31. Juli 2017 Lesezeit: ~ 14 Minuten

Ein Abenteuer in Neuseeland

Katharina Jung sah ich nach langer Zeit auf einem Fototreffen im Harz wieder. Ich war neugierig, was sie auf ihrer Reise durch Neuseeland erlebt hatte und bat sie am Abend um ein Interview. Während die anderen in der Küche Burger anbrieten, machten wir es uns auf dem Sofa unseres Ferienhauses bequem und redeten.

Zwei Personen stehen angemalt mit der Stirn aneinander zusammen

Als ich Dich das letzte Mal getroffen habe, standst Du kurz vor Deiner Reise nach Neuseeland. Damals sagtest Du, in einem Jahr bist Du zurück und warst dann sogar zwei Jahre lang weg. Was ist passiert?

Ich bin mit gar keinem Plan nach Neuseeland gegangen, hatte mir alle Türen offen gehalten und bin durch Zufall an eine Segelkommune geraten – dadurch hat sich meine Reise verlängert.

Auf die Kommune komme ich auf jeden Fall zurück, aber lass uns erst einmal bei der Fotografie bleiben. Ich habe während der Zeit vereinzelt Bilder von Dir gesehen und hatte den Eindruck, dass sich Dein Bildstil während der Reise sehr verändert hat. Vorher waren es sehr konzeptionelle, inszenierte Aufnahmen mit großem Aufwand und in den letzten zwei Jahren gab es vermehrt ruhige Reisefotografien voller Emotionen.

Ja, das stimmt. In Neuseeland habe ich eine längere Pause von der Fotografie genommen. Ich wollte mich auf das Reisen und den Moment einlassen. Nach und nach begann ich dann, die Reise zu dokumentieren und der Fokus auf meine Konzeptaufnahmen hat sich ausgeschlichen.

Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich mich mit den Konzeptbildern nicht mehr so recht identifizieren kann. Mir fällt es auch irgendwie schwer, mich neben ein Foto von damals zu stellen und zu sagen: Das habe ich gemacht.

Klar sind diese Aufnahmen auch ein Teil von mir, aber auf der Reise habe ich mich verändert. Alles ist intensiver geworden: Gefühle, Emotionen und Ideen. Meine neuen Bilder sind entstanden, wenn ich zufällig am richtigen Ort zur richtigen Zeit war, mit Menschen, die mich inspiriert haben.

Zwei Menschen am Strand verbunden durch Stricke

Zwei Menschen stehen dicht zusammen am Strand

Hat sich mit den Bildern auch Deine Technik verändert?

Im Gepäck hatte ich die Canon 5D Mark III mit dem 24–70-mm- und dem 50-mm-f/1.8-Objektiv. Mein Stativ hatte ich zu Hause gelassen, weil mein Rucksack auch so schon viel zu schwer war und leichte Reisestative so teuer sind.

Als mir auf der Reise ein Mietwagen geklaut wurde, lag das Zoomobjektiv leider noch drin. Die Versicherung hat mir zum Glück einen Teil der verlorenen Sachen schon erstattet. Den Rest der Reise bin ich mit der Canon und der Festbrennweite ausgekommen.

Bergsee

Du bist wirklich losgeflogen und hattest überhaupt nichts geplant?

Auf dem Weg nach Neuseeland hatte ich einen Monat auf Bali eingeplant. Dort fand ein Meet-up mit 18 Fotograf*innen statt. Wir hatten uns eine Villa in Ubud, Zentralbali, gemietet. Ich habe dort Menschen von überall getroffen, die mich unglaublich inspiriert haben. Darunter auch Caitlin McKone aus Neuseeland.

So hatte ich die Möglichkeit, die ersten zwei Monate bei ihr zu Hause zu verbringen, was mir einen guten Start ermöglicht hat. Ihre Familie hat mir geholfen, ein gescheites Auto zu finden, die Versicherung abzuschließen und mir auch mit allem anderen geholfen, was so ansteht, wenn man beschließt, irgendwo länger zu bleiben.

Ein Mensch zwischen Wurzeln

Ein riesiger verwurzelter Baum

Hast Du in Neuseeland dann gearbeitet?

Ich habe eine Woche auf einer Kiwifarm gearbeitet und mich ansonsten viel mit WWOOFing durchgeschlagen.

Was ist WWOOFing?

Es geht um den Austausch von Arbeitskraft gegen Unterkunft. Ein Austausch zwischen Bauernhöfen sowie Kleinbetrieben und Menschen, die freiwillige Hilfe anbieten. Also ein weltweites Netzwerk, das von der Idee getragen wird, Menschen zusammenzubringen, die einen naturverbundenen Lebensstil auf dem Land führen – oder aktiv kennenlernen – möchten.

Man geht zu einer Privatperson oder Farm, hilft vier bis fünf Stunden am Tag und darf im Gegenzug dafür dort schlafen und mitessen. WWOOFing ist eher auf Farmen beschränkt, während man sich bei Workaway auf ein breit gefächertes Spektrum von Aufgabengebieten bewerben kann: Housesitting, Kinderbetreuung, kreative Projekte, Bauen und vieles mehr.

Enten werden gefüttert

Was hast Du alles gemacht?

Ich habe zum Beispiel in einem Yoga-Zentrum gearbeitet. Die WWOOFer*innen haben dort den eigentlichen Arbeiter*innen geholfen und gemacht, was so anfiel. Einer hat zum Beispiel Kräuter gesammelt für den Tee, zwei WWOOFer*innen haben in der Küche geholfen, andere haben Kissen gebügelt… Dafür hatten wir dort einen Wohnwagen, in dem wir schlafen durften. Einer Freundin habe ich im Garten geholfen und ein Gemüsebeet gebaut. Ein anderes Mal habe ich Flyer erstellt und andere digitale Sachen gemacht.

Gibt es das nur in Neuseeland?

Nein, das gibt es weltweit. Auf den Webseiten bekommt man einen guten Eindruck: WOOFing und Workaway.

Man kann sich dort ein Profil erstellen, schreiben, was man machen möchte und in welche Richtung man gehen will. Ob man mit Tieren arbeiten möchte, handwerklich oder künstlerisch begabt ist und so weiter. Und dann schreibt man einfach Leute an.

Ziegen und ein Hirte auf einer Straße

Ziegen

Hat sich bezahlt gemacht, dass Du fotografieren kannst?

Ja, tatsächlich. Nicht in Neuseeland, sondern auf meiner Reise nach Spanien. Ich hatte einen dortigen Holzkünstler angeschrieben, der mit schwer erziehbaren Jugendlichen arbeitet. Ich hatte ihn kontaktiert, weil mich die Arbeit mit den Jugendlichen angesprochen hat und einfach so auch gefragt, ob er auch Bilder gebrauchen kann und meine Fotoseite mitgeschickt. Am Ende habe ich zwei Monate bei ihm gelebt und seine Vasen und Kunstwerke fotografiert. Er brauchte neue Fotos für seine Webseite.

Wo bist Du in Neuseeland gewesen?

Ich bin zuerst in Wellington gelandet, auf der Nordinsel. Von da aus bin ich dann auf die Südinsel gefahren. Es war gerade Hochsommer und die Südinsel ist einfach ein Traum im Sommer. Jeder hat mir direkt geraten, zuerst diese Insel zu erkunden und dann erst im Herbst zurück in den Norden zu kommen. Im Süden wohnen auch geschätzt eine Million Einwohner*innen und auf der Nordinsel drei Millionen, obwohl diese wesentlich kleiner ist. So hatte ich direkt etwas Ruhe und Abstand.

Berglangschaft

Eine Frau mit dunkelm Sand zwischen den Händen

Wie ist es, in Neuseeland zu fotografieren? Fällt man mit Kamera auf?

Nein, gar nicht. Irgendwie hat da auch jeder eine Kamera in der Hand. Es kommen ja auch jährlich acht Millionen Tourist*innen ins Land, wodurch die Fotografie völlig normal ist. Die Fotoszene in Neuseeland konnte ich durch Caitlin McKone etwas kennenlernen. Als wir gemeinsam in Bali waren, habe ich Fotograf*innen aus Australien kennengelernt und wir haben dort ein kleines Meet-up abgehalten.

Wann und wo bist Du dann zu dieser Segelkommune gekommen?

Das fing an mit einem Freund, den ich in einem kleinen Dorf, das Takaka heißt, kennengelernt habe. Er hatte ein Segelboot und ist eigentlich Engländer, lebte aber schon seit vier Jahren in Neuseeland. Ich habe eine Zeit auf seinem Boot gewohnt.

Als der Sommer langsam um und die Festivals vorbei waren, bin ich zu meiner Reise auf die Nordinsel aufgebrochen. Dort hatte ich auch einen neuen WWOOFing-Job in besagtem Yoga-Zentrum.

Eine Freundin hatte mich dort auf einen Akrobatenzirkus von irgendwelchen Segelclowns aufmerksam gemacht, die von Südamerika nach Neuseeland gesegelt sind und jetzt im Ort ihre Show haben. Das wollte ich unbedingt ansehen, mein Freund mit dem Segelboot war auch gerade da und schloss sich der Gruppe kurzerhand an.

Das Ziel der Kommune war es, die Fidschi-Inseln bzw. Vanuatu zu erreichen, weil der Ort kurz zuvor von einem Hurrikan getroffen wurde und sie Musikinstrumente, Kleidung und andere Hilfsgüter dorthin bringen wollten. Irgendwie hat sich alles so ergeben, dass ich am Ende auch mit gesegelt bin.

Menschengruppe auf einem Segelboot

© Ramin Krause von voiiage.org

Ein Clown

Wie lange warst Du mit der Gruppe unterwegs?

Von Neuseeland nach Fidschi dauerte es 15 Tage. Unser Boot hatte unter der Reise sehr gelitten, weshalb wir die Zeit in Fidschi viel in den Marinas verbracht haben, um das Boot wieder auf Vordermann zu bringen, denn das Weitersegeln wurde irgendwann kritisch. Unser Boot war ein Zementboot und hatte einen Riss. Insgesamt war ich mit der Kommune sieben Monate lang unterwegs.

Du hattest ja keine Segelerfahrung. Wie war die lange Zeit auf dem Boot für Dich?

Ich habe erst richtig realisiert, dass ich gerade wirklich segle, als ich dann zusammen mit einer Freundin in der Kabine gelegen habe und uns beiden einfach so übel war, dass wir gedacht haben: Scheiße, was machen wir hier eigentlich?

Klar hört man von Seekrankheit, aber das war mir egal. Ich wollte das erleben und mit den Leuten zusammen sein. Die Seekrankheit verfliegt auch irgendwann – dann steht man da, schaut sich einmal um 360° um und da ist dann nichts weit und breit außer Wasser. Dann merkt man, wofür man das macht und wie schön es ist. Und dann kann man auch wieder Zwiebelringe mit Ketchup essen.

Oha, das klingt fies.

Ja, wir haben viel frittiert auf dem Boot. (lacht) Wir waren zu acht auf zwölf Metern und wurden zu einer kleinen Familie. Wir haben aufeinander geachtet.

Schiffsküche

Eine Frau malt das Gesicht eines Mannes an

Kannst Du noch etwas über diese Kommune erzählen?

Ihr Ziel ist es, anderen Menschen das Segeln beizubringen, so dass sie eigenständig die Welt auf einem ökonomischen Weg bereisen können. Damit man nicht denkt, man könnte ja mal dahin fliegen, sondern auch, dass man sein Ziel ebenso gut auf einem Boot erreichen könnte. Ein weiteres Ziel ist es, alte Boote, die irgendwo in der Marina vergammeln, wieder aufzubauen, eine Crew zu finden und zu segeln. Es gibt so viele Boote, um die sich niemand kümmert.

Taue und Segel

Ein Mann sitzt auf einem Segelboot

Wann hast Du entschieden, dass es Zeit ist, wieder nach Hause zu kommen?

Nach der Zeit mit der Segelkommune blieb ich noch etwas auf Vanuatu und habe glücklicherweise ein Segelboot zurück nach Neuseeland gefunden. Ich hätte mir nicht vorstellen können, von Vanuatu aus nach Hause zu fliegen. Das wäre mir zu intensiv gewesen von den Lebensumständen her. Das wäre ein Kulturschock gewesen, den ich mir nicht vorstellen wollte.

Ich hatte zudem das Gefühl, dass da noch etwas ist und auf mich wartet. So bin ich noch ein halbes Jahr in Neuseeland geblieben und habe versucht, die Reise weiter hinauszuziehen, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen.

Und Du hast es nicht bereut und bist gut angekommen?

Ja, es war gut so. Ich habe mich total auf Zuhause gefreut.

Ein Mann hält eine bemalte Hand vor sein Gesicht

Ein Mann mit Gitarre in einer Gruppe Menschen

Deine Reise klingt nach Abenteuer und für viele ist es sicher unglaublich schwer zu verstehen, wie man alles hinter sich lassen kann ohne großen Plan, was die Zukunft bringt. Was rätst Du denjenigen, die so etwas auch gern machen würden, es sich aber nicht trauen? Wie schwer ist es? Sollte man es einfach machen?

Es kommt immer auf die Umstände an. Es gibt ja viele, die einfach nicht die Möglichkeit haben, was mir Leid tut. Man ist gebunden an verschiedene Dinge, beziehungsweise man bindet sich selbst an Dinge und loslassen ist mit zu viel Angst und Unsicherheit verbunden. Bei mir hat es einfach gepasst und ich wusste schon lange, dass ich einfach reisen möchte.

Eine Frau mit Wolken im Gesicht

Wieviel Geld sollte man ansparen, wenn man zum Beispiel ein Jahr lang nach Neuseeland möchte und vor Ort mit Glück nach kleinen Jobs oder WWOOFing Ausschau hält?

Ich bin zu diesem Foto-Meet-up von Bella Kotak auf Bali mit etwa 6.000 € losgereist. Dort habe ich es mir richtig gut gehen lassen und viel Geld rausgeschmissen. Ich hatte gerade eine Ausbildung hinter mir, die mich stark gestresst hat, dann hatte ich zwei Monate lang in einer Fabrik gearbeitet, um Geld für die Reise zu sparen und war in Bali so froh, dass es endlich losging, dass ich direkt 1.500 € ausgegeben habe.

Ich kann schwer beurteilen, was man wirklich braucht. Ich kann nur sagen, dass ich 6,000 € dabei hatte und mich damit ein gutes Dreivierteljahr durchschlagen könnte. Ich habe in Neuseeland dann sehr sparsam gelebt. Mit WWOOFing ist es aber sehr einfach, günstig zu reisen.

Menschen auf einem Jeap und der Straße

Eine Landschaft spiegelt sich im Wasser

Jetzt treffen wir uns heute wieder auf einem Foto-Meet-up in Deutschland. Was für Bilder machst Du hier, da Du nicht mehr auf Reisen bist?

Zurzeit bin ich in einer Portrait-Phase. Ich versuche etwas Neues. Die Reisefotografie werde ich aber nicht aufgeben.

Bleibst Du jetzt länger in Deutschland oder hast Du schon die nächste Reise geplant?

Ich genieße es total daheim. Seit ich von meiner Reise zurück bin, lerne ich so viele Dinge viel mehr zu schätzen. Meine Denkweise hat sich einmal um 180° gedreht. Ich schaue nun auf viele Dinge viel offener und anders. Ich bin sehr gern zu Hause und habe auch wieder gearbeitet und Zeit mit meiner Familie verbracht. Aber dennoch möchte ich bald nach Südamerika gehen.

Zwei Frauen auf einer Wiese bei Dämmerung

Eine Frau schiebt einen Einkaufswagen. Darin sitzt eine Frau mit Gitarre

Wieder völlig ungeplant und offen für alles, was passiert?

Ja, genau. Aber tatsächlich sind auch viele aus der Kommune zurzeit in Südamerika. Sie haben ein weiteres Boot fit gemacht, sind gerade in Panama losgesegelt und vielleicht treffe ich sie ja auf meiner nächsten Reise wieder.

Ich bin gespannt auf die neuen Bilder. Vielen Dank für das Interview!

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3 Kommentare

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  1. Tolle, inspirierende Reise & und sehr schöne Fotos!
    Ich mag das Interview Format auch viel mehr, als wenn die Fotografen und -innen selbst den Text verfassen. Letzteres hat leider oft den Geschmack von Selbstbeweiräucherung. Und so wie hier, liest es sich auch viel lebendiger.