18. Juni 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

Über Frauen in Vollverschleierung in Deutschland

Neugier ist etwas sehr Wichtiges. Sie treibt uns an und hilft uns, Dinge zu verstehen, die uns fremd sind, ja vielleicht sogar Angst machen. Selina Pfrüners Neugier führte sie zum Niqab. Sie wollte verstehen, warum Frauen sich in Deutschland freiwillig verschleiern.

Bei der Recherche bemerkte sie schnell, dass über das Thema unglaublich emotional gesprochen wird, man aber in den seltensten Fällen die Perspektive der Frauen hört, um die es dabei eigentlich geht. So beschloss sie, sich mit Hilfe der Kunst dem Thema zu nähern.

Sie ging auf Frauen mit Vollverschleierung zu. Sie führte viele Gespräche, lernte die Frauen besser kennen und durfte von einigen für ihr Multimedia-Projekt Interviews, Fotos und Videos aufnehmen. In diesen Interviews geht es nicht nur um Religion oder die Kopftuch-Debatte, sondern auch um Alltag und Lebenswirklichkeiten.

Frau mit Vollverschleierung

In den Aufnahmen lernt man die Frauen kennen und merkt schnell: Jede ist anders, hat ihre individuellen Gründe für die Verschleierung und geht anders mit Kritik daran um. Der beobachtende, dokumentarische Ansatz von Selina Pfrüners Arbeit verlange von ihr also: Zuhören.

Für mich war es eine Herausforderung, sie immer ausreden zu lassen – auszuhalten, wenn sie von einer ganz anderen Lebenseinstellung sprach[en]. Ich habe dann versucht, zu verstehen, was mir so fremd ist und warum es mich berührt.

So vielschichtig wie das Thema ist auch Selinas Projektzugang. Sie zeigt neben den Portraits der Protagonistinnen auch die Kleidung unter den Schleiern. Zudem reflektiert sie sich immer wieder selbst in Zitaten: Was macht die Andersartigkeit anderer Menschen mit mir selbst? Worüber definiert man Identität?

In Köln wird nun erstmals das komplette Projekt in der Ausstellung „Munaqabba – über Frauen in Vollverschleierung in Deutschland“ zu sehen sein. „Munaqabba“ ist der arabische Begriff für eine Frau mit Gesichtsschleier.

Ergänzend zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm, wie einen Vortrag von Daniel Janssen von Multikulturelles Forum e. V. und der Islamismusprävention. Ein großes Podiumsgespräch bietet die Möglichkeit, mitzudiskutieren und an einem Abend kann man mit Hilfe der vollverschleierten Protagonistinnen die Vollverschleierung selbst erfahren und sich so auch aus einer ganz neuen Perspektive mit diesem Thema beschäftigten.

Kleidung auf dem Boden

Wie wichtig die reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema und seinen vielen Facetten ist, zeigen leider die Anfeindungen, denen die Ausstellung seit ihrer Ankündigung ausgesetzt ist. Gegen die Fotografin und Kuratorin wird massiv Druck gemacht sowie die Förderung des Projektes mit öffentlichen Geldern hinterfragt.

Unterstellungen, sie würden für Terrorismus werben und ähnlich absurde Behauptungen bis hin zu konkreten Bedrohungen muss das Team über sich ergehen lassen, sodass die Veranstaltung wahrscheinlich unter Polizeischutz stattfinden muss. Die Kritik ignoriert leider die konkrete Herangehensweise der Fotografin ans eng gesteckte Thema innerhalb der vielschichtigen Debatte ebenso wie die Konzeption des Projekts.

Selina Pfrüners Ansatz, sich über die Konfrontation mit eigenen Ängsten, Irritationen und Vorurteilen dem Thema zu nähern, macht einen Schritt zurück und hilft einem als Betrachter*in so, sonst möglicherweise vorschnell getroffene, schwarz-weiße Wertungen zu hinterfragen. Die Bilder, Videos und Interviews werben oder verteufeln gerade nicht, sondern geben einen Einblick.

Auf dessen Grundlage kann man zu einer erneuten Wertung kommen – oder auch nicht. Vielleicht verhelfen die neuen Eindrücke einem auch nur zur Erkenntnis, dass man eine Meinung zu etwas hat(te), worüber man nur denkt, gut genug bescheid zu wissen, aber eigentlich viel zu wenig Details und Perspektiven kennt. Offenen Fragen kann man sich bewusst werden und sie in diesem Rahmen stellen.

Ausstellungseinblick

Einblick in die Gruppenausstellung SELF REFLECTION von 2018.

Die Ausstellung wird durch die Stadt Köln und das Land NRW gefördert. Beide stehen weiterhin zu dieser Entscheidung, die auf der Grundlage des konzeptionellen Projektkontexts und der im Rahmen der Ausstellung stattfindenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema gefällt wurde. Dazu Harald Redmer, Geschäftsführer des Landesbüro Freie Darstellende Künste:

Im Projekt geht es um die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Lebensarten und Weltanschauungen, aber gerade nicht um deren Förderung. Es ist offensichtlich, dass das in der Ausstellung […] verhandelte Thema auch kontroverse öffentliche Resonanz hervorrufen kann. Diese ist von der Künstlerin […] beabsichtigt und ist in unserem Verständnis auch eine der Aufgaben von Kunst.

Zu den Vorwürfen gegen die Ausstellung sagt Barbara Foerster, Amtsleiterin Kulturamt der Stadt Köln:

Um qualifizierte Diskussionen zu bestimmten – auch kontrovers diskutierten – Themen führen zu können, ist eben dieser basale Zugang auf Augenhöhe mit den jeweiligen Protagonistinnen unverzichtbar für das tatsächliche Verständnis eines darauf aufbauenden Diskurses.

In diesem Sinne hoffen wir auf eben solche Diskussionen auf Augenhöhe während der Ausstellung und freuen uns auf Selina Pfrüners vielschichtiges Projekt, das in der Zukunft hoffentlich noch an weiteren Orten zu sehen sein wird.

Informationen zur Ausstellung

Munaqabba – Über Frauen mit Vollverschleierung in Deutschland
Zeit: 21. – 30. Juni 2019
Ort: Atelierzentrum Ehrenfeld (AZE bei Artrmx e. V.), Hospeltstr. 69, 50825 Köln

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8 Kommentare

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  1. Auf Augenhöhe voll verschleiert. Dazu Bedarf es keiner Ausstellung, man muss sich nur die Fotos von Kriegsreporterinnen wie zu Ursula Meissner anschauen, um zu verstehen was für eine primitive Machokultur bei Vollverschleierung jubelt.
    Ich hätte mir gewünscht, dass die Frauen danach ohne Verschleierung als freiheitliche Menschen sichtbar auf Fotos zu sehen wären. Das wäre ein echter Beitrag für Freiheit und Demokratie und die Befreiung der Frau aus muslimischen Machomurks.

    • Hallo Mike, ich finde mit solchen Aussagen bevormundet man die Frauen schnell. Du gehst davon aus, sie haben die Verschleierung alle nicht selbst gewählt und wünschen sich ein Leben ohne. Vielleicht entdeckst Du ja bei der Ausstellung auch weitere Perspektiven. Nur weil man zuhört, bedeutet es ja nicht, dass man die Verschleierung selbst gut findet.

      Und mit unterdrückenden Machos haben Frauen jeder Kultur zu kämpfen, darin sind wir uns hoffentlich einig.

      • es ist mir ein absolutes rätsel, wie man in einem aufgeklärten land wie diesem die unterdrückung von frauen unter dem deckmantel der „toleranz“ akzeptiert.natrülich mag es durchaus frauen geben, die den schleier als zeichen ihrer fundamentalistischen religiosität freiwillig tragen, ebenso wie es bestimmt frauen gibt, die mit nazis abhängen und akzeptieren, dass sie nur als gebärmaschinen herzuhalten haben.chacun à son goût! für die menschen aber, die aus diktatorischen systemen hierher geflohen sind und nun froh sind, dass ihnen keine todesstrafe mehr droht, wenn sie sich ohne vollverschleierung zeigen, ist dieses appeasement ein hohn.

    • Mike, du machst mMn einen (oder vielleicht mehrere) Denkfehler. Mit Demokratie (Gewaltenteilung, Wahlrecht etc.) had das nichts zu tum. Man findet verschleierte wie auch unverschleierte Frauen sowohl on Demokratien wie auch in Theokratien oder Dikataturen oder „Failed States“. Und zweitens hat es auch michts mit Kriegsgebieten zu tun. Frauen verschleierm sich, egal ob Krieg herrscht oder Waffenstillstand oder Frieden. Neben der sogenannten westlichen Welt ist vielleicht Marokko ein interessante Land: dort sind Frauen gleichberechtigt und haben das Recht, wahlweise traditionell oder konservativ oder modisch gekleidet zu sein. Oder Mali und Tschad: da ist oft der Manm verschleiert und die Frau nicht. Es gibt also keine klaren „Frontlinien“ in Sachen Vetschleierung.

  2. Während es Selina Pfrüners erkennbar um eine neutrale Annäherung an ein schwieriges Thema geht, hast du, Katja, meines Erachtens die notwendige emotionale Distanz nicht. Sowohl im Artikel als auch in einer Kommentierung betonen Formulierungen wie „absurde Behauptungen“, „ignoriert leider“ und „darin sind wir uns hoffentlich einig“ die eigene Befindlichkeit. Ich vermisse hier Zurückhaltung und die gebotene Sachlichkeit.

  3. Interessanter Artikel, danke dafür. Leider erfährt man tatsächlich nichts über die wahren Gründe. Wenn man nicht in Köln wohnt, hat man wohl keine Chance, mehr darüber zu erfahren?
    Ich finde es jedenfalls gut, dass ihr auch über solche kontroversen, exotischen und dennoch direkt vor unserer Haustür (im übertragenen Sinne) liegenden Themen berichtet, und nicht nur „wie ich mit meiner Reise nach Patagonien die Welt retten werde“ ;-)

  4. Ich finde, es besteht ein großer Unterschied, ob man die Eingangsfrage „…warum Frauen sich in Deutschland freiwillig verschleiern“, oder „…ob Frauen sich in Deutschland freiwillig verschleiern“, stellt. Denn ein „warum“ legt schon fest: es ist freiwillig, Gründe (noch) unbekannt. Ob dem tatsächlich so ist, und wie viel Selbstbestimmung tatsächlich in dem Begriff der Freiwiligkeit steckt, erklärt sich daraus nicht zwangsläufig,. Mir erklärt sich auch nicht, wie man gerade hier in D dieses Thema unter den Aspekten Alltag & Lebenswirklichkeiten angehen kann, ohne die Berücksichtigung der Kopftuchdebatte. Meinem Verständnis nach ist gerade diese Debatte stark Einfluß nehmend auf Alltag & Lebenswirklichkeit derer, die sich verschleiern (dürfen…wollen…müssen).