27. April 2017 Lesezeit: ~ 8 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Kory Zuccarelli

Mein Abenteuer in Island verbrachte ich mit einer Gruppe Bekannter, die ich ein Jahr zuvor in Frankreich bei einem Fototreffen kennengelernt hatte. Wir planten, wieder zusammenzukommen und uns irgendwo auf der Welt erneut zu treffen. Als wir uns mit Fotos von wunderschönen Orten rund um den Globus beschäftigten, fokussierten wir uns langsam immer mehr auf Island.

Während der Monate des Wartens auf die Reise habe ich viele Konzepte in meinem Notizbuch vermerkt und Themen gesammelt, die ich für neue Geschichten im Auge behalten wollte. Ich ging in Philadelphia auf der Suche nach Requisiten und Kostümen in die lokalen Second-Hand-Läden und Antiquitätengeschäfte.

Es ist nicht einfach und vor allem teuer, viel Gepäck auf eine Reise nach Island mitzubringen. Deshalb war es großartig, dass alle etwas mitbrachten und miteinander teilten. Das machte es möglich, viele verschiedene Ideen zu verwirklichen.

Ein Gruppenbild

Ich nahm zwei Taschen mit, eine davon war ausschließlich mit Requisiten gefüllt, darunter ein Cape, eine venezianische Maske, einige Vintage-Kleider, ein paar Tops und Kleiderhosen für Selbstportraits, eine Violine, eine große Tierarztspritze, Hosenträger, Geweihe und ein paar andere Dinge.

In Island angekommen, mieteten wir uns in der Nähe des Flughafens vier Wohnmobile und erstellten uns eine eigene Reiseroute. Nachdem wir nach Nordwesten zum Vulkan Snæfellsjökull gefahren waren, ging es weiter nach Süden, vorbei an Vík í Mýrdal. Am Ende des dritten Tages der Reise erreichten wir die Gletscherlagune Jökulsárlón.

Eine Gletscherlagune

Das Konzept für „There She Waits on Her Throne of Ice“ war nicht geplant. Es war eine sehr spontane Idee und eines der schnellsten Bilder, die ich je fotografiert habe. Beim Besuch von Jökulsárlón parkten wir unsere Autos und erforschten die Landschaft. Um die Lagune herum sahen wir die aufragenden Gletscher in der Strömung an uns vorbei fließen und hörten, wie sie ineinander stürzen.

Meine Freundin Brooke Shaden ging ins Wasser, um ein Selbstportrait zu machen und stand dann noch für einen kurzen Moment für mich und einige der anderen Modell, bis die kalten Temperaturen zu unangenehm wurden.

Eine Frau im Wasser zwischen Eisschollen

Unmittelbar darauf lud mich mein Freund Tom Newforge ein, mit ihm und ein paar der anderen mitzukommen, um den Strand zu erkunden, wo die Lagune in den Ozean übergeht. Es wurde bereits langsam dunkel und gefrorener Regen fing an, auf uns zu nieseln. Als wir näher an die Küste kamen, konnte ich noch meilenweit Hunderte von blauen Eisbergen überall am schwarzen Sandstrand sehen. Ein Anblick, als wäre die Szenerie gerade einem Disney-Film entsprungen.

Wir gingen am Ufer entlang und ich wurde geradezu vom lebendigen Blau des Eises gefangen genommen. Ein Eisberg im Besonderen erregte mein Aufmerksamkeit. Er lag direkt an der Küste und Flutwellen kamen auf ihn zu und stürzen um ihn herum herein. Es war bereits um Mitternacht, aber in diesem Moment wusste ich, dass ich ihn fotografieren wollte.

Menschen vor Eisschollen

Ein Jahr vor dieser Reise fotografierte ich „Waiting in Red“; eine Geschichte über eine junge Frau, die darauf wartet, dass ihre Liebe aus dem Krieg nach Hause zurückzukehrt. Diese Geschichte kam mir wieder in den Sinn und verwandelte sich in diesem Konzept zu einer mystischeren Idee.

Die jenseitige Atmosphäre in Island an diesem Strand passte perfekt zu dieser neuen Geschichte: Die Frau hatte so lange auf ihre Liebe gewartet, dass das Wasser um sie herum begonnen hatte, sich in Eis zu verwandeln, sie emporzuheben und umarmen, weil es ihr kaltes Herz fühlt und wie einsam sie geworden ist.

Eine Frau im roten Kleid auf Felsen am Fluss

In dem Moment, in dem ich diesen Eisberg sah, formte sich die Idee und ich wollte sie umsetzen. Die anderen kamen auf uns zu und waren gerade fertig mit dem Fotografieren. Meine Freundin Lieke Anna Haertjens trug ein langes blaues Kleid, das Brooke mitgebracht hatte, unter Schichten von Pullovern und Mänteln, um sie warm zu halten. Die Farbe des Kleides war den lebendigen Farben des Eisbergs so ähnlich und perfekt für das Konzept, das ich im Sinn hatte.

Ich erklärte Lieke meine Idee und fragte sie, ob sie für mich posieren würde. Da sie sich dafür auf den Eisberg setzen müsste, zögerte sie zunächst und ich wollte sie zu nichts zwingen. Ich versicherte ihr aber, dass es nur für wenige Sekunden wäre und stellte sicher, dass der Eisberg noch nicht von der ansteigenden Flut angehoben werden konnte. Dann musste alles schnell gehen. Es war nun schon nach Mitternacht und das Licht verschwand rasch. Zu dieser Zeit des Jahres wurde es in Island in der Nacht nur für drei Stunden dunkel.

Eine Frau an einem Eisberg zieht ihre Jacke aus

Ich stellte meine Nikon D810 mit einem 85-mm-Objektiv aufs Stativ und stellte alles fertig ein: Belichtungszeit 1/25 s, Blende f/1.8 und ISO 320. Als alles passte, setzte sich Lieke mit Hilfe von Kelly auf den Eisberg und ich fokussierte auf ihr Gesicht.

Sie zog ihre Jacke aus und nahm die besprochene Pose ein. Dann löste ich aus, sah mir schnell das Bild an und bat sie, den Rücken noch etwas zu krümmen. Noch einmal löste ich aus und war zufrieden. Während Lieke vom Eisberg stieg und sich wieder aufwärmte, fotografierte ich noch die Umgebung des Eisbergs, um mein Bild später erweitern zu können.

Schneller hatte ich noch nie ein Bild aufgenommen. Die anderen warteten bereits in den Autos auf mich, als ich mein Equipment zusammenpackte und der Regen immer stärker wurde. Das Wasser begann, den Eisberg zu zerlegen und am nächsten Morgen sah ich, dass ihn die Flut komplett aufgelöst hatte.

Detail eines EisbergsDetail eines Eisbergs

Meine Bilder setze ich immer aus verschiedenen Fotos zusammen, damit mein finales Bild eine höhere Auflösung und eine geringere Tiefenschärfe hat. Dieses Bild entstand am Ende aus etwa 20 Einzelbildern. Ich fotografiere immer zuerst mein Hauptmotiv und normalerweise nehme ich es mit sehr geringer Tiefenschärfe auf, daher klebe ich während des Fotografierens quasi an meinem Stativ. So stelle ich sicher, dass alle nachfolgenden Aufnahmen der Umgebung, mit denen ich die Szene um das Hauptmotiv erweitere, in ihrer Fokusebene zur Hauptaufnahme passen.

Sobald ich nach Philadelphia zurückgekehrt war, importierte ich die Bilder in die Lightroom-Bibliothek, um die Dateien zu organisieren und Objektivkorrekturen, Schärfen und andere Anpassungen zu machen, die für die RAW-Dateien erforderlich sind. Ich beginne dann immer mit der Bearbeitung des Hauptbildes und kopiere diese Anpassungen auf die zusätzlichen Aufnahmen, die verwendet werden, um das Foto zu erweitern.

Je nach Konzept und ob Rauchbomben in der Szene verwendet wurden, automatisiere ich beim Import in Photoshop die Zusammensetzung der Bilder. In manchen Fällen muss ich auch alle Bilder von Hand zusammensetzen. Erst an diesem Punkt entscheide ich über die endgültige Komposition und wie ich das Bild zuschneide.

Bis dahin war alles Vorbereitung. Nun begann ich mit der genauen Bearbeitung des Bildes. Zuerst veränderte ich die Lichter, um eine Atmosphäre aufzubauen, die zur Stimmung der Szenerie und der Geschichte passt. Ich erhöhte den Kontrast in verschiedenen Regionen des Bildes und passte Schatten und Lichter an. Als ich zufrieden damit war, wandte ich mich den Farben zu. Am Ende legte ich noch eine Textur über das Bild, um ihm eine malerische Ästhetik zu geben.

Eine Frau auf einem Eisberg

Das fertige Bild deckte sich am Ende genau mit meinen Vorstellungen vor Ort. Ich mag die Textur des Eises und wie das Farbschema zusammenpasst. Lieke hat genau den Ausdruck getroffen, den ich für den Charakter haben wollte. In ihrem Blick spiegelt sich die Sehnsucht. Das Bild gehört zu einem meiner liebsten in meinem Portfolio.

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7 Kommentare

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  1. Coole Fotos und schöne Story, das muss ich sagen. Ich find es auch klasse, dass der Autor bei dem Shooting am Eisberg extra erwähnt, dass die Flut diesen noch nicht erreichen und anheben kann. Wobei man sich hier schnell auch täuschen kann, da die Wellen dann doch mal weiter gehen als man denkt.

    Schade finde ich ein paar andere Dinge, die man leider auf Island oft beobachten muss: Einerseits das Baden in der Gletscherlagune. Darüber kann man vllt. noch streiten. Dann aber das Gruppenfoto auf dem uralten Moos. Dieses ist sehr fragil ist und man sollte die Füße davon lassen. Nicht zwingend der eigenen Gesundheit zuliebe (das Gestein kann teilweise lockerer oder poröser sein, als man denkt) sondern viel mehr der Natur und Landschaft zu liebe.

    Leider machen sich die meisten Touristen (und besonders gerne die Fotografen unter ihnen) auf Island ziemlich wenig Gedanken darum, ob sie der Natur schaden oder nicht.

    Was nicht heißen soll, dass der Autor und seine Gruppe prinzipiell unachtsam waren. Das sind nur die Dinge, die ich aus den Bildern und ohne tieferes Wissen über die Situation vor Ort aus dem Artikel erahne.

  2. Das nennt man Enthusiasmus – so ca. 20 Personen fliegen nach Island (momentan muss es für Fotografen Island sein; demnächst dann Vietnam), wo es teuer ist (auch das Hin- und Zurück kommen), mieten 4 Wohnmobile, um zu fotografieren.

    • Ich denke, es geht eher um das kreative Zusammenkommen und darum, etwas Anderes zu sehen. Die Autorin schrieb ja, dass es Fotografen aus der ganzen Welt waren. Egal wo die sich treffen, für irgendwen wird’s immer teuer. Also kann man ja genauso gut einen schönen Ort auswählen, an dem sie alle noch nie waren, anstatt dass sich jeder ein Flugticket in die USA oder was weiß ich wohin bucht und sie dann bei irgendwem auf der Couch in irgendeiner Großstadt hocken. Ist doch irgendwie verständlich, oder? Vor allem ist es, wenn man an einen extra Ort fährt, ja nicht nur ein Fototreffen, es ist Urlaub. Man fotografiert ja nicht nur die ganze Zeit, man nimmt auch etwas von der Landschaft an sich mit und von der Reise.
      Vielleicht muss man aber auch ein bestimmter Typ Mensch sein, um das zu verstehen… ich verstehe es jedenfalls.

  3. Mit venezianischen Masken in Island, weiter habe ich nicht gelesen und die Bilder, darüber schreib ich nichts. Schon vor zwei Jahren hat mir ein Isländer gesagt, dass die Touristen jetzt das für die Isländer sind, was früher die Heringe waren. Wer gute Bilder von Island sehen möchte den empfehle ich, nein, nicht meine, sondern Ari Sigvaldasons Bilder und sein Buch Shot in REYKJAVIK