11. September 2020 Lesezeit: ~14 Minuten

Die Möglichkeit einer Insel

Wie ist es, auf einer Insel aufzuwachsen? Wie ist das Verständnis von Heimat in einer so begrenzten Umgebung und wie stark der Wunsch, die Welt zu erkunden? Diesen Fragen ist Stephan Klumpp in seiner Abschlussarbeit „Die Möglichkeit einer Insel“ nachgegangen.

Er verbrachte sieben Wochen auf den Färöer-Inseln und berichtet im Interview von den Träumen junger Menschen, zumindest eine Zeit lang ihren Geburtsort zu verlassen und den gleichzeitig so engen Beziehungen, die sie untereinander pflegen.

Männerakt im Bett

Bilder von Färöer gibt es sehr viele. Meist sieht man auf ihnen jedoch nur die epischen Landschaften, wenn man die Fotos von Sea Shepherd mal außen vor lässt. Deshalb fand ich Deine Dokumentation über die Jugend auf den Inseln sehr spannend. Wie bist Du überhaupt darauf gekommen, die Färöer-Inseln zum Gegenstand Deines Projekts zu machen?

Ja, das stimmt. Die meisten Menschen wissen sehr wenig über die Färöer-Inseln. Und wenn darüber berichtet wird, dann meist über diese Stereotypen, die Du genannt hast.

Das Projekt ist die Abschlussarbeit meines Studiums der Fotografie und entstand sehr intuitiv. Ich hatte schon immer die Idee, auf eine ferne Insel zu gehen, an einen Ort, wo man abgeschottet ist. Als mir dann jemand von Färöer erzählte, war mein erster Eindruck genau der, den Du gerade beschrieben hast: Spektakuläre Landschaften und Walfang. Darauf beschränkt sich die Fremdwahrnehmung. Ich hatte mich dann etwas schlau gemacht, aber als ich beschloss, auf die Inseln zu fliegen, wusste ich nicht viel mehr.

Wie bist Du dann auf die Idee für Deine Reportage gekommen?

Ich bin selbst nicht mit dem Anspruch dorthin geflogen, eine Reportage zu machen und sehe es auch bis heute eigentlich auch gar nicht als Reportage über die Färöer.

Wie würdest Du es beschreiben?

Ja, es ist schwierig. Man kann alles unter Kategorien fassen und verschiedenste Namen geben. Aber ich sehe das gar nicht als so entscheidend an. Ich sehe die Serie als Untersuchung der emotionalen Geografie. Sowohl die der Färöer-Inseln, als auch meiner eigenen emotionalen Geografie zum damaligen Zeitpunkt.

Die Serie ist jetzt zwei Jahre alt und dadurch, dass ich damals aus einem Impuls heraus hingeflogen bin, habe ich gewisse Erwartungen an den Ort gehabt, die so gar nicht bestätigt wurden. All diese Erfahrungen habe ich in den Fotos dann auch gespiegelt und wiedergefunden.

Zwei Menschen küssen sich, Harre liegen über den GesichternVon Wellen umspülte Steine

Das heißt aber, Du wusstest, dass Du Dein Abschlussprojekt auf den Inseln machen möchtest, hattest aber noch kein feststehendes Thema?

Tatsächlich habe ich zu Anfang gedacht, dass ich etwas mit Landschaften mache. Es gibt auf den Inseln zum Beispiel viele Schafbauern. Mir ging es aber von Beginn an um die Themen Abgeschiedenheit und Isolation – also um Dinge, für die Inseln stehen können. Auf der anderen Seite aber auch um das Thema Inseln als Schutzraum und die damit verbundene Frage, was Heimat für die Menschen, die dort leben, bedeutet.

Um das herauszufinden, wollte ich ursprünglich in einem kleinen Dorf das Leben begleiten, habe vor Ort aber schnell gemerkt, dass das eigentlich gar nicht das ist, was ich dort wahrnehme und was der Grundtenor der Leute ist.

Welche Erwartungen wurden denn nicht bestätigt oder welche Aussagen hatten Dich überrascht, so dass Du die erste Idee überdacht hast?

Ich fange erst einmal anders herum an. Bestätigt wurde, das die Färöer ein isolierter Ort sind und man in gewisser Weise den Naturkräften ausgesetzt ist. Wer selbst schon einmal dort war, weiß, wie roh die Atmosphäre dort sein kann.

Auf der anderen Seite hat mich überrascht und beeindruckt, wie warm das menschliche Klima ist. Wie verbunden alle Menschen waren. Es gibt das Problem, wie an vielen anderen Orten auch, dass viele junge Menschen wegziehen. Die Perspektiven auf den Inseln sind einfach sehr begrenzt. Aber diejenigen, die bleiben, haben einen ganz engen Zusammenhalt. Dieser Kontrast hat mich sehr beeindruckt und inspiriert.

Straße im Nebel

Deine Abschlussarbeit hat sich am Ende auch genau um diese jungen Menschen gedreht. Wie bist Du in Kontakt mit ihnen gekommen?

Wenn ich irgendwo hinfahre, bin ich gar nicht so sehr als Fotograf vor Ort, sondern in erster Linie als interessierter Mensch. Das Projekt hat durch Neugier begonnen und ich denke, das hilft sehr. Ich verbringe immer viel Zeit damit, mich mit den Menschen zu unterhalten.

Um mal ganz konkret zu beschreiben, wie ich in Kontakt gekommen bin: Es gibt auf den Inseln ganz wenige Orte und das Leben konzentriert sich sehr auf die Hauptstadt Tórshavn. Dort wiederum gibt es auch nur wenige Cafés, Bars und Restaurants. Das waren für mich gute Anlaufpunkte. Wenn man regelmäßig am selben Ort auftaucht, ist man relativ schnell bekannt als der Fremde und kommt automatisch ins Gespräch. Und von da an entwickelt es sich weiter.

Oft bin ich aber auch einfach auf Leute auf der Straße zugegangen, die ich interessant fand und da hat sich oft herausgestellt, dass die Leute, die ich im Café, in der Bar oder auf der Straße traf, sich auch alle untereinander kannten. Wenn man dann von drei, vier Ecken einen Zugang hat, macht es das Ganze viel einfacher. Ich habe viel Zeit mit den jungen Leuten verbracht. Vor allem viel Zeit, ohne zu fotografieren. Sie sind zu Freund*innen geworden.

Frauenportrait

Wie haben sie das Thema Deines Projektes wahrgenommen? Sind die Fragen, die Du Dir dafür gestellt hast, auch für sie interessant und relevant?

Das Thema meines Fotoprojekts habe ich oft gar nicht so offen kommuniziert, weil es für mich zu dem Zeitpunkt auch so wenig greifbar war. Ich und meine Kamera waren einfach ein Teil ihres Lebens geworden. Ob und wie ich das Thema fotografisch umsetze, war kein Gesprächsstoff. Aber natürlich habe ich mit ihnen darüber gesprochen, was Heimat oder Isolation für sie bedeuten.

Beim Stichwort Isolation fällt mir ein, dass ich die Leute bei meinem Besuch damals gar nicht so isoliert wahrgenommen habe. Vielleicht, weil sie so unglaublich offen waren, sogar offener als so manche Deutsche, einfach weil sie durch die Begrenzungen der Inseln ja oft gezwungen sind, sich mit anderen Ländern auseinander zu setzen oder etwa zum Studium ins Ausland zu gehen. Und alle sprachen auch Englisch und waren unglaublich gastfreundlich.

Ja, auf jeden Fall. Ich weiß genau, was Du meinst. Die Menschen sind sehr offen und aufgeschlossen. Sie haben ein Grundvertrauen. Mir ist noch in guter Erinnerung, dass die Türen nicht abgeschlossen werden. Man konnte im Prinzip bei allen einfach so reingehen, weil sich sowieso alle untereinander kennen. Es leben auf den ganzen Inseln zusammen nur knapp 50.000 Menschen.

Ich bin dort auch ausschließlich per Anhalter gefahren und habe nie länger als zwei bis drei Autos warten müssen, bis mich irgendjemand mitgenommen hat. Durch solche Situationen sind auch wieder neue Kontakte entstanden. Ganz oft haben sie mich auch direkt zum Essen eingeladen. Ich sage bei solchen Angeboten grundsätzlich ja und bin sehr dankbar, die Möglichkeit zu haben, verschiedenste Menschen und Aspekte kennenzulernen.

Ein Mann liegt auf dem Schoß einer nackten Frau

Wie würdest Du denn das Grundgefühl bei den Jugendlichen einschätzen? Wie sehen sie ihre Heimat? Planen sie, auszuwandern oder können sie sich ein Leben auf den Inseln vorstellen?

Bei so ganz konkreten Auslegungen bin ich etwas vorsichtig. Aber Fakt ist, dass sehr viele Leute weggehen. Dänemark ist ein beliebtes Ziel, weil alle neben Färöisch auch Dänisch sprechen können. Und verwaltungstechnisch gehören die Färöer zu Dänemark, was einen Umzug einfach macht.

Es gibt dann die, die im Ausland einen Job oder eine Partnerschaft finden und deshalb bleiben. Es gibt aber auch diejenigen, die zurückkehren. Viele der jungen Leute möchten im Ausland studieren und die Welt kennenlernen. Aber spätestens, wenn es darum geht, sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen, kommen einige auch zurück.

Es kam oft der Spruch: „Weil das Leben auf Färöer halt sicher ist.“ Man hat nicht nur das Gefühl, man kann die Haustür offen lassen, sondern auch, dass man die Kinder auf die Straße lassen kann, weil immer jemand aufpasst. Das zieht viele junge Menschen zurück. Aber letztendlich auch nicht genug. Ein großes Problem ist deshalb, dass die Bevölkerung immer älter wird.

Eine Insel im Nebel

Ich habe auf Deinen Bilder gesehen, dass Du auch die Insel Vágar besucht hast. Diese galt bis 2003 als einer der isoliertesten Orte Europas, da das Dorf nur zu Fuß oder per Hubschrauber erreichbar war. Mittlerweile wurde ein Tunnel durch die Berge gebaut, aber es leben vor Ort nur noch neun ältere Menschen.

Ja, viele Leute gehen weg und die, die bleiben, ziehen nicht in diese kleinen Dörfchen, sondern in die Hauptstadt. Man muss sich das vorstellen: Färöer besteht aus 18 Inseln und auf einigen dieser Inseln leben nur 200 Menschen. Und auch diese sind nochmals auf verschiedene Dörfer aufgeteilt. Viele dieser kleinen Dörfchen sterben deshalb aus.

Als ich dort war, standen bereits viele Häuser leer. Dazu kommt ja auch, dass viele Menschen, insbesondere die jungen Männer, in der Fischerei arbeiten und wochen-, teilweise monatelang auf hoher See sind. Und in dieser Zeit stehen noch mehr Wohnungen leer. Eine Entwicklung zeichnet sich da ab, ja.

Wenn ich an Färöer denke, dann denke ich an grüne Landschaften und blaues Meer. Deine Bilder sind jedoch alle schwarzweiß.

Es war gar nicht so grün, als ich dort war, denn ich bin im Februar geflogen und die Landschaft war sehr karg. Du hast aber recht – die Bilder, die man so kennt, zeigen dieses allumfassende Grün. Mir wurde auch immer wieder gesagt, ich müsste unbedingt noch einmal im Sommer kommen.

Frauenakt im Bett

Hattest Du Dir die Jahreszeit bewusst ausgesucht?

Nein, es war durch das Studium nicht anders möglich. Ich war insgesamt sieben Wochen auf Färöer. Von Anfang Februar bis Mitte/Ende März. Ich bin aber nicht unglücklich darüber, denn die Jahreszeit hat so ein bisschen mit dem korrespondiert, wonach ich vielleicht unterbewusst gesucht, was ich aber auf jeden Fall dort gefunden habe. Ich weiß, die Fotos zeigen wenig von dem, was man vom Land kennt. Schwarzweiß war aber recht schnell für mich klar.

Kannst Du das begründen?

Hauptsächlich wieder durch Intuition.

Schwarzweiß gibt ja schon eine gewisse Richtung vor, wirkt vielleicht trauriger und intimer?

Traurigkeit war keine Motivation von mir. Intimität schon eher. Ich würde eher hinzufügen: Stille und Reduktion. Es reduziert alles etwas mehr auf das Wesentliche. Grundsätzlich arbeite ich weder in Schwarzweiß noch in Farbe. Ich habe da keine Vorlieben, aber in dem konkreten Fall hat es einfach gepasst.

Wolkenverhangener Himmel

Wie arbeitest Du bei Portraits? Es sind ja zum Teil sehr intime Bilder entstanden. Wie gehst Du dabei vor, gibst Du Anweisungen?

Ich bin im ersten Schritt bei dem Projekt nur dabei gewesen und habe hin und wieder fotografiert. Also eher ungestellt. Aber nach und nach, als das Vertrauen größer wurde und ich auch gemerkt habe, was ich eigentlich möchte, habe ich auch Anweisungen gegeben. Grundsätzlich arbeite ich mit einer Mischung.

Bei den Portraits kann es zum Beispiel sein, dass ich sage: „Hey, ich habe eine Idee, legst Du Dich mal aufs Bett?“ Und dann wird es eher ein Dialog. So eine Fotosession dauert relativ lange, ich unterhalte mich dabei, versuche immer wieder etwas Neues und lasse auch Freiraum für die Portraitierten. Oft ist es auch so, dass die Menschen mir nach und nach sagen, was sie gern machen würden oder wie sie gesehen werden möchten.

Du warst bisher nicht im Sommer auf Färöer. Warst Du überhaupt noch einmal dort? Konntest Du noch einmal mit den Menschen sprechen und herausfinden, was die Jugendlichen heute machen?

Ich bin noch mit vielen Leuten in Kontakt, aber ich war leider seitdem nicht noch einmal vor Ort. Für mich ist das Projekt in sich auch abgeschlossen.

Es wird also keine Fortsetzung geben? Es wäre ja schon spannend, die Leute in zehn oder 20 Jahren noch einmal zu besuchen.

Ja, das wäre spannend. Ich weiß auch, dass einige noch dort leben. Andere jedoch nicht mehr. Es wäre auch spannend, zu sehen, ob sich generell seit meinem Besuch etwas geändert hat. Oder wie es in drei oder fünf Jahren auf den Färöer-Inseln aussieht, denn die Entwicklung vor Ort geht sehr schnell voran.

Winterlandschaft mit Wasserfall

Du meinst den Tourismus?

Ja, genau. Der Tourismus nimmt in zwei Formen sehr zu. Zum einen zieht die Landschaft Menschen an, die gern in der Natur sind, sich für die Wildnis und das Raue interessieren. Und das ist durchaus gefährlich, denn die Landschaft ist nicht touristisch erschlossen. Die Klippen und Aussichtspunkte haben keine Geländer und es kommt immer wieder zu gefährlichen Aktionen. Viele Leute suchen auch diese typischen Postkartenmotive und viele Menschen, gerade in den kleineren Dörfern, sind nicht unbedingt davon begeistert, dass so viele Menschen kommen.

Ein weiteres großes Problem ist die Kreuzfahrt. Als ich dort war, lag ein großes Schiff an und jährlich kommen wohl mehr und mehr Kreuzfahrtschiffe. Das wird vor Ort sehr kritisch gesehen, denn Tórshavn hat keine 20.000 Einwohner*innen. Wenn dann 2.000 Menschen aus dem Schiff strömen, durch die Stadt laufen, letztendlich aber auch nichts konsumieren oder kaufen, da diese Reisen all inclusive sind, ist das durchaus problematisch.

Ja, absolut. Vielleicht zieht es Dich ja doch noch einmal nach Färöer für eine Serie, um diesen Fragen nachzugehen. Ich danke Dir für das Gespräch!

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3 Kommentare

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  1. Sehr spannend, und auch eurer beiden Erfahrungen, Katja und Stephan, decken sich mit meiner Wahrnehmung vor Ort (wenn ich auch tatsächlich für die epischen Landschaftsfotos gekommen war). Wird das Abschlussprojekt noch einmal ausgestellt bzw. anderweitig veröffentlicht?

  2. Danke für den interessanten Beitrag.
    Ich habe selbst fünf Jahre auf einer Insel gelebt und fotografisch gearbeitet. Eine Erfahrung die ich nicht missen möchte, dankbar für die diese Momente voller Natur, voller Ruhe und geliebter Einsamkeit. Und ja ich gehe immer wieder gerne zurück, aber leben auf Dauer nein.
    Glücklich wieder Kreativität und Kunst um mich zu haben und dies wieder leben, spüren und fühlen zu können.
    Daniela