02. Dezember 2019 Lesezeit: ~7 Minuten

Die Kunst der Abstraktion: malerische Meeresbilder

Gleichmäßig rollen Gischt versprühende Wellen Richtung Strand. Das blaugrün schimmernde Wasser wird durch die dunkle Kimm deutlich vom Nachmittagshimmel getrennt. Wolken lockern den Himmel auf. Ich schaue durch den Sucher und schwenke die Kamera entlang der Horizontlinie – verstärke so während der Belichtung die horizontalen Linien. Ich male mit Licht und Schatten – verflüssige die Farben und Strukturen des Meeres, des Himmels, der Küste.

Die Frage „Meer oder Berge?“ ist für mich vorerst beantwortet. Die scheinbar unendliche Weite der See hat mich ergriffen. Das Motiv ist schnell erzählt: Wasser, Wellen, Strand, die Horizontlinie, vielleicht noch ein paar Wolken am Himmel. Diese Einfachheit berührt mich. Und natürlich geben die Frische der Seeluft und die Weite des Meeres ein Gefühl von Freiheit und Erholung.

verwischtes bild des meers

Abstraktion

Seit 2012 arbeite ich an meiner Serie „abstract seascapes“ – Bilder, die durch Bewegung der Kamera während der Aufnahme entstehen. Für diese Aufnahmetechnik gibt es einige Bezeichnungen: Wischtechnik, „camera in motion“ oder „intentional camera movement“ (ICM). Die Abstraktion des Realen ist für mich ein künstlerisches Mittel. Die Ähnlichkeit der „abstract seascapes“ mit impressionistischen Malereien ist verblüffend. Fotografie wird auch als „Malen mit Licht“ beschrieben – die Umschreibung passt hier bestens.

Durch die Abstrahierung geht dem Bild etwas Reales verloren, den Betrachtenden gibt sie dafür mehr Freiraum in der Vollendung – das fertige Bild entsteht letztendlich im Kopf eines jeden Selbst. Es ist für mich faszinierend, wie unterschiedlich abstrakte Bilder auf verschiedene Personen wirken.

Durch die Glättung der Strukturen entsteht etwas fließendes Neues. Die weichen Übergänge erinnern an Pinselstriche. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Abstraktion und den noch vorhandenen Details und der Textur herzustellen. Mein Ziel ist es, ein ausgewogenes Bild zu gestalten.

Die Strukturen, die durch die Kamerabewegung während der Aufnahme erzeugt werden, verändere ich im Nachhinein nicht mehr. Um den abstrakten Charakter zu verstärken, passe ich die Fotografien mitunter farblich an. Die Korrektur der Farbwerte beziehungsweise die Neukolorierung der Ausgangsbilder unterstützen den träumerischen Effekt und die Harmonie von Farben und Formen.

Verwischtes Bild

Technische Aspekte

Die Grundlage für Aufnahmen mit Wischeffekt ist eine längere Belichtungszeit. Eine Belichtung zwischen 1/3 bis 1/2 s hat sich dabei als sinnvoll herausgestellt. Diese erreicht man auch ohne Graufilter (ND-Filter) bei ausreichender Dunkelheit, sofern man den automatischen Modus der Kamera verlassen hat. Um die gewünschte Belichtungszeit zu erreichen, nutze ich tagsüber verschieden stark ausgeprägte ND-Filter.

Des Öfteren kombiniere ich auch mehrere Filter. Zudem nutze ich Polfilter, einerseits um die Farben gleich bei der Aufnahme zu intensivieren und andererseits, um die Reflexion der Wasseroberfläche zu beeinflussen. Meine bevorzugte Kameraeinstellung ist die Blendenpriorität, die ich mit f/10 festlege. Dadurch soll erreicht werden, dass die Aufnahme eine gleichmäßige räumliche Schärfe aufweist. Den Fokus setze ich manuell auf unendlich oder fokussiere einen Punkt an und stelle dann wieder auf manuell.

Für eine gleichmäßige Ausprägung des Wischeffekts ist es wichtig, eine Brennweite im Weitwinkelbereich zu vermeiden. Bei einer Brennweite von beispielsweise 35 mm können sich im oberen und unteren Bereich des Bildes Wölbungen ergeben. Hervorragend eignet sich die Brennweite von 50 mm (auf Kleinbildformat umgerechnet). Aber auch im Telebereich sind gute Ergebnisse zu erzielen.

Die folgende Aufnahme wurde von einer Düne aus mit einem 300-mm-Objektiv fotografiert. Die Linienstrukturen sind das Ergebnis einer verhältnismäßig schnellen Kamerabewegung.

verwischtes bild

Anfangs stellte ich mir die Frage, ob ich ein Stativ nutze oder Freihand fotografiere. Für mich hat sich herausgestellt, dass ich ohne Stativ bessere Aufnahmen erziele. Zum einen liegt es daran, dass der Bewegungsablauf flüssiger ist. Zum anderen – und das ist der Hauptgrund – ist man flexibler. Sich schnell auf die häufig ändernden Wellenbewegungen einzustellen, ist von enormer Bedeutung für gute Ergebnisse.

Verwischtes Bild

Wetter und Motivwahl

Küstenbilder sollten am Meer aufgenommen werden – so viel steht fest! Dennoch stellt es sich als schwieriger heraus, als man annehmen könnte. Strömung, Wind und Meeresboden beeinflussen die aufs Land treffenden Wellen. Oftmals findet man Wellen vor, die nicht parallel zum Strand verlaufen. Aufnahmen von schräg einlaufenden Wellen ergeben unschöne Effekte. Daher ist es wichtig, zunächst das Verhalten des Meeres und die Wellenbewegungen zu beobachten und gegebenenfalls den Aufnahmestandort anzupassen.

Das Wetter sollte man auch bei dieser Art von Aufnahmen nicht außer Acht lassen. Ein eintönig grau gefärbter Himmel ist bei Weitem nicht so beeindruckend wie sattes Himmelblau. Einige Wolken am Himmel können willkommene Akzente setzen. Gerade bei Sonnenuntergängen sind sie eine wunderbare Projektionsfläche der abendlichen Farben.

Zur Mittagszeit sind aufgrund der Helligkeit die Farben meist nicht sonderlich ausgeprägt. In den Abendstunden, wenn der Blauanteil im Himmel ansteigt, entstehen für gewöhnlich die schöneren Fotos – zumindest sollte man tagsüber darauf achten, die Sonne im Rücken zu haben.

Für die folgende Aufnahme habe ich mich in den Sand gesetzt. Da die See sehr ruhig war, habe ich einen niedrigen Standpunkt gewählt. Durch diesen Blickwinkel wirkt die Welle spektakulärer als sie eigentlich war.

verschwommenes Bild einer Welle

Nachbearbeitung

Die Aufnahmen sind gemacht – und was nun? Alle RAW-Dateien werden in meinem Bearbeitungsprozess zuerst in Lightroom entwickelt. Neben der allgemeinen Optimierung der Tonwerte und der Ausrichtung des Formates widme ich mich bereits in diesem Programm der farblichen Bearbeitung. Dafür habe ich im Laufe der Jahre diverse Bearbeitungseinstellungen generiert, die mir zur Verfügung stehen. Die Presets sind sehr hilfreich, aber nicht immer zielführend. Eine individuelle farbliche Bearbeitung ist oft passender.

Anschließend exportiere ich die Datei in Photoshop. Wie anfangs erwähnt, manipuliere ich die durch die Kamerabewegung entstandenen Strukturen im Nachhinein nicht mehr. Entscheide ich mich für eine weitere farbliche Bearbeitung, erfolgt dies meistens mit dem Plug-in von Color Efex Pro. Partielle Tonwertanpassungen nehme ich mit dem Plug-in von Silver Efex Pro vor. Dies erfolgt in mehreren Ebenen und Ebenenmasken für verschiedene Bildzonen getrennt. Um die Farbe zu erhalten, ist der Mischmodus der Silver Efex Pro-Ebenen auf „Luminanz“ eingestellt.

Verwischtes Meer

Ran ans Meer

Die Gestaltung der „abstract seascapes“ ist für mich ein sehr spannender Prozess – vom Fotografieren an der Küste über die einzelnen Bearbeitungsschritte bis hin zum finalen Bild. Wenn Ihr das nächste Mal am Meer seid, probiert es doch einfach mal aus.

In diesem Sinne: Gutes Licht und schöne Wellen.

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7 Kommentare

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  1. great-great-great!!!!!!!!!!!! Seit einiger Zeit verfolge ich die Bilder auf Instagram und bin heillos begeistert. Und ja, ich gestehe, ich versuche mich in der Nachahmung. Mit der o.g. Beschreibung entdecke ich Ähnlichkeiten in der Arbeitsweise, ich taste mich mit den manuellen Einstellungen an den gewünschten oder überraschenden (häufiger ;-) ) Effekt. Aber bisher ist mir nur EIN wirklich zufriedenstellendes Ergebnis am Meer gelungen, nach einem 3/4 Jahr als Hobbyfotograf. Nun ja. um so mehr genieße ich Deine Bilder!

  2. ich bin schon ewig fan (also instagram-ewig ;) ). und freue mich, dass Du hier mit einem artikel auftauchst. falls Du mal irgendwo ausstellst, würde ich mich freuen, die bilder groß zu sehen. ich denke mir, diese kleinen formate werden denen gar nicht gerecht. aber ja, irgendwie muss man sie ja auch zeigen.

  3. Klasse Bilder!

    Ich habe so etwas gelegentlich unter Miteinbeziehung von Surfern / Windsurfern / Kitesurfern gemacht, inspiriert von Ernst Haas‘ Bildern mit reichlich „Motion Blur“.

    Es lohnt sich.

  4. Deine Bilder kenne ich nun schon sehr lange und muss gestehen, dass sie für mich ein Anreiz waren, eine ähnliche Technik an der belgischen Küste im letzten Jahr auszuprobieren. Es ist eine sehr meditative Art des Fotografierens….
    Kompliment nochmals an dich, du beherrscht es meisterhaft!