15. Mai 2020 Lesezeit: ~5 Minuten

Somnium [lat.Traum, Traumbild]

Das Unbewusste ist gewissermaßen der Mutterboden, aus dem Bewusstsein wächst. (C. G. Jung)

Wach… verschwommen und verschwunden. Wie Unterwasser – dumpf, seltsam und nass. Nass? Schemen und Hirschwesen, durch den Wald zurück. Die Stadt. Am Bahnhof, auf die Bahn warten. Ich denke an den Mondschein, Wasser… ich falle, tauche. Panik! Instinkt, nicht allein, da steht jemand im Raum, LAUF! ANGST! Wirbel, draußen, Kreuz? Zurück im Wasser. Hände… packen. Wach! Atmen! Nur ein Traum.

Dem ein oder anderen ist es vielleicht schon einmal passiert: Man atmet tief ein und plötzlich ist es da, ein bekanntes Gefühl, vielleicht an eine Situation, eine Person oder an ein Erlebnis aus der Kindheit oder der Jugend. So könnte man versuchen, das Unterbewusstsein zu erklären. Ein Mechanismus löst einen anderen aus und befördert Erinnerungen aus den Tiefen unseres Verstandes ins Hier und Jetzt.

Surreales Bild

Träume sind ebenfalls ein Teil dieser unterbewussten Mechanismen, die die Ereignisse unseres Alltags filtern, um sie uns letztendlich verarbeiten zu lassen. Manchmal sind solche Ereignisse schwer zu verarbeiten, zum Beispiel wenn ihnen ein traumatisches Erlebnis voranging. Daraus resultiert der Albtraum; ein Traumzustand, der als besonders negativ und intensiv zu beschreiben ist. Die psychologische Kategorie für das Unterbewusstsein ist die Tiefenpsychologie, die sich auch mit der Deutung von Träumen beschäftigt.

Der Grundstein für die moderne Traumdeutung und tiefenpsychologische Analyse wurde 1899 von Sigmund Freud mit „Die Traumdeutung“ gelegt. Freud beschreibt den Traum als „verdrängte Triebregungen infantil-libidöser Art“, die den „innerpsychischen Zensor“ umgehen. Mit dem Begriff Libido beschreibt Freud nicht nur den Sexualtrieb des Menschen, er versteht darunter auch den Selbsterhaltungstrieb an sich.

ZähnePerson an eine Glasscheibe gedrückt

Freuds Schüler, Carl Gustav Jung, führte Untersuchungen zur Traumanalyse in eigener Weise fort. Für Jung galten der Traum und seine Symbolik als „DNA“, die von Generation zu Generation vererbt wird. Jung spricht vom „kollektiven Bewusstsein“ und kategorisiert archetypische Symbole, die er in Beziehung zum Bewusstsein und Unterbewusstsein der menschlichen Psyche setzt.

Er ordnet die Archetypen in verschiedene Hauptkategorien ein: Den Schatten, der die verdrängten Teile der eigenen Persönlichkeit repräsentiert. Anima, die die weibliche Seite beim männlichen Träumenden widerspiegelt und Animus, der die männliche Seite bei weiblichen Träumenden ausdrückt.

Surreales Bild von Personen in einem Raum

In „Somnium“ habe ich mich mit dem Thema Traumanalyse beschäftigt. Das Ergebnis ist ein Bildband, der 22 Fotografien beinhaltet, die eine komprimierte Version meiner Studien beinhalten. Zum einen habe ich versucht, die Studien von Sigmund Freud und C. G. Jung in meine Fotografie einzuweben (etwa das Thema Libido in Freuds Sinne oder die archetypische Struktur Jungs).

Zum anderen die verworrenen Strukturen, die Träume mit sich bringen, wie im Einleitungstext oben beschrieben. Interessant bei solchen Themen finde ich die eigene Sensibilität, die sich während der Ausarbeitung entwickelt – in diesem Fall die Häufigkeit und das Deuten meiner eigenen Träume.

Surreales Bild

Fotografisch habe ich mich für eine collagierte Arbeitsweise entschieden, um die Tiefen und die verschiedenen Ebenen der Traumwelten nach meinen Eindrücken aufbauen zu können – schwarzweiß, weil ich mir selbst nicht zu 100 % sicher war, ob ich eigentlich in Farbe träume oder nicht, außerdem kann man so die vielen Ebenen der Bilder besser erfassen. Da Wasser ein zentrales Element der Arbeit ist (Träume von tiefem, dunklem Wasser sind in der Traumdeutung zum Beispiel als negativ zu deuten, es impliziert seelische Belastung), sind viele der Aufnahmen Unterwasser entstanden.

Weiter spielt Symbolik eine wichtige Rolle in der Arbeit. Das Kreuz des Christentums verweist hier auf C. G. Jung, dessen Forschungen waren nämlich wesentlich spiritueller geprägt, als die seines Lehrers Freud. Vom Buddhismus inspiriert, wollte Jung den christlichen Glauben mit seinen Forschungen revolutionieren, Jesus sollte nicht der Märtyrer sein, hinter dem sich seine Gläubigen in Kirchen verstecken, er wünschte sich mehr Spiritualität.1

Kreuz in einem surrealen BildSurreales Bild mit Hirschfigur

Freuds Libido-Modell wird durch Augen, Zähne und Nacktheit dargestellt, die für unser Triebverhalten stehen, das ebenso ein unterbewusster Mechanismus ist.2 Viele Fragmente der Fotografien sind während meines sechsmonatigen Aufenthaltes in Japan entstanden. Eine Weile dort zu leben, war für mich persönlich ein großer Traum, im erweiterten Sinne also passend für die Arbeit.

Ähnlich wie in Träumen habe ich persönlich auch schon immer mit der kreativen Arbeit Dinge verarbeitet. Daraus ist eine Metaebene entstanden, die mich seitdem fotografisch begleitet – eben der Versuch, das Nicht-Sichtbare zu interpretieren.

Quellen:
1 Carl Gustav Jung – Der Mensch und seine Symbole
2 Sigmund Freud – Die Traumdeutung

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4 Kommentare

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  1. „… habe ich mich mit … beschäftigt … habe ich versucht … habe ich mich für … entschieden … weil ich mir selbst nicht zu 100 % sicher war … der Versuch … zu interpretieren …“

    Ich mag es, dass du einen Prozess schilderst, mit seinen Entscheidungen, aber auch mit seinen Unsicherheiten.

  2. Traumerfahrungen können sehr intensiv sein, der Begriff liegt nahe am Trauma. Du schilderst den Schaffensprozess auf sehr eindringliche weise. Das finde ich gut. Die Fotos ergreifen. Ich habe mir einen Moment Zeit gelassen und auch noch andere der Fotos auf Instagram auf mich wirken lassen. Die Entscheidung für schwarz/weiß war richtig, auch wenn Träume vielmals sehr sehr farbig sind, fast schon psychadelisch. Ich habe als Kind immer Albträume durch die Serie „Herr Rossi sucht das Glück bekommen … “
    Ich möchte noch einmal auf einen begrifflichen Umstand hinweisen, den ich sehr wichtig finde: Jung spricht nicht vom Unterbewusstsein, sondern immer vom Unbewussten. Das „Unter“ suggeriert eine Art Raum unter dem Bewusstsein, wo das Nichtbewusste wohnt, es suggeriert einen Gehirnraum. Die Alltagssprache hat daraus dann das Unterbewusste gemacht. Auch wenn das Unbewusste der Mutterboden für das Bewusste sein kann, sehe ich doch eine analytische Trennung – räumlich in jedem Fall.

    Tolle Fotografie!

    Grüße, Wilhelm