09. Oktober 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

Könige der Taiga: Finnlands Europäische Braunbären

Knopfaugen, riesige Tatzen, braunes Zottelfell – schon seitdem ich denken kann, haben mich Bären fasziniert. Der gemütliche Gang, aber auch der gewaltige Spurt, wenn Gefahr droht und die Ruhe, die diese wilden Riesen ausstrahlen – bei jeder Doku oder bei jedem Fotoband über Bären bleibe ich auch heute noch einfach hängen.

Um Bären in Freiheit sehen zu können, muss man von Deutschland aus schon ein paar Kilometer in Kauf nehmen, aber es muss nicht immer gleich Alaska oder Kamtschatka sein. Ich habe mir meinen Traum von einer Reise zu den Bären im Osten Finnlands, direkt an der russischen Grenze, erfüllt.

Im Juni war ich zum ersten Mal dort und habe eine Woche lang in „Hides“ (Anm.: getarnte Hütten zur Tierbeobachtung) verbracht. Als Laiin, was die Wildlife-Fotografie angeht, war das für mich auch ein erstes Mal. Wie nah würden mir die Bären kommen, würde ich überhaupt welche sehen?

Bär im Wald

Bär im Wald

Wie viele Hobbyfotograf*innen habe ich mir vor der Reise die Frage nach der richtigen Linse gestellt. Wer nicht regelmäßig oder auch beruflich in dieser Richtung fotografiert, hat höchstwahrscheinlich auch nicht unbedingt eine der großen Teleoptiken zuhause. Wie gut, dass es die inzwischen ja teilweise auch zu mieten gibt. Ich fotografiere mit einer Canon 5D Mark III und habe mir das Sigma 60–600 mm f/4.5–6.3 direkt bei Sigma gemietet und zusätzlich noch das Sigma 300 mm f/2.8 mit einem 1,4-fach-Extender geliehen. Damit war ich auf jeden Fall ziemlich gut ausgestattet.

Das Gute am Juni in Finnland ist die Mitternachtssonne, die bis weit nach Mitternacht scheint – es wird eigentlich gar nicht komplett dunkel. Und wenn die Sonne weg ist, wartet die faszinierende blaue Stunde mit Nebelschwaden über dem Sumpfgebiet. Aber trotzdem stellte sich mir dann die Frage: Wie schnell würden sich die Bären bewegen? Wie kann ich sie freistellen und trotzdem die richtige Schärfe hinbekommen?

Bärenjunges mit Mutter

Zwei Bärenjunge auf einem Baum

Ich persönlich bin ein großer Fan vom Fotografieren mit Offenblende – insofern habe ich mich eigentlich immer daran orientiert und die Verschlusszeit zwischen 1/250 und 1/1000 s gewählt, je nachdem, wie die Lichtverhältnisse waren. Belichtungszeiten unter 1/100 s waren oft zu langsam, da die Tiere außerhalb von Dickicht ständig in Bewegung sind. Was ich in der Wildlife-Fotografie schnell gelernt habe: Keine Angst vor hohen ISO-Werten.

Die Begegnungen mit den Königen und Königinnen der Taiga selbst war absolut faszinierend. Als der erste Bär direkt an meiner Hütte vorbeilief, hätte ich beinahe vergessen, den Auslöser zu drücken, weil ich so beeindruckt, fasziniert und gleichzeitig glücklich war. Das stundenlange Warten schärft die Sinne, man nimmt jede Bewegung viel stärker wahr.

Bär

Bär im Abendlicht

Eine Garantie gibt es natürlich nicht und auch ich habe im Juni nicht in jeder Nacht Bärenbesuch gehabt. Umso dankbarer ist man dann, wenn man sie doch zu sehen bekommt. Und auch ohne Bären ist dort einiges los – die Vogelwelt ist sehr vielfältig und es macht genauso viel Spaß, sie zu beobachten.

Meine Reise im Juni hat so einen bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich gern noch einmal zu einer anderen Jahreszeit hin wollte; eben dann, wenn die Herbstfarben so richtig leuchten. Im September war ich dann erneut für eine Woche da – die Lichtverhältnisse und Temperaturen waren natürlich ganz andere. Im Gepäck hatte ich wieder ein Mietobjektiv: Dieses Mal das Sigma-Monster 500 mm f/4 Sport und ich muss sagen – wow. Toll, wenn man so eine Linse mal testen kann, ohne gleich 6.000 € hinblättern zu müssen.

Bär im nebligen Wald

Bär im dunklen Wald

Im Herbst bereiten sich die Bären auf den Winterschlaf vor und suchen immer und überall nach Essbarem, dementsprechend waren die Tiere sehr aktiv und viel rund um die Hides unterwegs. Einige Bären, die ich im Frühjahr schon gesehen hatte, habe ich „wiedergetroffen“, allerdings schon mit deutlichem Winterspeck.

Das Zeitfenster bis zur Dunkelheit ist in dieser Jahreszeit um ein Vielfaches kürzer – oft nur zwei bis maximal drei Stunden. Dementsprechend sind lichtstarke Linsen und Kameras mit hoher ISO-Toleranz definitiv von Vorteil.

Seit diesem Jahr hat sich meine Liebe zu den Tieren noch um ein Vielfaches verstärkt. Ich freue mich jetzt schon auf kommendes Jahr, wenn ich wieder hinfahre, um zu sehen, ob ich die mir bereits bekannten Bären – vielleicht sogar mit neuem Nachwuchs – wiedersehe. Und möglicherweise zieht es mich dann irgendwann auch mal nach Alaska oder Kamtschatka.

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3 Kommentare

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  1. Ich beneide Dich. Da haben wir uns ja fast getroffen. Wir waren im Juni ebenso in der Taiga, im Pasvikdal, aber auf norwegischer Seite. Außer ein Verkehrsschild, mit dem vor Wildwechsel, ach nein, vor Bärenwechsel gewarnt wurde, sind uns die scheuen Tiere nicht begegnet. Es soll wohl 250 Bären dort geben. Immerhin haben wir sie dann im Polarpark gesehen. Eine Tierart, die hat uns aber extrem genervt und bei der hatte ich keine Lust zu fotografieren: die Nematocera :-)

    • Oh ja, die Mücken im Juni waren wirklich eine Herausforderung, aber nach ein paar Tagen, hab ich es einfach hingenommen. Ich war in der Nähe von Kuhmo. In den ersten zwei Nächten war auch dort nix los, aber dann hatte ich riesiges Glück!

  2. Oh… Das erinnert mich daran, wie edel ich jedes mal aufs Neue die Fotos von Braunbären früh am Morgen / spät am Abend im fahlen „blauen“ Licht mit etwas Nebel und Wollgras finde. Wunderbar!

    Schöner Artikel! Und: Will auch!