Zwei Frauen sitzend nur teilweise sichtbar.
11. Juli 2018 Lesezeit: ~5 Minuten

(Körper-)Retusche und wie ich dazu stehe

Vielleicht geht langsam ein kleiner (erzwungener) Ruck durch die Branche. Seit dem letzten Jahr müssen Werbebilder in Frankreich, bei denen der Körper durch Bildbearbeitung verändert wurde, den Hinweis „Photographie retouchée“ tragen. Dies hat in Teilen sogar eine weltweite Auswirkung, da nun etwa Getty rigoros bei allen Stockbildern dieses „Bodyforming“ verboten hat.

Junge Frau mit kurzen Haaren.

Modell: Signe

Nun, natürlich ist auch das französische Gesetz nicht ganz ohne Tücken, so gilt es etwa nur für Werbebilder. Bei Editorial-Strecken in Zeitschriften dürfen weiterhin nach Herzenslust die Modelle zusammengestaucht werden — ganz ohne Kennzeichnung. Dass das zu einem problematischen Körperbild führen kann, steht sicher außer Frage. Wie Fotograf*innen außerhalb Frankreichs mit diesem Thema umgehen, ist den eigenen ästhetischen Vorlieben und dem Gewissen überlassen.

Sitzende, lachende Frau mit langen Haaren und Säugling an nackter Brust.

Modell: Vanessa

Für mich gilt: Natürlich könnte man Fotos komplett ohne Beauty-Retusche verwenden, aber das liegt auch nicht wirklich im Sinne der Modelle bzw. der Kundschaft. Auf die Menge und das Augenmaß kommt es an. Natürlich sollten alle veränderlichen Hautmakel (Pickel, Kratzer etc.) entfernt werden, unveränderliche Dinge wie Sommersprossen, Muttermale oder Narben bleiben aber in jedem Fall erhalten, außer die Auftrag gebende Instanz wünscht es explizit anders.

Und natürlich wird die Haut auch ein wenig einheitlicher gemacht und gegebenenfalls leicht geglättet, aber es sollte immer realistisch bleiben. Gegen solche leichte Bearbeitung spricht auch gar nichts. Der gnadenlose Digitalsensor zeigt die Sachen einfach deutlicher und drastischer, als wir es in natura wahrnehmen würden.

Diese porenfreien Zombies, die einen von all den TV-Zeitschriften angrinsen, kann aber niemand wirklich wollen. Und auch die grenzenlose Körperoptimierung, bei denen Hälse schlanker und Haare dichter gemacht werden, sehe ich sehr kritisch.

Ich muss allerdings sagen, dass man „Bodyforming“ nicht generell verteufeln sollte. Auch hier kommt es einfach auf das Augenmaß an. Die Fotografie hat in der Hinsicht zwei „Probleme“: Zum einen ist sie zweidimensional, zum anderen wird ein Eindruck für alle Zeit festgehalten.


Tinka unretuschiert und retuschiert

Nehmen wir mal das Problem der Zeit. Es wird niemand in Frage stellen, dass Tinka eine sehr schlanke Frau ist. Wenn man allerdings einen Neoprenanzug teilweise herunterzieht und sich hinsetzt, dann kann man noch so dünn sein — es wird zu Röllchen führen. Wenn man tatsächlich mit vor Ort dabei ist, ist das ja überhaupt kein Ding.

Die Person bewegt sich, ist mal in dieser und mal in jener Position zu sehen und die Röllchen sind mal da und mal nicht. Wenn ich aber nun auf den Auslöser drücke, habe ich die Röllchen aus dem einen Moment der Zeit einfach eingefroren, obwohl es nicht zur eigentlichen Erscheinung der Person passt. Deswegen finde ich es völlig legitim, in so einem Fall via Photoshop einzugreifen und den eigentlichen Eindruck, den ich von der Person hatte, wiederherzustellen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Problem der Zweidimensionalität. Es gibt ja den weit verbreiteten Spruch „the camera adds 10 pounds“ — und er stimmt in gewisser Weise. Wir nehmen Menschen dreidimensional wahr. Entfällt der Eindruck der Tiefe, wirken Dinge flacher und in Bezug auf Menschen erscheinen sie nun teilweise dicker als sie eigentlich sind. Natürlich empfindet man sie nicht immer dicker, schließlich gibt es Mittel und Wege dem entgegenzuwirken.

Zweimal Bild einer Frau sitzend auf Sofa.

Modell: Malin (Direktvergleich)

Man kann beispielsweise den Eindruck der Tiefe durch das Spiel von Licht und Schatten wiederherstellen (gibt schon einen Grund, warum Marlene Dietrich immer so besonders von oben beleuchtet werden wollte) und es ist auch eine Frage von Perspektive und Brennweite. Aber manchmal gibt es einfach den Fall, dass man aus einem bestimmten Grund eine gewisse Brennweite nutzt (vor Ort können es einfach räumliche Probleme sein) und man ein gewisses Licht hat (gerade bei natürlichem Licht), dass nicht zwingend den ganzen Körper, aber doch Teile des Körpers dicker erscheinen lässt, als sie eigentlich sind. Und auch da finde ich es völlig legitim, wenn man den Eindruck auf den Bildern wieder zu dem Eindruck macht, den man vor Ort hatte.

Angewinkelte Beine.

Modell: Malin (Detail der Retusche)

So klein fällt das sogar kaum auf, übereinander gelegt wird der Unterschied schon deutlicher.

Unser Körper erzählt Geschichten über uns und es ist spannend, auch denen zuzuhören — seien es Narben wie bei Signe oder auch der Körper einer Frau nach dem unglaublichen Abenteuer der Geburt, der natürlich nicht so aussieht, wie manche Topmodelle es einem suggerieren. Aber das ist auch völlig egal, hat man danach doch das schönste Geschenk in den Armen — wie bei Vanessa.

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12 Kommentare

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  1. Ist das Außmaß (Hauptbild “ein wenig einheitlicher”, aber “realistisch bleibend”) oder der Kontext (Brennweite) einer Editierung denn wichtig? Am Ende des Tages wird eine andere Person sich aus ihrem Neoprenanzug schälen und feststellen das da eine Rolle ist, die aber auf keinem Foto in den Magazinen je gezeigt wird ergo einen Makel darstellt. Oder das man auf dem eigenen Foto irgendwie dicke Stampfer hat. Das Problem bleibt identisch denn es ist diese Art der Editierung, nicht der Beweggrund führend.
    Ich behaupte sogar, dass diese subtilen Bearbeitungen eine noch viel größere Auswirkung auf unsere Wahrnhemung haben, als aufgepumpte Oberkörper und eingedampfte Bäuche, da sie als schwerer wahrgenommen werden können und somit mehr in den von uns definierten Standard einfließen.

    Kein Vorwurf: Liefert man Bilder entgegen der Vorstellung des Auftraggebers – die den Schönheitsstandards von Instagram und Vogue entsprechen dürften – wars’ das mit der professionellen Fotografie. So stehts ja auch im Artikel.

    Zu jedem Bild sollte ein Link / QR-Code geliefert werden, der die Originalaufnahme liefert oder diese Originalaufnahme sollte direkt im gegebenen Medium mit abzubilden sein.

    • Du meinst, weil krassere Bearbeitungen automatisch als Fake angesehen werden? Bin mir nicht sicher, ob das wirklich auf allen Ebenen so ist, aber es wäre in der Tat mal ein interessanter Forschungsgegenstand.

      Allerdings ändert es auch nichts daran, dass eigentlich kein Kunde sich komplett unretuschiert sehen will und bisher jeder über kleine, unscheinbare Anpassungen sehr glücklich war – unabhängig von den Vorbildern auf Instagram …

  2. In vielen Fällen ließe sich das Problem bereits vor der Aufnahme lösen.

    Da die Röllchen über dem Neoprenanzug je nach Körperhaltung des Modells mal da sind und mal nicht, dann ist das nachträgliche Bearbeiten nicht notwendig, wenn der Fotograf bei der Aufnahme darauf geachtet hat, dass das Modell gerade sitzt.

    • Jein. Menschen sollen sich bei mir so hinsetzen wie es sich für sie richtig / passend (in der Situation oder allgemein) anfühlt. Ich biege sie mir nicht so hin, dass sie dann vielleicht bearbeitungsfrei sitzen, dafür sich aber nicht wohlfühlen / es nicht ihrem Naturell entspricht. Stockgerade ist ja auch nicht zwingend natürlich ;)

      • Schon klar, dass sich die Modelle während der Fotosession wohlfühlen sollen und nicht verkrampft dasitzen sollen. Das wirkt sich sonst negativ auf den Gesichtsausdruck aus.

  3. Interessante Gedanken zur 2-Dimensionalität und der Momentanität der Aufnahme. Am Ende muss ich Daniel recht geben: Der Amateur wird sein Foto („mit Röllchen übern Neoprenanzug“) mit dem auch noch so „leicht retuschierten“ Foto der Profis („jetzt ohne Röllchen“) vergleichen und ggf. irritiert sein. Ideal wäre tatsächlich sich den gleichen Limitationen wie vor der digitalen Revolution zu unterwerfen („Marlene Dietrich Bsp.“) und bereits bei der Aufnahme (Belichtung, Haltung, Brennweite, usw.) die Aufnahme erzeugen, die man nachher auch zeigen möchte. Praktisch ist dies aber kaum durchsetzbar und wenig ökonomisch, sei es aufgrund des fehlenden fotografischen Könnens, des Zeitdrucks oder der örtlichen Gegebenheiten.

    Solange ein Verständnis bei der betroffenen Gruppe (eg beeinflussbare Jugendliche mit wenig Selbstwertgefühl) erzeugt werden kann, sollte diese Trennung zwischen realer Welt/subjektiver Wahrnehmung und artifizieller Werbewelt gelingen. Von daher finde ich die frz. Massnahme sinnvoll. Problematisch sind hier wohl eher wie immer die „Social Media Stars“…

    • Ja, so was technisch (wie z.B. bei Marlene Dietrich) zu lösen, wäre natürlich der ideale Weg. Auf der anderen Seite könnte man dann hier auch wieder diskutieren, wie sehr das ggf. schummeln ist ;-).

      Die Probleme durch Zeitdruck, (örtliche) Gegebenheiten etc. hast Du ja schon angesprochen, ein anderes Problem gibt es da aber auch noch ganz deutlich: Der Moment der Spontanität, das Einfangen der Person selbst und nicht dem hingebastelten (durch Position oder andere Technik) Konstrukt des Fotografen geht dadurch auch wieder flöten. Je mehr ich in die Körperpositionierung aktiv eingreife, desto weniger wird es in meinen Augen die Person selbst und desto verkrampfter fühlt es sich auch oft für sie an.

  4. Vielleicht sollte man sich fragen, warum diese Hautfalte überhaupt als Makel empfunden wird. Wenn das schon das ästhetische Empfinden stört, stimmt doch was nicht. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz: Je mehr an den Fotos rumgebastelt wird, desto schräger wird das ästhetische Empfinden, desto mehr wird rumgebastet…
    Bis das Gespür für das, was natürlich ist, nicht nur bei jungen beeinflussbaren Mädels abhanden gekommen ist. Wenn es nicht Thema des Artikels wäre, hätte ich diese Falte nicht mal bemerkt.

  5. Als ehemaliger Taucher würde ich kleine Röllchen auch auf Abbildern erwarten, das ist doch völlig normal. Bei allem andern würde ich auf Magersucht tippen (was bestimmt nicht in der Intention des Fotografen war) oder auf Bildbearbeitung (was innerlich an der Glaubwürdigkeit des Fotos kratzt). Generell: Vorsicht mit solcher Bildbearbeitung.

    • Mit dem Hintergrund hast Du darauf aber eine besondere Sichtweise, die andere nicht zwingend haben. Und für der Person auf dem Bild (= i.d.R. Kunde) zählt das auch eher weniger ;-). Hier ist für die meisten dann doch das o.g. Problem der Zeit (= so festgefroren für alle Ewigkeit) relevant.

  6. Hallo Erik,

    ich finde, die Menschen sollten auf Fotos so dargestellt werden, wie sie wirklich sind. Gerade bei Frauen. Keine Frau hat komplett makellose Haut, wie uns die Werbung immer suggeriert. Natürlichkeit finde ich immer noch am schönsten!

    Gruß,
    Susanne