Person mit Schnapsglas am Tisch sitzend
27. März 2019 Lesezeit: ~4 Minuten

Die im Sand leben: Graciela Iturbide in Frankfurt

Die lateinamerikanische Fotografie ist in Europa bis heute wenig bekannt – und seit der Mexikaner Manuel Álvarez Bravo im Jahr 2002 verstorben ist, hat sie keinen einflussreichen Grandseigneur mehr. Oftmals ist es das Erbe des Surrealismus, das die Fotografie aus lateinamerikanischen Ländern weiterführt – und so ist es auch bei der 1942 geborenen Mexikanerin Graciela Iturbide, deren Werk derzeit im Fotografie Forum Frankfurt zu sehen ist.

Viele der gezeigten Arbeiten muten metaphorisch an: Poetisch, feinsinnig und unwirklich sind die Bilder Iturbides, die an der nationalen Filmhochschule Mexikos, dem „Centro de Estudios Cinematográficos“ studiert und später als Assistentin von Manuel Álvarez Bravo gearbeitet hat.

Schwarzweißfotografien wie die 1979 in Juchitán im südmexikanischen Staat Oaxaca entstandene „Nuestra Señora de las Iguanas“ – eine Frau, die einen Kopfschmuck aus Leguanen trägt – oder auch die 1981 in der mexikanischen Sonora-Wüste entstandene Reportage über die Seri, „Los que viven en la arena“, treffen ins Herz, weil solche Bilder heute ungewöhnlich geworden sind: tiefe, existenzielle Bilder, die Leben und Tod der Menschen ausleuchten.

Frau mit Leguanen auf dem Kopf

Our Lady of the Iguanas. Juchitán, Mexico, 1979 © Graciela Iturbide / Colecciones Fundación MAPFRE, 2019

Zum ersten Mal nun ist das Werk Iturbides in einer Retrospektive in Deutschland zu sehen. Die von der Fundación MAPFRE in Madrid zusammengestellte Schau zeigt das ganze Werk, eine Langzeitreportage über matriarchale Gemeinschaften in Südmexiko, Portraits einer Straßengang aus Los Angeles, Interieurs aus dem Haus von Frida Kahlo, das die Fotografin im Jahr 2006 fotografieren konnte – aber auch Landschaften und Bilder von Gärten und Vögeln.

Das Besondere an diesen Fotografien ist, dass sich hier der Dokumentarismus mit dem Poetischen, dem Surrealen auf eine Weise mischt, wie sie nicht nur typisch für das Schaffen der in Mexiko-Stadt lebenden Fotografin sondern auch für die lateinamerikanische Fotografiekultur als Ganzes ist.

Das Leben ist vom Tod durchdrungen in diesen über 100 Bildern aus vier Jahrzehnten. Es sind wirkliche Ikonen darunter, wie etwa das Bild jener „Engelsfrau“ in der Wüste Mexikos, das man, auch wenn man es noch nie gesehen hat, glaubt, schon lange zu kennen. Und selbst die Bilder der mexikanischen Straßengangs in Los Angeles haben weniger einen martialischen als einen poetisch-irritierenden Ton.

Fotografie, so hat es Graciela Iturbide einmal ausgedrückt, ist ein Mittel, um zu „erkennen“. Sie fand ihre Bilder im ländlichen Mexiko, auf Volksfesten und beim Karneval, fotografierte die Transvestiten von Juchitán und die Bewohner*innen der Wüste. Und stets „erkannte“ sie, was sich hinter dem äußeren Schein verbarg.

Transfestit mit Spiegel

Magnolia, Juchitán, México, 1986 © Graciela Iturbide / Colecciones Fundación MAPFRE, 2019

Besondere Beachtung verdient auch die Werkgruppe, die im Haus von Frida Kahlo entstanden ist. Hier – etwa im Badezimmer – fotografierte Iturbide bedrückende Inszenierungen und auch Selbstinszenierungen mit persönlichen Gegenständen Kahlos wie etwa Krücken, Korsett und Gehhilfen. Aber auch eine große Schildkröte in der Badewanne der Malerin wurde zum fotografischen Sujet.

Diese Bilder verweisen noch deutlicher als alle anderen auf die surrealistische Tradition, in der die Fotokunst Iturbides steht. Verschiedene Selbstportraits etwa mit einem toten und einem lebendigen Vogel oder auch vor einem Totenkopf folgen ebenfalls den Spuren surrealistischer Fotografie.

Was bedeuten diese Bilder, diese Interieurs? Sie alle öffnen unsere Augen für tiefere Einblicke, sind Wiedergänger surrealistischer Kunst in diesem Sinn: Sie verwundern, verwirren so sehr wie jene bekannten Verse des Isidore Ducasse, der von der Schönheit erzählt hat, die „die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch“ evozieren könnte.

Der Surrealismus-Kenner Werner Spies hat einmal geschrieben, der surrealistischen Fotografie sei es darum gegangen, „den Spalt zwischen Vorstellung und Abbild als klaffende Wunde offenzuhalten“. In dieser Tradition, in der Tradition von Man Ray oder Brassaï stehen auch viele dieser beeindruckenden Bilder.

Titelbild: México, 1969 © Graciela Iturbide / Colecciones Fundación MAPFRE, 2019

Ausstellung

Graciela Iturbide
Ort: Fotografie Forum Frankfurt, Braubachstraße 30–32, 60311 Frankfurt (Main)
Zeit: 8. März – 30. Juni 2019

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