24. April 2019 Lesezeit: ~8 Minuten

Stereo-3D-Aufnahmen mit dem Nassplatten-Verfahren

Nach einem Besuch auf der 3dimensionale – einer Ausstellung im Technischen Museum in Wien – hatte mich das 3D-Fieber gepackt. Ich sah dort eine Stereo-Nassplattenkamera und dachte mir, dass so etwas sicher ein lustiges Projekt ist. Wenn ich vorab gewusst hätte, dass hinter diesem Projekt so viel Arbeit steckt, hätte ich es sicher gelassen.

Zum Glück wies mich ein guter Freund auf das Buch „Stereofotografie und Raumbildprojektion“ von Gerhard Kuhn hin. Im Urlaub las ich dieses Buch immer wieder, bis ich das Prinzip der Stereofotografie verstanden hatte. Dieses Wissen erschwerte mir den Bau der Kamera, da mir jetzt klar war, dass ich nicht einfach zwei Objektive nebeneinander platzieren konnte.

Um etwas flexibler zu sein, mussten die Objektivplatten variabel sein. Die Distanz zwischen den Objektiven sollte verstellbar sein (Stereobasis), außerdem wollte ich die Objektive schwenkbar machen, damit ich auch im Makrobereich arbeiten könnte.

Bevor ich den Bau weiter ausführe, möchte ich noch auf das Buch des Gitarristen und Songtexters Brian May (Queen) hinweisen. Die Geschichte von „Queen in 3D“ ist wirklich lesens- und sehenswert. Herr May wäre sicher auch spannend in 3D abzulichten.

Objektivsuche

Jetzt habt Ihr hier schon meinen fast fertigen Umbau gesehen. Bis dorthin war es jedoch ein langer Weg, mit vielen Höhen und Tiefen. Ich hatte einen hirnrissigen Gedanken im Kopf: Die Kamera sollte mit zwei historischen Petzvalobjektiven betrieben werden. Da ich schon eines hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem zweiten. Ein zweites Objektiv zu finden, das auf denselben Punkt fokussiert wie das erste, war wie ein Gewinn im Lotto. Als ich mit einem Händler über mein Projekt sprach, meinte er nur, dass er froh sei, nicht selbst daran arbeiten zu müssen.

Die Suche danach war wirklich frustrierend und mit vielen Enttäuschungen verbunden. Irgendwann fand ich dann ein Objektiv, das annähernd ähnlich fokussiert und somit begannen die Umbauarbeiten an der Kamera.

Zwei Objektive und Werkzeug

Der Umbau

Einen Großteil meiner Zeit verbrachte ich in Baumärkten, wobei Rudolf Holzmann in Wien eine angenehme Abwechslung war. Das muss ich hier einfach erwähnen, da ich dort jedes Mal nur wenige Minuten verbracht habe. Alle Mitarbeiter*innen wussten sofort, was ich benötige und wo es liegt. Die Firma Rudolf Holzmann wurde 1860 gegründet – also in der Zeit, in der die Nassplattenfotografie sehr aktuell war.

Bei den großen Märkten habe ich viele Stunden verbracht und leider oft auf meine Fragen keine Antworten bekommen. Ihr kennt das ja, wenn man von einer Person zur nächsten geschickt wird. Nachdem ich dann endlich den Großteil meiner Materialen zusammen hatte, fing ich an, meine Pläne in die Realität umzusetzen. Da ich schon mehrere Objektivplatten gebaut hatte, war der Grundstein dafür keine Hexerei für mich.

Doch der Schwenkmechanismus warf anfangs noch viele Fragen auf, also kaufte ich viele unterschiedliche Scharniere, Schrauben und Holzplatten, bis ich die richtige Kombination gefunden hatte. Diese Kombination montierte ich dann auf die Objektivplatte.

DIY Objektivplatten

Danach musste ich noch einen Verschluss für die zwei Objektive bauen, da ja beide zur selben Zeit auslösen sollen. Der Verschluss musste sich natürlich an die Variabilität der Objektivplatten anpassen und leicht abnehmbar sein. Somit verklebte ich Metallleisten auf den Objektivplatten und Magnete auf dem Verschluss. Somit konnte ich den Verschluss immer einfach aufbringen, egal wie die Objektive eingestellt waren.

Holzbretter

Holzkasten

Verschluss

Die Frontplatte des Verschlusses rastet mit einem einfachen Regalverschluss ein.

Mein erster Beruf war Feinmechaniker, deshalb bin ich es gewohnt, mit Werkzeugen zu arbeiten und habe auch einiges zuhause. Für die Tischlerarbeiten fehlen mir jedoch Pressen und Abstandshalter, deshalb haben viele Haushaltsgegenstände dafür herhalten müssen.

Küchenschrank als Presse

Jetzt fehlte mir noch eine Trennung im Inneren der Kamera, damit sich die projizierten Bilder nicht überlappen. Dazu erstellte ich ein Holzstecksystem aus Balsaplatten. Sicher nicht die edelste Lösung, aber funktionell und variabel, je nach Auszug. Zum Abschluss fehlte mir noch ein Minibalgen für die schwenkbaren Objektive. Diesen erstellte ich aus einem dünnen, matten Klebeband.

Innenansicht einer Balgenkamera

Die erste 3D-Platte

Jetzt war es endlich soweit und ich konnte mit der ersten Stereoplatte beginnen. Mein erstes Modell war eine weitere alte Nassplattenkamera mit einem Petzvalobjektiv. Um mehr Tiefe zu erlangen, stellte ich sie neben meine Holzhütte. Ich habe damals nicht darauf geachtet, wie lange ich für die erste Platte benötigt habe.

Das Einstellen der Kamera war sehr aufwändig (ein Freund hatte mich schon früher darauf hingewiesen, dass es so sein würde), mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Ich war aber vom ersten Ergebnis begeistert. Die plastische Wirkung ist wirklich gut. Zum Betrachten der großen Platten benötigt man eine spezielle Brille mit vier Spiegeln – meine hatte ich hier bestellt.

Zwei Balgenkameras

Stereoaufnahme einer alten Kamera

Wackelbild einer alten Kamera

Hier noch eine anaglyphische Version, die Ihr mit einer anaglyphischen Brille betrachten könnt.

3D-Aufnahme einer alten Kamera

Floating Flowers 3D Makro-Nassplatte

Als nächstes waren Makrofotos von Blumen angesagt, dieses Mal habe ich die Zeit mitgestoppt. Der Aufwand für ein Stereonassplattenfoto in der Größe 30 × 40 cm ist immens. Ich war bei der Session hochkonzentriert, da ich die Platten beim ersten Mal richtig belichten wollte. Aus dem letzten Versuch nahm ich folgende Erfahrung mit: Neben der Tatsache, dass die Objektive nicht gleich fokussieren, musste ich auch noch feststellen, dass die Objektive unterschiedlich hell belichteten.

Somit gab es einen weiteren Punkt, den ich bei den Vorbereitungen beachten musste. Die Liste der Variablen für ein Stereofoto auf Nassplatte wurde immer länger: Fokussierung auf beiden Seiten checken (vielleicht selbstgebauten Adapterring verwenden – mit dem Rein- und Rausdrehen der Objektive konnte ich mir zusätzlich helfen), plastische Wirkung überprüfen, Helligkeit der einzelnen Objektive überprüfen, Belichtung mit einer Testplatte (18 × 23 cm) überprüfen und den ganzen Kollodium-Nassplattenprozess kontrollieren. Eine alleinige Platte der Größe 30 x 40 cm (ohne Stereotechnik) sauber zu beschichten und zu entwickeln, ist schon sehr fordernd.

Bevor ich mit der Belichtung der ersten Platte begonnen habe, vergingen ungefähr vier Stunden. Somit war ich dann beim Ablauf des Verfahrens hochkonzentriert und aufgeregt zugleich. Ich hatte keine Lust, die Platte ein zweites Mal zu erstellen, da neben dem Aufwand die Materialkosten auch nicht zu vernachlässigen sind.

Aufnahme mit einer alten Balgenkamera

Als Lichtquelle diente mir der Hensel Tria 6000 und der Tria 3000 Generator samt EH Pro 6000 und EH Pro 3000 Blitzköpfe. Zusammen mit meinem 1000 Watt starken Integra 1000 Plus leuchtete ich die Szene mit 10.000 W aus. Wobei die Einstelllichter mir eines meiner Modelle etwas verbrannten. Doch genau diese Verbrennung sah auf der Nassplatte sehr cool aus.

Stereofoto

3D-Bild§D-Bild

Portraits in 3D

Vielen war sicher klar, dass mein finales Ziel 3D-Portraits waren. Clarissa war perfekt für diese Aufnahmen und zum Glück auch sehr geduldig. Wenn Ihr jetzt denkt, dass diese Session einfacher abgelaufen ist als die anderen, dann denkt Ihr falsch. Ich liebe simple Portraits, aber genau diese sind langweilig in 3D. Das war der Grund, warum ich Clarissa bat, ein faltiges/zerknülltes Hemd mitzubringen. Je mehr Struktur und Unebenheiten, desto interessanter das 3D-Bild.

Für ein gutes Portrait in 3D war also für mich ein komplettes Umdenken notwendig. Zusätzlich war ich mit der geringen Schärfentiefe der Ultragroßformatkamera limitiert. Somit war für die Portraits wieder viel Hirnschmalz gefragt. Es sollte sich viel im Bild abspielen, aber nicht zu viel, damit ich beim Abblenden noch im Belichtungsspielraum bleibe (10000 W bei f/12 und ISO 0,5). Je nach Lichtformer ist da schnell der Ofen aus.

Doch auch diese Hürde konnte ich überwinden und eine schöne, plastische Stereo-Nassplatte erstellen.

Frau hält 3D-Portrait von sich selbstFrau hält 3D-Portrait von sich selbst
Frauenportrait3D-Portrait

Dieses Projekt hat viel länger gedauert hat, als ich mir ursprünglich vorgestellt habe. Es hat viel Energie, Enttäuschung und Freude in mein Leben gebracht. Vieles erkläre ich im obigen Video auch noch etwas genauer.

Der Artikel erschien zuerst auf Markus’ Blog. Wir veröffentlichen ihn mit seiner freundlichen Genehmigung.

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2 Kommentare

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  1. ich schreibe nur, weil kein kommentar so aussieht als ob es einem nicht gefiele, kalt ließe oder dergleichen… ganz im gegenteil. ich bin schwer beeindruckt von der mühe, die eben nicht nur selbstzweck ist, sondern – auch in 2D – so tolle bilder hervorbringt.