24. Oktober 2017 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Testbericht: Polaroid One Step 2

Etwas schüchtern blickt sie mich an mit ihrem großen Auge, während sie noch in der Verpackung steckt. Die neue Polaroid-Kamera. Polaroid? Neu? – Richtig: Seit September gibt es eine neue Kamera von Polaroid aka The Impossible Project.

Die weltweiten Namensrechte wurden ja neulich von Impossible gekauft, nun darf man sich endlich wieder Polaroid nennen. Und um das sogenannte Re-Branding so richtig abzufeiern, hat Impossible – pardon: Polaroid Originals – eine neu entwickelte Kamera und neue Filme vorgestellt. So weit, so gut.

Auch wenn ich beileibe mehr Kameras habe, als ich benötige, war die Polaroid One Step 2 schnell vorbestellt und vier Wochen später war sie dann endlich da. Ein Freitag, der 13., der solche Post bringt, kann so schlecht nicht sein!

Mit einem absolut zeitgemäßen Design versehen kommt die Umverpackung daher – man zitiert die Form- und Farbensprache von einst, aber das richtig gut. Öffnet man die Umverpackung, steckt darin noch einmal eine einfache und schmucklose Wellpapp-Kartonage. Da muss man bei einem Preis von 119 € Abstriche machen – bei der Impossible I-1 war das alles schicker und hochwertiger.

Eine Kameraverpackung

Ers einmal aus ihrem Plastikbeutelchen befreit, macht die „Neue“ einen durchaus ordentlich soliden ersten Eindruck. Da klappert nichts, was nicht klappern soll. Das graphit-graue vordere Gehäuseteil ist farblich gefällig, der Rest ist schwarz. Der Kunststoff wirkt fest, aber nicht so edel wie bei der I-1 (der noch unter dem Label Impossible erschienen ersten neuen Sofortbildkamera). Die Knöpfchenkunde erschöpft sich schnell: Ein-/Ausschalter, Blitz-Aus-Schalter, Selbstauslöser, rudimentäre Belichtungskorrektur, Filmklappe, Stativanschluss, Sucher – fertig.

Den berühmten roten Auslöse-Knopf und den eingebauten Blitz sollte man nicht vergessen. Denn im Gegensatz zu ihrem historischen Vorgänger aus der 1000er-Serie von Polaroid gibt es hier einen Blitz. Erfreulicherweise hat man auch von den Halteschrauben für den Tragegurt abgesehen, die bei der I-1 manche Nutzer*innen ärgerten. Hier sind es einfache Plastikösen.

Zugegeben: Die alte Polaroid 1000 habe ich nach wenigen Monaten wieder verkauft. Zu viel Plastik, zu wenige Einstellmöglichkeiten – die SX-70 hat sich da als die wesentlich bessere Kamera erwiesen. Und jetzt kaufe ich den Nachfolger? Seien wir ehrlich: Es ist ein Lustkauf, ein bisschen Luxus, sich selbst zum Geburtstag beschenken. Aber auch: Weg von den verramschten Flohmarkt-Büchsen, eine neue, einfache und schnell zu bedienende Kamera, die mir meine geliebten Polas macht. Quasi eine Point-and-Shoot-Kamera zur ambitionierten SX-70.

Ein AutoEin Auto

Klappe auf, Film rein, Dark Shield wird ausgeworfen, grüne LED blinkt, Blitz ist aufgeladen und los geht’s! Als Modell für das erste Bild muss meine I-1 herhalten. Der Auslöser hat einen kurzen Hub, es gibt kein großes Auslösegeräusch. Der Auswurfmechanismus ist leiser als bei der SX-70. Noch steckt in der Kamera der ältere I-Type-Film mit Produktionsdatum 01/2017. Wie wird das Bild? Was macht der Blitz?

Wie zu erwarten, ist das Bild etwas zu hell, wenngleich erstaunlich gleichmäßig ausgeleuchtet. Ein Vergleichsbild mit Belichtungskorrektur auf minus ist für meinen Geschmack dann einen Tick zu dunkel. Hier wäre eine stufenlose oder mehrstufige Belichtungskorrektur um einiges besser gewesen und sicherlich auch noch im Produktionsbudget drin gewesen.

Später mache ich dann in der Düsseldorfer Classic Remise, einem Eldorado für Oldtimer, ein paar Fotos. Teils mit Blitz, teils ohne, mal mit Belichtungskorrektur, mal ohne. Die Ergebnisse sind gemischt: Mit Blitz sollte man tunlichst die Belichtungskorrektur auf minus stellen, zumindest bei Innenaufnahmen. Der Blitz ist dann auch bei auf Hochglanz polierten Oldtimern erstaunlich gut. Ohne Blitz sind Innenaufnahmen schnell verwackelt.

Oldtimer

Ist jedoch noch genug Restlicht, zum Beispiel in Form von Gegenlicht, vorhanden, werden auch die Aufnahmen ohne Blitz annehmbar. Der Blitz lässt sich nicht permanent ausschalten, sondern muss aktiv mit der rückwärtigen Taste „stumm“ geschaltet werden – hier ist also ein bisschen Fingerakrobatik gefragt, denn man muss den Knopf gedrückt halten, während man auslöst.

Nichtsdestotrotz ist der Blitz gut einsetzbar, was man vom Alibi-Blitzchen einer Lomo’Instant Mini wahrlich nicht behaupten kann… schade nur, dass die Kamera erst dann einsatzbereit ist, wenn der Blitz geladen ist.

Trotz Plastiklinsen ist mein Exemplar ausreichend scharf, die Kamera hat einen Fixfokus, die Naheinstellgrenze beträgt 60 cm. Ein leicht weicher Bildeindruck mag durch älteres Filmmaterial verursacht werden. Vergleichsbilder mit der I-1 wirken einen Hauch schärfer. Der Sucher ist – wie bei vielen dieser Kameras – eher eine Orientierungshilfe und kein effektives Kontrollinstrument wie bei einer Spiegelreflexkamera. Er ist aber immerhin einfacher zu nutzen als der Klappsucher der I-1.

Einige Aufnahmen und Tage später komme ich zur Einsicht, dass die Polaroid One Step 2 ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, um die Sofortbildfotografie abseits der Instax-Welt wieder in Bewusstsein und Herzen größerer Massen zu bringen. Sie ist gefällig gestaltet, gut verarbeitet, leicht zu bedienen – hat aber viel Verbesserungspotenzial.

Detail eines blauen AutosHeck eines roten Autos

Zumal nach den ersten Auslieferungen von anderen Fotograf*innen viel Kritik geübt wird: Sei es, dass die Kamera kaum oder gar nicht richtig scharf stellt oder dass die korrekte Belichtung viel zu schwierig in den Griff zu bekommen ist, damit Anfänger*innen gute Ergebnisse erzielen können. Vor allem der permanent zugeschaltete Blitz, der sich selbst nicht regeln lässt und nur per Tastendruck unterdrückt wird, ist ein großer Kritikpunkt.

Die Belichtungskorrektur bietet nur plus, minus und die Normalstellung. Hier wäre eine feinere Abstufung besser gewesen. Auch Langzeitbelichtungen lassen sich nicht machen. Und der Fixfokus ist natürlich für ambitionierte Fotograf*innen eher ein No-Go. Positiv zu vermerken ist die wirklich verbesserte Akkuleistung.

Die Impossible I-1 ist die ungleich ambitionierte Kamera: Fast dreimal so teuer, bessere Abbildungsqualität, mehr manuelle Einstellmöglichkeiten, per Bluetooth und App ansteuerbar, ideal für viele fotografische Experimente. Der Klassiker SX-70 hingegen ist ein manuelles und mechanisches Schmuckstück.

Bei den Polaroid-Nutzer*innen werden immer wieder Tipps und Tricks getauscht, wie man dieses und jenes „hacken“ kann: Angefangen bei Modifikationen, die die SX-70 direkt befähigt, 600er-Filme zu nutzen bis hin zu Umbauten, die die Kamera permanent mit Strom versorgen, so dass auch modernere I-Type-Filme ohne Batterie verwendet werden können, um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

Die Polaroid One Step 2 wird ihre Liebhaber*innen finden und ihren Weg machen. Mit den brandneuen Filmen und bei halbwegs gegebenen Idealbedingungen kann man mit den Fotos zufrieden sein. Für 119 € kann und sollte man nicht mehr erwarten.

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8 Kommentare

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  1. Schade, das klingt doch eher nach “Spielzeug” als nach Kamera. Sowas dürfte ja dann nicht gerade geeignet sein, die Polaroidfotografie zu fördern. Es sei denn, man will halt nur das eher anspruchslose Fun-Publikum damit ansprechen.

    • Hallo Antonio, naja, eine Kamera ist das schon, sie bietet nur halt nicht die Möglichkeiten einer SX-70 oder I-1. Man kann sie eher als Gute-Wetter-Standard-Situation-dann-mache-ich-gute-Polaroids-Kamera bezeichnen….. VG, Ben

    • Hallo Werner, das kann ja selber für sich entscheiden. Eine Polaroid-Kamera aus Metall mit ganz vielen Einstellmöglichkeiten und Erweiterbarkeit wäre mir persönlich auch lieber gewesen. Sie ist aber sicher kein Plastik-Schrott.
      VG Ben

    • Nur 600 kg pro Jahr? Das halte ich für unrealistisch wenig.
      Ich war vor ein paar Tagen in Cap Haitiën, einer knapp 200.000 Einwohner Stadt in Haiti.
      Müll produzieren die Leute in so einem armen Land ja viel weniger als Menschen in Deutschland. Da es keine Müllabfuhr gibt und die Leute selber Haufen von Plastikmüll machen und den verbrennen, sieht man einmal mit eigenen Augen, wieviel Müll und Schrott da zusammenkommt, und man sieht und riecht den Rauch … und man kommt von daher wirklich ins Nachdenken.