06. Februar 2019 Lesezeit: ~6 Minuten

Vom Kneipenchor des Zweifels

Ich schiebe diesen Text mittlerweile seit Monaten vor mir her. Anfangs noch durchaus motiviert und sogar mit dem Engagement versehen, ein Konzept zu schreiben und ganz klassisch verschiedene Punkte aufzugliedern. Später entwickelte sich dann eine absolute Unkreativität und Ideenlosigkeit. Und dann: Nichts.

Dabei sollte der Artikel im Grunde genau das aufgreifen: Die mangelnde Kreativität, die Frage, wie es von der Idee zur Umsetzung kommt und all diesen tollen Dingen, die man bei anderen Fotograf*innen immer wieder sieht und liest.

Da schreiben sie: „Ich hab’ da eine Idee und will sie umsetzen.“ Dann sieht man die Ergebnisse und denkt sich: „Krass, wie machen die das nur?“ Es ist ja nun nicht so, dass diese Schwerpunkte nicht psychologisch-philosophisch zu ergründen wären. Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten und darüber hinaus haben sich Menschen diesem Schaffens-, Bearbeitungs- und Wahrnehmungsprozess gewidmet und sehr interessante Ansätze zu Tage gefördert.

Denke ich über diese Umstände nach, gelange ich aber immer auch an einen anderen, eventuell weniger philosophischen, aber umso psychologischeren Punkt: Die Plattform, über die ich überwiegend Bilder und die Geschichten hinter den Bildern konsumiere, ist Instagram. Und dort gibt es alles. Natürlich ist das jetzt runtergebrochen, denn dieses Alles gibt es ja überall. In Büchern, Museen, der Natur, irgendwo. Jedenfalls: Wenn es alles schon gibt, kann sich das schnell zu einem Problem entwickeln.

Detailaufnahme Schlüsselbein

Ein Szenario

Eine Idee wächst im Kopf, manifestiert, verdeutlicht sich und wird geboren. Das ist der berühmte Aha-Moment, verbunden mit einer gewissen Vorfreude. Zehn Minuten später: Mal wieder durch Instagram scrollen und feststellen: „Verdammte Scheiße, das gibt’s schon. Wo kommt das denn jetzt her?“ Vorfreude am Boden. Schaffensdrang auch, genau wie die Lust am Weitermachen. Wie soll man in diesem Moment nur damit umgehen?

Zuerst kommen da nämlich die Selbstzweifel um die Ecke und feiern ihr eigenes kleines Erfolgsfest, indem sie einem im lauten Chor verkünden, dass man gar nicht kreativ sei. Diesen grölenden Chor haben alle schon einmal gehört. Hier, auf kwerfeldein, gibt es mehrere Menschen, die sich diesem Thema annahmen. Sei es Stephanie Hagenstein, die sich mit ihren Bildern auf die Suche nach ihrer eigenen Kreativität begab oder Martin Neuhof, dem die Fotografie und gelegentlich die fehlende Kreativität ein Gefühl des Stillstands vermitteln; um nur zwei zu nennen.

Beide haderten, hinterfragten und kamen doch zum gleichen Ergebnis: Weitermachen! Denn nichts wäre schlimmer, als sich von lärmenden Zweifeln einreden zu lassen, dass es fortan nicht weitergehen würde. Das machen dann wohl auch die Wenigsten, nichtsdestotrotz hemmt und demotiviert es einen.

Letztlich ist es doch so: Es wird nichts Neues geschaffen, ohne sich nicht an Aspekten von schon Vorhandenem zu bedienen. So funktioniert Weiterentwicklung und Fortschritt nun einmal. Nichts entsteht aus dem Nichts. Keine Idee entsteht von einem Nullpunkt aus, vor dem nichts gewesen wäre. Wir bringen Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen mit, mit denen wir arbeiten und die nicht auszublenden sind, genau wie alle anderen Menschen um uns herum eben auch.

Düsteres Frauenportrait

Und bevor man in den Kneipenchor des Zweifels einstimmt, sollte man sich wohl viel eher darauf besinnen, dass Menschen, die bereits die gleiche Idee wie man selbst hatte, offensichtlich ähnlich wie man selbst denken. Und nicht nur das. Auch sie zweifeln. Denn, Obacht, fünf Euro ins Phrasenschwein: „Nobody’s perfect!“

Das klingt jetzt auf eine gewisse Art und Weise auch nach Konkurrenzdenken. Danach, als ginge es darum, der oder die erste mit einer Idee und ihrer Umsetzung zu sein. Im Run nach den meisten Likes, Reposts oder Features liegt der Gedanke ja auch gar nicht so fern.

Denn es fühlt sich natürlich gut an, wenn viele Menschen das eigene Bild mit so einem kleinen fluffigen Herz markieren. Klar fühlt sich das gut an, wenn viele Menschen dem eigenen Profil folgen und klar ist es schön, zu sehen, wenn Menschen die eigenen Bilder nett kommentieren. Und logisch, beliebter als andere zu sein wird sich immer besser anfühlen als anders herum.

Unschön wird’s, wenn man feststellt, dass die Likes zurückgehen, wenn keine Hashtags verwendet werden. Unschön wird’s, wenn die zehn neuen Follower*innen wieder weg sind, weil man ihnen nicht zurückfolgt. Und ebenfalls unschön ist es, zu bemerken, dass viele Kommentare nur dummer Copy&Paste-Müll sind, der auch unter 143 anderen Bildern im genauen Wortlaut zu finden ist. Das schadet allen. Das schadet dieser Community, von der immer alle reden und das schadet dem Wohlbefinden.

Frauenportrait

Jeden Tag stellen Fotograf*innen in ihren Stories Fragen wie „Warum bekomme ich so wenig Likes auf mein neues Bild? Habe ich es zur falschen Zeit gepostet? Wann soll ich denn posten, damit Ihr es seht? Gefällt Euch das Bild nicht? Gefällt Euch mein Stil nicht? Was soll ich ändern?“

NICHTS! Du sollst nichts ändern, Du sollst Dir nicht Deinen Wecker stellen, um rechtzeitig zu posten und Du sollst Dir nicht von dummen Algorithmen diktieren lassen, wie Dein Stil auszusehen hat oder ob Dein Bild gut oder schlecht ist.

Wir bringen alle Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen mit und mit diesen arbeiten wir. Jedes Mal, wenn wir die Kamera in die Hand nehmen, die Bilder einspielen und die Bildbearbeitung anschmeißen. Das ist unser Prozess, unsere Perspektive und unser Werk und nicht das Werk von „hey great photo check out my profile #ifollowback“.

Kreativität kommt und dann geht sie mal wieder, aber vor allem: irgendwann ist sie auch wieder da. Dann bringt sie sogar noch ein gewisses Gefühl mit, was es irrelevant macht, auf Likes und Follower*innen oder generell andere Meinungen zu hören.

In diesem Moment, mit diesem Gefühl ist es dann nämlich allein relevant, ob in diesem Kneipenchor ein Kopf ist, der nicht mehr so laut singt, freundlich lächelt und sich berührt, inspiriert, belustigt, bewegt, unterhalten oder einfach verstanden fühlt.

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14 Kommentare

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  1. Ein sehr guter und spannender Artikel. Und gottseidank ein happy end!
    Wenn Kreativität das Ziel hat Anerkennung und Erfolg zu schaffen, dann kann nicht wirklich etwas Neues entstehen, oder? Ich kenne kaum ein Beispiel von Künstlern, die etwas bewegt hätten und primär das Ziel hatten, kommerziell erfolgreich zu sein, Anerkennung zu bekommen oder besser als andere zu sein. Leider vermitteln Instagram, 500px heute verstärkt, dass es einfach wäre erfolgreich und anerkannt zu sein. Das war früher aber nicht viel anders, nur langsamer.
    Erst wenn die Leidenschaft des Schaffens eines Kreativen (egal ob Freude oder Schmerz) zum Hauptantreiber wird, dann entsteht auch etwas Neues. Und mit etwas Glück stellt sich auch Erfolg ein.

  2. Danke für den guten Blick auf eine Sache, die wirklich jeden „betrifft“!

    Selbst die berühmtesten und erfolgreichsten Vertreter der „Kunst“, also Maler, Musiker, Schriftsteller, Fotografen etc, haben in ihrer Kreativität im allerersten Moment sicher nicht dafür begonnen, um Likes, Sternchen, Herzchen und breite Anerkennung abzugrasen. Man tut´s in erster Linie für sich. Wenn das dann ankommt, ok, gut gelaufen, Glück gehabt, paßt! Oft ist es aber anders. Die allgemeine Anerkennung und gewünschte Erfolgskurve bleiben aus. Vielleicht, weil die Öffentlichkeit, in der man sich bewegt, gar keine angemessene Runde ist, und die Kommentare nur gelangweiltes, aussageminimiertes Blabla sind. Mega-Plattformen, also Quantität vor Qualität, brauche ich z.B. nicht, um an dem Gefallen zu finden, was ich tue. Meine Texte & Fotos sind auf meiner Webseite, ohne Facebook, Instagram & CO. Geht! Und macht Freude. Dem Druck, der sich an der Menge der Follower misst, möchte ich mich gar nicht ausetzen. Da nehme ich mir lieber die Kamera und gehe raus, statt Analyse samt Selbstzweifel zu betreiben. Kreativität ist ja kein Ergebnis, sondern ein Weg…. In dem Sinne, LG, Dirk

  3. Es wurde schon alles Fotografiert, nur nicht von mir :-) ich mache mir da keinen Kopf…
    Wenn ich eine Idee habe dann setze ich sie um egal ob es das Bild nicht schon 2000 Mal gibt. Durch mein Sehen/ Gefühl wird es garantiert ein klein wenig anders…
    Lass 10 Fotografen eine Scene fotografieren und jeder macht es anders.

  4. Instagram ist schon ein Teufelszeug :-)
    Ich benutze es auch und gerne, ich halte es aber nicht für eine Community. Zurückfolgen, direktes entfolgen, Bots, Gefälligkeitslikes und so weiter und so fort. Das Gefühl von Ehrlichkeit und Echtheit hatte ich nie. Macht aber trotzdem Spaß, einen Stream zusammenzustellen und sich von den Fotos berieseln zu lassen.
    Das gilt aber für andere Platformen genauso. Bei 500px sind immer die gleichen Fotografen (Sean Archer, Joachim Bergauer anyone?) auf den Popular Spots, das beste Rating bekommt man für fleißiges interagieren und entsprechende Dankesinteraktion.
    Es liegt scheinbar in der Natur der Sache. Der Wunsch nach einer tatsächlichen Gemeinschaft wird durch die Größe der Nutzerbasis häufig zu Nichte gemacht.
    Deswegen ein wichtiger Punkt des Artikels: Nicht für Likes machen, sondern für die Sache selbst.

    P.S.: Es gibt die nicht ganz unbekannte Dogwood 52 Challenge. Unter deren Hashtag habe ich auf Instagram tatsächlich so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft gefunden, die ehrlich miteinander interagiert (auch wenn Instagram einfach nicht die Platform für tätsächliche Kritik an der Arbeit der anderen ist).

  5. Vielen Dank für den Artikel.

    Ich fühle mich im Moment auch sehr unter Druck gesetzt. Man vergleicht sich auch sehr häufig mit anderen Fotografen. Besonders wenn man so wie ich noch Anfänger ist. Das ist mein persönlicher Gedanke. Das tut mir nicht gut.

    Ich bin auch gerade in einem sozusagen Loch. Habe irgendwie keine Ideen für neue Bilder. Das macht mich teilweise schon fertig.

    Bei Challanges habe ich noch nie mitgemacht.

  6. Ein guter Artikel !
    Auch ohne vom monetären Erfolg meiner Fotografie abhängig zu sein merke ich, dass es mir nicht genügt, aus reinem Schaffensdrang Bilder zu machen.
    Die Rückmeldung von anderen gehört einfach für mich dazu – nicht bei jedem Bild, aber bei den mir wichtigen.
    Dazu bin ich in einem kleinen und sehr übersichtlichem Fotoforum, ohne likes und was es sonst noch so gibt.
    …und wenn ein Bild von mir da gut ankommt, dann freue ich mich und das beeinflusst sicher auch die Art, wie ich meine Bilder mache.
    Es ist für mich nicht Instagram und Co und darüber bin ich froh, denn es schafft mir einiges an Unabhängigkeit für meine Kreativität.

    Grüße von Jens

  7. Erfolg und Lobgesänge im Netz sind genau genommen bedeutungslos für das altägliche Leben.
    Ok ‚Nice to Have‘, aber mehr auch nicht!
    Es sei denn, man nutzt das Netz als Plattform für kommerzielle Fotografie, oder man ist in den Ambassador Programmen.
    Mann kann das Netz auch zum lernen nutzen, nach dem Motto: ‚Wie wirds gemacht…‘, was brauche ich, oder zur Kontaktaufnahme, falls sich jemand findet, der seine Tricks und Arbeitsweise frei zur Verfügung stellt. Andere teilen sich auch Tipps für gute Location, oder die Kontaktaufnahme mit Models wäre da auch ein positiv Beispiel.
    Da viele Hobbyfotografen (da gehöre ich auch hin) meist nur Bilder zeigen und dann darauf warten, das jemand (meist aus der Buddyliste) was schreibt, wird das ganze schnell langweilig und nervig…, artet zu weilen sogar in Stress aus.
    In solchen Situationen hilft auch mal ein Hobbywechsel hin zu Sport, Wandern, Kochen, Lesen, Handwerken, Heimwerken oder auch Ornitologie (kann man wieder Bilder machen, die Vogelwelt ist sehr interessant), oder sonstigem….

  8. Lob ist der Tod der Kreativität – ich glaube, das stammt von Edward Munch? Ich war selbst an einem Punkt, an dem ich mich gefragt habe, wofür ich eigentlich fotografiere. Zuvor hatte ich einige gute Ausstellungen, aber es kam der Punkt, an dem ich alles hinterfragt habe. Und dann habe ich sogar für einige Jahre eine Pause gemacht. Bin soweit gegangen, alles zu verkaufen und meine Negative zu entsorgen.
    Dann habe ich irgendwann wieder angefangen, neu begonnen. Es ist anders geworden. Auf die sozialen Medien verzichte ich nach wie vor ganz bewusst. Und somit auch auf unehrliche Anerkennung. Werbung starte ich demnächst mit kleinen Flyern in hoher Stückzahl, altmodisch, aber heraus aus der Masse. Und genauso altmodisch versuche ich, auch fotografisch meinen Weg zu gehen. Suche Motive, die mich inspirieren und berühren. Das wichtigste dabei ist, Freude zu haben, tiefe Freude und die Überzeugung, das Richtige zu tun.
    Die meisten Bilder in den bekannten Foren sind digitale Müllhalden, die enorm Strom verbrauchen und ehrlich gesagt doch seelentod sind. Sie ersaufen in ihrer Masse und ziehen wirklich gute Geschichten mit in ihrem Sog.
    Machen wir uns doch davon frei, den anderen zu gefallen- das tun wir doch eh nicht. Und vielleicht schafft man nur ein Bild im Leben, welches wirklich gut ist, das eine Bild für die Galerie meines Herzens. Wenn ich mich selbst like, dann darf das genügen. Und mit dieser Genügsamkeit kann ich andere, die ein Bild auch in der Tiefe sehen, überzeugen und berühren und so bleibt ihnen vielleicht genau das eine Bild in ihrem Herzen, in ihrer Galerie des Herzens hängen.

  9. Dankeschön für deine Anregung. Du gibst mir mit deinen Zeilen gerade unheimlich viel Power, Dinge endlich anzuschieben, die schon längst fertig sind nur noch drauf warten publiziert zu werden. Danke auch dafür, dass ich meinen alten Artikel wieder entdeckt hab.

    Übrigens dein Ansatz mit: „Das gibt es ja schon.“ Sehe ich etwas anders. Gerade wenn du eine ähnliche Idee hast, ist es deine Interpretation der Idee, dadurch wird das Ergebnis definitiv ein anderes sein. (Ja es gibt es auch Leute die 1:1 Bilder kopieren, aber das meine ich nicht…)

    Aufstehen, Kopf in die Höhe und weitermachen.

  10. Herzlichen Dank für den Artikel!
    Ich glaube, wenn ich die Frage „Für wen fotografiere ich eigentlich?“ ehrlich mit „Mich.“ beantworten kann, dann kommt die Kreativität auch wieder. Dann kommen vielleicht auch wieder Likes und Follower*innen. Dann geht die Kreativität vielleicht wieder, weil man nicht mehr bei sich bleibt. Dann Rückbesinnung. Dann Kreativität. Dann …

    Ganz passend dazu The Long Game of Craft von David DuChemin:
    https://davidduchemin.com/2019/02/the-long-game-of-craft/

  11. Ein toller Artikel! Er spricht mir aus der Seele…. Ich poste zwar nach wie vor meine Bilder, schaue aber immer seltener auf die Zahl der Follower… es macht mir nichts wenn sie wochenweise wieder verschwinden. Ich teile meine Fotografien in ausgedruckter Form in einer Fotografenrunde. Der Zuspruch oder auch die Kritik dort sind mir wichtiger als hunderte von Likes. :-) Natürlich habe ich in meinem Portfolio Orte, die schon mehrfach fotografiert wurden. Trotzdem möchte ich sie aber auch selber mal im Bild festhalten… Es begegnen einem so viele Bilder im Netz, da ist es wirklich schwer die eigene Kreativität in Bewegung zu halten. Trotzdem klappt es dann und wann. Ideen werden direkt notiert und bei Gelegenheit umgesetzt. Man muss sich einfach mal mehr ausserhalb des Netzes bewegen. Ausserdem entstehen viele Bilder bei mir spontan z.B bei einem Spaziergang …. Die Natur ist der beste Ideengeber!
    Gruß Andrea