25. April 2019

Ein anderes Amerika

Sebastian Trägner ist jemand, der da hinschaut, wo andere wegsehen und da hingeht, wo andere Abstand nehmen. Als Fotograf eine unglaublich wichtige Fähigkeit, wie seine Bilder beweisen. Letztes Jahr hatte er bereits im Magazin seine Bilder von Begegnungen mit Obdachlosen aus Köln gezeigt. Nun war er in Amerika und hat neue Geschichten mitgebracht, die wir hier zeigen dürfen.

Das Foto ist aufgenommen in West Hollywood – Melrose Avenue. Die Wand ist mit Abstand eine der am häufigsten fotografierten Motive. Grund: Selfie mit Engelsflügeln und das #globalangelwingsproject von Collette Miller. Die Flügel sollen uns daran erinnern, dass wir die Engel auf Erden sind und an unsere Menschlichkeit appellieren.

Fakt ist: Direkt neben der Wand lebt eine Frau in Obdachlosigkeit und während sie ihre Habseligkeiten zur Seite räumt, kann eine Bloggerin ihr Foto für Social Media machen – ohne der Person jedoch nur einen Blick zu widmen. Ich habe die obdachlose Frau gefragt, wie sie diese Darstellung findet. Sie lachte, da jeden Tag Hunderte Menschen dort Schlange stehen und es sehr selten ist, dass sie überhaupt wahrgenommen wird.

bettelndes Kind

Die Fremont Street in Las Vegas. Der klassische Gambling Strip. Laut und stark besucht. Mittendrin eine Frau mit ihren drei Kindern. Sie hat keine Möglichkeit, einen Job zu bekommen, lebt in Sucht und muss sich um die Kinder kümmern, die auch gezwungen sind, zu betteln. Es war etwa 22:30 Uhr abends.

Ein Mann duscht am Strand, im Vordergrund Müll

Das Bild entstand früh morgens am Strand von Venice. Der Mann kam gerade aus seinem Zelt und bereitete sich für den Tag vor. Eine frische Dusche, im Vordergrund sein Hab und Gut. Weil seine Hose verschmutzt war, trug er sie auch beim Duschen.

Lächelnder Mann

Ich stand vor dem Zaun und schaute hindurch. Dahinter hatte eine Firma ein internes Fest. Oktoberfest – eine Band spielte bayrische Musik, Männer trugen Lederhosen, die Damen im Dirndl. Es war nicht einmal nachmittags. Neben mir schaute der obdachlose Mann auch gespannt zu, schaute zu mir rüber und wir beide mussten lachen.

Wir lächelten uns an und ich schoss das Foto. Wir verabschiedeten uns und lachten nochmals lautstark. Million Dollar Smile. Ich sah ihm hinterher und er blieb wieder stehen. Das Lächeln war weg, sein Gesicht angespannt und er wackelte mit seinem Kopf auf und ab.

Mann mit Tattoo über dem Auge

Fishermans Warf in San Francisco. Ein Mann ohne Beine, tätowiertes Gesicht. Ich habe mich neben ihn gesetzt und gegrüßt. Ohne etwas zu sagen, schaute er mich an und hatte ein großes Messer in der Hand. Ich fragte ihn, was über seinem Auge steht. Fuck you – Pay Me. Ich zeigte ihm meine Tattoos.

Er zog sein Shirt aus, auf dem Rücken stand groß: White Trash. Weißer Abschaum. Die amerikanische Unterschicht. Er erzählte mir, dass er vom Mississippi kommt, seine Beine verlor er durch einen Unfall mit einem Zug. Jetzt lebt er am Hafen von San Francisco. Das Messer hat er zum Schutz, denn nachts ist man wach in San Francisco, tagsüber kommt man ein wenig zur Ruhe. Ich holte eine Pizza und wir teilten. Dann senkte er seinen Kopf und ich durfte dieses Foto schießen.

Zeltende Menschen zwischen Müll

Kurz bevor der Strand erwacht. Ich durfte nah ran. Schlafplätze sind die eigenen vier Wände. Da darf nicht jeder rein. Valet ist ein Parkservice. Hier wird der Mensch im Müll geparkt.

Obdachlose

Der Santa Monica Pier ist das glorreiche Ende der Route 66. Tausende von Meilen quer durch die USA. Die Ankunft sieht so aus. Während im Hintergrund die Dame noch schläft, sucht der Mann sich sein Frühstück aus dem Müll und die heimatlose, an Diabetes erkrankte Dame freut sich über jede Art von Hilfe.

 

Mehr Bilder und die dazugehörigen Geschichten von Sebastian findet Ihr auf seinen Social-Media-Seiten, wie Instagram oder Facebook. Seine Fotos verkauft er auch über unseren Partner Photocircle.

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  1. Blogartikel dazu: Die Zeit – 27.04. – 05.05.2019 – Digitaler-Augenblick.de