in Teile aufgelöstes Portrait
07. Februar 2020 Lesezeit: ~5 Minuten

Die Zersplitterung der Bilder

Meine Arbeiten entspringen so gut wie immer einer ganz klaren Vorstellung in meinem Kopf, die in genau dem Moment Gestalt annimmt, wenn ich das Werk umsetze – und das passiert in einer sehr instinktiven Art und Weise, sehr ähnlich wie in der Malerei.

Sowohl in meiner Malerei als auch meinen Installationen versuche ich, räumliche Grenzen zu überwinden und gleichzeitig in die Arbeiten mit einzubeziehen, wobei ich dem Licht eine ganz besondere Beachtung schenke. Zwar haben meine Arbeiten eine stark skulpturale Wirkung, diese verändert sich aber je nach Licht.

In direktem Licht erfahren die Arbeiten eine Art Vervielfachung durch die Schlagschatten, die von den raumgreifenden Teilen auf ihren jeweiligen Untergrund geworfen werden. In diffusem Licht hingegen nimmt man weniger viele Teile wahr und erhält so eine ganz andere Wirkung.

in Teile aufgelöstes Portrait

in Teile aufgelöstes Portrait

Wenn ich mit der Arbeit an einem neuen Werk beginne, ist die erste Phase für mich die Recherche zum Objekt, das ich fotografiere und die zweite Phase ist die Vorbereitung des Materials, das zum Bildelement wird. Ich bereite sozusagen wie eine Malerin meine „Palette“ vor und „male“ dann eher instinktiv als alles andere mit den „Farben“, also den Bildteilen, die zum fertigen Werk werden.

Eine Fotografie aufzusplittern – dieser Vorgang repräsentiert für mich eine chemisch-materielle Umwandlung. Es ist quasi die Möglichkeit, unsere Realität in den schwebenden Raum der Vorstellungskraft zu transportieren.

Wassertropfen auf kleinen Foto-Schnipseln

Rauminstallation Blumen mit Blütenblättern aus Fotos

Ich denke, dass die Arbeiten von Künstler*innen immer die vielen Erfahrungen und Vorstellungen, die man mit der Welt gemacht oder ihr gegenüber entwickelt hat, widerspiegeln. Und damit geben sie uns auch die Fähigkeit, eine innere Reise nach außen zu projizieren.

In gewisser Weise sind diese Aspekte das, was einer Arbeit ihre Einzigkeit verleiht, ihr ganz persönlicher Fingerabdruck. Dieser Übergang von Innerem zu Äußerem lässt sich zwangsläufig immer auch in eine Analyse der Welt und der Zeit, in der wir leben, übersetzen.

Detail: Rauminstallation Blumen mit Blütenblättern aus Fotos

Detail: räumliches Bild aus vielen kleinen Foto-Teilen

In meinen Arbeiten geht es vor allem um die Beziehung, die Menschen zur Natur haben. Mein Ziel ist es, die facettenreiche Realität, die unsere Existenz umgibt, sichtbar zu machen, ihre Komplexität zu vereinfachen und so in den Betrachter*innen eigene Interpretationen dieser Zusammenhänge auszulösen.

Die Zersplitterung der Bilder verkörpert Zellen und Moleküle und macht uns so die Tatsache bewusst, dass alle lebende und unbelebte Materie die Summe winziger Teilchen ist und dass das bedeutet, dass es so eine Art „Kleber“ gibt, der alles zusammenhält.

So, wie man durch ein Mikroskop blickt, um diese Molekularstrukturen genauer zu untersuchen, sollten wir die uns umgebende Welt und das Leben an sich in all seiner Komplexität auch genauer untersuchen.

räumliches Bild aus vielen kleinen Foto-TeilenDetail: Fahne eines abstrakten Bildes aus vielen kleinen Fototeilen

Fahne eines abstrakten Bildes aus vielen kleinen Fototeilen

Die Serie „Fragmenta“ erzählt vom besonderen Zustand des Individuums in der heutigen Zeit, indem sie den Körper als direktes Mittel der Kommunikation und des Ausdrucks in den Mittelpunkt stellt, sowohl individuell als auch kollektiv, zur Wiederaneignung der eigenen Rechte.

Für die meisten der Bilder verwendete ich Portraits von Frauenkörpern, die als symbolisches Bild der ganzen Menschheit stehen und so die Geschlechtergrenzen zwischen männlicher und weiblicher Identität überwinden.

in Teile aufgelöstes Portrait

in Teile aufgelöstes Portrait

Ganz in der Welt zu sein und bewusst mit ihr zu koexistieren, ist an sich schon ein Akt der Besinnung. Es bedeutet, sich seines eigenen Körpers und der Körper anderer bewusst zu werden. In diesem Sinne ist die Zersplitterung für mich ein Akt der Erweiterung unserer sozialen Grenzen und der Vereinigung mit der Welt.

Den eigenen Körper im übertragenen Sinne zu öffnen, bedeutet, all das, was bisher nur in unseren eigenen Untiefen vor den Blicken der Welt versteckt liegt, zu offenbaren und so die Oberflächlichkeit – der Dinge im gegenständlichen und die des Miteinanders im übertragenen Sinn – zu überwinden.

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht

Wir leben innerhalb eines Systems, das von uns erwartet, ständig perfekt, immer jung, immer geschickt zu sein und stets nur unser Bestes zu geben – diese utopischen „Ambitionen“ lenken uns ab und entfernen uns zusehends von den anderen Menschen, unserer natürlichen Umgebung und auch unseren eigenen Gefühlen.

Sogar der Kontakt mit der Natur verkommt zu etwas Externem für uns, sie wird als etwas begriffen, das uns nur zur Verfügung steht, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. So entfernen wir uns von der Natur und der Beziehung, die wir zu ihr haben, bis wir sie fast gänzlich aus unserem Leben ausschließen.

in Teile aufgelöstes Portrait

in Teile aufgelöstes Portrait

Durch diese Trennung entwickeln wir eine Geisteshaltung, geschädigt durch die Bewertung aller Dinge nur aufgrund ihres ökonomischen Wertes, die Personen und unser Leben anhand der Rolle bewertet, die wir spielen und nicht auf der Grundlage des Wertes von Leben an sich, unserer Potentiale oder unserer Einzigartigkeit.

Meine Serie „Fragmenta“ thematisiert diese problematische Entwicklung, während sie uns auffordert, die körperlichen Grenzen, die uns von der Welt um uns herum trennen, zu überwinden. Den Körper zu öffnen, unsere innersten Gefühle zu offenbaren und wieder in Gemeinschaft mit unserer Umwelt zu leben.

Dieser Artikel wurde für Euch von Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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4 Kommentare

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  1. „Wir leben innerhalb eines Systems, das von uns erwartet, ständig perfekt, immer jung, immer geschickt zu sein und stets nur unser Bestes zu geben – diese utopischen ‚Ambitionen lenken uns ab und entfernen uns zusehends von den anderen Menschen, unserer natürlichen Umgebung und auch unseren eigenen Gefühlen.

    So entfernen wir uns von der Natur und der Beziehung, die wir zu ihr haben, bis wir sie fast gänzlich aus unserem Leben ausschließen.

    Meine Serie „Fragmenta“ thematisiert diese problematische Entwicklung …“

    Äääh … nein, sie zemetiert das sogar, in meinen Augen.

    Sehr ästhetische, unnatürlliche, perfekte, uniforme Bilder. Sie sehen irgendwie „sozialistisch“ aus, aber nicht in dem Sinne des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, sondern eher … sagen wir: chinesisch, nordkoreanisch.

    Abgesehen davon, dass eine Person etwas dunklere Haut hat, kann ich ansonsten die Modelle gar niicht voneinander unterscheiden. Sie sehen alle gleich aus. Wie Chinesen im Blaumann auf dem Fahrrad in den 1970ern.