16. Februar 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Im Gespräch mit Diana Nicholette Jeon

Träume sind skurrile Phänomene – so beginnt Diana Nicholette Jeon ihr Künstlerinnenstatement. Und sie hat so Recht: Sie sind kaum greifbar, schwinden nach dem Aufwachen unglaublich schnell und noch bevor man einen Stift und Zettel in die Hand genommen hat, ist die Hälfte der Erinnerungen an sie schon wieder weg.

Was bleibt, sind schemenhafte Bilder im Kopf, teilweise nur fragmentarische Momente und Gefühle. Diese in Fotografien festzuhalten, war der Ansatz für Dianas Projekt „nights as inexorbable as the sea“. Ich durfte Ihr einige Fragen zu ihrer Arbeit stellen.

Diptychon Frauenbeine und ein Straßenschild

Wie kam es zur Idee Deiner Fotoserie? Gab es einen ausschlaggebenden Traum?

Die ursprüngliche Idee entstand auf ungewöhnliche Weise: Es gab hier vor Ort eine Ausstellung, bei der die Leute die teuersten Bilderrahmen der Stadt verwenden sollten. Selbst mit einem Rabatt sind sie sehr teuer. Ich wollte dafür etwas machen, das die Form bricht und nicht gerahmt werden muss.

Ich setzte mich also hin und dachte eine Weile nach, weil meine Arbeit immer auf einem Konzept basiert, noch bevor das erste Bild aufgenommen wird. Das hier ist nun das Ergebnis. Aber es begann als „Künstlerbuch“ mit zwölf Bildern. Anschließend zerlegte ich es in Diptycha und konnte durch das Verfolgen der Traumfragmente, an die ich mich erinnerte, die Serie über ein paar Jahre ausbauen.

Diptychon Feld und Hand

Sind Deine Fotos inspiriert von ganz bestimmten Träumen?

Ja, alle Bilder stammen direkt aus meinen Träumen. Wenn ich aufwache, bleibe ich mit diesen vergänglichen Fragmenten zurück und frage mich, ob es ein Traum oder eine Erinnerung war. Nach dem Aufstehen mache ich mir Notizen dazu und im Laufe der Zeit habe ich sie dann fotografisch festgehalten.

Diptychon surreales Portrait und Gitter

Träumst Du in schwarzweiß oder wwarum hast Du Dich für diese Art der Reduktion entschieden?

Da bin ich mir nicht sicher, ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Für schwarzweiß habe ich mich entschieden, weil es mir zur Vorstellung zu passen schien, dass Träume vergänglich sind.

Hat sich Dein Umgang mit Träumen durch die Arbeit am Projekt verändert? Träumst Du zum Beispiel bewusster?

Nein, ich erinnere mich sehr selten an Träume, nur an diese Fragmente. Das war für mich immer so, mit Ausnahme der seltenen Fälle, in denen ich bereits prophetische Träume hatte.

Diptychon Fenster und Riesenrad

Wie kann ich mir prophetische Träume vorstellen?

Jedes Mal bei Blauem Mond habe ich einen Traum, an den ich mich detailliert und sehr lebendig erinnere. Innerhalb weniger Monate hatte sich herausgestellt, dass das, was in diesen Träumen passiert, eine Vorhersage für etwas ist, das in meinem Leben passieren würde. Das sind die einzigen Träume, an die ich mich ausführlich erinnere (abgesehen von gelegentlichen, schrecklichen Albträumen).

Diptychon Stoff und Füße einer Person in einem Kleid

Mir ist aufgefallen, wie Fotografien meine Erinnerungen verändern. Erinnere ich mich wirklich an diesen Moment meiner Kindheit oder ist es meine Vorstellungskraft, die Geschichten formt, wenn ich mir die Fotos im Fotoalbum wiederholt ansehe? Deshalb mag ich die Idee der verschließbaren Dosen sehr. War Dir die Form der Präsentation von Anfang an klar?

Die Dosen sind nicht mehr verschließbar; alles bleibt dauerhaft an Ort und Stelle. Wenn man sie schließen könnte, würde das Bild mit der Zeit durch Reibung beschädigt. Aber ja, die Präsentation war eher der Anstoß für das Projekt, anders als es normalerweise bei einem Rahmen der Fall ist, den man nachträglich für ein Bild auswählt.

Diptychon Person Unterwasser und offene Türe

Die Fotos spielen mit sehr ungewöhnlichen Unschärfeverläufen. Verrätst Du etwas über die Technik dahinter?

Das illustriert auch die Idee, dass diese Fragmente aus Träumen stammen und wie vergänglich sie sind. Ich mag die Bildwirkung von analogen Kameras mit Kunststofflinsen, aber ich habe keinen Zugang zu einer Dunkelkammer und mag die Idee nicht, einem weit entfernten Labor meine Filme zur Entwicklung zu überlassen. Außerdem liebe ich die Unmittelbarkeit der digitalen Werkzeuge. Deshalb montiere ich Plastiklinsen auf verschiedene iPhones von Nummer 3 bis zum aktuellen Modell, mit denen ich fotografiere.

Diptychon Hand und Straßenschild

Wann weißt Du, dass das fertige Bild genau das gewünschte Traumfragment zeigt?

Wie bei jedem Kunstwerk funktionieren einige Dinge besser als andere. Es gibt Träume, die ich nie zeige, weil die Bilder überhaupt nicht zusammenpassen. Aber was die Fertigstellung betrifft: Ist die Arbeit jemals beendet? Man kann es immer weiter und weiter perfektionieren – aber irgendwann muss man einfach sagen, dass das Bild das aussagt, was man wollte. Und dann ist es „fertig“.

Ausstellungsansicht

Gibt es Künstler*innen, die Dich inspirieren?

Ja, zu viele, um sie alle aufzuzählen. Ich werde nur Leute nennen, die ich nicht persönlich kenne, so verletze ich keine Gefühle. Bei Installationsarbeiten inspirieren mich Ann Hamilton und Lynne Yamamoto. In der Fotografie Cig Harvey, Francesca Woodman, Holly Roberts und Ervin A. Johnson.

Wie haben die Menschen auf die Ausstellung der Bilder reagiert?

Insgesamt wurde das Projekt gut aufgenommen. Die Serie wurde mehrfach ausgezeichnet und hatte zwei Einzelausstellungen. Zudem wurden einige Einzelstücke in Gruppenausstellungen gezeigt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview wurde von Katja Kemnitz für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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