Kind in einem Bett
24. Mai 2019 Lesezeit: ~10 Minuten

Im Gespräch mit Henriette Kriese

Henriette Kriese fotografiert inhaltlich verschiedene Sujets auf eine ruhige und unaufgeregte Art und Weise. Fotografien, die sich auf ungewohnte Weise mit brennenden Flüchtlingsunterkünften befassen, findet man in ihrem Portfolio ebenso wie Abbildungen von Lebenswelten aus verschiedensten Bereichen. Ich habe ein E-Mail-Interview mit Henriette geführt, das mehr über ihre Arbeiten verrät.

Hallo Henriette, würdest Du Dich uns kurz vorstellen? Wie bist Du zur Fotografie gekommen, was fasziniert Dich daran und welche Thematiken liegen Dir besonders am Herzen?

Vielen Dank für die Einladung zum Gespräch und Deine Fragen, Tabea. Ich bin Fotografin mit dem Fokus auf Portrait und dokumentarischer Fotografie. Studiert habe ich an der Bauhaus-Universität Weimar, am Pratt Institute in New York und zuletzt für den Master an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Aktuell lebe ich im Wechsel in meiner Heimatstadt Erfurt und in San Francisco.

Stück Wand mit hellerer Farbe

Meine fotografischen Langzeitprojekte drehen sich in der Regel um gesellschaftliche Fragen. Ich interessiere mich für das Unmittelbare und Unscheinbare, das alltägliche Leben, die Empfindungen von Menschen, soziale Strukturen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Die Fotografie ist für mich der Weg, die Dinge, wie ich sie sehe, wahrnehme und empfinde, aufzuzeichnen und mitzuteilen.

Wenn ich am Anfang eines Projekts stehe, weiß ich oft noch wenig über die Thematik und mein Verhältnis dazu. Im Grunde geht es immer wieder darum, mich selbst herauszufordern, mich in Kontexte zu begeben, die mir vielleicht zu dem Zeitpunkt noch fremd sind. Der Prozess ist für mich eine, wenn auch abstrahierte Form, von Aufarbeitungs- oder sogar Aufstellungsarbeit.

Das Teilen meiner gesammelten Erfahrungen mit anderen ist ein wesentlicher Bestandteil. Ich sehe mich gerne als Mittlerin zwischen Welten, zwischen einer Realität zu einer anderen, zwischen einer inneren Welt und einer äußeren. Die Fotografie erscheint mir dafür der ideale Weg, da sie sinnlich erfahrbar und zugleich analytisch lesbar ist.

Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt aneignen. Es heißt, sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt zu setzen, die wie Erkenntnis – und deshalb wie Macht – anmutet. (Susan Sontag: Über Fotografie)

Haus hinter Bäumen verborgenStromkasten mit Heil Hansa Graffiti

Anhand Deiner Arbeiten sieht man intensive Beschäftigungen mit gesellschaftlich relevanten Thematiken. „Aus Angst um das Schöne“ ist eine sehr intensive Serie. Wie bist Du bei ihr vorgegangen?

Die Serie entstand aus dem Unglauben über die vielen gewaltvollen Übergriffe und Brandanschläge auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte, die 2015 ein besonderes Ausmaß angenommen hatten.

Ich habe diese Arbeit gemacht, weil ich mir selbst „ein Bild machen“ wollte, wie es an diesen Orten aussieht. Mich hat auch interessiert, wie dieses Land aussieht, in dem es zu diesen Übergriffen überhaupt kommen kann. Ich empfand die Pressebilder der brennenden Wohnheime als gefährlich. Natürlich gehören diese Bilder zur Berichterstattung. Doch ich fand, dass diese Bilder mehr als nur informierten, sie traten in ihrer plakativen Beschaffenheit Emotionen los. Sie konnten eine*n bereits besorgte*n Betrachter*in noch weiter verunsichern – sie wirkten, vielleicht nicht wie die Fotos von 9/11 wie „Schockbilder“, aber wie „Angstbilder“. Sie waren für mich wie eine Drohung und gaben der Botschaft der Attentäter*innen eine breite Bühne.

Wandbild Fresko mit Figurendarstellungen

Daher wollte ich mich der Frage stellen, wie Bilder aussehen könnten, die sich mit der Thematik vielschichtiger beschäftigen und mehr zeigen, als das bloße Grauen. Denn das Wesentliche ist in den Pressebildern nicht abgebildet: Die Geschichte dahinter; die Geschichte und Motivation der Attentäter*innen; der Ort, in dem es gebrannt hat; die Folgen für den Ort; der langfristige Umgang mit dem Tatort.

Es war nicht meine Absicht, auf all diese Fragen eine Antwort zu finden. Mir ging es nicht um Berichterstattung, sondern um eine persönliche, künstlerische Auseinandersetzung. Lieber wollte ich die Orte selbst besuchen und erfahren und mithilfe von Fotografien das Gesehene und Empfundene interpretieren.

Meine Bilder sind im Gegensatz zu den Medienbildern nicht eindeutig. Sie sind offener in ihrer Bedeutung und vielfältig lesbar. Es geht in ihnen nicht nur um die Tat, sondern auch um gesellschaftliche Räume, Landschaften, gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen, wie den Einfluss von Geschichte auf Architektur.

Nach einer umfassenden, mehrmonatigen Recherchephase habe ich mich im Juni 2017 auf eine einmonatige Reise durch Deutschland begeben. Ich habe dabei über 30 Tatorte in 15 Bundesländern aufgesucht. Das Buch, das aus Fotografien, persönlichen Aufzeichnungen und Hintergrundinformationen besteht, ist momentan in Produktion und kann bei mir vorbestellt werden.

Ein großer Aspekt Deiner Arbeiten scheint die Auseinandersetzung mit dem Menschen im Bild zu sein. Auch hier berührst Du Themen, die vielleicht weniger häufig im fotografischen Fokus stehen, wie etwa in Deiner Serie „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Wie spielen dabei Bilder von Menschen und Bilder von Gegenständen und Dingen zusammen?

Für mich sind der Mensch und das Portrait die spannendsten Themen überhaupt. Ich fasse den Begriff des Portraits dabei recht weit. Alles, was ein Mensch berührt, bewegt, gestaltet und vielleicht sogar tagtäglich sieht, sagt etwas über ihn und seine Lebensrealität aus. Daher gehören für mich Bilder von Menschen, Gegenständen, Räumen, Fensterblicken und Landschaften alle zusammen.

Kind in einem Bett

Wand neben einem Bett mit Gekrakel

In der Arbeit „Ich sehe was, was du nicht siehst“ geht es um die besondere Lebenswelt von Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Mir was war es wichtig, nicht die Krankheiten der Kinder in den Mittelpunkt zu rücken, sondern meinen Blick unvoreingenommen auf sie und ihre Umwelt zu lenken.

Zum Beispiel die porzellanhafte Hand eines kleinen Mädchens – falten- und makellos, aus dem einfach Grund, dass sie ihre Hand nicht bewegen kann. Oder die bekritzelnden Wände am Bett, die von Kreativität und Gestaltungssinn erzählen. Ein Teil des Projekts bestand darin, den Kindern Kameras zu geben und sie selbst zeigen zu lassen, was sie sehen.

Person in einem Badezimmer

Auffällig sind die Titel Deiner Arbeiten, sie geben preis und zeigen sich doch nicht in aller Offensichtlichkeit. Welche Rolle spielen sie für Dich im Kontext der Arbeiten?

Über die Titel denke ich immer lange nach. Sie begleiten mich während des Fotografierens und werden oft erst zum Ende des Prozesses klar. Sie müssen für mich offen und vielfältig lesbar sein.

Der Titel „Aus Angst um das Schöne“ greift zum Beispiel ein direktes Zitat eines Brandstifters auf, der aus „Sorge“ um die „Idylle“, die er sich mit seiner Familie in einem Vorort von Hamburg geschaffen hatte, ein Nachbarhaus anzündete, weil dort Flüchtlinge einziehen sollten. Ich fand die Aussage sehr spannend, da sie in mir die Frage auslöste, was ich eigentlich „schön“ und „beschützenswert“ finde in meinem Leben oder auch in diesem Land.

Natürlich habe ich festgestellt, dass meine Vorstellung eine ganz andere ist, als die des Attentäters. Ganz profan betrachtet, finde ich zum Beispiel schön in Deutschland, dass wir hier eine Demokratie haben und eine lange Geschichte von Humanismus, Vielfalt und Toleranz für alle Menschen, die hier leben möchten. Um diese Werte habe ich sozusagen „Angst“, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen.

Blonder Junge liegend

Grundsätzlich mag ich es, wenn auch die Betrachter*innen im Titel direkt angesprochen werden. Die Arbeit mit dem etwas schwer daherkommenden Titel „As long as you are here (everything will be okay)“ hinterfragt das Kräfteverhältnis zwischen Fotograf*in, Modell und Betrachtenden. Das Spannungsverhältnis wird solange aufrechterhalten, bis jemand wegschaut. Wer damit gemeint ist, bleibt Interpretation.

Zwei Jugendliche draußen mit zwei Hunden

Deine Fotografien haben insgesamt eine unaufgeregte Anmutung. Wie gehst Du beim Fotografieren vor, beeinflusst Deine Ausrüstung Deine Arbeitsweise?

Ja, ich bin da doch sehr altmodisch und fotografiere seit Jahren mit der gleichen analogen Mittelformatkamera. Die Kamera zwingt mich zu einer entschleunigten Arbeitsweise. Ich mache sehr wenige Bilder, ich editiere und sortiere, bevor es überhaupt zum Bild kommt. Manchmal tut es mir leid um Bilder, die nur wenige Augenblicke existieren und die ich dann vielleicht verpasse. Aber mich interessieren die Momente am meisten, in denen Zeit stillzustehen scheint. Sie sind für mich echter, allgemeingültiger, als vielleicht lustige und unterhaltsame kurze Momente.

Kannst Du einen Ausblick auf kommende Projekte geben?

Momentan arbeite ich an einem Projekt, das die Zwangsaussiedlung und Entwurzelung von Bewohner*innen eines thüringischen Dorfes im Zuge der Industrialisierung behandelt. Die Menschen wurden nach Brasilien auf eine Kaffeeplantage gebracht, wo sie in sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten sollten.

Da ihnen das verständlicherweise nicht gefiel, sind sie dort aufständisch geworden und geflohen. Sie gründeten mitten im Regenwald eine neue Gemeinschaft, die bis heute besteht. Der konzeptionelle Schwerpunkt wird auf der kulturellen Nähe zwischen den Nachkommen liegen, die trotz Bruch ihre Sprache und Traditionen über 150 Jahre lang parallel und auf gleiche Weise bewahrt haben.

Es gibt bereits eine tiefgehende, spannende, historische Aufarbeitung dieser Geschichte. Dem möchte ich nun eine visuelle Betrachtung gegenüberstellen, in der Hoffnung, dass diese Bilder den Nachkommen helfen, sich wieder aneinander anzunähern.

Migration, Identität, Heimat, Verortung sind auch wichtige Themen unserer Zeit, zumal sich die Begriffe im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung weiter verändern. Identitäten und Zugehörigkeiten sind heute nicht allein lokal verortbar, sondern es entstehen stetig neue Definitionsräume durch soziale Medien und das Internet.

Auch das fasziniert mich an Fotografie so: Dass man mit ihr Geschichte, Zeitgeist und den vermeintlichen Status quo festhalten kann, der sich bereits in Auflösung befindet. Daher begeistere ich mich auch besonders für historische und vernakulare Fotografie, weil sie so viel über uns als Menschen verrät.

Vielen Dank für Deine Zeit, Henriette. Weitere Arbeiten findet Ihr auf Henriettes Webseite oder folgt ihr auf Instagram.

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4 Kommentare

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    • Steht doch gleich daneben:

      „… seit Jahren mit der gleichen analogen Mittelformatkamera. Die Kamera zwingt mich zu einer entschleunigten Arbeitsweise …“

      Andererseits: manches Smartphone ist so langsam, das zwingt auch zur Entschleunigung ;-)