02. April 2021 Lesezeit: ~7 Minuten

Mein Elternhaus

Der Kunstverein Ottobrunn zeigt bis zum 24. April 2021 die Einzelausstellung „Mein Elternhaus“ des Fotografen Jörg Egerer. In seinem sehr persönlichen Projekt zeigt er Bildpaare seines Elternhauses. Die Fotografien entstanden zwischen September und November des letzten Jahres, wenige Monate nach dem Auszug seines Vaters in ein Pflegeheim.

Abgesehen von einigen wenigen Kleidungsstücken, einem Fernsehgerät und einem Wandbild hinterließ sein Vater alle persönlichen Gegenstände im Haus. Insgesamt vier Mal suchte der Fotograf das Haus in der Nähe von Mannheim für mehrere Tage auf. Sein Vater verstarb nach Fertigstellung der Serie am 23. Dezember 2020 im Pflegeheim an COVID-19. Das Haus wurde inzwischen geräumt.

Wieso und wann hast Du die Entscheidung getroffen, Dein Elternhaus fotografisch festzuhalten?

Die Idee, mein Elternhaus zu fotografieren, ergab sich spontan aus der Situation heraus. Als feststand, dass mein Vater sich im Haus nicht mehr selbst versorgen kann, haben mein Bruder und ich am Tag des Auszugs für ihn Kleidungsstücke und Gegenstände herausgesucht. Es war eine seltsame Atmosphäre. Das Haus wirkte plötzlich „anders“, nicht mehr wie mein Elternhaus, in dem ich aufgewachsen bin und in dem so viele persönliche Erinnerungen stecken.

Das Haus wollte ich erst einmal nur für mich selbst fotografisch festhalten, als Erinnerung. Dass daraus dann eine Ausstellung für die Öffentlichkeit wurde, entwickelte sich erst einige Wochen später. Mir wurde bewusst, dass viele Menschen diese Situation bereits erlebt haben oder noch erleben werden und das Thema durchaus gesellschaftlich relevant ist.

Gartenstühle und ein GartenzwergGartenstuhl auf einem Balkon

Du schreibst, das Haus war „anders“. Hast Du versucht, dieses Andere zu fotografieren oder hast Du mit der Kamera eher nach dem Gewohnten, den Erinnerungen gesucht?

Meine Fotos sollten eine Brücke schlagen zwischen alten Erinnerungen und dem Leerstand des Hauses, aber noch vor dessen Räumung. Während des Fotografierens habe ich unsere Familienfotos wiedergefunden, die die vergangenen, glücklichen Zeiten dokumentieren. Dies war eine hochemotionale Situation für mich. Mein Elternhaus habe ich nie ohne zumindest einen Elternteil erlebt.

Das „Andere“ ist praktisch eine neue Zeitrechnung, die angebrochen war. Und diese neue Zeitrechnung wollte ich fotografisch fixieren. Wer meine Fotos genau betrachtet, kann sehr viel über die Persönlichkeit meines Vaters und seine Lebensweise in den letzten Jahren herausfinden.

Haben Dein Bruder und Deine Familie verstanden, warum Du das machst? Haben ihnen die Bilder vielleicht sogar eine Möglichkeit gegeben, die Situation besser zu verarbeiten?

Ehrlich gesagt konnten sie sich nicht vorstellen, was man in dem alten Haus mit dem alten Hausrat Interessantes fotografieren könnte. Sie fragten natürlich danach, was ich konkret fotografiert habe. Als ich ihnen sagte, die verschimmelte Dusche oder den Vorratsraum, war ihnen die Verwunderung anzumerken.

Schließlich wurde ich damit gelöchert, ob ich die Bilder nicht mal herzeigen könnte, vor der offiziellen Ausstellung. Da bin ich aber immer eisern geblieben, da die Bilder nur in der Serie und in entsprechender Form die Geschichte erzählen, die ich erzählen möchte.

Bis jetzt, wenige Tage vor der Ausstellung, haben sie die Bilder noch nicht gesehen, aber versprochen, in die Ausstellung zu kommen. Ich bin mir aber sehr sicher, dass besonders mein Bruder die Aufnahmen als wertvolle Erinnerung sieht, zumal mein Elternhaus inzwischen komplett geräumt ist.

Wage auf FließenbodenRot gefließte Badewanne

Hast Du Dir vorher bestimmte Regeln gesetzt, was und wie Du fotografierst und was nicht?

Die einzige Regel, die ich mir selbst gesetzt habe, war, mein Elternhaus mit seiner Einrichtung so zu fotografieren, wie es wirklich ist, also weder inszeniert noch geschönt. Ansonsten bin ich ganz frei in das Projekt gegangen. Wichtig war es, mir die nötige Zeit zu nehmen, um die Atmosphäre des Hauses zu spüren, um mich dann von ihr treiben zu lassen. Herausgekommen sind authentische Fotos, in denen die Betrachtenden durchaus Parallelen zu ihren eigenen Elternhäusern oder Eltern finden können.

Eine Ausstellung ist zurzeit ja leider ein sehr unsicheres Projekt. Und gerade so eine persönliche Serie wie Deine kann ich mir nur schwer in digitalisierter Form vorstellen. Hast Du einen Plan für den Fall, dass der Lockdown auch wieder Galerien betrifft?

Das sind natürlich sehr unsichere Zeiten für eine Ausstellung und mir war bewusst, dass sie durchaus komplett ausfallen kann. Dennoch habe ich mich nicht davon abbringen lassen, sie wie zu normalen Zeiten vorzubereiten. Gestern habe ich die letzten Bilder aufgehängt. Allerdings musste ich die Vernissage schon absagen, da Versammlungen verboten sind.

Wir werden den Zutritt nur nach Anmeldung und mit begrenzter Besucherzahl sowie den gültigen Hygienemaßnahmen regeln. Dies hat allerdings den Vorteil, dass ich alle Besucher*innen persönlich durch meine Ausstellung führen kann und unmittelbares Feedback erhalte, was mir insbesondere für meine erste Einzelausstellung sehr wichtig ist. Als „Plan B“ könnte ich die Bilder auch live, zum Beispiel über Facebook, zeigen.

WohnzimmerWohnzimmer

Wo ist die Ausstellung geplant und wie hast Du die Räumlichkeiten gefunden?

Die Einzelausstellung findet in der Galerie des Kunstvereins Ottobrunn statt. Als Mitglied des Kunstvereins konnte ich mich mit dieser Ausstellung bewerben. Dass ich Mitglied im Kunstverein wurde, hat übrigens auch eine kleine Vorgeschichte: Der Kunstverein schreibt alle zwei Jahre den Kunstpreis „ARTiges“ aus, für den ich im letzten Jahr zwei Fotografien eingereicht habe. Diese beiden Bilder wurden von einer Jury für den Kunstpreis nominiert und sollten eigentlich im letzten Jahr ausgestellt werden. Aufgrund dieser Prämierung habe ich mich beim Kunstverein angemeldet.

Ich kann mir vorstellen, dass Dir die Planung für die Ausstellung nicht immer leicht gefallen ist. Schließlich muss Dich das Projekt auch stets an Deinen Verlust erinnern. Wie gehst Du damit um? Wie schützt Du Dich selbst, wenn Du Pausen brauchst?

Ja, das Fotografieren und später die Vorbereitungen zur Ausstellung waren eine sehr intensive Auseinandersetzung mit unserem Verlust. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich in den ersten Tagen, in denen ich zum Fotografieren im Haus war, kein einziges Foto machen konnte. Überall waren Erinnerungen und es wirkte so, als käme mein Vater doch gleich wieder zur Tür herein.

Ich bewegte mich zudem in einem sehr privaten Bereich. Da ich ihn aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht um Erlaubnis für die Fotos fragen konnte, wollte ich seine Privatsphäre natürlich besonders wahren. Ich fühlte mich schon ein wenig wie ein Eindringling. Voraussetzung für das Projekt war dennoch, dass mein Bruder damit einverstanden war.

Aber auch die Bildbearbeitung war emotional schwierig. Man sitzt ja viele Stunden vor den Bildern, häufig auch in vergrößerter Ansicht. Es gibt sogar zwei Bilder, auf denen mein Vater auf abgebildeten Fotos zu erkennen ist. Um ein wenig emotionalen Abstand zu bekommen, habe ich die Fotos erst einmal eine Zeit lang auf der Speicherkarte gelassen und dann später mit der Sichtung am Computer begonnen.

Vielen Dank für den Einblick in Dein Projekt. Und viel Erfolg mit der Ausstellung!

Schrank unter einer TreppeZimmer mit Schrankwand

Informationen zur Ausstellung

„Mein Elternhaus“ von Jörg Egerer
Zeit: 27. März – 24. April 2021
Ort: Kunstverein Ottobrunn, Rathausstraße 5, 85521 Ottobrunn
Die Ausstellung kann aktuell nur mit Voranmeldung besucht werden.

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8 Kommentare

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  1. ich finde es mutig, mit dem Thema so in die Öffentlichkeit zugehen.
    Die Bilder haben mich bewegt.
    Der Stuhl auf dem Balkon ist für mich ein Hauptmotiv der Serie,
    da sass noch vor kurzem jemand, dass trifft die Sache ziemlich genau.

  2. Sehr bewegend, sehr mutig! Aber auch sehr gelungen in der Umsetzung als sowie die Idee an sich… Hut ab! Auch ich habe bereits meine beiden Eltern verloren und kann es sehr gut nachvollziehen… aber es als „öffentliches Kunstprojekt“ zu verarbeiten, finde ich nicht nur sehr mutig, sondern auch sehr hilfreich für andere… in Bezug auf die Trauerbewältigung… es zeigt „bildlich“ aber auch überdeutlich oder erleichtert ungemein, was manchmal nur sehr schwer fällt in Worte zu fassen… doch abgesehen davon, ist es aber auch Kunst und wie sagte Friedrich Nietzsche über sie: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“

    • Lieber Norbert, herzlichen Dank für Deine ausführlichen Zeilen! Ich freue mich sehr darüber, dass Dich meine Serie anspricht. Viele Besucher*innen meiner Ausstellung bewegen meine Bilder, so dass sie nicht selten mit mir ihre persönlichen Erlebnisse und Verluste teilen. Ja, es ist ein schwieriges Thema.