame, kleine Miniaturstühle.

Ich weiß nicht warum, aber das Bild lässt mich nicht los. Ich scrolle nicht einfach weiter, sondern frage mich: Wer ist diese Frau? Warum sitzt sie da? Für wen posiert sie?

Frau sitzt lächelnd mit Whiskyglas in der Hand auf einem Stuhl

Eine Bildrückwärtssuche via Google verrät, dass das Bild von E. J. Bellocq aufgenommen wurde und zu den Storyville-Portraits gehört. Ich kannte weder den Fotografen, noch hatte ich je von Storyville gehört und so recherchierte ich weiter:

Storyville war ein Vergnügungsviertel in New Orleans. 1897 wurden dort Bordelle und Alkoholausschank behördlich zugelassen, um die Prostitution ein wenig unter Kontrolle zu bekommen und zumindest auf eben dieses eine Viertel zu begrenzen. Ironischerweise benannte man es damals nach dem Ratsherrn Alderman Sidney Story, der das Gesetz dazu erließ. Ich kann mir vorstellen, dass er nicht besonders begeistert darüber war. Lange musste der Mann sich jedoch nicht ärgern. Bereits 1917 wurde der Spaß behördlich wieder verboten.

Aber 1912, als die junge Frau für das Foto posierte, war Storyville weithin bekannt und stand sozusagen in voller Blüte. Oft wird das Viertel als Ursprung des Jazz beschrieben und ich stelle mir vor, dass die junge Frau auf dem Foto mit ihrem Whisky im Zimmer über einer der vielen Bars sitzt. Sie hört den Klang eines Pianos von unten. Stimmengewirr, laute Rufe, Beifall. Oder ist es dafür zu hell? Durch das Fenster rechts dringt Tageslicht herein.

Eine Frau posiert vor einem weißen Tuch

Ich liebe solche alten Aufnahmen, weil ich darin Geschichte lese. Und zeitgleich macht es mich traurig, dass sich oft kaum mehr etwas über die Personen und Orte herausfinden lässt. Nicht einmal der Name der jungen Frau ist uns heute bekannt.

Aber über den Mann hinter der Kamera lässt sich mehr herausfinden: 1873 geboren, war Ernest J. Bellocq zum Zeitpunkt der Aufnahme 39 Jahre alt. Er arbeitete als Berufsfotograf, wobei seine Frauenportraits wohl eher zu seinen freien Arbeiten gezählt haben dürften. Er portraitierte dafür verschiedene Prostituierte im Viertel.

Eine nackte Frau liegt in starrer Pose auf einem Canapé

Das Fotografieren in Bordellen war damals nichts Ungewöhnliches. Die meisten Aktaufnahmen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigen Menschen, die in Vergnügungsvierteln arbeiteten. Der bekannteste Künstler, der in Bordellen malte, war Vincent van Gogh. Als Ernest J. Bellocq also unsere junge Frau ansprach, war sie sicherlich nicht verwundert darüber und freute sich vielleicht sogar über das leicht verdiente Geld.

Was an Bellocqs Portraits jedoch auffällt, ist, wie verschieden er die Frauen darstellt. Einige posieren nackt, andere erscheinen in Festtagskleidung. Manche wirken starr und unsicher, andere sehr locker und fröhlich. Einige tragen sogar Masken auf dem Gesicht. Das spricht dafür, dass er seinen Modellen oft freie Hand darüber ließ, wie sie sich selbst darstellen wollten.

Eine Frau liegt auf einem Tisch und spielt mit einem kleinen Hund

89 dieser Portraits fand man nach dem Tod des Fotografen in einem Schrank. Keine andere seiner Arbeiten ist erhalten geblieben. Einige Zeitgenossen berichteten, Bellocq hätte neben den Auftragsfotografien auch oft seine Kamera mit nach Chinatown genommen und in den Opiumhäusern fotografiert. Orte, zu denen Weiße eher selten Zugang bekamen. Vielleicht liegen diese Bilder noch auf irgendeinem Dachboden. Wahrscheinlicher ist aber, dass die empfindlichen Glasplatten die Zeit nicht überlebten.

Bellocq war kein herausragender Fotograf. Er beherrschte sein Handwerk, aber erlangte zu seiner Zeit keine Bekanntheit. Über ihn liest man deshalb auch heute kaum noch etwas. Dass seine Storyville-Portraits erhalten geblieben sind, ist dem Fotografen Lee Friedlander zu verdanken. Über Umwege gingen die Fotoplatten zu einem Kunsthändler in New Orleans, von dem Friedlander sie 1966 kaufte und Abzüge machte.

Eine Frau steht steif in einem Zimmer

1970 veröffentlichte er 34 der Aufnahmen in einem Bildband und beschrieb im Buch, wie schwer es war, diese Abzüge herzustellen:

Ich fand bald heraus, dass ich meine übliche Reproduktionsmethode nicht anwenden konnte, da die Platten nicht gut auf Bromsilberpapier ansprachen. Selbst beim weichsten Papiergrad war die Tonabstufung noch zu begrenzt. Bei einigen Nachforschungen stieß ich auf ein Abzugsverfahren, das um die Jahrhundertwende gang und gäbe war, mit Auskopierverfahren […] arbeitete und die Eigenschaft der Selbstmaskierung hatte. Bei diesem Verfahren wurden die Negative durch direktes Tageslicht auf das Papier übertragen.

Eine Frau posiert in Unterwäsche auf einem Stuhl

Friedlander investierte einige Zeit und Geduld, denn die Belichtung mit diesem Verfahren dauerte zwischen drei Stunden und sieben Tagen! Zum Glück nahm er es auf sich, denn sonst würden wir heute wohl gar nichts mehr von Bellocq wissen. Er interviewte zudem einige Zeitgenossen, die den Fotografen kannten. Jazzmusiker, ein ehemaliges Modell, andere Kreative.

Leider verschriftlichte er die Zitate nur aus der Erinnerung und entwickelte daraus ein fiktives Gespräch im Buch. Für heutige Nachforschungen nur schwer als Quelle nutzbar. Was jedoch von allen Befragten erwähnt wurde, war Bellocqs Äußeres: Er war kleinwüchsig und hatte einen stark verformten Schädel. Er ließ wohl niemanden nah an sich heran und so schien kein Mensch ihn wirklich gut gekannt zu haben.

Um 1938 habe er die Fotografie aufgegeben und sei 1949 im Alter von 76 Jahren gestorben. Die Geschichte dazu erscheint jedoch im Interview etwas zu ausgeschmückt. Bellocq habe immer mit einer Bantam Special um den Hals vor dem Laden der Eastman Kodak Company an der Canal Street gesessen. An der Ecke des Ladens sei er irgendwann einfach tot umgefallen.

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