20. September 2021 Lesezeit: ~12 Minuten

Lehe im Wandel

Der Stadtteil Lehe in Bremerhaven wird in einigen Medien als ärmster und asozialster Ort Deutschlands stilisiert. Doch Lehe ist im Wandel. Miriam Klingl hat die Menschen vor Ort portraitiert und sie gefragt, wie sie Lehe selbst wahrnehmen. Entstanden ist ein vielschichtiges Projekt mit viel Zuversicht.

Hallo Miriam, Du bist gerade in Deiner Wohnung in Berlin und hast die letzten zwei Jahre den Stadtteil Lehe fotografiert. Bist Du für das Projekt gependelt oder hast Du in Lehe gewohnt?

Ich bin gependelt. Im Schnitt bin ich drei bis vier Tage pro Monat nach Bremerhaven gefahren und konnte dann dort bei der Pastorin Andrea Schridde schlafen und mich frei bewegen. Sie ist die Leiterin der Kulturkirche Bremerhaven, die das Projekt initiiert und finanziert hat. Insgesamt war ich etwa 17 Mal in Lehe.

Wie hast Du für Dich dafür entschieden, ein Projekt über einen Stadtteil zu machen, den Du bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht kanntest?

Andrea hatte meine Abschlussarbeit in Berlin gesehen, in der es um Romafamilien in Berlin und Rumänien ging. Diese Arbeit hatte ihr so gefallen, dass sie mich für eine Serie über Lehe angefragt hat. Bevor ich das erste Mal nach Bremerhaven gefahren bin, war ich durchaus etwas skeptisch und unsicher.

Ich habe gegoogelt und viele Youtube-Videos über den Stadtteil angesehen. Darin wurde Lehe immer als das Ghetto von Deutschland oder der ärmste Stadtteil von Deutschland betitelt. Es wurde insgesamt ein sehr negatives Bild gezeichnet. Und dann kam ich an einem wunderschönen Herbsttag zum ersten mal in Lehe an, saß mit Andrea im Eiscafe und dachte erst einmal: Okay, wo ist jetzt dieses Ghetto? Wo sind die Probleme?

Im ersten Moment hat man das nicht gesehen. Und als Berlinerin kennt man ja auch gewisse Straßenecken. Deshalb hat mich da gar nichts geschockt. Eher im Gegenteil: Ich war positiv überrascht.

Straße in einer Altstadt

Lutherstraße 25–38 mit Blick auf die Astrid-Lindgren-Schule

Ich habe das aus Deinem Projekt entstandene Buch als PDF vor mir und muss auch sagen, dass ich in den Aufnahmen eine ganz normale Stadt und ganz normale Menschen sehe. Gerade schaue ich auf eine schöne Straße mit Altstadthäusern.

Ja, das ist spannend an Bremerhaven, denn die Architektur ist wirklich wunderschön. Es gibt ganz viele Gründerzeithäuser, die gebaut wurden, weil um das 19/20. Jahrhundert herum viele neue Wohnungen für die Arbeiter*innen am Hafen gebraucht wurden. Damals war Lehe ein wohlhabender Stadtteil. Nach Kriegsende hatten die Amerikaner*innen dann in Bremerhaven ihren Stützpunkt, viele Schiffe aus Amerika kamen in Bremerhaven an. Damals muss es in Lehe ein ganz anderes Lebensgefühl gegeben haben.

Ich habe ein altes Ehepaar für das Buch portraitiert und interviewt, die beiden hatten damals einen Haushaltswarenladen in der Hauptstraße, in dem die Amerikaner*innen ein und aus gegangen sind. Lehe war ein sehr belebter Stadtteil mit vielen Musikkneipen und Tanzlokalen.

Später, nachdem die Amerikaner*innen abgezogen waren und nach der großen Werftenkrise begann der Niedergang, es herrschte große Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren. Und mit ihr kam die Armut. Aber die Gründerzeithäuser sind noch da und zum Teil auch erhalten. An diesem Punkt wird jetzt auch wieder angesetzt: Die Stadt kauft Teile dieser Häuser auf und es wird viel gebaut und saniert.

Männerportrait

Rudi Eder, Betreiber der Ur-Eckkneipe „Kleine Hexe“ im Goethequartier.

Schriftzug "Habt euch lieb" an einer Hauswand

Goethestraße 40 – Mietshaus, um 1905

Wie hast Du dann das Projekt begonnen? Bist Du direkt mit der Kamera losgezogen?

Andrea hatte mir schon angekündigt, dass die Leute eventuell etwas allergisch auf die Kamera reagieren könnten, weil wirklich oft die Presse vor Ort ist. In der Zeit, in der ich am Projekt gearbeitet habe, habe ich öfter Teams von RTL 2 gesehen, die irgendeine „Hartz-aber­herzlich“-Folge gedreht haben. Deshalb sind die Leute bei Kameras eher skeptisch.

Aber auf mich hat tatsächlich nie jemand negativ reagiert. Klar haben manche einfach „nein“ gesagt, aber meistens waren die Leute sehr neugierig und wollten wissen, was ich mache, wer ich bin, und sie fanden das Projekt eher spannend.

Die Bilder sind analog entstanden. War das eine bewusste Entscheidung, weil eine analoge Kamera vielleicht nicht so nach Presse und dadurch weniger bedrohlich aussieht?

Tatsächlich hatte ich einfach große Lust, nach längerer Zeit mal wieder analog zu arbeiten und dachte, ein freies Projekt, das auch finanziert wird, wäre eine gute Gelegenheit dazu. Die Arbeit ist dadurch auf jeden Fall etwas anders geworden. Mein Projekt davor hatte ich digital gemacht und das war eher klassisch dokumentarisch, im Querformat und 35 mm. Lehe ist im Gegensatz dazu schon etwas sachlicher, ruhiger und konzentrierter, was auf jeden Fall mit dem Analogen zusammenhängt. Man ist ja gezwungen, etwas langsamer zu arbeiten.

Frau mit Baby in einer Kirche

Meike mit ihrer Tochter Melody in der Pauluskirche, wo Melody getauft wurde.

Ist das ein Vorteil?

Es hat durchaus Vorteile, ja. Viele Straßenaufnahmen habe ich mit einer Mamiya 7 gemacht, das ist eine Mittelformatkamera, die eher nach Kleinbild aussieht, also etwas unauffälliger ist. Da haben einige Leute neugierig nachgefragt, mit was ich da eigentlich fotografiere. So kam man ins Gespräch.

Die Leute konnten sich auch eher aufs Fotografieren einlassen, allein aus dem Grund, dass sie ja nicht auf dem Display die Bilder kontrollieren konnten und gleich schauen, wie sie aussehen. Solche Diskussionen hatte man also nicht.

Und: Analoge Aufnahmen sind auch ein guter Ansatzpunkt, um die Leute noch ein weiteres mal zu besuchen, um die Abzüge zu übergeben. So kam man wieder ins Gespräch und es entstanden zum Teil auch noch mal neue Fotos. Das war ein toller Anknüpfungspunkt.

Wie viele Filme hast Du beim Projekt gefüllt?

Ich hatte am Schluss etwa 3.000 Negative, also etwa 300 Filme in zwei Jahren. Ich habe manchmal auf jeden Fall mehr Filme verschossen als geplant. Ich bin nicht sicher, ob ich ein so großes Projekt noch einmal analog umsetzen würde.

Fenster mit Blume

Fenster des ehemaligen Blumengeschäfts „Gerlach“, Friedhofstraße 14

Gemüsehändlerin

Leonie – Auszubildende beim alteingesessenen Obst- und Gemüsehandel

Warum?

Ich habe einfach zeitlich und finanziell alles ein bisschen unterschätzt. Allein, wie viel Arbeit es war, alle Bilder zu scannen und zu entfusseln! Und auch auch solche Kleinigkeiten: Allein die Filmpreise haben sich bei Kodak in der Zeit um 2 Euro pro Film erhöht, auch die Entwicklung ist teurer geworden, all das hat meine Kalkulation schwieriger gemacht hat.

Man muss nach jeweils zehn Fotos den Film wechseln und kann nicht einfach so durchfotografieren. Es ist eine ganz andere Art zu arbeiten und ich denke schon, dass es auch etwas mit den Leuten macht. Die Portraits habe ich zum Beispiel mit der Mamiya RB 67 gemacht. Das ist ein riesiger Klotz, der gefühlt 4 kg wiegt. Dadurch habe ich viel mit dem Stativ fotografiert, was ich bis dahin nur sehr selten gemacht hatte. Das sieht man den Portraits an. Sie sind statischer und sachlicher. Aber trotzdem bekommt man viel mit von den Personen – hoffe ich zumindest.

Auf jeden Fall. Ich finde sogar, es tut den Portraits gut. Oft verfallen die Leute heute schnell ins Posieren, aber diese aufwändigere und langsamere Fotografie macht das fast unmöglich. Wie hast Du die Menschen eigentlich gefunden? Hast Du sie auf der Straße angesprochen?

Das war eine Mischung. Viele habe ich auf den Straßen oder in der Kneipe getroffen. Manche wurden mir auch durch die Kulturkirche vermittelt. Mir war es wichtig, eine große Bandbreite von Personen zu zeigen. Der Stadtteil ist unglaublich divers und das sollte sich auch in den Bildern widerspiegeln. Das Projekt sollte einen möglichst umfassenden Blick auf Lehe bieten. Ich habe zum Beispiel mit einer Kinderpsychologin gesprochen, mit einem Anwalt, einem Lehrer, aber auch mit Langzeitarbeitslosen und einigen jungen Menschen.

Frau liegt mit dem Kopf auf dem Schoß einer anderen Person

Nicky mit ihrem Freund Kevin in ihrem Wohnzimmer.

Die Leute sind in den Interviews auch unglaublich offen und erzählen sehr persönliche Geschichten. Eine Frau zum Beispiel berichtet Dir offen von ihrer Drogensucht.

Ja, die junge Frau heißt Nicky und ich habe sie zufällig vor dem Supermarkt getroffen. Ich hatte sie nach Feuer gefragt und so kamen wir überraschend schnell ins Gespräch. Teilweise war das schon fast etwas überfordernd für mich, weil die Menschen beginnen, Dir in 20 Minuten ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Wenn es um Lehe geht, sind die meisten zwar realistisch, aber durchaus hoffnungsvoll. Vielen der Portraitierten liegt der Stadtteil scheinbar sehr am Herzen.

Ja, einige haben sich ganz bewusst dafür entschieden, in Lehe zu bleiben. Andere sind dort eher hängengeblieben. Es sind auch durchaus negative Sichten im Buch vertreten.

Baustelle

Kühe grasen am Ufer der Geeste, im Hintergrund ist die Skyline der Havenwelten zu sehen.

Wie hast Du selbst Lehe wahrgenommen, nachdem Du dort einige Tage verbracht hattest?

Ich habe mich sehr wohlgefühlt, weil die meisten Menschen dort Lebenskünstler*innen sind. Viele hatten eine absurde Geschichte, wie sie in Lehe gelandet sind, und man merkt in den Gesprächen schon ihr Selbstverständnis als Leher*innen. Die Menschen sehen ein Potenzial in ihrer Heimat.

Nach den zwei Jahren hatte der Stadtteil für mich fast schon einen dörflichen Charakter. Die Leute kennen sich untereinander und helfen sich. Sie sind es gewohnt, zu kämpfen und andere Wege zu gehen, weil es zwar nie geradlinig geht, aber irgendwie doch immer weiter.

In Deinen Bildern sieht man einige Baustellen und Du schreibst im Vorwort auch von einigen hippen Cafés und Ateliers, die eröffnen. Haben die Menschen Angst vor Gentrifizierung?

Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich habe viele Diskussionen dazu geführt und viele sagen, dass eine Gentrifizierung nicht kommen wird, weil Lehe dafür nicht hipp genug ist. Ich habe für das Buch ein Interview mit einem Investor geführt, der sich in Leher Gründerzeithäuser verliebt hat. Er hat früher viel in Berlin saniert und lebt jetzt selbst in Lehe. Er saniert dort einige Häuser mit sehr viel Liebe zum Detail, vermietet sie dann aber nicht weit über dem Mietspiegel. Seine Vision ist eine gute soziale Durchmischung des Viertels.

Es gibt in der Stadt auch ein Projekt, bei dem Studierende kostenfrei im Wohnheim leben können, wenn sie sich einige Stunden im Monat mit sozial benachteiligten Kindern austauschen, mit ihnen Zeit verbringen und ihnen bei der Schule helfen. Sie sollen als Identifikationsfiguren dienen, weil es im familiären Umfeld oft keine Studierenden gibt.

Also viele arbeiten im Grunde daran, das Ziel zu erreichen, dass es nicht zu einer klassischen Gentrifizierung und Verdrängung kommt.

Portrait eines Mannes

Kevin, Tüftler und Bastler in seiner Werkstatt-Garage

Hast Du noch Kontakt zu einigen der Portraitierten? Es wäre ja sehr spannend, vielleicht in fünf Jahren noch einmal zu schauen, wie sich Lehe verändert hat und wie es den Menschen geht.

Konkret geplant ist das noch nicht, aber es würde schon Sinn machen. Schon jetzt geht alles sehr rasant, viele Stellen, die im Buch noch als Baustellen zu sehen sind, sind heute schon fertig. Ich bleibe auf jeden Fall im Kontakt mit einigen Bekanntschaften, die durch das Projekt entstanden sind. Bremerhaven und speziell Lehe wird mir erhalten bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Teil des Projekts sollte im Juni 2021 im Rahmen einer Ausstellung in der Kulturkirche Bremerhaven, Hafenstraße 124 gezeigt werden – wegen der Corona-Pandemie wurde die Ausstellung auf 2022 verschoben. Das Fotobuch zum Projekt wird dennoch bereits am 2. Oktober 2021 erscheinen. Mehr Informationen dazu findet Ihr auf der Webseite zum Projekt.

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  1. Blogartikel dazu: Umleitung: „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“, Rote Linien gegen die AfD, Wählertäuschung, Lehe in Bremerhaven, alte neue Rektorin der FU-Hagen sowie Beuys-Fotografien in Wuppertal. | zoom